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       # taz.de -- Völkerball unter Verdacht: Und jeder Treffer sitzt
       
       > Die Versuche, Völkerball als Spiel im Schulsport regelmäßig in Verruf zu
       > bringen, zielen ins Leere. Das Duell macht einfach Spaß.
       
   IMG Bild: Und raus bist du! Völkerball in seiner unschuldigsten Variante
       
       Eine minutenlange Tiefenrecherche hat ergeben, dass sich dieses Spiel immer
       noch größter Beliebtheit erfreut. Der Autor führte sie aus naheliegenden
       Gründen im engsten Familienumfeld durch. Und siehe da: Völkerball ist
       „nice“, fein, er fetzt und funzt (letztere Einschätzungen vom Autor).
       
       Ein derart klares Bekenntnis zum Völkerball, der bisweilen irrigerweise und
       nur von Banausen Zweifelderball genannt wird, hätte der Autor nicht
       erwartet, leidet er doch auch unter dieser journalistischen Deformation
       professionelle, die twitteristische Welt für die wahre zu halten, also
       manchmal. Der Nachwuchs bekennt sich klar zum Völkerball, und das liegt
       nicht am ersten Teil des sportiven Kompositums, denn wie eine weitere
       Tiefenrecherche auf Google ergab, haben die Ahnen des Autors keineswegs
       dieses Spiel erfunden.
       
       Das ist eigentlich schade, denn Völkerball wird immer noch überall in den
       Schulen gespielt. Es gibt bisweilen Turniere, der Turnerbund fördert es,
       Sportlehrer sowieso, der DTB teasert das Turnfest 2025 in Leipzig mit der
       Kachel an: [1][„Völkerball geht immer.“] Er schreibt: „Völkerball ist ein
       geeignetes Spiel, um über die Spielfreude hinaus das Fangen des Balles in
       allen Situationen zu üben und reaktionsschnell Treffer zu erzielen. Es ist
       als Abschluss zur Gymnastik- und Turnstunde ebenso beliebt wie bei vielen
       Freizeitturnieren in Turnvereinen.“
       
       ## Freude im tristen Schulalltag
       
       Wenn früher in der Schule Völkerball gespielt wurde, dann war das beim
       Autor dieser Zeilen so beliebt wie das Topografie-Duell im
       Geografie-Unterricht. Oder Ausfall. Es war also ein Moment der Freude im
       tristen Schleiferalltag. Deswegen hat er nie verstanden, warum der
       Völkerball in den vergangenen Jahren regelmäßig am Pranger
       gouvernantenhafter Oberaufseher stand, warum er den Schülern madig gemacht
       werden soll.
       
       [2][2019 begann dieses Unterfangen]. Kanadische Wissenschaftler hatten sich
       mit dem ähnlichen Dodgeball beschäftigt. Sie wollten erkannt haben, dass
       die Gefahr des Mobbings bestehe. Aggressive Schüler lebten sich aus,
       schwächere hätten zu leiden. Wer jemals Völkerball gespielt hat, und das
       haben wir ja wohl alle, der kennt natürlich diese Szenen: Männliche
       Pubertiere zielen auf die Mädchen, die sich im hinteren Bereich des Feldes
       sammeln, um den Schüssen, nun ja, auszuweichen.
       
       Die Pubertisten tun das natürlich in der Absicht, den Gegner
       „abzuschießen“. Zumeist entwickelt sich ein juveniles Spiel der
       Geschlechter, es kommt zum leicht sexualisierten Austesten von Rollen,
       wobei niemand dazu verdammt ist, passiv zu sein. Ein Drittel der Mädchen
       stehe freilich nur doof herum, wird dem Autor im Zuge seiner
       Tiefenrecherche berichtet, und auch, dass ein Spiel Jungs gegen Mädchen
       einmal fast eskaliert wäre, weil sich die Jungs in einen Dominanzrausch
       hineingesteigert hätten.
       
       Ja, es ist wie immer kompliziert, und bestimmt gibt es Mädchen (und Jungs),
       die dieses Spiel hassen. Aber verhasst sind auch das Geräteturnen, der
       Ausdauerlauf, Mathe und Chemie. Das alles steht nicht zur Disposition,
       natürlich nicht. Es sind Hürden, die man nehmen muss. Lebensaufgaben, die
       halt anstehen. Und nicht jede ist so spaßig wie Völkerball, das sei auch
       mal gesagt. Zuletzt hatte der Sender ZDFinfo auf Instagram gefragt, ob es
       sich beim Völkerball nicht um Mobbing handle.
       
       Dieses Thema schießt so verlässlich aus dem Humus von Tendenzschichten wie
       der Steinpilz im Herbst, [3][und zumeist kommen dann Sportpädagogen in den
       Medien zu Wort], die den kriegerischen, angeblich auch rassistischen
       Charakter des Spiels hervorkehren. Aber das Spiel, die Lust daran, scheint
       größer zu sein. Die Varianten sind mittlerweile so mannigfaltig wie das
       Leben selbst. Die Dynamik des Völkerballs ist zu stark, als dass sie
       eingehegt werden könnte. Der König ist tot? Ach was, es lebe der König!
       
       16 Dec 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.turnfest.de/wettkampfsportarten/voelkerball
   DIR [2] https://www.vereinsleben.de/neuigkeiten/7/2019-07-10-voelkerball-ist-legalisiertes-mobbing
   DIR [3] https://www.deutschlandfunkkultur.de/voelkerball-mobbing-rassismus-100.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Markus Völker
       
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