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       # taz.de -- Schwimmkurse für Flüchtlinge auf Lesbos: Das Meer zurückgewinnen
       
       > Auf der griechischen Insel lernen Geflüchtete nach ihren traumatischen
       > Erfahrungen, wieder eine Beziehung zum offenen Wasser aufzubauen.
       
   IMG Bild: „Yoga and Sport With Refugees“ bietet auf der griechischen Insel Lesbos Schwimmkurse an
       
       Im Schatten eines verlassenen Hangars stehen 30 Menschen. Vor ihnen ist
       kristallklares Meer. Sie alle tragen Badekleidung und stellen sich
       nacheinander vor: „Ich bin Salah*, ich komme aus Syrien, und ich kann
       schwimmen“, ruft ein sportlicher junger Mann stolz.
       
       Sie sind Schwimmer, Schwimmerinnen, Lehrer und Lehrerinnen des
       Schwimmkurses, der von der NGO [1][Yoga and Sport with Refugees] (YSR)
       organisiert wird. Seit 2018 ist sie auf der griechischen Insel Lesbos
       aktiv.
       
       Der Strand spiegelt die blendend weiße Julisonne. Viele tragen Badeschuhe,
       jemand trägt eine Schwimmbrille. „Ich bin Hossein*, ich komme aus dem
       [2][Iran] und kann nicht schwimmen“, sagt ein großer, dünner Mann mit
       verschränkten Armen. „Ich bin Hasan*, ich komme aus [3][Afghanistan], und
       ich kann ein bisschen schwimmen“, sagt ein anderer lächelnd.
       
       Unter Anleitung der Schwimmlehrer gehen alle zusammen zum Wasser. Zwei
       Schüler tragen bereits Flossen und ahmen einen militärischen Schritt nach.
       Sie sind ihrem Niveau nach in Gruppen eingeteilt: von den Anfängern, die
       sich erst mit dem Wasser vertraut machen müssen, bis hin zu den
       Fortgeschrittenen, die sich einfach nur perfektionieren wollen. Am Ufer
       zögert mancher. „Lasst uns langsam hineingehen, keine Eile“, sagt Salah,
       der schon bis zur Hüfte im Wasser steht und mit den Augen den unsicheren
       Schritten seiner Kameraden folgt.
       
       ## Tägliche Fortschritte
       
       „Die Wurzeln von YSR liegen im Schwimmen“, sagt Estelle Jean aus
       Frankreich, Gründerin der Organisation. „Im Jahr 2016 kamen Tausende
       Menschen über das Meer, vor allem im nördlichen Teil der Insel, wo die
       türkische Küste nur zwölf Kilometer entfernt ist. Spontan hatten sich
       Rettungsteams gebildet.“ Sie erklärt, dass aus dieser Erfahrung das
       Schwimmprogramm auf Lesbos entstand: „Das Ziel war es, das Schwimmen zu
       lehren, aber es ging auch darum, denjenigen, die das Meer überquert haben
       wie auch ihren Rettern, die Möglichkeit zu geben, nach traumatischen
       Erlebnissen ihre Beziehung zum Meer wiederherzustellen.“
       
       Jede Gruppe hat einen Coach, der seine Schüler aufmerksam begleitet. „Tag
       für Tag verbessern sie sich“, erzählt Sara Balamurugan, Freiwillige aus
       Frankreich, ohne dabei die Gruppe aus den Augen zu verlieren. Zwei Anfänger
       üben das Schwimmen, während ein paar Meter weiter drei junge Schwimmer am
       Ufer sitzen und die richtige Bewegung ihrer Beine trainieren. Zwei
       erfahrenere Schüler schwimmen mit nur wenigen Zügen hinaus, zusammen mit
       einem Lehrer.
       
       Die kleine Bucht wird im Osten von einer weißen Klippe umschlossen, während
       sich im Westen die Küste vom alten Industriegebiet bis zur Burg von
       Mytilini erstreckt. Die Türkei erhebt sich hinter der Ägäis, am Horizont.
       
       Salah schwimmt im Schmetterlingsstil ans Ufer zurück und hebt regelmäßig
       alle zwei Schwimmzüge seinen Kopf und seine Arme. „Du solltest die Position
       deiner Hände im Schwimmzug korrigieren“, erklärt ihm Luiza Lena Benz,
       Schwimmtrainerin griechisch-schwedischer Herkunft, die richtige Haltung.
       Salah hört ihr zu, imitiert ihre Bewegungen und setzt sich dann zum
       Ausruhen ans Ufer.
       
       ## Schwimmend aus der Türkei
       
       „Ich liebe das Schwimmen“, sagt er, „ich bin ganz gut, weißt du, ich kann
       dorthin schwimmen.“ Er lächelt und zeigt auf die blauen Berge jenseits des
       Meeres. „Ich kam schwimmend aus der Türkei“, sein Ton wird ernster, „es
       dauerte sechs Stunden. Es war hart, aber ich hatte ein kleines Floß, das
       mir geholfen hat.“
       
       Am 29. Juni fand eine internationale Sportveranstaltung statt, [4][„Swim
       for good 2024“], ins Leben gerufen von YSR. Eine zwölf Kilometer lange
       Schwimmroute ist das, die auf die gefährliche Reise aufmerksam machen soll,
       die viele Menschen zur Flucht auf sich nehmen müssen. Viele Athleten und
       Athletinnen aus verschiedenen Ländern folgten dem Aufruf, dieser
       Schwimmwettkampf fand gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Welt statt –
       von Paris bis Singapur, von Kampala bis Kopenhagen und natürlich auf
       Lesbos. Entlang der Küste der griechischen Insel schwammen 54 Menschen,
       darunter auch [5][Yusra Mardini], syrische Schwimmerin und
       Olympiateilnehmerin.
       
       Ihre Teilnahme hat eine tiefe Bedeutung. Sie kehrte zum ersten Mal auf die
       Insel zurück, auf der sie 2015 als Asylbewerberin ankam, und sie tauchte
       ein in dasselbe Meer, in dem sie damals sich und ihre Mitmenschen dank
       ihrer eigenen Schwimmfähigkeiten vor dem Untergang gerettet hatte.
       
       Aber Yusras Engagement beschränkt sich nicht nur auf die Teilnahme an
       diesem Schwimmwettkampf. Die Stiftung, die ihren Namen trägt und sich auf
       die Förderung des Sports für geflüchtete Menschen konzentriert, unterstützt
       das Programm von YSR.
       
       ## Vielerlei Bedeutungen des Meeres
       
       In Küstennähe wird das Wasser trüber, Schwimmübungen wirbeln den
       schlammigen Meeresboden auf. Hasan* trainiert mit Mütze und Brille das
       Kraulschwimmen. „Ich bin schon immer gern geschwommen“, erzählt er. „In
       Afghanistan gibt es kein Meer, aber wir haben wunderbare Flüsse. Flüsse
       sind gefährlich, ich habe einen meiner Freunde verloren, der von der
       Strömung in einem Fluss mitgerissen wurde.“ Hasan wartet zusammen mit einem
       anderen Mann darauf, mit dem Schwimmbrett auf den Lehrer zuzugleiten. Ihre
       Oberkörper ragen aus dem Wasser, beide zittern, obwohl die Sonne die Haut
       verbrennt.
       
       Am Rand eines alten Piers bringt Jullian Lacey Lang, Schwimmlehrer aus den
       USA, der gerade unter den YSR-Freiwilligen angekommen ist, zwei Schülern
       aus Syrien die Kraultechnik bei. Fünf, sechs, sieben ausgestreckte Schläge,
       und Abdel* hebt den Kopf, um tief einzuatmen. „Bravo!“, ruft Jullian aus,
       „die Bewegung der Arme ist perfekt, du bist stark, aber vergiss nicht zu
       atmen.“
       
       Emilie Bottini sitzt am Ufer und beobachtet die Trainingseinheiten. „Hier
       ist Schwimmen eine Schlüsselaktivität, Wasser kann für diese Menschen
       vielerlei Dinge bedeuten: das Meer, das sie überquert haben, um hierher zu
       gelangen, das Meer, das das Camp umgibt, in dem sie eingesperrt sind“, sagt
       Emilie. Sie arbeitet bei der Organisation [6][Terra Psy] und kümmert sich
       dort um psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung. „Wasser ist
       oft mit traumatischen Erfahrungen verbunden, aber zugleich ist es das Meer,
       in dem die Menschen auf der Insel Momente der Geselligkeit, des Vergnügens
       und der Freiheit finden.“
       
       Emilies Organisation Terra Psy ist im Gemeindezentrum von Paréa tätig. „Wir
       veranstalten Workshops, in denen wir die Menschen bitten, die Augen zu
       schließen und sich vorzustellen, sie wären im Wasser. Wir versuchen, ihre
       Beziehung zu diesem grundlegenden Element wiederherzustellen. Heute bin ich
       hier, um zu helfen, aber vor allem, um zu lernen und neue Ideen für unsere
       Workshops zu finden.“ Sie berichtet, dass aktuell etwas mehr als 800
       Menschen im [7][Mavrovouni]-Zentrum untergebracht sind.
       
       ## Rückgang der Flüchtlinge
       
       Nachdem dieses Zentrum im vergangenen Dezember mit rund 6.000 Menschen im
       Zentrum erneut einen Höhepunkt der Überbelegung erreicht hatte, hat sich
       der immense Andrang in den Sommermonaten drastisch reduziert. „Wir merken
       diesen Rückgang der Asylbewerber auch an der geringeren Teilnahme an
       sportlichen Aktivitäten“, berichtet Renia Vogiatzi,
       Freiwilligenkoordinatorin der YSR. „Es ist gut, dass das Lager nicht
       überfüllt ist, besonders jetzt bei dieser Hitze, und es ist auch gut, dass
       die Asylverfahren beschleunigt wurden“, fährt sie fort, „aber, dass es
       weniger Menschen sind, liegt auch daran, dass die Pushbacks der
       griechischen Küstenwache weitergehen. Noch nie war die Insel so voll von
       Touristen, vor allem aus der Türkei, weshalb auch beschlossen wurde, die
       Anzahl von Asylbewerbern auf Lesbos zu reduzieren.“
       
       Agnese Ottaviani ist Juristin und arbeitet für eine große
       Versicherungsgesellschaft in Italien. Sie hat schon immer Kindern das
       Schwimmen beigebracht und sich entschieden, ihre Ferien als Freiwillige auf
       Lesbos zu verbringen. Heute kamen zwei Brüder aus Palästina zum
       Schwimmunterricht. Der Jüngere ist 7 Jahre alt und kann nicht schwimmen,
       der Ältere ist 17 und verfolgt mit Sorge die ersten Schritte seines kleinen
       Bruders im Wasser. Nach und nach gewinnt der Jüngere an Selbstvertrauen und
       beginnt für ein paar Sekunden zu tauchen. „Er ist sehr mutig, ich habe
       viele ängstliche Kinder gesehen, er wird bald schwimmen lernen“, sagt
       Agnese. Der ältere Bruder kann sich entspannen und schließt sich einer
       Gruppe an, in der Fortgeschrittene schwimmen.
       
       Währenddessen wird die Luft kühler. Die Schatten der Ruinen, die am Ufer
       stehen und zwischen denen Feigenbäume wachsen, erstrecken sich über den
       Strand. Einige Menschen sind früher aus dem Wasser gekommen, um die süßen
       Früchte zu pflücken, während andere hartnäckig weiter trainieren. In der
       Nähe des alten Piers spielt eine große Gruppe Ball. Mit Lachen und
       Planschen haben Anfänger, erfahrene Schwimmer, Schwimmerinnen, Lehrer und
       Lehrerinnen gemeinsam Spaß, bevor sie den Strand verlassen.
       
       Nur Salah, der gute Schwimmer aus Syrien, ist noch im Meer. Er schwimmt mit
       geschlossenen Augen, macht lange Zügen, wie in einem Tanz, dessen Rhythmus
       sich reduziert, bis er zum Stillstand kommt. Dann streckt er sich wie ein
       Stern auf der Oberfläche aus, schaut in den Himmel und wird Teil des
       Meeres.
       
       * Name geändert 
       
       Übersetzung: Isabella Zborka
       
       15 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://yogasportwithrefugees.org/
   DIR [2] /Schwerpunkt-Iran/!t5007776
   DIR [3] /Schwerpunkt-Afghanistan/!t5008056
   DIR [4] https://www.betterplace.org/de/projects/134840-swim-for-good-2024-auf-lesbos
   DIR [5] /Schwimmende-Fluechtlingshelferin/!5529259
   DIR [6] https://www.terrapsy.org/
   DIR [7] /Fluechtende-in-der-EU/!5853835
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dario Antonelli
   DIR Giacomo Sini
       
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