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       # taz.de -- Fußballtrainer auf Versorgungsposten: Die Beamten starten durch
       
       > Rangnick, Nagelsmann, bald Tuchel: Große Namen betreuen die
       > Nationalteams. Ist das ein Zeichen von Attraktivität oder Bequemlichkeit?
       
   IMG Bild: Vom Verein zum Verband: Thomas Tuchel (l.) und Julian Nagelsmann teilen das Schicksal
       
       Eine Welle der Verbeamtung erfasst den Fußballlehrbetrieb. Noch vor ein
       paar Jahren schickten sich deutsche Trainer in seltener Vorreiterrolle an,
       die Leitlinien im europäischen Klubfußball mitzubestimmen, nun aber,
       offenbar verschlissen oder sonst wie derangiert, streben sie auf die
       geruhsameren Posten. Jürgen Klopp hat sich quasi als aktiver Privatier auf
       den Bürostuhl eines Fußballassessors zurückgezogen und wurde dafür [1][von
       seinen Fans in den Redaktionsstuben in bitterer Enttäuschung gescholten].
       
       Ralf Rangnick tut als österreichischer Nationaltrainer so, als könne er mit
       der Truppe K.-u.-k.-Format erreichen und hat sogar ein Angebot des FC
       Bayern abgelehnt. Thomas Tuchel wird nun ab Januar Geschicke und Gekicke
       der englischen Nationalmannschaft anleiten. Julian Nagelsmann lässt sich
       vom Deutschen Fußball-Bund in ähnlicher Weise sein Bundestrainertum
       vergüten – mit etwa 6 Millionen Euro im Jahr.
       
       Man muss die Herren verstehen. Eben noch wirbelten sie im hektischen
       Betrieb bei Manchester United, dem FC Chelsea, beim „Deutschen
       Rekordmeister“ (dpa) oder FC Liverpool. Jetzt ist zur Erholung erst mal
       Verwaltung angesagt. Der Terminplan ist überschaubar. Ein paar Lustreisen
       sind jederzeit drin. Das Spesenkonto ist gut gefüllt. Arbeitsintensiv wird
       es nur bei offenen „Eventfenstern“, also alle zwei Jahre im Sommer mal.
       
       Ansonsten kann viel Geschäftigkeit simuliert werden, was keiner besser
       konnte als der Jogi, dem man aber jederzeit ansah, dass er zwei Espressi
       brauchte, um dem Ennui zu entfliehen. Nun mögen manche behaupten, all das
       hier Dargelegte stimme nicht und der plötzliche Magnetismus von
       Nationalmannschaften auf Großtrainer sei vielmehr Ursache von Attraktion
       und Modernität.
       
       ## Naseweise Belehrungen
       
       Wer weiß, jedenfalls haben sich die Arbeitsweisen der Klubs und der
       Nationalteams angenähert. In den vergangenen zwei Dekaden hat dieser
       Prozess stattgefunden. Man erinnere sich nur an die Disruptionsoffensive
       eines Jürgen Klinsmann und dessen naseweisen Belehrungen, die sämtliche
       Bundesligaklubs über sich ergehen lassen mussten. Kurz einmal hatte sich
       das Verhältnis beider Sphären umgekehrt, doch dann wurden wieder jene Teams
       zu Innovationstreibern, die sich täglich im Wettbewerb beweisen müssen.
       
       Noch wie vor gilt: Wer als junger Fußballmensch Ambitionen hat, geht erst
       mal nicht zum DFB oder FA, dem englischen Verband. Der schaut, wie es sich
       an der Basis anfühlt, wo um Fans und die Geldtöpfe in den Wettbewerben
       gekämpft wird, unerbittlich und ellbogenhart. Dann, wenn sich der junge
       Prätendent die Hörner abgestoßen hat und seine Schäfchen im Trockenen, dann
       kann er auch mal philanthropisch werden oder sich in die Verwaltung
       begeben, also quasi in den öffentlichen Dienst wechseln.
       
       Ein Posten in der Nationalmannschaft dient durchaus der Rehabilitation und
       dem Luftholen. Wie lang diese Phase geht, das bestimmt der von verzückten
       Verwaltungsbeamten angeheuerte Großtrainer, [2][der nun umworben wird von
       ihnen wie Julian Nagelsmann von Rudi Völler]. Der Großtrainer signalisiert
       hier und da sein Wohlwollen und gibt vor, aktuell das mit Abstand
       interessanteste Projekt seiner Karriere zu verfolgen, dabei bleibt der
       Nationalmannschaftsfußball ein seltsames Relikt: Das Nationale feiert wie
       in keinem anderen Lebensbereich fröhliche Urständ – und der mediokre
       Fußball sowieso.
       
       Nirgendwo wird ein so schlechter Fußball feilgeboten wie bei
       Weltmeisterschaften, Nations-League-Spielen und oft auch
       Europameisterschaften. Der Klubfußball ist um Längen besser. Das wissen die
       neuen Fußballbeamten natürlich – und dass ihre Innovationen angesichts
       dieser Schwäche todsicher greifen. Das ist doch toll: Sie können sogar
       glänzen in ihrer neuen Rolle als Nati-Normis.
       
       19 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.n-tv.de/mediathek/videos/sport/Womoeglich-wollte-Klopp-eigenes-Denkmal-kaputtmachen-article25280408.html
   DIR [2] https://www.msn.com/de-de/sport/other/dfb-v%C3%B6ller-deutet-nagelsmann-hammer-an-werden-versuchen-julian-zu-%C3%BCberzeugen/ar-AA1serLq?ocid=BingNewsSerp
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Markus Völker
       
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