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       # taz.de -- Literatur aus Osteuropa: Sprung ins kalte Wasser
       
       > Zehn Schriftsteller:innen aus der Schwarzmeerregion sprechen über
       > Literatur in Zeiten russischer Aggression. Hier eine Auswahl ihrer Texte.
       
   IMG Bild: Eine Badeszene am Strand von Sochumi in Abchasien, 2013
       
       Das Schwarze Meer markiert seit jeher einen kulturell reichen und zugleich
       bitter umkämpften Raum zwischen Ost und West. Was aber verbindet die
       Menschen über Ländergrenzen hinweg, vor allem nach Beginn des russischen
       Angriffskriegs auf die Ukraine? Wie können sie weiter mutig ihre Stimme
       erheben, wenn auch das eigene Land Besatzungserfahrungen gemacht hat oder
       eine Invasion fürchtet? Und wie erreichen sie mit ihren unterschiedlichen
       Perspektiven die Welt? 
       
       Auf diese Fragen sucht das transkulturelle Literaturprojekt
       [1][„Geschichten vom Schwarzen Meer – Black Sea Lit“] Antworten. Dafür
       bringt das Goethe-Institut 2023 und 2024 zehn Autor*innen aus Armenien,
       Bulgarien, Georgien, Rumänien und der Ukraine anverschiedenen Orten
       zusammen, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen. 
       
       Zuletzt trafen sich die Autor*innen im Juni zu einer einwöchigen
       Residenz am Sewansee in Armenien, in deren Rahmen auch diese Texte
       entstanden sind. Als Kuratorinnen begleiten das Projekt die
       deutsch-georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili (2023) und die
       deutsch-armenische Schriftstellerin Laura Cwiertnia (2024). 
       
       ## Das Meer, ein runder Tisch
       
       Ich war fünfzehn, als ich erfuhr, dass Fische wandern. Es gibt eine Saison,
       in der die Fische ihr Meer verlassen und dabei in andere Meere und Gewässer
       ziehen. Und ich war neunzehn, als ich außer Landes reiste und feststellte,
       dass meine Sprache am anderen Ufer unbekannt war.
       
       Darin liegt eine Traurigkeit: Die Fische wissen, wie sie in ihre alten
       Gewässer zurückkehren können, aber die Menschen sind ständig in Bewegung,
       um Identität und Bestätigung zu finden, indem sie erzählen, wer sie sind
       und woher und warum sie gekommen sind, denn alle wollen ein sicheres und
       friedliches Leben, und das ist das Natürliche, das ist das Wichtige.
       
       Heute, fünfzehn Jahre später und dem Projekt „Black Sea Lit – Geschichten
       vom Schwarzen Meer“ sei Dank, trennt uns das Meer nicht länger, sondern es
       vereint uns. Seit zwei Jahren ist das Meer ein runder Tisch, an dem wir
       sitzen: Armen Hayastantsi und ich aus Armenien, Halyna Kruk und Ostal
       Slyvynsky aus der Ukraine, Ina Vultchanova aus Bulgarien, Archil Kikodze
       und Ekaterina Kevanishvili aus Georgien, Lisa Weeda aus den Niederlanden
       (sie hat ukrainische Wurzeln), Bogdan Coșa und Lavinia Braniște aus
       Rumänien.
       
       Hier haben wir die Gelegenheit, einander kennenzulernen und festzustellen,
       dass wir aufgrund von Kriegen den gleichen Schmerz empfinden, dass sich in
       unserer Vergangenheit Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede entdecken
       lassen, dass wir alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht und
       Schicksalsschläge durchlitten haben und deshalb unterschiedliche
       Vorstellungen und Narrative unter uns existieren.
       
       Armenien ist die letzte Station des Projektes, der Abschlussort. Das Meer
       Armeniens ist der Sewansee, der einen ins Staunen versetzt, weil er
       tatsächlich wie ein Meer aussieht. Deshalb nennen wir Armenier ihn auch das
       Gegham-Meer, eine große Wasserfläche inmitten des Gegham-Gebirges.
       
       Das Meer, unser runder Tisch. Hier haben wir einander jene Wörter
       beigebracht, die uns bis dahin getrennt hatten, wir haben gelernt, was wem
       gefällt und vor allem, was ihm oder ihr nicht gefällt. Hier haben wir uns
       selbst davon überzeugen können, dass zumindest in unserem Kreis Pazifismus
       überwiegt, aber letztlich ist der Weg dorthin unbekannt oder zumindest hat
       er sich sehr gut vor uns versteckt.
       
       An unserem runden Tisch haben wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Texte
       die Kraft haben, das dreckige Wasser zu klären, aber zuerst mussten sie
       übersetzt werden. Wir haben versucht, einander zu übersetzen: am Morgen, am
       Abend, sogar in den heißen Mittagsstunden. Diesen Versuch haben wir in
       Rumänien, Georgien, Armenien und Schweden unternommen, und sogar beim
       Internationalen Literaturfestival Odessa, das in Bukarest stattfand.
       
       Wir haben die übersetzten Fragmente Stück für Stück gelesen und aus unserer
       Geschichte heraus über unsere Geschichten gesprochen. Wir haben sogar
       versucht, mit unseren kleinen Beispielen über die großen Geschichten zu
       sprechen. Ist es uns gelungen? In unserem kleinen Kreis: ganz sicher.
       
       Wir haben untereinander durch Sprache eine Verbindung hergestellt, die von
       einem Ufer zum anderen eine Brücke schlägt, wenn auch nur eine kleine. Ich
       kenne die Lieder aus Bogdans Land, er kennt die Melodien aus meinem. Ich
       sehe Halynas Schmerz und sie weiß, dass ich ihn verstehe. Ich mache Späße
       mit Archil und er kennt die Hintergründe der Witze. Inmitten unserer Berge
       lese ich jetzt Archils Text auf Armenisch, dazu der Klang der Handvoll
       Wasser …
       
       Frieden bedeutet, dass wir einander verstehen und die Kluft zwischen uns
       verkleinern.
       
       Es ist Abend. Wir sitzen im Kreis um eine kleine Grube und wollen ein Feuer
       machen. Diese uralte Form des Beisammenseins ist in ihrer Vollkommenheit
       unübertroffen. Wo es ein Feuer gibt, da versammeln sich Menschen. Wo sich
       Schriftsteller:innen versammeln, da erzählen sie.
       
       Gibt es etwas Mächtigeres und Ergreifenderes, als an einem Ort um ein Feuer
       herum zu sitzen und zu erzählen?
       
       ## Das Feuer in unserem Inneren
       
       Feuer in der Ukraine, Feuer vor unseren Füßen, Feuer auf Halynas Gesicht,
       die am Sewansee einen Sonnenbrand bekam – Feuer in unserem Inneren, damit
       unsere Texte herauskommen, von Küste zu Küste reisen und dort weiterleben.
       
       In dieser kleinen Grube dieses große Feuer mit all seinen Bedeutungen vor
       unseren Augen, auf unseren Zungen. Hier ist Frieden möglich. Für die
       anderen Ufer muss diese Stimme zu hören sein, sie muss existieren.
       
       Morgen schon, wenn unsere gemeinsame Zeit vorüber ist, werden wir an unsere
       Ufer zurückkehren und die Erfahrungen von zwei Jahren Austausch mitnehmen.
       
       Vielleicht wird sich das Meer dadurch ein wenig beruhigen. Vielleicht
       versteht der zurückkehrende Fisch dann sein altes Gewässer besser. Und
       vielleicht beginnt das Wasser dann wieder, etwas schönere Geschichten von
       seinen Ufern zu erzählen.
       
       Wasser, dieses wunderbare Element, das nicht weiß, was es bedeutet,
       Eigentum zu sein. Anush Kocharyan
       
       Aus dem Armenischen übersetzt von Anahit Avagyan und Wiebke Zollmann.
       
       ## Sonne, Salzwasser und soziale Klasse
       
       Heutzutage klingt das absurd oder zumindest schwer vorstellbar, aber in
       meiner Jugend habe ich ernsthaft geglaubt, Leute wie wir könnten das Meer
       nur im Fernsehen erleben. Dass dort nur reiche Leute hindürften: Ärzte,
       Anwälte, Fußballprofis, Menschen, die es geschafft hatten im Leben.
       
       Noch heute höre ich meinen Vater eher schicksalsergeben als verbittert
       sagen: „Wer sind wir denn, ans Meer zu fahren? Ein Bauarbeiter und eine
       Verkäuferin. Arme Schlucker!“
       
       Damit bin ich sicher nicht allein: Ich kannte als Kind zumindest in unserem
       Viertel niemanden, der je ans Meer gefahren wäre.
       
       Sicher bekamen viele rumänische Kinder, die Söhne und Töchter von
       Proletariern, Ähnliches zu hören, wenn sie – in einem Augenblick der
       Träumerei oder des furchtlosen Überschwangs, kurz nach Anfang der Ferien,
       wenn der Sommer unendlich und voller Möglichkeiten schien – ihre Eltern
       fragten, ob sie nicht auch mal mit ihnen ans Meer fahren könnten; endlich,
       denn sonst war für sie ein Sommer wie der andere, den ganzen Tag lang
       spielen vor sozialistischen Plattenbauten, herumklettern auf den dicken
       Rohren, durch die im Winter der Wärmeträger strömte, um dann abends –
       voller Staub und Glaswolle und Rost – auf dem Teppich zwischen Elternbeinen
       zu lümmeln, während im Hintergrund ewig der Fernseher lief.
       
       Im Juni aß man Kirschen, verfolgte die Berichte über Badeurlauber, die
       verbrannt von der Sonne ins Krankenhaus mussten, und schloss daraus, dass
       die Betreffenden dort sowieso nichts verloren gehabt hatten, dass die Sonne
       sie aufgespürt und dafür bestraft hatte, dass sie sich als etwas anderes
       ausgaben als das, was sie in Wahrheit waren: arme Schlucker.
       
       Im Juli knackte man Aprikosenkerne und entrüstete sich einstimmig mit den
       großen Brüdern, wenn man hörte, was am Strand ein Eis kostet – und wenn man
       sah, wie fix und fertig die am Meer Gefilmten wirkten, lang hingestreckt
       auf Handtüchern und unter Sonnenschirmen schwitzend wie Wächter auf einem
       Melonenacker, es schauderte einen bei der Vorstellung, wie viel man
       schuften musste, um sich dort auch nur eine winzige Kugel zu leisten. (Kein
       Wunder, dass diese Leute gar nicht mal unbedingt glücklicher wirkten als
       die zu Hause gebliebenen Faulenzer.)
       
       Im August, das Gesicht halb in Wassermelone vergraben, wurde man ein wenig
       rot neben seiner Schwester, wenn man im Fernsehen die Frauen sah, die
       halbnackt, ja manchmal sogar oben ohne, im Sonnenaufgang am Strand
       herumhopsten, als hätte das Meer sie mit einem bösen Zauber verhext.
       
       Dann, im September, kamen sie wieder zur Besinnung, und Jahr für Jahr
       wurden dieselben Rentner an demselben verlassenen Strand interviewt, im
       Sonnenuntergang, bei pfeifendem Wind; alte Leute, die das ganze Jahr lang
       darauf sparten, sich die entzündeten Zehen in den schmutzigen, von Quallen
       und Algen verseuchten Wellen zu kühlen, doch vor allem, um sich daran zu
       erinnern, dass sie auch mal jung gewesen waren. Manche waren Ärzte gewesen,
       andere Anwälte – Menschen, die es im Leben geschafft hatten eben.
       
       ## Die wilden Neunziger
       
       Ja, weil in den wilden Neunzigerjahren – für mich eine Zeit voll trister
       Erinnerungen –, nun einmal alles eine Frage des Status war, war auch das
       Meer eine Frage des Status, so hatte ich es zumindest verstanden, so war es
       von Vater zu Sohn übermittelt worden, weshalb ich es bis ins Alter von
       neunzehn Jahren für bare Münze nahm.
       
       Erst dann, mit 19, an dem Tag, als ich meinen ersten Lohn kassierte, fasste
       ich den Mut, meinem Vater zu sagen, ich sei bereit, die 400 Kilometer
       Straße anzupacken, die zwischen unserer Kleinstadt und dem Schwarzen Meer
       lagen.
       
       Trotz seines Einspruchs – offiziell weil ich nicht schwimmen konnte,
       inoffiziell weil keiner aus unserer Sippe so etwas je getan hatte – brach
       ich also auf.
       
       Es war eine Initiationsreise, und die ließ sich nicht mehr aufschieben. Ich
       musste um jeden Preis ans Meer, das war mir so klar wie nie zuvor –
       allerdings nicht unbedingt, wie man meinen könnte, um es endlich zu sehen,
       und auch nicht um überteuertes Eis zu schlecken oder bei Sonnenaufgang wie
       verhext am Strand zu tanzen, sondern vor allem, um mich zu vergewissern,
       dass auch ich es schaffen würde im Leben, dass ich einen Studienplatz in
       Medizin bekäme oder in Jura. Dass ich kein armer Schlucker bleiben würde.
       
       Wenn ich heute zusehe, wie meine Tochter im Sand tollt und danach ohne
       jeden Hauch von Verlegenheit mit schmutzigen Füßen auf ihre Strandliege
       steigt, wie sie durch ihre Sonnenbrille mit den kätzchenförmigen Gläsern
       aufs Meer hinausschaut, ohne dabei auch nur ein einziges Mal daran zu
       denken, dass mindestens die Hälfte der Kinder in ihrem eigenen Land dieses
       Meer niemals sehen werden, obwohl es vielleicht nur einen Steinwurf von
       ihrem Zuhause liegt, überkommt mich dumpfe, konfuse Traurigkeit, und ich
       schwanke den ganzen restlichen Tag hin und her zwischen elender Schwermut
       und der rohen, heftigen Freude – die ich verbergen muss, für mich behalten,
       weil sie so eigennützig ist –, dass ich es geschafft habe. Dass das Meer
       für sie, für meine Tochter, das Natürlichste von der Welt ist und bleiben
       wird. Dass sie nie im Leben Strandurlaub an Pfützen spielen muss. Bogdan
       Coșa
       
       Aus dem Rumänischen übersetzt von Jan Schönherr.
       
       ## In Francies Reich
       
       Das erste, was ich sah, als wir aus dem Auto stiegen, waren die Möwen.
       Unmengen von Möwen, die in einem puren Entzücken am Himmel schwebten, als
       hätten sie einen ganzen Fischschwarm entdeckt. Sie schwebten eigentlich um
       den Rauch aus dem Schornstein des Fischrestaurants, das an der Autobahn
       zwischen den Bussen lag.
       
       Der See war von der Straße aus zu sehen, unten zwischen zwei Blechhütten –
       ein kleines Stück Wasser, eine kleine Bucht mit zwei Sonnenschirmen und
       einem Jetski. Das Ufer sah schäbig aus und das Wasser schmutzig. Und dann
       schaute ich nicht nach unten, sondern nach oben und sah den Sewansee –
       riesig, magisch, milchig grün, von allen Seiten von grauen kahlen Gipfeln
       und weißen Wolken umgeben. Ich nannte ihn: Francies See.
       
       Denn ich erinnere mich an diesen See, auch wenn ich ihn jetzt zum ersten
       Mal sehe.
       
       Ich denke an eine Begegnung mit Francie. In meiner Erinnerung sind Hitze,
       Wellen, die gegen das Ufer schlagen, und Sand, der überall am Körper klebt.
       Wir stehen nebeneinander am FKK-Strand von Sozopol an der bulgarischen
       Küste. Da sind nasse Haare und verbrannte Haut, da sind Freunde, die am
       Strand Bier trinken, und Francie, die ein langes weißes Kleid und einen
       Strohhut mit einer Schleife trägt.
       
       Francie kleidete sich immer wie eine Dame und ging sogar auf der Straße mit
       einem kleinen Sonnenschirm, damit ihr Gesicht nicht braun wurde. Francie
       war weiß und mollig und sah aus wie die Mutter der ganzen spindeldürren
       Bande in verblichenen Shorts und abgewetzten T-Shirts, die am Strand
       herumlungerte. Außerdem war Francie eine Schriftstellerin, das hat sie uns
       selbst gesagt.
       
       Ich glaubte ihr nicht so recht, denn ich war Studentin und kannte die Namen
       der meisten Schriftsteller, und von einer solchen Autorin hatte ich noch
       nie gehört. Aber Francie behauptete, sie habe bereits zwei Romane
       geschrieben und schreibe jetzt an einem dritten, über den Sewansee, einen
       See, der im Himmel liegt. Sie erzählte uns von dem See und von den
       Armeniern, wie sie auf der Flucht waren und wie ihr Volk nach Bulgarien
       kam. Sie sagte, sie würde eines Tages sehr reich werden und ein Haus am
       Schwarzen Meer bauen. Sie wolle es genau hier bauen, am Strand von Sozopol.
       
       Niemand konnte genau sagen, wann Francie scherzte und wann nicht, denn
       manchmal war sie furchtbar ernst und manchmal benahm sie sich wie ein
       neckisches Kind. Sie rannte ohne Kleidung am Strand entlang und rief „Guckt
       mal, eine nackte Schriftstellerin, guckt mal, eine nackte
       Schriftstellerin!“
       
       Francie ist die erste armenische Schriftstellerin, die ich kenne. Ich bin
       sicher, dass sie eine Schriftstellerin war, obwohl sie keine Romane
       veröffentlicht hat und ich nie ihren richtigen Namen erfahren habe. Francie
       kam im nächsten Sommer nicht mehr nach Sozopol und wir erfuhren, dass sie
       im Winter davor gestorben war. Aber von da an nannten wir den Ort, an dem
       wir am Strand immer wieder zusammengesessen hatten, Francies Haus, wenn
       auch ihr Haus schon irgendwo im Himmel war.
       
       Und jetzt bin ich hierher gekommen, um ihren himmlischen See zu sehen.
       
       Er ist so schön, wie sie ihn beschrieben hat, obwohl ich nicht glaube, dass
       sie ihn je gesehen hat. Ina Vultchanova
       
       Aus dem Bulgarischen übersetzt von Gergana Fyrkova.
       
       ## Azurblau, aber auch finster wie die Nacht
       
       Wenn man in den Bergen geboren und aufgewachsen ist, wird einem das Meer,
       die Erholung am Meer immer wieder zum Wunschtraum. Vielleicht bin ich aber
       in so einer Zeit oder so einer Familie aufgewachsen, wo in den Ferien nicht
       wir irgendwohin verreist, sondern immer nur die anderen zu uns gekommen
       sind – mein Vater meinte dazu, es gebe doch keinen besseren Ort zur
       Erholung!
       
       Keinen besseren Ort als in Radscha – der westlichen Gebirgsregion von
       Georgien.
       
       Also blieben wir zu Hause. Dort gab es immer viele Gäste und viel zu tun,
       dort gab es Berge und Wälder, eiskalte Flüsse und die Freundschaften mit
       den „Tbilisser Kindern“ – für uns die wichtigste Abwechslung. Diese Kinder
       verbrachten ihre Ferien zuerst am Meer und anschließend bei uns im Dorf
       oder umgekehrt, erst in den Bergen und dann am Meer. Ich aber blieb immer
       am gleichen Ort und dachte, das müsste so sein. Sogar, dass dies der beste
       Ort zur Erholung war.
       
       Ich wusste aber auch, dass es irgendwo in einer anderen Ecke unseres Landes
       das Meer gibt – das Schwarze Meer und in meiner Einbildung war es so
       schwarz wie die finstere Nacht.
       
       ## Und dann erblickte ich es
       
       So war das, bis ich das Meer eines Tages mit eigenen Augen erblickte.
       
       Von meiner Begegnung mit dem Schwarze Meer kommen mir drei Episoden in den
       Sinn, die mir alle erzählungswürdig scheinen.
       
       Die erste Begegnung war in Abchasien – am Strand von Sochumi. Ich erinnere
       mich, wie wir aus Tbilissi mit dem Zug hingefahren sind und sehr lange
       unterwegs waren. Das war ein Nachtzug und am frühen Morgen weckte mich die
       Stimme meiner Mutter. Ich sprang sofort zum Fenster und dieses Bild blieb
       so in meinem Gedächtnis haften – der Zug fährt auf einer Anhöhe entlang der
       Küste und unten schimmern das azurblaue Meer und das goldene Ufer.
       
       Mein Cousin, so alt wie ich, zeigt auf eine Bude am Strand und schreit: Da
       ist Opas Schießbude, da ist Opas Schießbude! Später waren wir öfter in der
       Schießbude zum Zielscheiben schießen und Plüschtiere gewinnen. Bis dahin
       schaute ich aber wie gebannt aufs Meer, das gar nicht schwarz und damals
       noch unser war.
       
       Ich wusste bereits, dass sich meine Eltern, ein Jahr vor meiner Geburt eben
       dort kennengelernt hatten und habe nun, nach Jahren, immer wieder das
       Gefühl, damals dort hingekommen zu sein, wo mein Ich „begonnen hat“.
       
       Nach diesen Sommerferien, die ich das einzige Mal am Meer verbrachte, bin
       ich nie wieder in Sochumi gewesen. Einige Jahre später brach der Krieg aus
       und wir verloren Abchasien – heutzutage ist dieses Stück Land von Russland
       besetzt und es leben dort keine Georgier mehr.
       
       Das zweite Mal musste ich eben in den Tagen des Kriegsausbruchs an das
       Schwarze Meer denken. Im Dorf erzählte man sich, das Kriegsecho halle durch
       die Berge bis zu uns hoch und diese Stimmen seien auf dem höchsten Berg
       sehr deutlich zu hören. Ich weiß nicht mehr, in wie vielen Nächten ich
       damals in die Dunkelheit hinein gelauscht habe, um dieses Geräusch zu
       vernehmen. Das war eine Illusion, aber wenn ich an den Krieg in Abchasien
       denke, taucht in meiner Vorstellung immer das Ufer auf, an dem wir damals
       unsere Sandburgen gebaut haben.
       
       Danach verstrichen mehrere Jahre und mit achtzehn begegnete ich dem
       Schwarzen Meer erneut, nur in einer anderen Stadt, an einem anderen Ufer in
       Batumi. Das Schwarze Meer verwandelte sich zu einem Kurort, wo ich nun
       jeden Sommer wenigstens ein paar Tage verbringe – das Meer wurde zu etwas
       Banalem, das seitdem weder in meinen Gedichten, noch in meinen Erzählungen
       aufgetaucht ist. Und so verblieben wir – ich für mich und das Meer für
       sich.
       
       Nun vergingen erneut viele Jahre und ich treffe im Rahmen des „Black See
       Lit“-Projekts mit fremden Menschen zusammen. Die einen kommen aus
       Bulgarien, die anderen aus der Ukraine oder Rumänien – das Meer verbindet
       uns alle mit seinen so unterschiedlichen Küsten und es trennt uns auch
       wiederum. Es sind auch Kolleginnen und Kollegen aus Armenien dabei – wir
       schmunzeln ein wenig: Aber ihr seid doch gar nicht am Schwarzen Meer?
       Darüber lächeln wir zwar, aber fühlen uns dennoch einem Raum zugehörig und
       kommen beim Kennenlernen so langsam ins Gespräch.
       
       So ein sonderbares Treffen – wir sollen miteinander reden, vor allem über
       Literatur, über unsere Kontakte, wir sollen Berührungspunkte und Wege
       finden, die uns verbinden. In diesem Kontext geht es aber auch um das
       Schwarze Meer, darum wie es uns trennt und verbindet.
       
       Was haben wir denn bisher voneinander gewusst? Ich glaube gar nicht mal so
       viel – Wie ist Das bei euch? Und war Das und Jenes bei euch auch so oder
       so? Also bei uns ist Das so… Genau an diese Sätze kann ich mich aus den
       ersten Tagen unserer Begegnung entsinnen. Wir haben wohl alle das erste Mal
       darüber nachgedacht.
       
       Das ist ein echt interkultureller Dialog, zuerst das gegenseitige
       Kennenlernen, danach das Finden gemeinsamer und unterschiedlicher Merkmale
       und zuletzt das Schließen von Freundschaften. In diesen Tagen hat wohl
       keiner von uns etwas zu Papier gebracht, sondern nur miteinander geredet
       und da begriff ich, wie sehr uns dieses Miteinander fehlt – das
       unmittelbare Miteinander, ohne besondere Vorschriften und Aufgaben – wenn
       man sich einfach nur befreundet. Das Gefühl, dass diese Menschen, egal wie
       lange wir uns nicht mehr treffen sollten, für immer „die Meinigen“ bleiben,
       werde ich wohl für immer in mir tragen …
       
       In diesen Tagen der Annäherung an das Schwarze Meer kommen uns noch ganz
       andere Gedanken – die Georgier und Ukrainer hatten ähnliche Empfindungen –
       das Meer wird eher als Bedrohung, als ein Synonym von nahender Gefahr
       gesehen; selbstverständlich hat das seine Gründe. Beide haben einen
       gemeinsamen Feind – ein riesengroßes Land, Russland, das heutzutage auch
       noch unser Meer an sich gerissen hat und genau wegen diesem Meer unsere
       beiden Länder durch Kriege führt. In der Ukraine ist der Krieg immer noch
       nicht zu Ende – in Georgien ist dieses Gebiet immer noch besetzt.
       
       Unser Treffen, jawohl, ich würde das „Black Sea Lit“ als ein Treffen
       bezeichnen, gibt uns nochmals zu bedenken, wie nötig es ist, miteinander
       mittels der Bücher zu kommunizieren. Aber hier stoßen wir an unsere Grenzen
       – die Übersetzungen. Es gibt nur sehr wenig gegenseitige Übersetzungen in
       unseren Sprachen. Deshalb erzählen wir uns nur die Inhalte, das worüber wir
       schreiben. Dabei ist das eine der dümmsten Fragen, die man einem Autor
       gewöhnlich stellt – wovon handelt Ihr Buch?
       
       Die englischen Übersetzungen haben uns ein wenig ausgeholfen, denen, die
       darüber verfügen. Ansonsten beäugten wir die Buchcover von einander und
       erzählten, erzählten und erzählten, wovon unsere Bücher handeln.
       
       So war das. Wir vernahmen gegenseitig unsere Stimmen und aus irgend einem
       Grund glaube ich, dass wir uns nun aufeinander verlassen können. Eka
       Kevanishvili
       
       Aus dem Georgischen übersetzt von Natia Mikeladse-Bachsoliani.
       
       3 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.goethe.de/ins/ge/de/kul/gsm.html
       
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       Vor einem Jahr brannte die Nationalgalerie Abchasiens ab. Im Hintergrund
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   DIR Roman über Vater-Tochter-Beziehung: Ganoven werden zu Mördern
       
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   DIR Buch „Das Geheimnis der Rückkehr“: Auf dem Unabhängigkeitsboulevard
       
       30 Jahre lang reiste der Essayist Stephan Wackwitz mit dem Goethe-Institut
       um die Welt. In „Das Geheimnis der Rückkehr“ erzählt er davon.
       
   DIR Kyjiw statt Kiew: Ukrainisch für Fortgeschrittene
       
       Die taz nutzt nun die ukrainische Schreibweise für Kyjiw anstelle der
       russischen. Dass nur wenige hier sie kennen, liegt an fehlendem Wissen über
       die Kultur.