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       # taz.de -- Buch über Konflikte in der Gesellschaft: Der Transformationsblues
       
       > AfD, Klimastreit, Bauernproteste: Vier Wissenschaftler*innen haben
       > die Verwerfungen um die sozial-ökologische Transformation untersucht.
       
   IMG Bild: Der Wunsch nach Zäsur von rechts: Wahlplakat der AfD in Thüringen im August 2024
       
       Sachsen im Hochsommer. Alle paar Meter grüßt ein aggressives Wahlplakat.
       Die AfD findet „Keine Heizung ist illegal“, die rechtsextremen Freien
       Sachsen wollen ausländische Kriminelle „nach Berlin abschieben“. Auf
       anderen Plakaten wird über Lastenfahrräder, Bioessen und Gendersternchen
       hergezogen.
       
       Wer wissen will, warum es gerade die Grünen sind, die derzeit nicht nur
       [1][im Osten zur Zielscheibe politischer Hetze werden], sollte die
       soziologische Analyse von vier Wissenschaftler*innen der Universität
       Jena lesen. Dennis Eversberg, Martin Fritz, Linda von Faber und Matthias
       Schmelzer haben in einer repräsentativen Umfrage 4.000 Menschen zu ihren
       Einstellungen und Gefühlen bezüglich des gesellschaftlich-ökologischen
       Wandels sowie zu ihren Alltagsgewohnheiten und sozio-ökonomischer Situation
       befragt.
       
       Die Ergebnisse haben sie in dem Band „Der neue sozial-ökologische
       Klassenkonflikt“ zusammengefasst, der eine Art Mentalitätslandkarte
       Deutschlands entwirft.
       
       Heiter ist diese Landkarte nicht gerade: Die sozial-ökologische
       Transformation der Gesellschaft drohe zu scheitern, schreiben die
       Autor*innen. [2][Im Gegensatz zur vielbeachteten „Triggerpunkte“]-Analyse
       der Wissenschaftler*innen [3][um Steffen Mau, die Ende 2023 noch eine
       stabile Mitte und einen Konsens für notwendige Veränderungen in der
       deutschen Bevölkerung vorfanden], sieht das Quartett aus Jena diesen
       Konsens nun „ausgehöhlt“.
       
       Und das nicht nur an den politischen Rändern: Die
       Wissenschaftler*innen sprechen von einer „gemeinsamen Frontstellung
       gegen eine Klima- und Transformationspolitik, die als sozial unausgewogen,
       übereilt und ideologiegetrieben wahrgenommen wird“.
       
       ## Wohlhabende gegen „einfache“ Leute?
       
       Wohlhabende städtische Grünenwähler*innen gegen überforderte
       „einfache“ Leute? So einfach ist es laut den Autor*innen nicht. Der
       Konflikt um einen klimagerechten Umbau des Landes finde nicht nur von oben
       nach unten statt – sondern genauso auf der Horizontalen, zwischen einem
       „materiell-eigentumsbasierten“ und einem „postmateriell-bildungsbasierten“
       Lager. Während die einen von Geschwindigkeit und Ausmaß des
       gesellschaftlichen Wandels überfordert sind, blicken die anderen
       optimistisch auf Veränderungen.
       
       Dieser Veränderungskonflikt werde politisch und medial allerdings
       überbetont und falsch dargestellt, finden die Autor*innen. So sei das
       ökosoziale Spektrum sehr uneinheitlich und die pauschale Unterstellung von
       sozialer Unsensibilität ungerechtfertigt: Viele Wohlhabende träten sehr
       wohl für sozialen Interessensausgleich ein – andere wieder lebten
       ökonomisch prekär und seien eher konservativ-verzichtsorientiert
       eingestellt.
       
       Nach Ansicht der Autor*innen verläuft der Konflikt nicht ideologisch
       zwischen Grünen- und AfD-Wähler*innen, wie gängige Analysen behaupten. Die
       entscheidenden Widerstände gegen transformative Politik kämen aus den
       Zentren wirtschaftlicher Macht und von einer besitzenden Klasse; gegen eine
       angemessene Beteiligung großer Vermögen an den Kosten, gegen Sozialbindung
       und verbindliche Regeln.
       
       Ein Verteilungskonflikt also, auf Kosten derer, die im Buch als „innere“
       und „äußere Peripherie“ bezeichnet werden: Pflege- und
       Dienstleistungsbeschäftigte, landwirtschaftliche Saisonkräfte, Mittellose
       und diejenigen, die anderswo die Grundlagen unseres Wohlstands
       erwirtschafteten.
       
       ## Verschleierte Interessenspolitik
       
       FDP und Union und AfD versuchten von dieser Konfliktdimension abzulenken,
       indem sie die im übergeordneten Überlebensinteresse aller liegende
       Klimapolitik zum Spezialanliegen der Grünen umdeuteten – und so die
       Interessen wohlhabender Eigenheim- und Autobesitzer*innen schützten.
       
       Kann es unter diesen Vorzeichen eine Klimawende überhaupt geben? Die Jenaer
       Autor*innen bejahen das sehr vorsichtig und geben politische
       Empfehlungen: Keine Moralappelle an die Einzelnen, sondern verbindliche
       politische Weichenstellungen für alle samt Ausbau einer
       ressourcenschonenden öffentlichen Infrastruktur. Umverteilung durch höhere
       Belastung der Vermögens-und „Vermschmutzereliten“. Mehr demokratische
       Partizipation statt Werben um „Akzeptanz“.
       
       Dann, und nur dann, könnte die ökosoziale Transformation, so schlecht sie
       derzeitig politisch durchsetzbar sei, doch noch gelingen.
       
       31 Aug 2024
       
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