URI:
       # taz.de -- Vor der Stichwahl in Uruguay: Zur Zusammenarbeit verdonnert
       
       > In Uruguay will die linke Frente Amplio mit ihrem Kandidaten Yamandú Orsi
       > zurück an die Macht. Aber selbst wenn: Durchregieren kann sie nicht.
       
   IMG Bild: Uruguay vor der Wahl: Anhänger von Alvaro Delgado, Präsidentschaftskandidat der regierenden Nationalen Partei, 20. November 2024
       
       Buenos Aires taz | Schafft die Linke in Uruguay den Sprung zurück an die
       Macht? Am Sonntag sind rund 2,7 Millionen Wahlberechtigte dazu aufgerufen,
       in der Stichwahl einen neuen Präsidenten zu wählen. In der [1][ersten Runde
       im Oktober] hatte sich Yamandú Orsi als Kandidat der oppositionellen Frente
       Amplio mit 44 Prozent der Stimmen an die Spitze gesetzt. Sein Kontrahent
       Álvaro Delgado von der regierenden konservativen Partido Nacional (PN) zog
       mit 27 Prozent der Stimmen als Zweitplatzierter in die Stichwahl ein. Der
       scheinbar große Stimmenvorsprung schrumpft bei näherer Betrachtung schnell.
       
       Uruguays politische Landschaft ist zweigeteilt. Auf der einen Seite ist der
       Mitte-links-Block der Frente Amplio, dem „Breiten Bündnis“, das von
       Kommunist*innen bis zu gemäßigten Sozialdemokrat*innen und
       Sozialliberalen reicht, und während drei aufeinanderfolgender Amtszeiten
       (2005–2020) den Präsidenten stellte.
       
       Auf der anderen Seite ist die derzeit regierende Mitte-rechts-Allianz aus
       fünf Parteien, die den rechtskonservativen Präsidenten Luis Lacalle Pou
       stützt. Die traten aber anders als die Linke nicht gemeinsam an, sondern
       mit fünf Präsidentschaftskandidaten, die insgesamt 47 Prozent der Stimmen
       erhielten. Schon am Wahlabend war klar, dass in der Stichwahl alle Álvaro
       Delgado unterstützen.
       
       In den Umfragen kommen weder Yamandú Orsi noch Álvaro Delgado auf über 50
       Prozent – die Unentschlossenen aus der Mitte werden die Wahl entscheiden.
       Das weckt Erinnerungen an die Stichwahl 2019, nach der es einige Tage
       dauerte, bis der Sieger offiziell verkündet werden konnte. Am Ende setzte
       sich Lacalle Pou mit einem hauchdünnen Vorsprung durch.
       
       ## Präsident Lacalle Pou hätte Chancen – aber er darf nicht
       
       Kurz nach seinem Amtsantritt begann die Covid-19-Pandemie. Statt eine
       Ausgangssperre zu verhängen, forderte der frisch gekürte Präsident die
       Bevölkerung zu einer freiwilligen Quarantäne auf. Ein Vorgehen, das ihm bis
       heute hohe Sympathiewerte beschert und die Umsetzung seiner
       liberal-konservativen Vorhaben erleichterte. Stets an seiner Seite war
       Álvaro Delgado, den er zum Leiter des Präsidialamtes ernannt hatte.
       
       Noch während der Pandemie ließ er den Kongress im Eilverfahren ein 476
       Artikel umfassendes Reformgesetzpaket verabschieden, das [2][Maßnahmen zur
       Liberalisierung der Wirtschaft und zur Verschärfung des Streik- und
       Demonstrationsrechts] enthielt. Gegen 135 Artikel des Reformpakets hatten
       der Gewerkschaftsdachverband PIT-CNT und kleinere Basisorganisationen ein
       Referendum angestrengt, an dem sich schließlich auch die Frente Amplio
       beteiligte. Bei der Abstimmung wurde jedoch die erforderliche Stimmenzahl
       verfehlt.
       
       Lacalle Pous nächster großer Schritt war die lange diskutierte
       Rentenreform, deren Kernstück die Anhebung des Renteneintrittsalters von 60
       auf 65 Jahre ist. „Die von den Beitragszahlern gezahlten Beiträge reichen
       nicht aus“, begründete er die Maßnahme, mit der auch Einsparungen im
       Staatshaushalt erfolgen sollten. Auch dagegen brachten der
       Gewerkschaftsdachverband und Teile der Frente Amplio ein Referendum auf
       den Weg. Die Abstimmung erfolgte parallel zur ersten Runde der
       Präsidentschaftswahl – und wieder wurde die nötige Stimmenzahl nicht
       erreicht.
       
       Präsident Lacalle Pou hätte gute Chancen, im Amt zu bleiben, aber die
       Verfassung lässt eine sofortige Wiederwahl nicht zu. Deshalb schickte er
       Álvaro Delgado ins Rennen, in dem viele nur einen Statthalter sehen.
       Delgados zentraler Wahlkampfslogan verspricht denn auch Kontinuität:
       „Reelegí un buen gobierno – Wähl eine gute Regierung wieder“. Allerdings
       fehlt ihm Lacalle Pous dynamisches Charisma, er wirkt wie ein kompetenter
       Staatsbeamter mit einer gelassenen Überheblichkeit.
       
       Der 57-Jährige Yamandú Orsi gilt als politischer Ziehsohn von [3][José
       Mujica], dem kauzigen ehemaligen Guerillero und Staatsoberhaupt
       (2010–2015). Der gelernte Geschichtsprofessor hat zehn Jahre lang
       Canelones, das zweitgrößte Departement des Landes, regiert. Allerdings hat
       auch er nicht im Ansatz die Ausstrahlung seines Ziehvaters. In der einzigen
       Fernsehdebatte vor der Stichwahl stand er steif am Pult und verhaspelte
       sich gefühlt bei jedem dritten Satz.
       
       Wer auch immer gewählt wird, verfügt nicht über eine solide Mehrheit im
       Kongress. Im Senat hält die Frente Amplio 16 Mandate, gegenüber 14 der
       Mitte-rechts-Allianz. Und von den 99 Sitzen im Abgeordnetenhaus entfallen
       48 auf die Frente Amplio, 49 auf die Allianz. Alt-Präsident Mujica
       analysiert das ganz nüchtern: Wir werden so oder so eine Regierung haben,
       die mit der anderen Seite verhandeln muss.“
       
       23 Nov 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Wahlen-in-Uruguay/!6045169
   DIR [2] /Uruguay-auf-Rechtskurs/!5698989
   DIR [3] /Dokumentarfilm-ueber-Jose-Mujica/!5017942
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jürgen Vogt
       
       ## TAGS
       
   DIR Uruguay
   DIR Luis Lacalle Pou
   DIR José Mujica
   DIR Frente Amplio
   DIR Präsidentschaftswahl
   DIR Stichwahl
   DIR Social-Auswahl
   DIR Uruguay
   DIR Uruguay
   DIR Wassermangel
   DIR Uruguay
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Linker Yamandú Orsi gewinnt in Uruguay: Vom Geschichtslehrer zum Präsidenten
       
       Orsi wird neuer Staatschef in Uruguay. Er gewinnt die Stichwahl gegen den
       Mitte-rechts-Kandidaten Delgado und will gegen Korruption und Armut
       vorgehen.
       
   DIR Wahlen in Uruguay: Entscheidung erst in der Stichwahl
       
       In Uruguay erhält der Kandidat der linken Frente Amplio zwar die meisten
       Stimmen, verfehlt aber die absolute Mehrheit. Stichwahl am 24. November.
       
   DIR Folgen von Wasserknappheit: Uruguay versalzt sein Trinkwasser
       
       Wegen Dürre werden Wasservorräte mit salzhaltigem Wasser aus Meeresnähe
       gestreckt. Das überschreitet die WHO-Höchstwerte für Natriumchlorid.
       
   DIR Nachruf auf Tabaré Vazquez: Links, erfolgreich, demokratisch
       
       Tabaré Vazquez war der erste linke Präsident Uruguays. Er hat sich mit
       Philip Morris angelegt und gewonnen. Jetzt ist er an Lungenkrebs gestorben.