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       # taz.de -- Eskalation im Nahen Osten: Angst vor dem großen Krieg
       
       > Iran droht Israel mit Angriffen. In der Region wächst die Angst, während
       > viele Iraner auf das Ende des Regimes hoffen.
       
   IMG Bild: Bei der Gedenkveranstaltung für den Anführer der Hamas, Nasrallah, am 4. Oktober zeigen sich Anhänger kämpferisch
       
       Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chamenei kann sich nicht
       entscheiden, ob Israel ein „tollwütiger Hund“ oder eher ein „blutrünstiger
       Wolf“ ist. So bezeichnete der Kopf des islamistischen Regimes, das die
       iranischen Frauen unterdrücken, schlagen, verhaften, vergewaltigen, foltern
       und hinrichten lässt, den jüdischen Staat am Freitag, als er zum ersten Mal
       seit fünf Jahren das Freitagsgebet in Teheran leitete. Das letzte Mal war
       Chamenei ans Mikrofon getreten, nachdem Kassem Soleimani, Kommandeur der
       Kuds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden, bei einem amerikanischen
       Luftschlag in Baghdad getötet wurde.
       
       Der Kampf der Palästinenser gegen das „Usurpatoren-Regime“ sei legitim.
       Israel das Werkzeug der USA, um die Ressourcen der Region zu kontrollieren.
       Jeder Schlag gegen dieses Regime sei daher ein Dienst an der Region und an
       der gesamten Menschheit, meint der Ajatollah. Der „Al-Aksa-Sturm“, also das
       Töten, Vergewaltigen und Entführen von Juden und Beduinen am 7. Oktober,
       habe das israelische Regime um 70 Jahre zurückgeworfen, es kämpfe um sein
       Überleben.
       
       Welch drastische Folgen die iranische Staatsdoktrin, Israel müsse um jeden
       Preis zerstört und Jerusalem „befreit“ werden, auch für die Menschen in
       Gaza und im Libanon hat, verschwieg der Revolutionsführer. Er drohte
       stattdessen mit einem erneuten Angriff Irans auf Israel.
       
       In der Nacht auf Mittwoch hatte Teheran 181 ballistische Raketen auf Israel
       abgefeuert, anders als im April [1][ohne Vorwarnung]. Zwar lässt sich
       dieser Angriff kaum als Erfolg verkaufen: Die meisten Geschosse wurden
       abgefangen oder schlugen weitab von jedem Ziel in unbewohntem Gelände ein,
       einige allerdings sollen Armeestützpunkte getroffen haben. Im von Israel
       besetzten Westjordanland wurde dabei ein Palästinenser getötet. Dennoch hat
       Regierungschef Netanjahu sofort einen [2][harten Gegenschlag angekündigt].
       
       Währenddessen ist Bir Hassan zur Geisterstadt geworden. Das Viertel liegt
       am nördlichen Rand der zusammen Dahiyeh genannten Vorstädte von Beirut. Die
       Straßen scheinen ausgestorben, und die Fenster der teuren Wohnblöcke
       bleiben auch am Abend dunkel. Selbst die Straßenkatzen, die sonst zwischen
       den geparkten Autos umherhuschen, scheinen verschwunden – ebenso wie viele
       der Autos. Das Brummen einer israelischen Drohne begleitet die wenigen, die
       noch in Bir Hassan geblieben sind, durch den Tag.
       
       ## Begonnen hat die Eskalation am 7. Oktober 2023
       
       Eine ältere Frau, die Wangen wettergegerbt, das schwarze Kopftuch tief in
       die Stirn gezogen, blickt von einem der Balkone hinunter und verschwindet
       dann schnell wieder in der Wohnung. Wenn sie von ihrem Balkon aus Richtung
       Osten blickte, würde sie in der Ferne zwei Dinge erkennen: den gigantischen
       Gebäudekomplex der Botschaft der Islamischen Republik Iran, mit ihren
       unverkennbar persischen Mosaiken und dem Plakat, das an der Außenwand zur
       Straße hängt. Darauf das „Who’s who“ der Revolutionsgarden und der iranisch
       angeführten „Achse des Widerstandes“: Kassem Soleimani, Hassan Nasrallah.
       Und richtete sie den Blick etwas weiter die Straße hinauf, sähe sie ein
       Gebäude, dessen obere beide Stockwerke nur noch Gerippe sind. Ein
       israelischer Luftangriff, der wohl einer Hisbollah-nahen Person galt, hat
       es zerstört.
       
       Begonnen hat diese Eskalation des Nahostkonflikts am 7. Oktober 2023, als
       Mordkommandos der Hamas Israel überraschen konnten, den Sperrzaun zwischen
       Gaza und Israel durchbrachen, Männer, Frauen und Kinder, Alte und Junge
       ermordeten und nach Gaza entführten. Die israelische Armee brauchte
       Stunden, um Herr der Lage zu werden. Die israelische Regierung hatte nun
       zwei Optionen, die Wahl zwischen Pest und Cholera. Option Nummer eins: eine
       begrenzte militärische Antwort gegen Protagonisten und Gebäude der Hamas,
       dann eine Waffenruhe, um die Geiseln gegen palästinensische Gefangene
       auszutauschen. Iran und alle anderen Islamisten in der Region hätten das
       als Triumph gefeiert. Der beispiellose Terrorangriff von Irans Truppe in
       Gaza wäre belohnt, weitere solche Operationen ermutigt worden.
       
       Option Nummer zwei: der Hamas ernsthafte Verluste zuzufügen, das Leben der
       Geiseln hintanstellen und massiv militärisch gegen die Infrastruktur der
       Hamas vorgehen, was angesichts der Schutzschildstrategie der Terroristen
       absehbar zu sehr vielen zivilen Opfern führen und dem Image Israels in der
       Welt schweren Schaden zufügen würde. In beiden Fällen konnte Israel nur
       verlieren.
       
       Die israelische Regierung entschied sich für für Option Nummer zwei, unter
       anderem auch, weil Premier Benjamin Netanjahu keine Strategie für eine
       Deeskalation hat oder haben will. Er war es ja selbst gewesen, der die
       Hamas in den vergangenen Dekaden groß werden ließ, um die Palästinensische
       Autonomiebehörde zu schwächen. Die Hamas-Strategen bekamen also, was sie
       wollten, Zehntausende starben durch Bomben in Gaza. Und doch hatte sich die
       Terrororganisation verschätzt, weil sie nicht mit einer so massiven
       Operation rechnete.
       
       Weiter ging die Eskalation einen Tag später, am 8. Oktober 2023, als die
       Hisbollah Israel mit Raketen angriff. Unter dem Aufmerksamkeitsradar der
       Weltöffentlichkeit ist seitdem kein Tag vergangen, an dem keine Raketen aus
       dem Libanon auf Israel abgefeuert wurden. Hisbollah-Führer Nasrallah
       verknüpfte seine Raketenkampagne mit der Bedingung, er werde erst damit
       aufhören, wenn es einen Waffenstillstand in Gaza gebe. Auch er hatte sich
       verschätzt. Israel gab nicht klein bei und attackierte schließlich die
       Führungsebene und das mittlere Management des militärischen Flügels der
       islamistischen Organisation. Auch im Libanon leiden nun die Menschen, über
       tausend sind bereits gestorben, viele sind als Binnenflüchtlinge
       gestrandet.
       
       ## Viele in Israel haben den Tod von Nasrallah begrüßt
       
       Spätestens seit dem 27. September leert sich die Beiruter Vorstadt Bir
       Hassan. An jenem Freitag erschütterte eine Explosion die Vorstadt: Mit
       bunkerbrechenden Bomben zielte Israel auf Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah,
       der in einem Bunker unter Wohnblöcken im Viertel Haret Hreik sitzt. Einige
       Tage später war klar: Der [3][Hisbollah-Chef ist tot]. In der Nacht rief
       das israelische Militär an verschiedenen Orten Dahiyehs zur Evakuierung
       auf. So ging es seitdem weiter: In der Nacht, meist gegen Mitternacht,
       kommt die erste Evakuierungsaufforderung. Nach einer halben Stunde ertönt
       die erste Explosion. Das bisherige Maximum waren fünf verschiedene
       Aufforderungen in einer Nacht. Etwa eine Woche nach dem Tod Nasrallahs
       erschütterte erneut eine Explosion Dahyieh. Dem Geräusch der Explosion
       zufolge kamen wohl auch hier bunkerbrechende Bomben zum Einsatz. Das Ziel
       war nach Angaben Israels Hashem Safieddine, der Nachfolger Nasrallahs.
       Immerhin waren zu diesem Zeitpunkt wohl kaum noch Zivilistinnen und
       Zivilisten in Dahiyeh.
       
       Viele in Israel – und einige in den benachbarten Staaten – haben den
       [4][Tod von Nasrallah begrüßt]. Auf dem regierungstreuen Kanal 14 wurde mit
       Musik und Israel-Fähnchen gefeiert, im moderateren Kanal 12 lud der
       Talk-Show-Host Amit Segal seine Gäste ein, mit Arak anzustoßen. Die meisten
       lehnten ab. Der rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir verteilte bei
       einer Sitzung mit Parteimitgliedern Baklava. „Lasst uns so viele von ihnen
       unter die Erde bringen, wie wir können“, sagte er. In den Straßen von Tel
       Aviv und Jerusalem erlebte ein Song aus dem Libanonkrieg 2006 ein Comeback.
       Darin heißt es über Nasrallah: „Wir schicken dich zu Allah, und mit dir die
       Hisbollah.“ Mit seiner modernen Luftwaffe und Raketentechnik ist Israel der
       Hisbollah, die ebenfalls über moderne Raketen und insgesamt über ein
       geschätztes Arsenal von 150.000 Raketen verfügt, noch immer voraus.
       
       Schlecht hingegen läuft offenbar die Bodenoffensive des israelischen
       Militärs im Südlibanon, weswegen die Ausgelassenheit in Israel nicht lange
       anhielt. Schon in den ersten 24 Stunden nach dem israelischen Vorrücken in
       den Libanon am Dienstag wurden laut der israelischen Armee bereits acht
       Soldaten bei Gefechten mit der Hisbollah getötet. Mindestens neun sind es
       inzwischen, nach Angaben der Hisbollah deutlich mehr, über 20. Das Gelände
       ist Medienberichten zufolge vermint, die Hisbollah hat sich tief in die
       Dörfer und die hügelige Landschaft des Südlibanon eingegraben – teils
       wortwörtlich. Wer in einem bekannten Gelände auf Angreifer wartet, hat den
       militärischen Heimvorteil. In dem Guerillakrieg, der im Süden wohl ins Haus
       steht, hat Israel weniger strategische Vorteile. Technologische
       Überlegenheit ist hier tendenziell weniger kriegsentscheidend. Die
       Meldungen aus der Kampfzone befeuern in Israel die Angst vor einem langen
       und verlustreichen Krieg.
       
       Die Lage im Libanon entwickelt sich derweil zur humanitären Katastrophe –
       und beginnt in manchen Punkten an Gaza zu erinnern. Aus drei Gebieten im
       Libanon sind die Menschen bereits geflohen: aus Südbeirut, aus dem
       Südlibanon und aus der Bekaa-Ebene im Ostlibanon, in allen drei Gebieten
       ist die Hisbollah stark präsent. Der Libanon ist ein flächenmäßig kleines
       Land, dazu noch seit 2019 von einer schweren Wirtschaftskrise betroffen. So
       verdienen nach dem Währungscrash in den Jahren 2019 und 2020 etwa Soldaten
       der libanesischen Armee Berichten zufolge noch etwa 200 US-Dollar im Monat
       – während die Mietkosten für eine kleine Wohnung in einem der als sicher
       geltenden Viertel von Beirut oft bei 400 US-Dollar beginnen.
       
       Der Libanon hat – im Gegensatz zu Israel – kaum Ressourcen, um seiner
       Bevölkerung zu helfen. Fast jeder hier kennt Geschichten von Betroffenen.
       Eine junge Frau namens Rayan etwa lebt in Dekweneh, einem christlich
       geprägten Viertel in Ostbeirut. Es gilt als sehr sicher. Ihr Freund lebte
       mit seiner Familie in Dahiyeh – bis zur vergangenen Woche. Das Haus der
       Familie existiert nicht mehr. Sie alle sind nun bei Rayan untergekommen, in
       einer kleinen Zweizimmerwohnung. Eine andere junge Frau flüchtete mit ihrer
       Familie aus dem Südlibanon in die südliche Großstadt Saida – nur um dort
       erneut [5][vor Luftschlägen um ihr Leben zu fürchten] und die Weiterflucht
       zu planen.
       
       In den sicheren christlichen Vierteln Beiruts wächst bei so manchen das
       Misstrauen: Was ist, wenn unter den aus dem Süden Flüchtenden
       Hisbollah-Mitglieder sind? So manche Wohnung dort bleibt leer. Die Besitzer
       weigern sich, an Flüchtlinge aus dem Süden zu vermieten.
       
       ## Die Region steht am Rande eines großen Krieges
       
       Weil Israel nun schon zum zweiten Mal einen Luftangriff auf Beirut und
       nicht nur auf die südlichen Vororte flog, wächst die Sorge vor einer
       erneuten Welle an Flüchtenden. Was, wenn immer mehr Orte im Libanon – denn
       das israelische Militär weist immer mehr Dörfer im Süden, teils über
       zwanzig Kilometer tief im Landesinneren, zur Evakuierung an – zum
       Kriegsgebiet werden? Die UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen,
       warnt: Die fast 900 verfügbaren Notunterkünfte im Libanon sind nun gefüllt.
       
       Die israelischen Luftangriffe der vergangenen zwei Wochen seien weltweit
       die „massivsten der vergangenen 20 Jahre, abgesehen vom Gazastreifen“,
       sagte die Chefin der britischen NGO Airwars der Washington Post. Binnen
       zwei Wochen sind mehr als 1.200 Menschen getötet worden. Nach libanesischen
       Angaben wurden 1,2 Millionen vertrieben. Am Montag drangen israelische
       Truppen erstmals seit fast zwei Jahrzehnten in den Libanon ein. Die Armee
       spricht von „begrenzten, gezielten Vorstößen“. Doch die stetig wachsende
       Liste an Evakuierungsaufforderungen lässt einen groß angelegten Einmarsch
       befürchten.
       
       Die Region steht [6][am Rande eines großen Krieges] und sowohl mit Blick
       auf den Libanon als auch auf Iran stellt sich für Israel die Frage: Was
       will man erreichen? Und lässt es sich überhaupt militärisch erreichen?
       
       Als Ziel der Operation im Libanon gilt zum einen, die rund 60.000 aus dem
       israelischen Grenzgebiet vertriebenen Bewohner zurückzubringen und die
       Hisbollah-Kämpfer von der Grenze zurückzudrängen. Die auf Israel
       gerichteten Raketen und die Kämpfer der Hisbollah-Eliteeinheit Radwan
       hinter der Grenze waren für viele Israelis schon vor dem 7. Oktober eine
       ständige Bedrohung. Nach den Massakern der Hamas ist man sich im ansonsten
       tief gespaltenen Israel einig, mit dieser Bedrohung nicht länger leben zu
       können. Das erklärt die breite Unterstützung in der Bevölkerung für die
       Offensive gegen die Hisbollah. Selbst der Parteichef der linken
       „Demokraten“, Jair Golan, ist dafür und fordert gar eine „temporäre
       Besatzung“ eines schmalen libanesischen Grenzstreifens.
       
       Regierungschef Netanjahu aber hat weitreichendere Ziele. Er kündigte bei
       einer Rede vor den Vereinten Nationen vergangene Woche erneut an, die
       Hisbollah müsse „besiegt“ werden. Dieses Ziel wurde zwar schon gegen die
       wesentlich schlechter ausgerüstete Hamas im Gazastreifen nicht erreicht, wo
       nach einem Jahr und an die 41.000 toten Palästinensern, darunter viele
       Frauen und Kinder, noch immer gekämpft wird. Doch für Netanjahu könnte das
       kein Widerspruch sein: Seine Kritiker werfen ihm schon lange vor, dass er
       den Krieg bewusst in die Länge ziehe. Der Schlag auf Nasrallah kam laut der
       libanesischen Regierung, kurz nachdem die Hisbollah ihre Bereitschaft für
       eine 21-tägige Waffenruhe erklärt hatte.
       
       ## Die Frage ist nicht, ob Israel zurückschlägt, sondern wann
       
       Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das militärische Vorgehen Israels
       im Libanon in der Vergangenheit Bedrohungen höchstens kurzfristig beseitigt
       hat. Die Hisbollah selbst konnte nach ihrer Gründung an Macht gewinnen,
       nachdem Israel im Libanonkrieg 1982 die Palästinensische
       Befreiungsorganisation (PLO) von Jassir Arafat aus dem Land vertrieb. Der
       getötete Nasrallah nahm seinen Platz an der Spitze der Organisation ein,
       nachdem sein Vorgänger Abbas al-Musawi 1992 von einem israelischen
       Kampfhubschrauber getötet wurde. Und auch diesmal scheint es wie schon in
       Gaza keinen Plan für den Tag danach zu geben.
       
       Israel habe seine „geheimdienstliche und militärische Überlegenheit
       bewiesen“, schreibt Sanam Vakil, die Leiterin der Nahost- und
       Nordafrika-Abteilung des britischen Thinktanks Chatham House. Doch obwohl
       das Land erfolgreich die Ausschaltung von Bedrohungen vorantreibe, habe die
       Geschichte gezeigt, dass militärische Siege Israel nie die Sicherheit
       gebracht hätten, die es suche. „Sowohl die Hisbollah als auch die Hamas
       sind zwar geschwächt, aber noch lange nicht am Ende. Die Fortsetzung der
       Kämpfe wird zweifellos eine neue Generation von Kämpfern mobilisieren, wenn
       nicht sogar radikalisieren.“
       
       Auch mit Blick auf den Iran ist weniger die Frage, ob Israel zurückschlagen
       wird, sondern wann und wie. Vorstellbar sind Angriffe auf militärische oder
       wirtschaftliche Ziele oder ein Schlag auf das iranische Atomprogramm.
       Letztere Option wurde in Israel nach dem Raketenangriff am Dienstag
       mehrfach gefordert. Experten bezweifeln jedoch, dass die israelische Armee
       die übers Land verteilten und oft unterirdisch geschützten Anlagen in einem
       einzigen Angriff erreichen könnte. Ein Angriff auf weniger geschützte
       Anlagen könnte hingegen den Iran weiter in seinen Bestrebungen befeuern,
       eine Atombombe herzustellen. Auch militärische Ziele wie die iranischen
       Drohnen und Raketenstützpunkte sollen laut Medienberichten unterirdisch
       gebaut und darauf ausgelegt sein, Luftangriffen zu widerstehen.
       
       Andere Aufrufe zur Zurückhaltung aus der internationalen Gemeinschaft
       dürften in Israel auf taube Ohren fallen. Die wachsende Kritik an der
       israelischen Kriegsführung und der humanitären Katastrophe im abgeriegelten
       Gazastreifen haben das Land zunehmend isoliert. Erst am Donnerstag warf
       der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell israelischen Soldaten wegen Angriffen
       auf Sanitäter in Beirut eine Verletzung des humanitären Völkerrechts vor.
       Die Verhängung eines Einreiseverbotes gegen UN-Generalsekretär António
       Guterres am Mittwoch verstärkt diese Entwicklung weiter. Dieser habe den
       Raketenangriff des Iran nicht eindeutig genug verurteilt, sagte
       Außenminister Israel Katz. Guterres hatte auf Twitter geschrieben: „Das
       muss aufhören, wir brauchen eine Waffenruhe.“
       
       Verkalkuliert hat sich aber neben Hamas und Hisbollah auch das Regime in
       Teheran. Bis zum April konnte es seinen Stellvertreterorganisationen in der
       „Achse des Widerstands“ die Arbeit an der Zerstörung Israels überlassen.
       Angesichts der Tötung des Hamas-Führers Ismael Hanijeh in einem Gästehaus
       der Revolutionsgarden durch Israel mitten im Iran sah sich das Regime aber
       genötigt, zum ersten Mal selbst Israel anzugreifen. Am 13. April waren 300
       Raketen und Drohnen in Richtung Israel gestartet. Der Angriff war vorher
       angekündigt worden, wurde zu 99 Prozent abgewehrt und noch in der Nacht von
       der Nachricht des iranischen Regimes auf Twitter begleitet, die Sache sei
       damit „abgeschlossen“.
       
       ## Ein Schlag gegen die iranische Öl-Infrastruktur wird diskutiert
       
       [7][Der Angriff] markierte eine Zäsur. Erstmals in der Geschichte beider
       Staaten hatte der Iran Israel offen attackiert. Nach der Tötung Nasrallahs
       und der empfindlichen Verluste von Hisbollah folgte in dieser Woche der
       Angriff mit ballistischen Raketen. Das setzt nun aber den amerikanischen
       Präsidenten Joe Biden unter Druck, den lautstarken Forderungen der
       amerikanischen Rechten nachzugeben und Israel auch bei einem Angriff auf
       den Iran Rückendeckung zu geben.
       
       Sehr wahrscheinlich wird der israelische Gegenschlag härter ausfallen als
       im April. Aktuell wird laut US-Präsident Joe Biden zwischen den USA und
       Israel bereits ein Schlag gegen die iranische Öl-Infrastruktur diskutiert.
       
       Lediglich einen Angriff auf das iranische Atomprogramm lehnt Washington ab.
       Doch Netanjahu hat sich im vergangenen Jahr so häufig über die Forderungen
       seines engsten Verbündeten hinweggesetzt, dass diese Ansage eher als
       Ratschlag denn als strikte Vorgabe gelten kann.
       
       Beobachter in Israel weisen darauf hin, dass der Premier sich schon lange
       eine militärische Eskalation mit dem Iran wünsche, welche die USA zu einer
       Teilnahme zwingen und möglicherweise zu einem amerikanischen Angriff auf
       Teheran würde. Zugleich wird befürchtet, dass Putin seine Verbindungen zum
       iranischen Regime vertieft und Öl ins Feuer gießt, um noch mehr Chaos und
       Flüchtlingströme zu erzeugen, die den Westen destabilisieren sollen.
       
       Bereits vor dem iranischen Angriff auf Israel hatte sich Netanjahu in einer
       Ansprache an die Iraner gerichtet und gesagt, das Regime, das sie
       unterdrücke, könne früher fallen, als sie sich das vorstellen könnten. Für
       die Regimetreuen im Iran erscheint angesichts dessen die Anwesenheit von
       Revolutionsführer Chamenei beim Freitagsgebet als Zeichen seiner
       Furchtlosigkeit und als „Demütigung des Feindes“. Auf sozialen Netzwerken
       spekulierten vorab manche, dass Israel das Gebetsgelände, den „Mossalla“ in
       Teheran, direkt angreifen könnte.
       
       ## Viele haben das Vertrauen in eine friedliche Veränderung verloren
       
       Während Regimeanhänger*innen die jüngsten iranischen Raketenangriffe
       auf Israel in großen und kleinen Städten feiern und eine weitere Eskalation
       fordern, hat die Realität der Bedrohung die gesamte iranische Gesellschaft
       erfasst. Die sozialen Netzwerke spiegeln zunehmend Sorgen vor einem
       verheerenden Krieg wider. Diese Angst ist allgegenwärtig und steht im
       Kontrast zu den offiziellen Staatsmedien, die den Konflikt und die
       angebliche Unbesiegbarkeit des Iran verherrlichen. In einer Umgebung, in
       der kritische Stimmen zum Thema Israel systematisch verfolgt werden, bleibt
       nur wenig Raum für öffentliche Debatten über die Gefahren eines Krieges.
       
       Doch in privaten Gesprächen und auf den sozialen Plattformen zeigt sich ein
       anderes Bild. Farid*, ein 27-jähriger Ingenieurstudent aus Teheran, äußert
       seine Bedenken: „Auf der einen Seite haben wir die regierungstreuen
       Hardliner, die so verblendet sind, dass sie glauben, im Krieg gegen Israel
       und seine westlichen Verbündeten eine Chance zu haben. Auf der anderen
       Seite gibt es einige Regimegegner*innen, die meinen, dass das Regime um
       jeden Preis gestürzt werden muss – selbst auf Kosten eines Krieges, der das
       Land zerstören und ungezählte Leben kosten könnte. Was fehlt, ist eine
       Antikriegsbewegung, die aber gleichzeitig regimekritisch ist.“
       
       Sepideh*, eine 35-jährige Englischlehrerin, sieht die Dinge anders: „Krieg
       ist verheerend und fordert unschuldige Menschenleben. Aber es scheint, als
       könnten wir Iraner*innen dem Regime alleine nicht mehr entgegentreten.
       Wenn ein israelischer Angriff das Ende dieser Herrschaft bedeuten würde,
       wäre es das vielleicht wert.“
       
       Viele Menschen hätten angesichts von Armut, Korruption und der repressiven
       Herrschaft der Mullahs das Vertrauen in eine friedliche Veränderung
       verloren, sagt Fariba*, eine Journalistin und Politikwissenschaftlerin. Sie
       fügt hinzu: „Es ist tragisch, aber einige Menschen sind so verzweifelt,
       dass sie sagen: Wenn der Preis für die Freiheit der Krieg ist, dann sind
       wir bereit, ihn zu zahlen.“ Diese Haltung mag naiv erscheinen, doch sie ist
       ein Teil der Realität im Iran von heute.
       
       Dennoch bleibe die Macht über das Schicksal des Landes fest in den Händen
       von Ayatollah Khamenei und den Revolutionsgarden, sagt Fariba. Während die
       Opposition und die Bevölkerung über die Zukunft des Landes streiten, liege
       die Entscheidung über eine Eskalation des Konflikts letztlich bei den
       Führern des Regimes. Für Khamenei zählen weder die Sorgen der Opposition
       noch die Ängste der einfachen Menschen – entscheidend sind allein die
       strategischen Interessen der Revolutionsgarden und ihrer fanatischen
       Anhänger.
       
       *Die Namen der iranischen Gesprächspartnerinnen wurden von der Redaktion
       geändert.
       
       4 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Krieg-in-Nahost/!6040577
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   DIR +++ Nachrichten im Nahost-Krieg +++: EU-Chefdiplomat will Dialog mit Israel aussetzen
       
       Vor dem EU-Außenministertreffen präsentiert Chefdiplomat Borrell einen
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   DIR +++ Nachrichten im Nahost-Krieg +++: Macron fordert Waffen-Lieferstopp
       
       Macron hat sich für einen Lieferstopp von Waffen an Israel ausgesprochen.
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   DIR Antisemitismus in Berlin: Notfalls bis zum Schulverweis
       
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       Bekämpfung von Antisemitismus. Er macht sich damit nicht nur Freunde.
       
   DIR Proteste in Jerusalem: Shalom, Gaza Street
       
       Auf der Derech Azza in Jerusalem protestieren Angehörige israelischer
       Geiseln gegen Netanjahus Krieg. Doch nicht alle hier sind damit
       einverstanden.