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       # taz.de -- Studie zur Veränderung des Wattenmeers: Der globale Druck
       
       > Über 30 WissenschaftlerInnen haben eine Studie zur Veränderung des
       > Wattenmeers durch die Klimakrise erstellt. Der Wandel erfolgt schneller
       > denn je.
       
   IMG Bild: Schwer bedrohte Tankstelle für Zugvögel: das Wattenmeer, hier im Oktober 2023 bei Jade
       
       Osnabrück taz | Meeresgrund trifft Horizont: So steht es auf der Website
       der drei Wattenmeer-Nationalparks Schleswig-Holstein, Hamburg und
       Niedersachsen, über einem wildschönen Sonnenfoto mit Schlick, Prielen und
       Brandung. Was man hier nicht sieht: Das Wattenmeer, als
       Unesco-Weltnaturerbe klassifiziert, weitflächig ein Biosphärenreservat,
       steht unter Druck.
       
       [1][Fischfang] und Handelsschifffahrt belasten es,
       [2][Offshore-Energiegewinnung] und Plastikmüll, Munitionsaltlasten und
       Chemikalien, [3][LNG-Terminals] und Pipelines, Sport und Massentourismus.
       Dazu kommen Überdüngung aus der industrialisierten Agrarwirtschaft sowie
       [4][verklapptes Baggergut aus dem Hamburger Hafen].
       
       Auch die Klimakrise setzt dem Watt zu. „Zu den lokalen Drücken kommt der
       globale Druck hinzu“, sagt Christian Buschbaum der taz, Meeresökologe an
       der [5][Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts],
       Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), die dieses Jahr 100
       wird.
       
       Aus Anlass dieser 100 Jahre haben über 30 AWI-WissenschaftlerInnen jüngst
       in der Fachzeitschrift „Marine Biodiversity“ in ihrem [6][Review-Paper
       „Climate change impacts on a sedimentary coast – a regional synthesis from
       genes to ecosystems“] den Stand der Forschung zum klimabedingten Wandel
       zusammenfasst, den das Watt durchläuft, interdisziplinär von der Biologie
       bis zur Geologie. Buschbaum ist Co-Erstautor der Studie.
       
       „Das ist ein hoch gefährdeter Raum“, sagt Buschbaum, der selbst auf Sylt
       wohnt. „Wir sollten die Gesundheit dieses einzigartigen Lebensraums nicht
       als selbstverständlich ansehen, sondern müssen etwas für sie tun.“ Die
       Auswirkungen des Klimawandels seien seit den 1970ern bekannt. „Aber damals
       hat das keiner so ausgesprochen.“
       
       Das Review-Paper wolle für diesen Wandel „Bewusstsein schaffen“ und
       „Denkanstöße in alle Richtungen geben“, sagt Buschbaum. „Wir können eine
       Menge tun, und dafür ist es noch nicht zu spät. Aber das kostet Umdenken,
       Geld und Energie.“
       
       Wer „Climate change impacts on a sedimentary coast“ liest, erfährt vom
       Anstieg der Temperatur und des Meeresspiegels, von geänderten
       Wachstumsraten und Lebensräumen, von polwärts abwandernden Arten und der
       Ausbreitung überseeischer Neobioten, also [7][invasiver Arten], die Wärme
       lieben. Das Wattenmeer wandle sich zwar nicht von heute auf morgen. „Aber
       es verändert sich stetig“, sagt Buschbaum. „Und es verändert sich derzeit
       schneller als jemals in seiner gesamten Geschichte.“
       
       Noch erfülle das Watt seine ökologische Funktion, etwa als „Tankstelle für
       die Zugvögel“, sagt Buschbaum, der lieber nach vorne schaut, als zu
       betonen, wie schlimm alles ist. Aber je länger man untätig bleibe, desto
       teurer werde es am Ende. Er denkt dabei auch an den Küstenschutz. Und er
       meint nicht nur höhere Deiche, Granitbuhnen, Holzpalisaden und
       Betonpflaster, Mauern und Asphaltdeckwerke sowie tonnenschwere
       Tetrapoden-Wellenbrecher. „Wir müssen stärker mit dem Meer leben, statt
       gegen es“, sagt Buschbaum. „Es kann sinnvoll sein, das Meer nicht überall
       auszusperren.“
       
       Das hat Grenzen, denn viele urbane Strukturen stehen direkt an der Küste.
       Außerdem fühlen sich viele Anwohner traditionell hinter technischen,
       harten, starren Befestigungen sicherer, obwohl das Meer auch sie überwinden
       kann und [8][weiche Puffer] wie Marschland, Sandaufspülungen und Salzwiesen
       nicht nur naturverträglicher sind, sondern sich auch jeder Veränderung
       anpassen.
       
       ## Veränderung der Gesellschaft nötig
       
       Ein Jahr Arbeit steckt in „Climate change impacts on a sedimentary coast“,
       von der Idee bis zur Umsetzung. „Das hat echt Spaß gemacht“, sagt
       Buschbaum. „Das Team war hochmotiviert.“ Auch er selbst hat viel gelernt:
       „Da sitzt jemand nur zwei Räume weiter, und plötzlich sieht man: ‚Cool, was
       der rausgefunden hat!‘“
       
       Über die Wissenschaftsfeindlichkeit der Leugner der Klimakrise schüttelt
       Buschbaum den Kopf: „Es ist schon erstaunlich, wie man sich so vor der
       Realität verschließen kann“, sagt er. „Da müssen die Sozialwissenschaften
       ran, um zu erklären, wie so etwas passiert, woher diese Ängste kommen, die
       ja auch Verlustängste sind.“
       
       Veränderung gehört zum Ökosystem wie zur Gesellschaft. Sich nicht
       mitzuverändern, ist fatal. Buschbaum ist sich daher sicher: „Wir müssen die
       Leute mitnehmen. Anders geht es nicht.“ Die Jubiläums-Studie könnte dazu
       beitragen. Das „Klimakonzert“ in der Kirche St. Jürgen in List auf Sylt
       Anfang Oktober tut es ganz gewiss: Anlässlich des 100-jährigen Bestehens
       der AWI-Wattenmeerstation vernetzt sich hier wissenschaftlicher Input mit
       Orgelmusik, Illumination und Projektionen. Buschbaum spielt den Part „für
       den Verstand“, lockt das Plakat.
       
       26 Aug 2024
       
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   DIR [5] https://www.awi.de/ueber-uns/standorte/sylt/wattenmeerstation.html
   DIR [6] https://link.springer.com/article/10.1007/s12526-024-01453-5
   DIR [7] /invasive-Arten/!t5021247
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       ## AUTOREN
       
   DIR Harff-Peter Schönherr
       
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