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       # taz.de -- Bilder und Lieder im Kopf: Lieber Ohrwurm als Albtraum
       
       > Unsere Kolumnistin wird ständig von Ohrwürmern geplagt. Ähnlich geht es
       > ihr mit Bildern, die immer wieder auftauchen – und schnell zu
       > Horrorszenarien werden.
       
   IMG Bild: Said I'm so sick of love songs, so sad and slow / So, why can't I turn off the radio?
       
       Ich war 19 Jahre alt, als ich die schlausten Sätze gehört habe. So kam es
       mir damals jedenfalls vor. Sie stammen aus dem deutschen Coming-of-Age-Film
       [1][„Absolute Giganten“ (1999)]. Darin sagt die Hauptperson Floyd zu einer
       Frau: „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem, was du machst. Und wenn’s
       so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.“ Unfassbar
       schön fand ich diese Vorstellung. Heute denke ich, dass dieses Szenario
       längst Realität für mich geworden ist. Und es häufig gar nicht so angenehm
       ist, wie ich es mir vorgestellt habe.
       
       Denn in meinem Kopf ist immer Musik. Allerdings kein Streicherquartett, das
       mir dramatische Situationen mit klassischen Tönen untermalt, sondern
       nervige Ohrwürmer, die sich wie aus dem Nichts in mein Hirn pflanzen und
       nicht mehr verschwinden wollen.
       
       In diesen Tagen – und ich möchte mich an dieser Stelle kurz bei meinen
       Kolleg_innen entschuldigen – ist es Ne-Yos Liedzeile: „And I’m so sick of
       love songs“. Wie der R’n’B-Hit aus den 00er Jahren in meinen Kopf kam?
       Keine Ahnung. Ich habe ihn seit Jahren nicht gehört.
       
       Warum und wie diese Endlosschleifen im Kopf entstehen, ist wissenschaftlich
       nicht endgültig geklärt. Auch nicht, bei welchen Liedern es passiert und
       wer davon wie oft betroffen ist. Was klar ist: Ohrwürmer treten eher in
       Alltagssituationen auf, in denen das Arbeitsgedächtnis nicht ausgelastet
       ist. Eher bei Frauen und Musiker_innen. Und eher bei einprägsamen Melodien
       und Texten, die starke Gefühle auslösen.
       
       ## Tipps funktionieren nicht
       
       So zahlreich die Theorien über die Entstehung von [2][Ohrwürmern] sind auch
       die Tipps, wie man sie wieder loswird. Das Lied einmal komplett durchhören.
       Einen ganz anderen Song singen. Ein Sudoku oder [3][Kreuzworträtsel lösen],
       das aber nicht zu schwer oder zu leicht sein darf. Oder einen Kaugummi
       kauen.
       
       Ich habe die Tipps alle ausprobiert. Bei mir funktionieren sie nicht. In
       meinem Kopf singt immer noch Ne-Yos Stimme von den Liebesliedern, die er
       nicht mehr hören möchte.
       
       Ähnlich wie mit den unliebsamen Liedfetzen geht es mir auch mit Bildern.
       Sie tauchen unangekündigt in Alltagssituationen auf und lassen sich nicht
       einfach mit einem Augenblinzeln wegwischen. Manchmal stehe ich dann an der
       Supermarktkasse und denke an Szenen, die ich vor Jahren einmal beobachtet
       habe. Wie etwa an eine bettelnde Frau mit Verletzungen im Gesicht, die von
       allen Passant_innen ignoriert wird.
       
       Manchmal liege ich abends im Bett und fange an mir bildlich vorzustellen,
       wovon ich in den Nachrichten gelesen habe. Und es ist schwer einzuschlafen,
       wenn der Kopf voller detaillierter Kriegs- und Vergewaltigungsdarstellungen
       ist.
       
       ## Bilder der Gewalt
       
       Aktuell tauchen in meinem Kopf vor allem Bilder auf, von Dingen, die noch
       gar nicht passiert, aber möglich sind. Schreckensszenarien, welche Folgen
       es hätte, wenn Donald Trump nächste Woche wirklich zum [4][Präsidenten der
       USA gewählt] wird.
       
       Was passiert, wenn er umsetzt, was er in seinen hetzerischen Reden im
       Wahlkampf ankündigt hat: „An meinem ersten Regierungstag wird diese
       Invasion enden und die Deportationen beginnen.“ Wie er Migrant_innen
       abschieben, Frauen und Queers in ihren Rechten beschneiden und die
       Gesundheitsversorgung, den Kampf gegen die Klimakrise und die Demokratie
       Stück für Stück abbauen wird.
       
       Oder was passiert, wenn er die Wahl nicht gewinnen wird. War der [5][Sturm
       aufs Kapitol am 6. Januar] dann nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was
       kommen wird? Die Bilder in meinem Kopf, sie sind voller Gewalt. Und sie
       machen mir Angst.
       
       In diesen Momenten bin ich dann froh über meine Ohrwürmer, denn die
       Melodien helfen mir die Schreckensszenarien zu verdrängen. Und immerhin
       weiß ich: „Selbst wenn’s so richtig scheiße ist, dann ist wenigstens noch
       die Musik da.“
       
       3 Nov 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /!1268991/
   DIR [2] /Ohrwurm-Antifa-nach-Sylt/!6012806
   DIR [3] /Rechtsstreit-um-Kreuzwortraetsel-Kritzelei/!5328841
   DIR [4] /US-Wahl-2024/!t5575916
   DIR [5] /Drei-Jahre-nach-Sturm-aufs-Kapitol/!5982050
       
       ## AUTOREN
       
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