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       # taz.de -- Narrative zur Selbstdarstellung: Perfides Bullshit-Dreieck
       
       > Politiker:innen wie Wagenknecht und Trump definieren Menschen als
       > Opfer von schlechter Politik. Um sich selbst als Retter:innen
       > darzustellen.
       
   IMG Bild: Inszeniert sich gerne als Retterin – Sahra Wagenknecht, kürzlich verglichen mit Königin Nofretete
       
       Kürzlich sah ich ein Bild, auf dem das Profil der [1][Politikerin Sahra
       Wagenknecht] neben einer Büste der ägyptischen Königin Nofretete zu sehen
       war. Die „stoische Ruhe“ Wagenknechts, so hieß es im begleitenden
       Zeit-Artikel, erinnere schon immer an Nofretete, die mächtige Herrscherin
       im alten Ägypten. Als ich dieses Bild sah, dachte ich: Der Archetyp des
       Retters ist so mächtig, dass er nun schon auf eine eher mittelmäßige
       Politikerin wie Sahra Wagenknecht projiziert wird. Deutschland sucht die
       Retterin.
       
       Die Figur einer rettenden Person findet sich überall wieder, in
       persönlichen Beziehungen, im Büro, in Partnerschaften – und ganz besonders
       in der Politik. Diese Figur existiert aber nie allein. Sie ist untrennbar
       mit zwei weiteren Figuren verbunden: dem Opfer und dem Bully. Einfach
       gesagt: Das Opfer braucht den Retter, der Bully ist der Böse. Eine
       allgegenwärtige Dreieckskonstellation. Das Dreieck, das beispielsweise von
       Sahra Wagenknecht bedient wird, sieht so aus: Das Opfer sind „die“ Menschen
       in Deutschland, der Bully sind Politiker:innen aller anderen Parteien,
       an allererster Stelle [2][die Grünen].
       
       So sagte Wagenknecht Anfang September in einem Spiegel-Gespräch, dass die
       Grünen gefährlicher seien als die AfD, „weil sie im Unterschied zur AfD
       regieren und natürlich in den letzten Jahren auch in vielerlei Hinsicht
       Weichen gestellt haben“. Und weiter: „Das, was die Grünen an Klima- und
       Umweltpolitik verkörpern, das empfinden sie [die Wähler, die Red.] als
       undurchdacht, verlogen und nicht in sich konsistent.“ Opfer: die Wähler.
       Bully: die Grünen. Ergo ist die Retterin: sie selbst.
       
       Eine zentrale Sache zum Opfer-Bully-Retter-Dreieck: Es ist ein
       Bullshit-Dreieck. Es ist nicht echt. Es hat mit der Realität nichts zu tun.
       Denn wer Opfer, wer Bully und wer Retter ist, hängt immer davon ab, wen man
       fragt. Fragt man einen Grünen-Anhänger, würde der wahrscheinlich sagen:
       Opfer, das sind die Grünen. Bully: Sahra Wagenknecht. Retter:
       möglicherweise die Wähler. Eine Grünen-Politikerin würde vielleicht sagen:
       Opfer: die Wähler. Bully: Sahra Wagenknecht. Retter: die Grünen. Alles
       Bullshit. Alles nicht echt. Weil alles real ist, ist nichts real. Das
       Bullshit-Dreieck ist aber leider sehr wirkmächtig.
       
       ## Allmacht des Opfernarrativs
       
       Das liegt auch daran, dass der Archetyp des Opfers sehr verlockend und
       damit sehr stark ist. Er klebt an der menschlichen Psyche wie Kaugummi an
       Haaren. Es braucht viel Bewusstsein und Arbeit am Selbst, um es
       loszuwerden. Als Opfer kann man allen anderen die Schuld geben. Die Ampel
       ist schuld, die AfD ist schuld, Olaf Scholz ist schuld, die Grünen sind
       schuld. Man selbst leidet, weil andere dumm/gemein/inkompetent sind. Donald
       Trump ist in der politischen Welt wohl eines der anschaulichsten Beispiele
       für die Allmacht des Opfernarrativs. Joe Biden spaltet, Kamala Harris
       zerstört das Land, Richter:innen, die ihn verurteilen, sind „dumm“,
       „gefährlich“, „Marionetten“. Donald Trump ist alles gleichzeitig, Opfer,
       Retter und Bully – je nachdem, wen man fragt.
       
       Nach dem TV-Duell mit seiner Konkurrentin Kamala Harris Anfang September –
       bei dem Trump allen Umfragen zufolge weitaus schlechter performte als
       Harris – schrieb er auf seiner Plattform Truth Social, in der Debatte
       hätten „drei gegen einen“ gekämpft. Die beiden Moderator:innen hätten
       also auf der Seite von Harris gestanden. [3][Donald Trump, das Opfer,] wie
       so oft. Es ist, und das zeigt sich an Trump gut, vermeintlich leichter, die
       Schuld für den eigenen Schmerz auf andere zu projizieren und ihnen die
       Verantwortung zu geben. Und weil es so verführerisch ist, sich als Opfer zu
       fühlen und darzustellen, folgen viele Menschen dieser Erzählung.
       
       Sich als Opfer zu fühlen, gibt einem Menschen das Gefühl, im Recht zu sein,
       alles richtig zu machen, sich nicht zu hinterfragen. Das mag sich gut
       anfühlen, heißt am Ende allerdings nur, dass man die Macht über das eigene
       Fühlen, Denken, Handeln an andere abgibt – an die Politik, den Ehepartner,
       die Chefin. Eben an alle, die schuld daran sind, dass es mir nicht gut
       geht. Nur man selbst hat überhaupt keine Macht mehr über das eigene Leben.
       Stärker kann man sich selbst kaum abwerten. Und eines ist garantiert: Man
       wird nie wachsen, sich verändern, stärker oder gar weiser werden. Sich als
       Opfer zu fühlen und sich womöglich sogar darin zu suhlen – Stichwort Donald
       Trump –, ist Ausweis größtmöglicher emotionaler Unreife.
       
       ## Es gibt keine Lösungen
       
       Dieses allzu schmackhafte Opfernarrativ wird von Politiker:innen wie
       Sahra Wagenknecht, Donald Trump, Friedrich Merz, [4][Björn Höcke] und
       vielen anderen sehr geschickt ausgenutzt. Sie inszenieren sich als Retter.
       Björn Höcke und Donald Trump machen das so offensichtlich, dass sie sich
       sogar mit Jesus oder dem Allmächtigen vergleichen – dem ultimativen Retter
       sozusagen. Und so wundert es nicht, dass Sahra Wagenknecht das destruktive
       Opfernarrativ von Menschen füttert.
       
       Politiker:innen konstruieren das Bullshit-Dreieck, weil sie dadurch
       weniger Arbeit leisten müssen, um Macht zu erlangen. Es ist nicht
       notwendig, politische Leistungen zu erbringen, um Wählerstimmen zu
       erhalten. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) kam nur wenige Monate nach
       seiner Gründung bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen auf
       Ergebnisse zwischen 11 und 16 Prozent. Dank Bullshit-Dreieck. Ihr armen
       Opfer, wir retten euch. Den „Retter:innen“ geht es nicht um die
       Menschen.
       
       Es geht der Person, die sich als Retterin inszeniert, allein um sich – um
       die eigene Macht, um ihr Selbstbild, darum, gemocht, gesehen, geliebt zu
       sein. Im Bullshit-Dreieck lassen sich keine Lösungen finden: Es gibt kein
       Mitgefühl, keine Rationalität und kein Miteinander. Es gibt nur Drama.
       Menschen, die sich retten lassen wollen, verlieren sich. Sie stellen die
       Identität des „Retters“ über die eigene Identität, über die eigenen Werte.
       Es geht nur noch darum, wer der Retter ist. Nicht darum, wer man selbst
       ist. Sahra Wagenknecht ist keine gute Politikerin. Nur das Bullshit-Dreieck
       – das beherrscht sie perfekt.
       
       17 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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