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       # taz.de -- Dauerkrise bei Galeria: Der langsame Niedergang
       
       > Nach Jahren des Verzichts soll die Belegschaft auf einen Tarifvertrag
       > verzichten. Nun könnte auch das „Flaggschiff“ am Alexanderplatz
       > schließen.
       
   IMG Bild: Wird der Alexanderplatz zu einer lebensfeindlichen Betonwüste? Die Galeria Filiale soll Ende 2025 für 2 Jahre schließen
       
       Berlin taz | Nach der Rettung ist vor der Krise. Das wissen die rund 50
       Galeria-Beschäftigten, die sich am Dienstagmorgen bei der Streikkundgebung
       vor der Filiale in der Schloßstraße in Steglitz versammelt haben, am
       besten. Die Hoffnung, dass der Eigentümerwechsel beim Kaufhauskonzern im
       Mai auch die Situation der Beschäftigten verbessern würde, war ohnehin
       gering.
       
       „Ich arbeite seit 40 Jahren bei Galeria, aber was wir bekommen, wird immer
       weniger“, sagt Sybille, die eigentlich anders heißt, ihren Namen aber nicht
       in der Zeitung lesen will. Doch das jüngste Verhalten der Arbeitgeberseite
       nennt sie „das Letzte vom Letzten“.
       
       Mitte Oktober hat die Geschäftsführung die Verhandlungen mit Verdi über
       einen neuen Tarifvertrag abgebrochen. Stattdessen unterbreitete sie den
       Mitarbeitenden ein jeweils individuelles Angebot: rund elf Prozent mehr
       Lohn in den kommenden drei Jahren, 800 Euro Inflationsausgleich, dafür aber
       keinen Tarifvertrag. Die Lohnerhöhung bekommt nur, wer unterschreibt, und
       auch nur, wenn 90 Prozent der Beschäftigten einer Filiale mit an Bord sind.
       „Betriebliches Bündnis“ nennt Galeria das Angebot. Bis Freitag haben die
       Beschäftigten Zeit zu entscheiden.
       
       Das Angebot stelle für die Beschäftigten eine Zwickmühle dar, erklärt
       Manuela Vigils, Betriebsrätin in der Steglitzer Galeria-Filiale. „Die
       Stimmung ist schwierig, viele sind angewiesen auf das Geld.“ Nach Jahren
       des Lohnverzichts zahlt Galeria mittlerweile 30 Prozent weniger als im
       Flächentarifvertrag vorgesehen. Doch ohne Tarifvertrag gebe es auch keine
       Rechtssicherheit, dass sich die Arbeitgeberseite auch an die Vereinbarungen
       hält. „[1][Nach so vielen Insolvenzen] wächst das Vertrauen quasi
       monatlich“, sagt sie ironisch.
       
       ## Neue Eigentümer, alte Probleme
       
       Erst im Juli beendete das Unternehmen das dritte Insolvenzverfahren in vier
       Jahren. Die neuen Eigentümer, die das Galeria nach der Signa-Pleite
       übernahmen, wecken wenig Zuversicht. Hinter dem Unternehmenskonsortium
       [2][stehen die Milliardäre Bernd Beetz und Richard Baker]. Beetz kündigte
       an, lediglich 100 Millionen investieren zu wollen, der Rest solle aus
       laufenden Einnahmen gestemmt werden. Das heißt, gespart werden solle vor
       allem an den Beschäftigten.
       
       Da die Geschäftsführung das Angebot an die Bedingung knüpft, dass 90
       Prozent der Belegschaft einer Filiale zusagen, sieht Verid als Versuch, die
       Belegschaft zu spalten. Lehnen zu viele Beschäftige in Hoffnung auf einen
       Tarifvertrag das Angebot ab, könnten am Ende alle leer ausgehen. Die
       Gewerkschaft spricht daher auch von „Nötigung“ seitens der
       Geschäftsführung.
       
       Für Verdi ist das Angebot ohnehin ein Affront, zielt es doch darauf ab, die
       Gewerkschaft als Verhandlungspartner zu umgehen. Als letzten Versuch, die
       Arbeitnehmerseite an den Verhandlungstisch zurückzubringen, hat die
       Gewerkschaft in Berlin und Brandenburg spontan zum Warnstreik aufgerufen.
       Die Beteiligung ist niedrig, auf taz-Anfrage gibt Galeria an, dass keine
       Filiale ihr Angebot einschränken musste. Nach Jahrzehnten der Krise haben
       viele Beschäftigte gekündigt, die verbliebenen haben kaum noch Hoffnung,
       dass sich der Niedergang des Unternehmens noch aufhalten lässt.
       
       „Ehrlich gesagt, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Laden
       endgültig dichtmacht“, sagt auch Sybille. In ihrer Filiale am Hermannplatz
       werde kaum noch investiert, Aufzüge seien defekt, Abflüsse verstopft und
       werden tagelang nicht repariert. Es werde kaum noch genug Personal
       eingesetzt, um die Beratung zu leisten, für die viele Kund:innen
       heutzutage in ein Warenhaus kämen. „Es funktioniert vieles einfach nicht“,
       fasst Sybille zusammen.
       
       ## Noch mehr Filialen könnten schließen
       
       Dazu kommt, dass das Damoklesschwert der Filialschließung weiterhin über
       den noch rund 1.000 Galeria-Beschäftigten in Berlin schwebt. Die Gefahr,
       dass die Immobilieneigentümer:innen ihre Premiumlagen an
       zahlungskräftigere Mieter:innen als einen dauerklammen Warenhauskonzern
       vermieten wollen, ist groß. Jedes Insolvenzverfahren war bisher begleitet
       von harten Verhandlungen, um die Filialmieten zu drücken.
       
       Dass Galeria nicht die beliebteste Mieterin ist, bewies die Ankündigung der
       Commerzbank-Tochter Commerz Real am Wochenende, den umsatzstarken Standort
       am Alexanderplatz für zwei Jahre schließen zu wollen.
       
       Nach dem Umbau solle Galeria wieder einziehen, allerdings nur in stark
       verkleinerter Form. Stattdessen soll es mehr Büros, Einzelhandel und – wenn
       es nach der Commerz Real geht – sogar die Zentral- und Landesbibliothek
       einziehen. Die Senatsverwaltung für Kultur dementierte. Es habe zwar
       Gespräche mit der Commerz Real gegeben, derzeit werde die Möglichkeit aber
       noch geprüft.
       
       Wie es für die 350 Beschäftigten am Alexanderplatz weitergeht, ist unklar.
       „Die Gespräche dazu laufen noch“, sagte ein Sprecher des Unternehmens auf
       taz-Anfrage.
       
       ## Signa-Strategie fortgeführt
       
       Im Falle der Anfang des Jahres geschlossenen Filiale am Leopoldplatz in
       Moabit bedeutete „Umbau“ die betriebsbedingte Kündigung der gesamten
       Belegschaft. Auch damals war davon die Rede, die Filiale nach Abschluss der
       Arbeiten wiederzueröffnen.
       
       Die Politik gibt sich überrascht von der drohenden Schließung der Filiale
       am Alexanderplatz. „Damit kann ich mich nicht zufriedengeben“, sagte
       Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) am Montag. Und: „Es ist
       oberstes Ziel, dieses Flaggschiff zu erhalten.“ Eigentlich seien
       Modernisierungen im laufenden Betrieb „internationaler Standard“, so
       Giffey. Für Freitag sei ein Gespräch mit der Eigentümerin anberaumt.
       
       Dabei führt die Commerz Real nur d[3][ie Strategie ihres Vorgängers Signa
       fort], Kaufhausimmobilien durch aufwändige Modernisierung in eine
       profitablere Mischnutzung umzuwandeln. Am Hermannplatz und am
       Kurfürstendamm plante das Unternehmen sogar einen kompletten Abriss und
       Neubau.
       
       Obwohl Signa pleite ist, hält die Senatsverwaltung an den Planungen fest
       und will sie mit neuen Investor:innen verwirklichen. Kein gutes Zeichen
       für die Beschäftigten an diesen Standorten. Ob den neuen Eigentümer:innen
       dann am Erhalt der Galeria-Filialen gelegen ist, ist mehr als fraglich.
       
       5 Nov 2024
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Jonas Wahmkow
       
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