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       # taz.de -- Soziologin über Antisemitismusresolution: „Repression ist nicht der richtige Weg“
       
       > Die Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens verenge das Problem
       > Antisemitismus zu sehr, kritisiert die Soziologin Paula-Irene Villa
       > Braslavsky.
       
   IMG Bild: Free-Palestine-Demo an der Universität der Künste in Berlin im Dezember 2023
       
       taz: Frau Villa Braslavsky, am Donnerstag wollen die Ampel-Fraktionen und
       die Union im Bundestag eine [1][Resolution gegen Antisemitismus]
       verabschieden. Was stört Sie am Inhalt? 
       
       Paula-Irene Villa Braslavsky: Das Kernproblem ist die Verengung des
       Antisemitismusbegriffs auf die sogenannte IHRA-Definition und deren
       Kopplung mit Förderfragen. Die IHRA soll „maßgeblich“ dafür sein, welche
       Organisationen und Projekte staatliches Geld bekommen – oder eben nicht
       mehr. In einer früheren Version war die Formulierung sogar noch schärfer.
       
       taz: Manche finden, die IHRA-Definition stufe auch Positionen als
       antisemitisch ein, die eigentlich bloß legitime Kritik an der israelischen
       Politik sind. 
       
       Villa Braslavsky: Ich lehne die IHRA-Definition nicht grundlegend ab und es
       gibt tatsächlich Antisemitismus, der sich als Kritik an Israel tarnt. Aber
       aus gutem Grund ist in der Wissenschaft und auch zivilgesellschaftlich
       umstritten, [2][wo genau Antisemitismus anfängt]. Da will die Politik nun
       hineinreden und eine bestimmte Version festschreiben. Das ist
       hochproblematisch. Und dafür ist das IHRA-Dokument auch gar nicht gedacht.
       Das Dokument gibt entlang von Beispielen eher einen Überblick darüber, wo
       sich Antisemitismus verbergen kann.
       
       taz: Sie haben zusammen mit anderen Intellektuellen [3][in der FAZ
       Alternativvorschläge für die Resolution gemacht.]
       
       Villa Braslavsky: Uns hat auch irritiert, dass aus dem Inhalt der
       Resolution so lange ein Geheimnis gemacht wurde, genauso wie aus dem
       Zeitplan und dem Stand der Verhandlungen. Wir haben das zum Anlass
       genommen, um unsere Alternative zu formulieren.
       
       taz: Was schlagen Sie vor? 
       
       Villa Braslavsky: Wir fordern zunächst die systematische Anerkennung und
       aktive Berücksichtigung von jüdischem Leben in seiner Vielfalt. Wir
       schlagen zudem vor, nicht eine einzelne Definition von Antisemitismus
       absolut zu setzen und keine Eindeutigkeit zu suggerieren, wo keine ist.
       Stattdessen können mehrere Definitionen nebeneinander stehen. Dafür muss
       man anerkennen, dass Antisemitismus nicht im luftleeren Raum für alle
       Situationen und Konstellationen definierbar ist.
       
       taz: Wie soll dann verhindert werden, dass staatliches Geld an
       antisemitische Organisationen und Projekte fließt? 
       
       Villa Braslavsky: Bundestagsresolutionen verhindern das eh nicht, sie sind
       ja rechtlich unverbindlich. Daher muss diese Frage immer im Einzelnen und
       je nach Förderform spezifisch abgewogen werden, auch abhängig von dem
       entsprechenden Feld, etwa Wissenschaft oder Kultur. Und es müssen Kriterien
       entwickelt werden, die die Autonomie von Wissenschaft, Kultur, Medien
       respektieren. Ansonsten gilt, zu Recht, das Recht.
       
       taz: Auch an anderen Stellen sind Ihre Forderungen deutlich vorsichtiger
       und flexibler als die Bundestagsresolution, die ja nicht nur mehr Kontrolle
       bei der Auszahlungen staatlicher Gelder fordert, sondern auch
       Verschärfungen im Straf- und Aufenthaltsrecht. 
       
       Villa Braslavsky: Wir wollen Antisemitismus nicht verharmlosen und
       unterschätzen. Wir setzen auf gesellschaftliche Selbstaufklärung statt auf
       Repression. Es braucht die öffentliche Auseinandersetzung, wie etwa den
       Streit um die Documenta 2022 oder um die Pro-Palästina-Camps an den
       deutschen Unis.
       
       taz: Halten Sie die Diskussion um Antisemitismus, wie wir sie in den
       letzten Jahren erlebt haben, wirklich für erstrebenswert? 
       
       Villa Braslavsky: Die Diskussionen waren und bleiben wichtig, auch wenn das
       Niveau teils unterirdisch und toxisch ist. Aber da müssen wir durch, da
       sind wir alle gefordert. Diskussionen sind immer individuelle,
       organisationale und gesellschaftliche Lernchancen. Die Alternative ist
       Autoritarismus.
       
       taz: Ist das nicht etwas naiv? 
       
       Villa Braslavsky: Das ist keine triviale Frage für mich, ich bin ja selbst
       jüdisch. Es kann immer sein, dass man falsch liegt; es mag also naiv sein,
       ja. Ich glaube aber, dass der repressive Ansatz der Bundestagsresolution
       nicht der richtige Weg ist. Vielleicht muss man manchmal ein Stück Naivität
       wagen und uns allen zutrauen, dass wir an Konflikten und
       Auseinandersetzungen lernen.
       
       taz: Der Resolutionstext des Bundestags widmet sich sehr ausführlich
       Antisemitismus an Universitäten. Erleben Sie als Professorin das auch als
       ein großes Problem? 
       
       Villa Braslavsky: So wie es in der Gesamtgesellschaft Antisemitismus gibt,
       findet er sich auch an den Unis. Da muss man hinschauen. Eine Studie im
       Auftrag des Bildungsministeriums hat vor kurzem aber auch gezeigt, dass
       Studierende im Schnitt weniger antisemitisch sind, als
       Durchschnittsbürger*innen.
       
       taz: Der Resolutionstext suggeriert etwas anderes. 
       
       Villa Braslavsky: In der Resolution steckt auch Ideologie und Populismus.
       Da wird die Wissenschaft als dubioser Gegner suggeriert. Das Muster ließ
       sich ja dieses Jahr auch schon beobachten, als das
       Bundesbildungsministerium Listen mit politisch nicht opportunen
       Wissenschaftler*innen erstellt hat, denen die Förderung entzogen
       werden sollte. Das ist sehr dubios, bis heute ist das nicht angemessen
       aufgeklärt. So oder anders, man will in Deutschland Antisemitismus immer
       gern bei spezifischen gesellschaftlichen Gruppen identifizieren – nie in
       der Mehrheitsgesellschaft, nie bei sich.
       
       taz: Gilt das auch für den starken Fokus der Bundestagsresolution auf
       Antisemitismus unter Muslim*innen und Migrant*innen? 
       
       Villa Braslavsky: Es gibt zweifellos Antisemitismus in diesen
       Bevölkerungsgruppen, und den muss man bekämpfen. Aber hinter Begriffen wie
       „importiertem Antisemitismus“ verbirgt sich ja die Vorstellung, der
       Judenhass komme nur von außen. Dabei zieht sich der Antisemitismus nicht
       nur durch die Geschichte der Bundesrepublik, er ist für den Wohlstand und
       das politische System der Nachkriegs-BRD wesentlich. Arisierung und andere
       Verbrechen aus dem Nationalsozialismus wirken fort, kulturell, politisch
       und ökonomisch, bis in die einzelnen Familien und Menschen hinein. Wir
       wissen zudem aus wissenschaftlichen Befragungen, dass auch heute viele
       Menschen in der Mehrheitsbevölkerung antisemitischen Aussagen zustimmen. Es
       ist pervers, das einfach beiseite zu wischen und bloß über Migrant*innen
       reden zu wollen. Und nur nebenbei: Ich bin ja auch Migrantin, so wie
       übrigens die meisten Jüd*innen in Deutschland heute.
       
       taz: Anders als die Bundestagsresolution betonen Sie und ihre
       Kolleg*innen besonders die Vielschichtigkeit jüdischen Lebens in
       Deutschland. 
       
       Villa Braslavsky: Pluralismus ist ein essenzieller Teil der jüdischen
       Community. Der Zentralrat erhebt zwar den Anspruch, die Juden*Jüdinnen
       in Deutschland zu vertreten. Aber es gibt auch sehr viele jüdische
       Menschen, die nicht in Gemeinden organisiert sind. Das wirft Fragen auf,
       die es auch in vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen gibt. Wer spricht
       etwa für „die“ LGBTQI-Community? Der Queer-Beauftragte in Berlin? Spricht
       die Frauenbeauftragte an einer Uni für „die“ Wissenschaftlerinnen oder
       Studentinnen? Ich glaube, die Antwort ist immer, dass keine einzelne Person
       oder Organisation für alle spricht. Die Vielstimmigkeit muss gehört werden
       und alle aktiv beteiligt werden.
       
       taz: Und damit tut die deutsche Politik sich schwer? 
       
       Villa Braslavsky: Nicht nur die Politik. Jüdischer Pluralismus gehört nicht
       zur Vorstellungswelt der Deutschen. Es gab hier eine Massenvernichtung
       alles Jüdischen. Die Pluralität wurde vergast und dieses Land will sich
       daran lieber nicht zu genau erinnern.
       
       7 Nov 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Bundestag-reagiert-spaet-auf-Hamas-Terror/!6046477
   DIR [2] /Antisemitismus-in-Deutschland/!6016479
   DIR [3] https://www.faz.net/einspruch/nachrichten/vorschlag-zur-bundestagsresolution-gegen-antisemitismus-110063906.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Frederik Eikmanns
       
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