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       # taz.de -- Betrügereien in der Biogas-Branche: Falsche Zertifikate, illegales Öl
       
       > Offenbar wurde illegal hergestellter Biodiesel aus China in den
       > europäischen Markt gedrückt. Darunter leiden auch niedersächsische
       > Biogasanlagen-Betreiber.
       
   IMG Bild: 1.700 Biogas-Anlagen gibt es in Niedersachsen: hier eine Anlage nahe der Kleinstadt Friesoythe bei Cloppenburg im Mai 2023
       
       Hannover taz | Es war ein riesiger, internationaler Skandal: Der Handel mit
       mutmaßlich gefälschtem Biodiesel und [1][mutmaßlich gefälschten
       Klimazertifikaten aus China], der immer noch nicht vollständig aufgeklärt
       ist, hat die Preise auf dem deutschen Markt auf Talfahrt geschickt. Mit den
       Folgen ringt die Branche immer noch. Das betrifft auch viele
       niedersächsische Biogasanlagen-Betreiber. Deshalb hat die CDU dazu in der
       vergangenen Woche [2][eine dringliche Anfrage im Landtag] gestellt. Doch
       Umweltminister Christian Meyer (Grüne) blieb an vielen Stellen Antworten
       schuldig.
       
       1.700 Biogas-Anlagen gibt es in Niedersachsen. Weil für viele von ihnen die
       Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ausläuft, müssen sich die
       Anlagebetreiber nach Vermarktungsalternativen und einem neuen
       Geschäftsmodell umsehen. Etliche überlegten daher, in den Biomethan-Handel
       einzusteigen.
       
       Der hat den Vorteil, dass er sich sozusagen doppelt auszahlt: einmal beim
       Rohstoff und zweitens über den Zertifikathandel. Vor allem die großen
       Mineralölkonzerne kaufen sich damit quasi frei. Mit dem Erwerb der
       Zertifikate lassen sie sich die anderswo erzeugten CO2-Minderungen auf ihre
       Treibhausgasminderungsquote (THG) anrechnen. Das folgt der Logik, dass man
       so Kapital in den Klimaschutz lenken kann – und für das Klima ist es ja
       schließlich relativ egal, wo genau das CO2 eingespart wird.
       
       Und gleichzeitig liegt genau da der Haken. Denn bisher ging das auch über
       Projekte in China. Von denen stehen nun allerdings etliche unter
       Betrugsverdacht, wie Meyer im Landtag auch noch einmal referiert. Von 75
       Projekten weltweit, die als Upstream-Emissions-Reduktions-Projekte (UER)
       zertifiziert wurden, liegen 66 in China.
       
       ## Ein Schattenvertragssystem
       
       45 davon stehen im Verdacht, Teil eines Schattenvertragssystems gewesen zu
       sein, an dem vermutlich auch deutsche Zertifizierer ihren Anteil hatten.
       Jedenfalls läuft bei der Staatsanwaltschaft Berlin ein Strafverfahren gegen
       17 Personen aus dieser Branche. Es scheint sich um ein ausgeklügeltes
       System zu handeln, das nur ans Licht kam, weil Branchenexperten sich über
       den rasanten Preisverfall wunderten und Hinweise lieferten.
       
       Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat im vergangenen Sommer alle
       weiteren Zertifizierungen in diesem System auf Eis gelegt, eine
       internationale Anwaltskanzlei und Detektive sollen sich nun um die
       Aufklärung kümmern und Projekte – soweit es geht – rückabwickeln. Die CDU
       und auch Teile der FDP werfen ihr allerdings vor, nicht schnell und
       entschieden genug gehandelt zu haben.
       
       Das weist ihr Parteikollege Meyer im niedersächsischen Landtag zurück:
       Immerhin habe Lemke dieses intransparente und betrugsanfällige
       Instrumentarium von der schwarz-roten Vorgängerregierung geerbt, sagt er.
       Und letztlich müsse man da eben auch auf EU-Ebene nachbessern. Wie viele
       Betriebe in Niedersachsen von diesem Betrug betroffen sind, vermochte Meyer
       allerdings nicht zu sagen.
       
       Der Zertifikathandel ist auch nicht der einzige Bereich, bei dem
       chinesische Händler eine unrühmliche Rolle zu spielen scheinen. Es gibt
       gleichzeitig Hinweise darauf, dass China massiv gepanschten Biodiesel in
       den europäischen Markt gedrückt hat. Nachdem die EU Biodiesel aus frischem
       Palmöl verboten hatte, der meist aus Indonesien kam, stiegen die Importe
       von Biodiesel aus China rasant an. Es besteht nun der Verdacht, dass die
       Ware in China lediglich umetikettiert wird.
       
       Nachweisen lässt sich das kaum: Biodiesel aus aufbereitetem Palmöl, das zum
       Beispiel in der Industrie oder als Speiseöl anfällt, ist ja erlaubt.
       Vermieden werden sollte nur der [3][Biodiesel, der aus frischem Palmöl
       hergestellt wird,] um die wenig nachhaltige Rodung von Urwäldern und Anlage
       von Palmölplantagen zu verhindern. Und natürlich hat auch hier der
       Preisverfall viele einheimische Produzenten massiv unter Druck gesetzt.
       
       „Das Ganze wird auch in Niedersachsen sicher noch die ein oder andere
       Insolvenz zur Folge haben“, glaubt Cord-Heinrich Heitzhausen. Er ist
       Sprecher der Regionalgruppe Weser-Ems im Biogas-Fachverband, als
       Biogas-Anlagenbetreiber aber auch selbst betroffen.
       
       Erst im August hatte die Landwärme GmbH mit Sitz in Berlin, einer der
       größten deutschen Händler für Biomethan und THG-Quoten, Insolvenz anmelden
       müssen. Das gab einen ziemlichen Knall, weil von dieser Insolvenz auch
       zahlreiche Stadtwerke betroffen sind, die nun um die Erfüllung ihrer
       Lieferverträge bangen müssen.
       
       Wenn sich kleinere Player vom Markt verabschieden, geschieht das meist
       heimlich, still und leise, ist aber nicht weniger schädlich, sagt
       Heitzhausen. „Das Problem ist, dass eben auch das Vertrauen der Banken in
       diesen Markt erheblich erschüttert wurde.“ Wenn aber die Finanzierungen
       plötzlich wackeln, gehen bestehende Projekte pleite und neue werden erst
       gar nicht realisiert. „Und wenn die erst einmal weg sind, bekommt man die
       auch so schnell nicht zurück.“
       
       Rund 40 Unternehmen und zehn Verbände aus der Erneuerbare-Energien-Branche,
       darunter der niedersächsische Landesverband Erneuerbare Energien (LEE)
       haben sich deshalb Anfang September zum Aktionsbündnis „Initiative
       Klimabetrug stoppen“ (kurz: IKS) zusammengeschlossen. Das IKS fordert vor
       allem, dass niemand von dem Betrug profitieren darf. Der nicht realisierte
       Klimaschutz müsse nachgeholt werden, es dürfe keine rückwirkende Amnestie
       für die Konzerne geben, die gefälschte Zertifikate erworben hätten.
       
       Letztlich, sagt Umweltminister Meyer im Landtag, gehöre das gesamte System
       dieses modernen Ablasshandels auf den Prüfstand. Für die Biogas-Branche
       müssten außerdem andere Wege gefunden werden, die eine Einspeisung in
       Strom- und Wärmenetze wieder profitabel machten. Deshalb habe man sich
       einer Bundesratsinitiative Schleswig-Holsteins angeschlossen, die
       verbesserte Rahmenbedingungen fordert. Auch das Wirtschaftsministerium
       unter Robert Habeck (Grüne) hatte [4][erst im August eine umfassende Reform
       der Biomasse-Förderung] angekündigt.
       
       2 Oct 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Wegen-Betrugs-in-China/!6035047
   DIR [2] https://www.landtag-niedersachsen.de/Drucksachen/Drucksachen_19_07500/05001-05500/19-05361.pdf
   DIR [3] /EU-erschwert-Importe-aus-China/!6022606
   DIR [4] /Verguetung-fuer-Bioenergie/!6027919
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nadine Conti
       
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