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       # taz.de -- taz-Korrespondenten blicken auf die USA: Was bedeutet die US-Wahl für die Welt?
       
       > In den globalen Brennpunkten könnte die Wahl zwischen Trump und Harris
       > Kriege entscheiden. Manche erwarten von den USA aber gar nichts. Ein
       > Überblick.
       
   IMG Bild: Harris und Trump verewigt von einem Kunstlehrer in Mumbai
       
       Israel: Mehr Vertrauen in Trump
       
       Dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf einen Sieg Trumps
       hofft, ist ein offenes Geheimnis. Auch rund zwei Drittel der israelischen
       Bevölkerung wünschen sich laut einer aktuellen Umfrage des Senders Kanal 12
       den Republikaner als nächsten US-Präsidenten. Für Harris würde nicht einmal
       jeder Fünfte stimmen. Nur 20 Prozent der Israelis glauben, dass Harris für
       die Sicherheit Israels gut wäre, gegenüber 58 Prozent für Trump.
       
       Was sich Netanjahu von Trump erwartet, ist klar: freie Hand in Gaza und im
       Libanon. Trumps erste Amtszeit war bereits von diplomatischen Tabubrüchen
       zugunsten Israels geprägt: [1][Er verlegte die US-Botschaft nach
       Jerusalem], erkannte die völkerrechtswidrige israelische [2][Annexion der
       Golan-Höhen an] und nahm eine aggressive Haltung gegenüber Iran ein.
       
       Trumps ehemaliger Nationale Sicherheitsberater John Bolton warnte jetzt
       aber, dass die Unterstützung aus Trumps erster Amtszeit nicht für die
       zweite garantiert sei. Trump sei nicht berechenbar, habe
       „Wahnvorstellungen“ und „keinen Schimmer, was er im Nahen Osten tun soll“.
       
       Die Unterstützung Israels seitens des scheidenden selbsternannten Zionisten
       Joe Biden oder einer Nachfolgerin Harris hingegen ist zwar zuverlässig,
       aber mit Mahnungen verbunden: humanitäre Hilfe zulassen, die Bevölkerung
       von Gaza schützen, sich gegenüber Iran zurückhalten. Gegenwärtig läuft
       eine Frist, die humanitäre Lage in Gaza zu verbessern oder die
       US-Waffenlieferungen zur Debatte zu stellen.
       
       Manche in Israel fürchten, dass eine Präsidentin Harris dem zunehmend
       israelkritischen Flügel der Demokraten folgen könnte. Ein signifikanter
       Teil der arabischstämmigen US-Bürger werfen Harris und Biden die
       Unterstützung eines Völkermords in Gaza vor und rufen zur Stimmabgabe für
       die Demokratin auf.
       
       In entscheidenden Swing States mit einer signifikanten arabischstämmigen
       Bevölkerungsgruppe wie Michigan, wo wenige Tausend Stimmen den Ausschlag
       geben könnte, könnte dies Harris sogar um einen Wahlsieg bringen. Felix
       Wellisch, Jerusalem
       
       Arabische Länder: Ob Trump oder Harris ist egal
       
       Mit einer Mischung aus Hoffnung und Gleichmut schauen viele Menschen in
       arabischen Ländern auf die US-Präsidentschaftswahlen. Die Bilder der
       [3][leidenden Zivilisten in Gaza und im Libanon] prägen seit über einem
       Jahr den politischen Diskurs. Nun wird in Talkshows diskutiert, ob Kamala
       Harris oder eher Donald Trump die Netanjahu-Regierung zu einem
       Waffenstillstand zwingen könne.
       
       Harris hatte als erste US-Politikerin ein Ende des Gaza-Krieges gefordert.
       Doch als Vizepräsidentin wird sie für die weitgehende Zerstörung Gazas
       mitverantwortlich gemacht.
       
       Donald Trump wirbt um Wähler mit Wurzeln in der Region mit seiner
       unorthodoxen Diplomatie. Der herzliche Empfang des Ehepaars Netanjahu bei
       den Trumps in Mar-a-Lago im Juli zeigte, wo die Sympathien liegen. Mit dem
       Satz „Tun Sie, was Sie müssen“ soll Trump vor den israelischen Angriffen
       auf Iran im Oktober seine Solidarität bekundet haben. In seinem letzten
       Telefonat mit Benjamin Netanjahu machte Trump laut Times of Israel eine
       klare Ansage: „Ich will, dass der Krieg in Gaza vor der Ablegung meines
       Amtseides beendet ist.“
       
       In Gesprächen mit Trump-Beratern fällt auffällig oft der Begriff
       „umstrittene“ statt „besetzte“ Gebiete. „Trump könnte die Ausweitung der
       Siedlungen anerkennen, im Gegenzug für ein Ende des Krieges“, warnt ein
       Berater der Palästinensischen Autonomieverwaltung in Ramallah gegenüber der
       taz.
       
       In den Golfstaaten und in Nordafrika findet die Wahl weit weniger
       Beachtung. Der Prozess der Abnabelung vom Westen ist fortgeschritten, auch
       die Zeit islamistischer Gruppen ist vorbei. Ein kaltschnäuziger
       Pragmatismus hat Einzug gehalten.
       
       In Tunesien, wo die Solidarität mit Hamas und Hisbollah Staatsräson ist,
       startet demnächst eine Militärübung mit der US-Armee, zeitgleich wird im
       Hafen Bizerte erstmals ein russisches Kriegsschiff einlaufen. „Ob Trump
       oder Harris, ist uns eigentlich egal“, sagt der tunesische Analyst Mohamed
       Hamad. „Die westlichen Doppelstandards haben den Glauben an den Westen
       beendet.“
       
       „Die USA werden nicht mehr nur als Verbündeter Israels gesehen“, sagt
       Makram Rabah, der an der amerikanischen Universität in Beirut Geschichte
       lehrt. „Sondern als die treibende Kraft hinter der tödlichen Feuerwalze,
       mit der Netanjahu Großisrael durchsetzen will.“
       
       Doch Rabah steht wie viele Libanesen und Palästinenser auch Hisbollah und
       Hamas kritisch gegenüber. „Die arabische Straße hofft vage darauf, dass
       nach dem Ende des Wahlkampfes sowohl die iranische Hegemonie als auch die
       israelische Besatzung Palästinas beendet wird.“ Mirco Keilberth, Tunis
       
       Ukraine: Selenskyj geht in Deckung
       
       In der Ukraine ist es kein Geheimnis, dass man eine Präsidentin Kamala
       Harris einem Präsidenten Donald Trump vorziehen würde. Doch diese Präferenz
       wird nicht offen ausgesprochen – der Fehler von 2016, als nahezu die
       gesamte politische Elite für Hillary Clinton Partei ergriff, bleibt in
       Erinnerung. Nach Trumps Sieg löschten viele rasch ihre Clinton-freundlichen
       Posts.
       
       Diesmal will sich niemand mit den Republikanern überwerfen. Die waren
       verstimmt, als Präsident [4][Wolodymyr Selenskyj bei seinem jüngsten
       USA-Besuch] eine Waffenfabrik besuchte und ausschließlich Politiker der
       Demokraten ihn begleiteten.
       
       „Harris ist eine erfahrene Politikerin. Sie versteht ihr Handwerk. Trump
       mag ein guter Geschäftsmann sein, aber das macht ihn nicht automatisch zu
       einem guten Politiker. Ich bin für Harris, sie ist berechenbar“, meint
       Journalistin Nastena.
       
       Berufssoldat Stanislaw sieht das etwas anders: „Trump ist wenigstens
       ehrlich. Er sagt ‚America first‘. Die Demokraten denken das auch, aber sie
       tun so, als stünden sie hinter uns. An der Front bekommen wir vom Westen
       veraltete Waffen, die er selbst nicht mehr will. Der Westen ist auf der
       Seite des Westens, seine Interessen bleiben die gleichen, unabhängig davon,
       wer gewählt wird. Ich glaube daher nicht, dass diese Wahl viel für uns
       ändern wird.“
       
       Zu den wenigen öffentlichen Persönlichkeiten, die sich offen für Trump
       aussprechen, zählt Sergij Jagodsinskiy, Prorektor der Europäischen
       Universität in Kyjiw. Trump sei ein guter Geschäftsmann, habe Charisma und
       zeige Offenheit. Ihm gefällt es, dass Trump den ukrainischen Präsidenten in
       seinem Haus empfangen habe und offen von seinem Wunsch nach Frieden in der
       Ukraine spreche. „Trump trägt keine Maske, er ist authentisch“, sagt
       Jagodsinskiy auf Youtube und fügt hinzu, dass er nicht glaube, dass Harris
       Putin die Stirn bieten könne. Bernhard Clasen, Kyjiw
       
       Russland: Putin spielt den Troll
       
       In Russland tut man so, als sei der Wahlausgang völlig egal. Präsident
       Wladimir Putin betont immer wieder, dass die USA in Russland immer nur den
       „Feind“ sähen, bevor er ausholt, wofür die USA verantwortlich seien – in
       den Augen Moskaus für alles Schlechte in der Welt.
       
       Außenminister Sergei Lawrow sagt: „Im Großen und Ganzen ist es egal, wer
       das Rennen macht. Das amerikanische Polit-Establishment, unabhängig von
       seiner Parteizugehörigkeit, betrachtet Russland als Feind und existenzielle
       Bedrohung.“
       
       Die Signale aus Moskau sind absichtlich widersprüchlich. [5][Putins
       rechtsextremer Vordenker Alexander Dugin] bezeichnet Harris immer wieder
       als „unzurechnungsfähige Idiotin“, die dem Satan diene. Staatliche Medien
       berichten gern diffamierend über sie.
       
       Als Joe Biden sich aus dem Wahlkampf herauszog, stellte sich Putin
       öffentlichkeitswirksam auf die Seite von Harris – um sie ins Lächerliche zu
       ziehen. Bei der Plenarsitzung des Wirtschaftsforums in Wladiwostok im
       September sagte der Kremlchef süffisant, diese habe so ein ansteckendes
       Lachen. „Es geht ihr also gut. Und wenn es Frau Harris gut geht, dann wird
       sie sich hoffentlich davor zurückhalten, gegen unser Land so viele
       Sanktionen einzuführen wie Präsident Trump.“ Ein klassisches Trolling,
       unangemessen und provozierend,
       
       Der Kreml will sich öffentlich nicht festlegen, obwohl Trump der russischen
       Führung durchaus imponiert, vor allem darin, wie er die Allianzen im Westen
       aufmischt. Dass er den Krieg in der Ukraine innerhalb von 24 Stunden
       beenden will, sehen die Russen als das an, was es ist: Prahlen. Die völlig
       vermurkste Beziehung zu Washington nutzt Moskau für seine antiwestliche
       Rhetorik und seine Politik, wonach nur das zählt, was der Kremlherrscher
       sich in den Kopf gesetzt hat: die Weltordnung nach seinem Gutdünken
       umzuformen. Inna Hartwich, Moskau
       
       Chinas Kalkül und Taiwans Ängste
       
       In Chinas offizieller Politik glauben die meisten, dass es sich bei der
       Wahl zwischen Donald Trump und Kamala Harris lediglich um eine Wahl
       zwischen Pest und Cholera handelt. Sowohl die Demokraten als auch die
       Republikaner wollten China in seinem legitimen Aufstieg behindern, ist die
       Auffassung im Regierungsviertel Zhongnanhai.
       
       Spätestens seit März 2023 ist dies offizielle Staatsdoktrin. Da erhob Xi
       Jinping den Vorwurf: „Die westlichen Länder, angeführt von den Vereinigten
       Staaten, haben eine umfassende Eindämmung und Unterdrückung unseres Landes
       betrieben, was unsere Entwicklung in nie dagewesener Weise behindert hat“.
       
       In seiner ersten Präsidentschaft riss Trump einen [6][Handelskrieg gegen
       die Chinesen] vom Zaun. Joe Biden führte den Kurs konsequent fort, setzte
       jedoch auf Tech-Sanktionen. Zudem hat er massiven Druck auf seine
       Verbündeten ausgeübt, insbesondere Taiwan und Südkorea, keine sensible
       Technologie mehr an Peking zu exportieren.
       
       Diese Politik würde Kamala Harris grundsätzlich fortführen. Was die
       Demokratin aus chinesischer Sicht als Pluspunkt verbuchen kann: Sie wäre
       vorhersehbarer, da sie die diplomatischen Konventionen einhält und für
       Kontinuität steht.
       
       Trump hingegen ist unberechenbar. Und doch bietet er für Peking
       gleichzeitig eine historische Chance. Schließlich hat er in diesem
       Wahlkampf bereits für Irritationen im Indo-Pazifik gesorgt. So behauptete
       er etwa Mitte Oktober, dass er Südkorea dazu zwingen würde, künftig
       jährlich zehn Milliarden Dollar für die US-Militärpräsenz im Land zu
       zahlen. Im nächsten Satz bezeichnete er Südkorea als „Geldmaschine“.
       
       Solche Aussagen sind für Peking diplomatisches Gold. Trump erweist damit
       nicht nur den westlichen Werten einen Bärendienst, sondern desillusioniert
       auch die chinesische Bevölkerung selbst stärker, als es die Staatsmedien
       mit ihrer plumpen Propaganda könnten.
       
       Trump hat auch Taiwan damit gedroht, die militärische Unterstützung seitens
       der USA herunterzufahren. Er verlangt, dass die Taiwaner 10 Prozent ihres
       BIP in ihre Verteidigung stecken und hat mehrfach die Ostasiaten
       beschuldigt, die einst führende US-Halbleiter-Industrie „gestohlen“ zu
       haben.
       
       Es wäre also anzunehmen, dass die US-Alliierten in Ostasien mehrheitlich
       auf der Seite Kamala Harris stünden. Doch in Südkorea wünschen sich
       ausgerechnet Teile der linken Opposition lieber Trump im Weißen Haus. Er
       war schließlich der erste US-Präsident, der einem nordkoreanischen
       Machthaber zum Gipfeltreffen die Hand ausgestreckt hat. Selbst wenn die
       Trump-Kim-Annäherung schon bald spektakulär scheiterte, so brachen doch
       zumindest kurzzeitig die verhärteten Fronten in dem jahrzehntealten
       Konflikt auf.
       
       Gleichzeitig erfreut sich Trump wegen seines authentischen, selbstbewussten
       und auch exzentrischen Auftretens durchaus großer Beliebtheit bei eher
       apolitischen Chinesen. Diese feiern den Republikaner wie eine Comic-Figur.
       Davon zeugen Internet-Memes und Trump-Souvenirs.
       
       Das ist durchaus beachtlich, denn in den Fernsehnachrichten des
       Staatsfernsehens wird über die Vereinigten Staaten grundsätzlich in
       geradezu apokalyptischem Tonfall berichtet: chaotisch, gefährlich, im
       Niedergang begriffen. Aber als etwa am 25. Oktober die nationalistische
       Parteizeitung „Global Times“ wie praktisch jeden Tag einen
       anti-amerikanischen Leitartikel veröffentlichte, reagierten die User vor
       allem mit Häme.
       
       „Ist das nicht ein merkwürdiges Phänomen? Die Reichen fliehen alle in die
       USA, während die Armen sagen, dass Amerika böse ist“, lautete ein
       Kommentar. Denn führende Propagandisten der Staatsmedien haben Häuser in
       den USA erworben und lassen dort ihre Kinder studieren.
       
       Lynn Song, Chef-Ökonom für die niederländische ING-Bank, kommt nach
       etlichen Gesprächen mit Klienten in China zum Ergebnis, dass „sich die
       Mehrheit der Befragten für Trump ausgesprochen“ habe. Von Trump wird eine
       harte Wirtschaftspolitik erwartet, jedoch dürften die politischen
       Restriktionen gegenüber China sanfter ausfallen, als unter Harris, die sich
       stärker für Menschenrechtsthemen interessiert. Ihr Vizekandidat Tim Walz
       hat sich in seiner politischen Laufbahn immer wieder stark für die
       chinesische Demokratiebewegung eingesetzt. Fabian Kretschmer, Seoul
       
       Balkan: Kommt mit Trump Großserbien?
       
       Schaut man von der US-Botschaft in Sarajevo auf den gegenüberliegenden
       Berghang, erinnert es ein bisschen an Berlin vor dem Mauerfall. Hie der
       amerikanische Sektor, da der russische. Hüben die [7][Institutionen von
       Bosnien und Herzegowina], drüben die der Teilrepublik Republika Srpska.
       
       Die Grenze zwischen dem westlichen und dem östlichen Lager zieht sich durch
       den gesamten Balkan und könnte mit dem Ausgang der Wahlen in den USA
       gefährlich verschoben werden.
       
       In Pro-Putin-Autokratien wie Serbien setzen starke Strömungen auf Donald
       Trump. Denn dann würden Fesseln wegfallen, die den Durchbruch zu offen
       nationalistisch-autokratischen Positionen heute noch begrenzen. Versucht
       die jetzige US-Regierung immerhin noch, sich gegen die offene
       Verherrlichung von Kriegsverbrechen zu positionieren, wären bei einem Sieg
       Trumps Oppositionelle und sexuelle Minderheit physisch bedroht.
       
       Schwelende Kriegsdrohungen könnten offen ausgesprochen werden. Serbien hat
       in den letzten Jahren stark aufgerüstet. Und pünktlich zum US-Wahltag hat
       die Republika Srpska gerade beschlossen, in ihrer Teilrepublik von Bosnien
       und Herzegowina die Flagge und Hymne des Staates Serbien einzuführen. Das
       ist ein Schritt in Richtung Großserbien.
       
       Schon in seiner ersten Präsidentschaft trat Trump für einen
       Gebietsaustausch zwischen Serbien und Kosovo ein, was die Veränderung von
       Grenzen auf dem Balkan mit all den damit verbundenen Gefahren bedeuten
       würde. Heute wäre das ungleich gefährlicher.
       
       Würde Ungarns Orbán dann seine Finger vom rumänischen Transsilvanien
       lassen? Würde die albanische Minderheit in Nordmazedonien den Anschluss an
       Albanien verlangen? Würde Serbien Montenegro übernehmen?
       
       Alle demokratischen Parteien und Strömungen hoffen somit auf Kamala Harris,
       auch wenn ihre Position in vielen Fragen vage ist. Würde sie Kosovo
       nachhaltig unterstützen? Wird sie an der Staatlichkeit von Bosnien und
       Herzegowina festhalten oder neigt sie einer nationalistischen Aufteilung
       des Landes zu?
       
       Über allem schwebt der Ausgang des Krieges in der Ukraine. Ob die USA die
       Ukraine weiter so unterstützen, dass sich das Land halten kann, wird sich
       direkt auf die politische Geografie auf dem Balkan und damit auf ganz
       Europa auswirken.
       
       Von Europa erhoffen sich die liberal-demokratischen und
       zivilgesellschaftlichen Kräfte kaum noch Impulse. Vor allem die
       bosniakisch-muslimische Bevölkerung in Bosnien setzt sich im Gegensatz zu
       kroatischen und serbischen Extremisten zwar immer noch für die Durchsetzung
       europäischer Werte wie Rechtsstaatlichkeit ein, ist aber angesichts des
       Gazakrieges innerlich zerrissen.
       
       Auch bisher stabile prowestliche Staaten kippen scharf nach rechts. Ungarn
       unter Viktor Orbán ist für manche Kräfte in Kroatien, Bulgarien und
       anderswo in Osteuropa offenbar ein Vorbild. Unter Zoran Milanovic weigert
       sich Kroatien, Soldaten für die Nato bereitzustellen. Nachdem es Orban
       mehrfach gelungen ist, die EU erfolgreich zu erpressen, scheint die EU für
       diese Leute nur noch ein Vehikel zu sein, um eigene Interessen
       durchzusetzen. Erich Rathfelder, Sarajevo
       
       Afrika: Investieren ja, einmischen nein
       
       Kein afrikanischer Führer stellt sich öffentlich hinter Donald Trump oder
       Kamala Harris, und Afrika kommt im US-Wahlkampf nicht vor. Aber wer die
       US-Wahlen gewinnt, wird zweifellos einen Einfluss auf Afrika haben, da die
       politischen und ökonomischen Verbindungen nach wie vor eng sind.
       
       Das würde man nicht denken, wenn man das Weiße Haus und seine
       Geringschätzung Afrikas beobachtet. Der letzte US-Präsident, der Afrika
       besuchte, war Barack Obama 2015. Joe Biden wollte im Oktober nach Angola
       kommen, der Besuch sollte die Bedeutung der afrikanischen Partner für die
       USA und den Willen zu gemeinsamem Engagement unterstreichen, hieß es
       damals. Dann sagte Biden die Reise wegen eines Wirbelsturms ab. Der Besuch
       ist auf Dezember verschoben.
       
       „Sollte Kamala Harris bis dahin die Wahl verloren haben, könnte dieser
       Besuch unbedeutend werden“, sagt der angolanische Kommentator Maico Borba.
       Sollte Harris aber Präsidentin werden, dürften US-Investitionen in Angola
       zunehmen. Das Land steht im Zentrum der Rivalität zwischen USA und China.
       
       Das milliardenschwere Investitionsprojekt „Lobito Corridor“ zum Bau von
       [8][Eisenbahnlinien von Angolas Atlantiküste] zu den Bergbaugebieten der
       Demokratischen Republik Kongo und Sambias ist das größte
       US-Investitionsvorhaben in Afrika. Unter Trump gilt seine Fortführung als
       unsicher.
       
       „Für Kontinuität ist es wichtig, dass die aktuelle US-Regierung an der
       Macht bleibt“, sagt Analyst Brian Jere in Sambia. Kamala Harris besuchte im
       März und April 2023 Sambia, Tansania sowie Ghana, um US-Investitionen zu
       fördern. Sie sagte Hilfe bei der Terrorbekämpfung in Westafrika zu sowie
       Investitionen in Landwirtschaft und Kampf gegen den Klimawandel.
       
       2022 hatte das US-Afrikakommando Africom bereits die Eröffnung einer
       Zweigstelle an der US-Botschaft in Sambia angekündigt. Das hat Misstrauen
       in einigen anderen Ländern des südlichen Afrika hervorgerufen, die Sambia
       nun als Sicherheitsrisiko wahrnehmen.
       
       Wichtig für viele Länder ist die Zukunft des African Growth and Opportunity
       Act (Agoa), das den meisten afrikanischen Ländern zollfreien Zugang ihrer
       Exporte zu den US-Märkten gewährleistet. 2025 läuft Agoa aus. Biden hat
       sich für eine Verlängerung ausgesprochen, Harris dürfte das umsetzen. Bei
       Trump wäre das nicht garantiert.
       
       Südafrika als größte Volkswirtschaft ist für eine Verlängerung von Agoa. Es
       nahm am 21. Agoa-Forum in Washington im Juli teil und erklärte das als
       wichtig für die „Verstärkung der starken Wirtschaftsbeziehungen zwischen
       Südafrika und den USA und unserem afrikanischen Kontinent“, wie
       Handelsminister Parks Tau sagte.
       
       Aber Südafrika ist auch ein Gegner der US-Außenpolitik, unterstützt
       Palästina gegen Israel und neigt eher zu Russland als zur Ukraine.
       
       Der Biden-Regierung wird zugutegehalten, einige Schäden zu reparieren, die
       Trumps erste Präsidentschaft 2017-21 in Afrika hinterließ. 2018 wurde Trump
       mit der Bezeichnung Afrikas als „shithole countries“ zitiert und er warf
       Afrika vor, die Migrationskrise der USA zu verschärfen.
       
       Sowohl Trump als auch Harris „befördern eine imperialistische Agenda“, sagt
       der südafrikanische Kommentator Sifiso Mkhize. Er ist dafür, dass ganz
       Afrika sich dem Brics-Bündnis anschließt. „Aber Ghana, die Elfenbeinküste
       und Kenia sind auf US-Kurs.“
       
       Und in Simbabwe kritisiert der regierungstreue Kommentator Danai Manyeruke,
       die USA würden afrikanische Länder sanktionieren, weil sie LGBTIQA+-Rechte
       nicht anerkennen. „China macht einfach Geschäfte, ohne uns zu drohen. Als
       Afrikaner wissen wir, dass diese Wahl Afrika nichts bringen wird.“
       Tintswalo Baloyi, Johannesburg
       
       Lateinamerika: Rechtspopulismus und Klimapolitik
       
       Kurz vor den US-Wahlen übt keiner in Lateinamerika so demonstrativ den
       Schulterschluss mit Donald Trump wie [9][Argentiniens Präsident Javier
       Milei]. „Sie waren ein großer Präsident, und ich hoffe, Sie werden es
       wieder sein“, sagte er, als die beiden sich am Rande der Conservative
       Political Action Conference (CPAC) in Washington im vergangenen Februar 90
       Sekunden lang die Hände schüttelten.
       
       Milei erwartet vor allem einen neuen Milliardenkredit vom Internationalen
       Währungsfonds (IWF), ohne den er die bestehenden Devisenbeschränkungen
       nicht aufheben kann. Dazu muss die US-Regierung zustimmen. Schließlich war
       es Trump, der dem damaligen argentinischen Präsidenten Mauricio Macri einen
       55-Milliarden-Dollar-Kredit des IWF ermöglichte.
       
       In Stellung brachte sich Milei vergangene Woche, als er seine
       Außenministerin feuerte. Diana Mondino hatte bei der UN-Generalversammlung
       für die Aufhebung der US-Sanktionen gegen Kuba gestimmt, wie es Argentinien
       immer tut, wenn dieses Thema dort zur Abstimmung steht. Aber das war Milei
       offensichtlich nicht recht, denn damit stimmte Argentinien gegen die USA.
       
       In Brasilien würde ein Sieg Trumps den Bolsonaristas Auftrieb geben.
       Ex-Präsident Jair Bolsonaro scheint nur darauf zu warten, dass Trump wieder
       ins Weiße Haus einzieht, damit er sich für die Präsidentschaftswahl 2026 in
       Stellung bringen kann.
       
       Präsident Lula da Silva hingegen setzt auf Kamala Harris, wenn auch nicht
       offen. Der scheidende US-Präsident Joe Biden hatte ihm bei dem
       Putschversuch gegen seinen Amtsantritt im Januar 2023 öffentlich
       Unterstützung zugesichert und damit maßgeblich dazu beigetragen, dass sich
       das brasilianische Militär ruhig verhielt. Eine Präsidentin Harris würde
       sicher nicht anders handeln. Und sie wäre offen für Lulas Amazonasschutz-
       und Klimapolitik, die mit Trump keine Basis hätte.
       
       In Sachen Migration ist Mexiko als direkter Nachbar am meisten betroffen.
       Trump hat bereits in seiner ersten Amtszeit die Migrations- und Asylpolitik
       verschärft und im Wahlkampf weitere restriktive Maßnahmen angekündigt.
       
       In Lateinamerika setzen daher viele ihre Hoffnungen auf eine mögliche
       Präsidentin Harris und ein offeneres Verhältnis der nächsten US-Regierung
       zur neuen mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Jürgen Vogt, Buenos
       Aires
       
       5 Nov 2024
       
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