# taz.de -- Schlafgewohnheiten: Manche brauchen Ritze
> Schlafen ist eine höchstpersönliche Angelegenheit. Als Betreiber eines
> Gasthofs kann man sich da noch so viel Mühe geben – irgendwer liegt immer
> wach.
IMG Bild: Jeder Mensch hat ein individuelles Schlafbedürfnis
Zahlt man für eine Übernachtung, kauft man sich ein Privileg. Wird die
Nacht unruhig, kann das zwar verschiedene Gründe haben – die zu weiche
[1][Matratze], die ungemütliche Zudecke, die zu laute Hauskanalisation –,
auf jeden Fall aber darf man dem Gastgeber die Schuld geben. In dieser
Hinsicht bewundere ich Morgen für Morgen die beste Wirtin der Welt, wenn
sie unsere Gäste beim Frühstück fragt: „Gut geschlafen?“
Es kommt selten vor, dass dann jemand so offen über eine unruhige Nacht
berichtet wie die Dame, die Anfang September bei uns war. Sie hatte bis zum
Aufstehen genug Zeit zur Analyse und die häufigsten Gründe bereits
ausgeschlossen. Eben das, was einem oft mal den Schlaf rauben kann:
[2][etwa zu viel gegessen] oder getrunken oder der Espresso, den man
ausnahmsweise bestellt hat.
Auf keinen Fall, sagte die Gästin, so etwas mache ihr nie Probleme. Für das
Wahrscheinlichste hielt sie eine Wasserader unter dem Bett und wollte das
während des Aufenthalts weiter beobachten. Die beste Wirtin der Welt nickte
ernsthaft, und ich hatte sofort gemeinsame nächtliche
Wünschelrutenwanderungen vor Augen.
## Alle haben eine Vorstellung der perfekten Matratze
Schlaf, das habe ich gelernt, ist heutzutage mindestens eine so
individuelle Tätigkeit wie die Ernährung, und als Betreiber einer Pension
kann man da nur scheitern, auch wenn man alles versucht. Wir haben
inzwischen ein kleines Arsenal an Decken: für den Sommer, den Winter, für
Kinder, Allergiker und für Hunde. Grenzen gibt es bei den Matratzen, da
kann man nicht viel wechseln.
Brauchen wir neue, kaufe ich inzwischen solche mit der Festigkeit „H3“, das
ist angeblich der meistverkaufte Härtegrad in Deutschland, allerdings fehlt
für die Angabe eine Norm. Was uns schon das Lob gebracht hat, noch nie auf
einer so angenehmen Matratze gelegen zu haben, und drei Tage später von
einem anderen Gast auf Google die Kritik, das Bett „habe auch schon bessere
Tage gesehen“.
Ich erlebe keine Überraschung mehr, wenn bei Buchungsanfragen das Gespräch
auf Betthöhe und -länge oder die Gestalt der Matratzen im Doppelbett kommt.
Ja, es gibt Menschen, die brauchen Ritze. Mittlerweile habe ich mich auch
daran gewöhnt, dass Gäste – übrigens gar nicht so selten – eigenes Bettzeug
mitbringen, und sogar Matratzenauflagen. Und damit ist das Thema der
individuellen Nachtruhe jetzt gerade mal angerissen.
Der Mut zu der Frage „Gut geschlafen?“ hat ein ganzes Universum eröffnet.
Sie ist mit ein Grund, warum die beste Wirtin der Welt eben die beste
Wirtin der Welt ist.
Die Wasserader übrigens war ein Fehlalarm. Sie sei inzwischen sicher, es
sei der Vollmond gewesen, und zwar ein ganz besonders großer, sagte die
Gästin am nächsten Morgen. Sie hatte gut geschlafen.
8 Oct 2024
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## AUTOREN
DIR Jörn Kabisch
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