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       # taz.de -- Trumps Wahlkampf: Der Mega-MAGA-Medienmacher
       
       > Der rechte Verschwörungserzähler Tucker Carlson verlor seinen Job als
       > Fox-News-Moderator. Doch sein Einfluss auf die Republikaner ist so groß
       > wie nie.
       
   IMG Bild: Trump-Freund Tucker Carlson spricht während der Turning Point Action Conference in West Palm Beach, Florida, USA, 15. Juli 2023
       
       Es gab im aktuellen US-Wahlkampf drei Momente innerhalb weniger Tage, in
       denen der Einfluss, den der rechte Verschwörungsgläubige und
       Ex-Fox-News-Moderator Tucker Carlson noch immer auf Donald Trump und die
       Republikanische Partei hat, besonders deutlich wurde. Und die andeuten,
       welche Rolle er im Falle eines Trump-Siegs am 5. November spielen könnte.
       
       Am 13. Juli, nur Stunden nach dem versuchten Attentat auf Trump in
       Pennsylvania, war es Carlson, der dafür sorgte, dass der parteilose Robert
       F. Kennedy Jr. seine Kandidatur für das Weiße Haus zurückzog und nun Trump
       unterstützt. Er startete [1][laut Vanity Fair ] einen gemeinsamen Chat mit
       Trump und Kennedy, am selben Abend telefonierten die beiden Kandidaten.
       Sechs Wochen später schied Kennedy aus.
       
       Kennedys Unterstützung war alles andere als selbstverständlich, er und
       Trump hatten sich in der Vergangenheit gegenseitig scharf kritisiert und
       beleidigt. Doch in den vergangenen Jahren fiel der einstige Demokrat
       Kennedy eher durch Verschwörungsmythen und Impfgegnertum auf – was Trump
       Stimmen hätten kosten können.
       
       Zwei Tage später, am 15. Juli, kündigte Trump [2][sein Running Mate an: JD
       Vance], einen ultrakonservativen Populisten, der auf rechtsradikalen
       Onlineplattformen gefeiert wird. Auch das war alles andere als
       selbstverständlich. Vance hatte Trump mit Hitler verglichen, er nannte ihn
       öffentlich einen „Idioten“. Ein erfahrener Politiker ist er auch nicht:
       Erst seit 2023 sitzt der 40-Jährige im Senat, sein erstes Amt.
       
       Schon wieder spielte Carlson dabei eine entscheidende Rolle: Dass Vance’
       Name für die Nominierung als Vizekandidat überhaupt im Spiel war, hat er
       auch ihm zu verdanken: Zwischen 2018 und 2023 war Vance 46 Mal bei „Tucker
       Carlson Tonight“, Carlsons Flaggschiff-Sendung auf Fox News, zu Gast. Und
       als Carlson hörte, dass Trump wegen der Nominierung unentschieden sei, rief
       er ihn an mit einer „apokalyptischen Warnung“, [3][wie die New York Times
       berichtet]. Er sagte, dass man Vance’ Konkurrenten Marco Rubio nicht
       vertrauen könne und seine Ernennung dazu führen könnte, dass der „Deep
       State“ Trump töte.
       
       Der dritte Moment ereignete sich am 18. Juli: Tucker Carlson hielt eine
       Keynote-Rede beim republikanischen Parteitag in Milwaukee, wo er davor
       warnte, wie das Land in Tyrannei verfallen würde, sollte Trump die Wahl
       nicht gewinnen – zu tobendem Applaus und Standing Ovations. Fast als wäre
       er der eigentliche Star des Kongresses.
       
       Für Carlson stellen diese drei Schlüsselmomente nichts Geringeres als einen
       Coup dar. Denn sie zeigen, welche Macht er mehr als ein Jahr nach seinem
       Rauswurf von Fox News noch hat, nachdem viele ihn als politische Kraft
       abgeschrieben hatten.
       
       1969 geboren, fing Carlson seine Medienkarriere in den Nullerjahren als
       politischer Kommentator bei CNN an, bevor er zu MSNBC wechselte. 2010
       gründete er „The Daily Caller“ mit – eine einflussreiche, rechte
       Nachrichtenseite, die immer wieder durch Falschinformationen auffällt. Doch
       es war vor allem die Talkshow „Tucker Carlson Tonight“ bei Fox News, die
       ihn zum Star machte. Die Sendung, die er von 2016 bis 2023 moderierte, war
       die meistgeschaute Nachrichtensendung in der Geschichte des US-Fernsehens.
       Zum Höhepunkt schalteten rund 4,5 Millionen Menschen ein.
       
       Carlson nutzte diese Reichweite, um rechtsextreme Narrative wie die Idee
       eines „großen Austauschs“ zu verbreiten – eine rassistische
       Verschwörungserzählung, nach der die „weiße Rasse“ durch Migration
       ausgelöscht werden soll. Die sonstigen Feindbilder: die Demokraten,
       Hollywood, LGBTQ-Menschen, der „Deep State“, die „Black Lives
       Matter“-Bewegung und viele andere.
       
       „Er kann rechtsradikale Konzepte und Verschwörungserzählungen für ein
       Mainstream-Publikum gut übersetzen“, erklärt die Rechtsextremismus-Expertin
       Hannah Gais vom Southern Poverty Law Center zur taz. „Und er kann die
       Ängste und Paranoia der Online-Alt-Right auch im Fernsehen vermitteln.“
       
       Carlson wurde ab 2016 zum mächtigsten Medienmacher der US-Rechten. Er
       setzte deren politische Agenda, beeinflusste Vorwahlen und Kabinettsposten
       und lieferte die Talking Points der MAGA-Bewegung um Trump. Carlson wurde
       zu Trumps medialem Verteidiger während seiner ersten Amtszeit, auch wenn er
       persönlich oft auf Distanz zu ihm ging und in privaten Nachrichten, die
       durch einen Rechtsstreit öffentlich wurden, schrieb, dass er ihn
       „leidenschaftlich“ hasse und Trump eine „dämonische Kraft“ sei.
       
       Bereits vor Trumps Wahlniederlage 2020 spekulierten einige in
       Republikanerkreisen, dass Carlson 2024 antreten könnte. „Er ist ein
       talentierter Kommunikator mit einer großen Plattform“, sagte damals ein
       Parteistratege. Er wäre als Kandidat „formidabel“. 2023 sagte Trump, er
       könnte sich Carlson als seinen Vize vorstellen, worauf Carlson sich
       überraschend bescheiden verhielt und sagte, er sei dazu nicht geeignet.
       
       Carlsons populistische bis rechtsradikale Rhetorik kostete seine Sendung
       aber immer mehr Werbekunden. Im April 2023 beendete Fox News überraschend
       die Zusammenarbeit mit ihrem Star. Einen offiziellen Grund nannte der
       Sender nicht.
       
       In seinem Buch „Network of Lies“ schreibt der CNN-Journalist Brian Stelter,
       dass Carlson für Fox zu giftig geworden sei: „Carlson hatte so viele
       Menschen entfremdet, so viele interne und externe Skandale angezettelt und
       so viele Flammen der Gehässigkeit geschürt, dass seine Entlassung
       unvermeidlich war.“ Lachlan Murdoch, der Sohn von Rupert Murdoch und damals
       Chef vom Mutterkonzern News Corp, habe Carlson deshalb den Stecker gezogen,
       so Stelter.
       
       Carlson hat sein Millionenpublikum bei Fox News zwar verloren. Sein
       X-Account zählt aber bis heute mehr als 14 Millionen Follower, auf Youtube
       hat er 3,2 Millionen Abonnenten. Sein neues Format „Tucker Carlson Show“
       ist aktuell auf Platz vier der Podcast-Charts auf Spotify, zwischenzeitlich
       war sie sogar auf Platz eins, in den Apple-Charts ist sie aktuell auf Platz
       sechs. Und im Dezember startete er einen eigenen Streamingdienst, das
       „Tucker Carlson Network“, das laut eigenen Angaben 400.000 Abonnenten hat:
       Neben der „Tucker Carlson Show“ kann man auch andere Formate wie „Ask
       Tucker“, „TC Shorts“ oder „Tucker Carlson Uncensored“ streamen.
       
       Ohne die Aufsicht eines großen Medienunternehmens wird sein Kurs noch
       extremer. „Jetzt lädt er noch radikalere Figuren in seine Sendung ein“,
       sagt Hannah Gais vom Southern Poverty Law Center. „Es gibt kaum noch
       Brandmauern“. So reiste Carlson im Februar nach Moskau, um Wladimir Putin
       zu interviewen, und bot ihm eine Bühne, unwidersprochen russische
       Propaganda zu verbreiten. Das über zwei Stunden lange Interview wurde auf X
       mehr als 200 Millionen Mal angeschaut. Im September lud Carlson [4][den
       Holocaustrelativierer Darryl Cooper] in seine Sendung, die auf X über 34
       Millionen Mal angeschaut wurde.
       
       Carlson hat den jüdischen Ukraine-Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als
       „rattenartig“ bezeichnet und behauptete, er würde Christen verfolgen.
       „Proisraelischen Geldgebern“ der Harvard-Universität warf Carlson einen
       „weißen Genozid“ vor – eine antisemitische Variante des „großen
       Austausches“.
       
       Geschmälert hat das Carlsons Einfluss in der republikanischen Partei nicht,
       im Gegenteil. Trump gewährte Carlsons Team einen exklusiven Blick hinter
       den Kulissen seines Wahlkampfes für eine neue Dokuserie, die seit Oktober
       auf seiner Onlineplattform gestreamt werden kann.
       
       Im September durfte Carlson als Teil seiner „Live Tour“ in einem
       Eishockey-Stadion im Swing State Pennsylvania den Vizekandidaten Vance
       interviewen. Die Tickets kosteten bis zu 1.600 US-Dollar. Der Erlös ging
       nicht an den Wahlkampf der Republikaner, sondern an das Tucker Carlson
       Network.
       
       Tucker Carlson ist bis heute eine Schlüsselfigur der US-Rechten. Seine
       Reichweite mag insgesamt geringer geworden sein, doch er hat so viel
       Einfluss auf die Republikaner wie noch nie.
       
       Und im Gegensatz zu Trump und Vance ist er jemand, der sich keine Sorgen um
       die Größe seines Publikums machen muss. Sollte Donald Trump die Wahl am 5.
       November gewinnen, könnte Carlson seine zweite Amtszeit deutlich prägen.
       Doch sollte Trump verlieren, ist es alles andere als ausgemacht, dass Vance
       sein Nachfolger sein wird.
       
       27 Oct 2024
       
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   DIR [1] https://www.vanityfair.com/news/story/donald-trump-rfk-jr-alliance
   DIR [2] /US-Wahl-2024/!6023529
   DIR [3] https://www.nytimes.com/2024/07/16/us/politics/trump-vance-vp-decision.html
   DIR [4] /Antisemitischer-Gast-bei-Tucker-Carlson/!6032453
       
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