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       # taz.de -- Buch über neue Protestbewegungen: Mit Schirm und ohne Kopftuch
       
       > Der Soziologe Tareq Sydiq untersucht in „Die neue Protestkultur“ das
       > Potenzial diverser aktueller Bewegungen. Nicht alle davon dienen der
       > Demokratie.
       
   IMG Bild: Luisa Neubauer, eine der Mitorganisatorinnen von Fridays for Future während einer Demonstration am 15.03.2019
       
       Frauen, die ihre Kopftücher verbrennen, Aktivist*innen, die sich zu
       „Spaziergängen“ verabreden, Oppositionelle, die im Krieg zu
       Katastrophenhelfer*innen werden und Rechtsextreme, die linke
       Strategien kopieren: In „Die neue Protestkultur“ untersucht der
       Protestforscher Tareq Sydiq beispielhaft vier aktuelle
       [1][Protestbewegungen in Iran], Hongkong, Sudan und Deutschland. Dabei
       treibt ihn weniger die Frage um, wie „neu“ diese Proteste sind, insofern
       ist der Buchtitel etwas irreführend.
       
       Sydiq, der am Marburger Zentrum für Konfliktforschung arbeitet, will eher
       erkunden, was Protest braucht, um erfolgreich zu sein. Eingangs stellt er
       fest, „wie unwahrscheinlich der Erfolg von Protesten, sozialen Bewegungen
       und Revolutionen eigentlich ist“ – sind doch Staaten nicht dazu
       verpflichtet, auf Proteste zu reagieren. Umso beachtlicher, wie viele
       Proteste dennoch erfolgreich seien, findet Sydiq – und führt eine Reihe
       historischer Erfolge an: Vom March on Washington bis zur
       [2][versehentlichen Öffnung der Berliner Mauer] „unverzüglich, sofort“
       unter dem Druck der ungeduldigen Menge.
       
       Erfolg hat in Sydiqs Augen, wer klassisch eine Menge Menschen auf die
       Straße bringt, wer ikonische Bilder generiert, die Machthaber*innen
       beunruhigen, wie der „Tank Man“, der sich 1989 auf dem Pekinger
       Tian’anmen-Platz auf einen Panzer setzte – und wer es schafft, jenseits der
       Straße eine soziale Bewegung aufzubauen, die in Lobbygruppen, NGOs und
       Parlamente hineinwirkt (hier nennt er die deutsche Klimaschutzbewegung).
       Langfristigen Erfolg können seiner Ansicht nach nur gewaltfreie Proteste
       haben.
       
       Radikalität sei in einer Demokratie nicht erfolgreich, weil sie keine
       breite Basis in der Bevölkerung erlangen könne. Hat man zwar alles schon
       mal gehört, aber interessant wird es, wo Sydiq den direkten Vergleich zu
       Protestbedingungen in autoritären Staaten zieht. In Iran werde „von oben“
       mobilisiert, „von unten“ seien moderater ziviler Ungehorsam und wütender
       öffentlicher Protest gleich lebensgefährlich. Der größte Erfolg der
       „Kopftuchproteste“ bestehe darin, die brüchige Legitimität der Regierung
       sichtbar gemacht zu haben – eine Basis für künftige Protestwellen.
       
       Sydiq befasst sich auch eingehend mit Hongkongs Demokratiebewegung, die
       durch dezentrale Organisation und den Einsatz smarter Technologien immer
       wieder den chinesischen Staat herausfordern konnte – um am Ende doch
       niedergeschlagen zu werden.
       
       ## Aufstieg der Neuen Rechten nach italienischem Vorbild
       
       Keinesfalls müssen Proteste immer demokratischen Zwecken dienen, wie der
       Politologe in seinem Kapitel über soziale Bewegungen in Deutschland
       hervorhebt. Lesenswert ist seine Analyse des Aufstiegs der Neuen Rechten,
       die Antonio Gramscis Strategie der „kulturellen Hegemonie“ beherzigend,
       sich erst im zivilgesellschaftlichen Raum etablierte, bevor sie in die
       Parlamente strebte.
       
       Auch dies wieder nach italienischem Vorbild: Sydiq beschreibt, wie die
       neofaschistische CasaPound-Bewegung erst Häuser besetzte und dann durch
       eine Doppelstrategie aus sozialer Arbeit und gezielter Normalisierung
       rechtsextremer Diskurse [3][Ministerpräsidentin Meloni den Boden
       bereitete]. Trotzdem vertritt der Autor die These, dass friedlicher Protest
       auch dann erlaubt sein muss, wenn er die Grundrechte anderer abbauen will –
       die Demokratie müsse das aushalten. Es wäre interessant gewesen zu
       erfahren, wo genau Sadiq die Linie zieht.
       
       Anhand der gescheiterten Revolutionsversuche in Sudan versucht Sadiq den
       Unterschied zwischen einer „revolutionären Situation“ und einem
       „revolutionären Ausgang“ zu erklären. Aber die Analyse überzeugt nicht
       recht;  zu komplex ist die Lage in dem ostafrikanischen Land, um sie mit
       Plattitüden wie „Eine Revolution ist ein Marathon, kein Sprint“ zu fassen.
       
       „Die neue Protestkultur“ bietet keine harten Politanalysen oder sportlichen
       Thesen, aber einen gut lesbaren Ritt durch aktuelle Protestphänomene
       unserer Zeit mit einigen überraschenden Einsichten.
       
       22 Nov 2024
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Nina Apin
       
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