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       # taz.de -- Soziologin über Obdachlosigkeit: „Gewalt steigt in sozialen Krisen“
       
       > Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu. Hier müssten soziale Krisen und
       > autoritäre Strukturen zusammengedacht werden, sagt die Soziologin Saskia
       > Gränitz.
       
   IMG Bild: Schlafplatz eines Obdachlosen in Freiburg
       
       taz: Frau Gränitz, Sie forschen zum Thema Obdachlosigkeit. Zuletzt haben
       immer wieder Gewalttaten gegen obdachlose Menschen für Empörung gesorgt.
       Vor ein paar Wochen erst haben zwei junge Männer in Aschaffenburg eine
       halbe Stunde lang auf eine obdachlose Person eingeprügelt und ihre Tat
       sogar gefilmt. Warum greifen Menschen andere schutzlose Menschen in Not an? 
       
       Saskia Gränitz: Man könnte diese Gewalt psychoanalytisch fassen als
       Ergebnis von Projektionen: Wir sehen an jemandem eine Schwäche, die wir bei
       uns selbst nicht zulassen können. Weil wir uns selbst nicht zugestehen, im
       Leben auch einmal zu scheitern, müssen wir diese Schwäche verfolgen. Gerade
       in autoritären Konstellationen, ob in Kleingruppen oder größeren
       gesellschaftlichen Kontexten, passiert das.
       
       taz: Laut Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) ist die
       Gewaltkriminalität gegen obdachlose und wohnungslose Menschen von [1][2018
       bis 2023 um 36,8 Prozent gestiegen]. Allein im letzten Jahr wurden 885
       Gewalttaten registriert. Wie erklären Sie sich das? 
       
       Gränitz: Das sind ja nur die offiziellen Zahlen. Es gibt einen Graubereich,
       weil sich Betroffene aus Angst oft nicht bei der Polizei melden. Die Gewalt
       steigt in sozialen Krisen: In den Neunziger- und Nullerjahren, also im Zuge
       der Vereinigung, gab es bundesweit rassistische Gewalttaten, aber speziell
       in Ostdeutschland bis in die Nullerjahre auch viele Morde an obdachlosen
       und alkoholkranken Menschen. Die Stimmung war aufgeheizt durch die
       Hartz-Reformen und sozialchauvinistische Mediendebatten über Menschen, die
       vermeintlich nicht arbeiten wollen. Wenn es heute einen Anstieg bei
       Gewalttaten gegen obdachlose Menschen gibt, dann auch im Kontext einer
       gesellschaftlichen Vielfachkrise, die viele ökonomisch spüren und die zu
       einer Verrohung führt.
       
       taz: Warum sind es oft junge Männer, die Obdachlose angreifen? 
       
       Gränitz: Es gibt eine männliche Selbstwahrnehmung, die den eigenen Körper
       als Panzer versteht. Man stellt Härte her und kultiviert diese, indem man
       bestimmte abgewehrte Selbstanteile projiziert und etwa Frauen misogyn
       abwertet. Alles, was einem dann zu nahe kommt und diesen Körperpanzer zu
       zerbrechen droht, Schwäche zum Beispiel, wird als Bedrohung wahrgenommen
       und gewaltsam bekämpft.
       
       taz: Sie forschen zu rechter Gewalt im Zuge der ostdeutschen Transformation
       und zu Ressentiments gegen Obdachlose im gesamtdeutschen Kontext. Wie
       hängen diese Themen zusammen? 
       
       Gränitz: Damals ist eine Generation unter besonderen biografischen
       Bedingungen in die Wende gestolpert. Sie hatte gerade den Kindergarten oder
       die Schule abgeschlossen, als sie in eine Konstellation kam, die ihr
       niemand erklären konnte. Die Elterngeneration hatte keine Ahnung von dem,
       was kommt. Alle waren überfordert. Die Kinder sind in vielen Punkten ohne
       Elternfiguren aufgewachsen, obwohl ihre Eltern physisch präsent waren. Aber
       sie waren sehr mit sich selbst beschäftigt. Es entstanden leere Räume, die
       zu rechten Räumen wurden, wo Jugendliche Rückhalt in autoritären
       Gruppenstrukturen suchten. Damit wollten sie Ordnung ins Chaos bringen.
       
       taz: Welchen Einfluss hat das Elternhaus auf das gewalttätige Verhalten
       junger Menschen? 
       
       Gränitz: Es hilft, psychologische und soziale Faktoren zusammenzudenken.
       Wenn Menschen gewalttätig werden, dann nicht nur wegen der Erziehung,
       sondern immer in einer gesellschaftlichen Situation, in der diese
       wirkmächtig wird. Die Abwesenheit von Eltern meint im Ostdeutschland der
       1990er Jahre nicht unbedingt, dass diese wirklich weg waren. Es geht auch
       um prekäre Lebensverhältnisse. Eltern können abwesend sein, weil sie
       depressiv sind. Wenn die Mutter für mehrere Wochen in eine Klinik
       verschwindet, ohne dass jemand den Kindern erklärt, warum. Die Kinder haben
       dann keine Sprache für das, was passiert. Wenn man keine Sprache für die
       eigenen Affekte hat, verfällt man ins Agieren, also man handelt, ohne zu
       denken. Gewalt kann nicht allein auf gewalttätige Eltern zurückgeführt
       werden. Während ein Kind mit einem autoritären Vater, der es schlägt, noch
       eine Art Beziehung hat, entwickeln Kinder ohne anwesende Eltern oft gar
       kein Gefühl für Beziehungen. Sie können keine Beziehungen aufbauen und
       nicht gut trennen zwischen sich selbst und anderen Personen. Beides kann
       Nährboden für Autoritarismus sein.
       
       taz: Lässt sich das problematische Verhältnis zu Autoritäten auf die
       politische Ebene übertragen? 
       
       Gränitz: Die alten „Volksparteien“ verlieren an Zustimmung, eine autoritäre
       Partei gewinnt diese dazu. Nicht nur im Osten. Es gibt Menschen, die können
       schwache Autoritäten nicht ab. Sie bringen diese alten Autoritäten deshalb
       zu Fall und suchen sich neue Autoritäten, die wiederum irgendwann auch als
       zu schwach erscheinen und ersetzt werden müssen. Das ist eine Grundstruktur
       des autoritären Habitus.
       
       taz: Die Zahlen des BMI zeigen auch, dass die Gewalt gegen Frauen, die
       obdach- oder wohnungslos sind, in den vergangenen fünf Jahren um 46,2
       Prozent gestiegen ist. Stärker als bei Männern mit 34,8 Prozent. Sind
       Frauen besonders betroffen von der Gewalt? 
       
       Gränitz: Frauen sind in der Forschung zur Obdachlosigkeit lange nicht
       vorgekommen. Man hat gedacht, es gibt gar keine weiblichen Obdachlosen.
       Auch Hilfesysteme waren nur auf Männer ausgerichtet, denn Frauen
       organisieren ihre Obdachlosigkeit oft eher so, dass sie nicht sichtbar
       sind, auch für den Staat und die Behörden. Sie wollen nicht auffallen.
       Damit sind sie besonders verwundbar.
       
       taz: Hilft ein historischer Blick, um die heutige Gewalt gegen obdachlose
       Menschen zu verstehen? 
       
       Gränitz: Im Nationalsozialismus gab es eine Opfergruppe, die lange nicht
       als solche anerkannt wurde. Diese Menschen wurden mit schwarzem Winkel
       markiert und als „Asoziale“ verfolgt. Das waren obdachlose oder
       alkoholkranke Menschen, aus antiziganistischen Motiven verfolgte Personen,
       aber auch Sexarbeiterinnen. Hier wurden viele verschiedene Feindbilder
       zusammengewürfelt. Den Nazis selbst war nicht ganz klar, wo die Grenzen
       dieser Gruppe verlaufen. Wenn wir die Gewalt der Gegenwart verstehen
       wollen, müssen wir uns fragen, inwiefern Ideologien der NS-Zeit heute
       fortwirken. Vorstellungen wie „Wer nicht arbeitet, bekommt auch keine
       Hilfe!“ Oder Ideen der Eugenik, die besagen, dass manches Leben
       lebenswerter sei als anderes. Da sind wir an manchen Punkten gar nicht weit
       weg heute. Viele Affekte, die zu Gewalttaten führen, haben eine lange
       Geschichte. Sie liegen in Familien begraben, in denen nie über den
       Nationalsozialismus und die eigene Täterschaft gesprochen wurde.
       
       taz: Wie könnte ein besserer Umgang mit Obdachlosigkeit aussehen? 
       
       Gränitz: Auch obdachlose Menschen sind obdachlos geworden, nicht obdachlos
       geboren. Das wird ausgeblendet. Wenn Menschen den Zusammenhang zwischen
       ihren Erfahrungen und dem Leid von obdachlosen Menschen erkennen würden,
       wäre ein anderer Umgang möglich. Es geht darum, die Krisen der anderen mit
       der eigenen Krise und der großen gesellschaftlichen Krise zusammenzudenken.
       Natürlich ist es problematisch, dass der Wohnungsmarkt kapitalistisch
       organisiert ist. Obdachlosigkeit ist auch eine Frage von Regulierung. Würde
       man Eigentumsverhältnisse umstrukturieren, hätten die Kommunen mehr
       Wohnungsbestände und mehr Handlungsfähigkeit. Davon sind wir gar nicht so
       weit weg: Die Wohngemeinnützigkeit ist zurück und es kommt nun darauf an,
       sie in der Breite durchzusetzen, um das Abschmelzen der
       Sozialwohnungsbestände zu stoppen. Und in Berlin entsteht gerade von unten,
       aus der sozialen Bewegung heraus, ein Vergesellschaftungsgesetz.
       Schwieriger ist es mit den tiefenpsychologischen Strukturen, die uns von
       der frühen Kindheit an prägen und unser Handeln beeinflussen. Aber wenn man
       gesellschaftliche Krisen entschärft, verspüren Menschen zumindest weniger
       den Druck, auf autoritäre Bewältigungsmuster zurückzugreifen.
       
       11 Sep 2024
       
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