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       # taz.de -- Aktuelle Lage in der Ukraine: Kampf um mehr als Prioritäten
       
       > In der Ukraine wird die Verschiebung des Ramstein-Gipfels sorgenvoll
       > kommentiert. Derweil gehen die Kämpfe weiter – auch im Hinterland.
       
   IMG Bild: Zurück an die Front: Ukrainische Soldaten auf dem Weg in die umkämpfte Region Donezk, am 07. Oktober 2024
       
       Kyjiw taz | Während einige Kommentatoren in der Ukraine die Verschiebung
       des Ramstein-Gipfels als unbedeutend erachten, sehen andere darin eine
       veränderte Priorität der Bündnispartner. Juri Bogdanow, Experte für
       strategische Kommunikation, behauptet auf seiner Facebook-Seite, dass Biden
       seinen Deutschlandbesuch nicht [1][wegen des Hurrikans], sondern wegen der
       bevorstehenden Präsidentschaftswahlen abgesagt hat. Er möchte angesichts
       der drohenden Naturkatastrophe Präsenz zeigen, was der Ukraine wiederum
       schaden könnte. Fernsehjournalist Bogdan Butkewitsch interpretiert die
       Verschiebung des Gipfels als Zeichen dafür, dass die Ukraine nicht mehr im
       Fokus der USA steht. „Und ja, wir sollten begreifen, dass es immer
       schwieriger wird, sich auf amerikanische Hilfe zu verlassen.“
       
       Mit einem Hauch von Schadenfreude deutet Blogger Stanislaw Panasenko, ein
       Unterstützer von Ex-Präsident Poroschenko, in einem Post auf Facebook die
       Verschiebung des Gipfels als einen weiteren Misserfolg von Präsident
       Selenskyj. Er erwähnt Ramstein in einem Atemzug mit der Absage des für
       November geplanten hochrangigen „Friedenssummits“ und stellt fest, dass
       Selenskyjs [2][„Friedensformel“] sich letztlich nur als ein Stück Papier
       entpuppt habe.
       
       Unterdessen wird am [3][Stadtrand von Wuhledar], im Südosten des Landes,
       weitergekämpft. Auch das nahe gelegene Kurachowe wurde vermehrt mit
       Artillerie angegriffen. Kurachowe, fürchtet das Portal focus.ua, droht
       möglicherweise eine ähnliche Schlacht wie um das Werk Asowstal in Mariupol.
       Und auf allen Karten markieren rote Pfeile der angreifenden russischen
       Armee deren langsames Vordringen Richtung Westen.
       
       Auch im Hinterland, also nicht in unmittelbarer Frontnähe, gab es in den
       letzten Tagen erneut Verletzte und Tote. In Stepanivka, Region Cherson,
       wurden bei einem Angriff auf eine soziale Einrichtung zwei
       Krankenschwestern verletzt. In Cherson wurde eine Person durch russischen
       Beschuss verwundet, einen Tag zuvor wurde ein Mensch getötet, 16 weitere
       verletzt. Bei einem Drohnenangriff auf Odessa wurden zudem 5 Menschen in
       einem mehrstöckigen Haus verletzt, berichtet ua.korrespondent.net. In der
       Region Donezk wurde am Dienstagmorgen ein Mensch getötet, in Kostjantyniwka
       gab es elf Verletzte, so Vadym Filashkin von der örtlichen
       Militärverwaltung.
       
       Bei einem Beschuss des Dorfes Borivsk Andriivka im Bezirk Isjum wurde am
       Dienstagabend nach Angaben von Oleh Sinegubow, dem Chef der örtlichen
       Militärverwaltung, eine Person mit einem Mehrfachraketenwerfer getötet. Zur
       gleichen Zeit wurde im Dorf Prymorske in der Region Saporischschja eine
       Person getötet, eine weitere verwundet. Im russischen Gebiet Belgorod
       wurden nach Angaben des Gouverneurs Wjatscheslaw Gladkow 8 Menschen durch
       ukrainische Luftangriffe verletzt.
       
       Am 7. September hatte das ukrainische Parlament unerlaubtes Fernbleiben von
       der Truppe und Desertion weitgehend entkriminalisiert. Zuvor hatte der
       Gesetzgeber in solchen Fällen mehrjährige Gefängnisstrafen vorgesehen. Wer
       sich nun 72 Stunden nach unerlaubtem Fernbleiben wieder bei einer
       militärischen Einheit meldet, braucht keine Strafe zu fürchten.
       
       Dieses Gesetz war offensichtlich vor dem Hintergrund zunehmender Flucht von
       ukrainischen Soldaten aus ihren Einheiten verabschiedet worden. Es herrscht
       unter ukrainischen Männern eine allgemeine Angst vor der Militärbehörde,
       die wehrfähige Männer oft direkt von der Straße weg aufgreift und in einen
       Bus steckt. Anschließend werden sie nach einer vierwöchigen Grundausbildung
       direkt an „die Null“, wie man in der Ukraine die Front nennt, geschickt.
       „Meinen Freund haben sie auch,bussifiziert'“, berichtet die Arzthelferin
       Nina (Name geändert) der taz. „Er ist an einem Abend vor fünf Wochen nicht
       mehr von der Arbeit zurückgekommen. Sie hatten ihn in einen Bus gesteckt.
       Und jetzt ist er an der Null.“
       
       Nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft wurden in den
       ersten acht Monaten des Jahres 2024 29.984 Verfahren wegen unerlaubten
       Verlassens einer Einheit eingeleitet. Zum Vergleich: 17.658 waren es 2023,
       im Jahr 2022 waren es 6.641. Ähnlich verhält es sich mit Deserteuren: In
       den ersten acht Monaten des Jahres 2024 registrierte die
       Generalstaatsanwaltschaft 15.559 Fälle von Desertion, 2023 waren es 7.883
       Deserteure, und im Jahr zuvor 3.442.
       
       9 Oct 2024
       
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