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       # taz.de -- Männer-Bundesliga: Bayer oder Bayern?
       
       > Leverkusen will mit der Titelverteidigung in der Männer-Bundesliga
       > Geschichte schreiben. Die Konkurrenten stehen eigentlich schon fest.
       
   IMG Bild: Leverkusen wieder vor den Bayern? Münchens Jamal Musiala (links) und Leverkusens Nathan Tella beim Spiel in der Saison 2023/2024
       
       An diesem Wochenende geht die Bundesliga in ihre 62. Saison. Das letzte
       Mal, dass es einem anderen Verein als dem FC Bayern gelang, die Liga
       zweimal in Folge zu gewinnen, war in den Spielzeiten 2010/11 und 2011/12
       gewesen, als Jürgen Klopps Borussia Dortmund den Rekordmeister auf Platz
       zwei verwies. 1995–97 war dies dem [1][BVB] ebenfalls gelungen, 1981–83 dem
       Hamburger SV.
       
       Die letzten beiden Spielzeiten riefen Erinnerungen an die Jahre 2010–12
       wach. Denn eigentlich hätten die Bayern schon 2022/23 nicht Meister werden
       dürfen. Schon damals schwächelte der Rekord- und Abonnementmeister mächtig.
       Aber der BVB vergab am letzten Spieltag kläglich den Matchball. Bayerns 33.
       Meistertitel fühlte sich nicht wirklich echt an.
       
       2023/24 waren sie nun fällig. Fast in Stein gemeißelt gilt: Die Bayern
       werden immer Meister – es sei denn, der Klub begeht zu viele Fehler und
       befindet sich gerade in einer Krise. Und ein anderer Klub ist stark genug,
       diese für sich zu nutzen.
       
       Exakt dies war der Fall: Thomas Tuchel, für den der für eine hohe Ablöse
       geholte [2][Julian Nagelsmann] gehen musste, war nicht der erhoffte
       Heilsbringer.
       
       ## Titelverteidigung Bayer Leverkusen
       
       Diejenigen, die die Operation Tuchel zu verantworten hatten, waren nicht
       mehr an Bord. Die Kaderplanung war nicht gut, der Trainer befand sich auf
       Abruf, die Suche nach seinem Nachfolger laut, peinlich und erfolglos.
       [3][Bayer Leverkusen] war in so ziemlich jedem Bereich besser aufgestellt.
       
       Gelingt es Bayer in der neuen Saison als drittem Verein nach dem HSV und
       dem BVB den Titel wenigstens einmal zu verteidigen? Oder geht die Schale
       zurück nach München?
       
       Durchaus möglich, dass Alonso und Co. das Meisterstück wiederholen. Denn
       gut erholt und richtig sortiert wirken die Bayern immer noch nicht.
       Funktioniert Vincent Kompany, nicht Bayerns erste Wahl bei der
       Trainersuche, ähnlich gut wie Xabi Alonso nach seiner Verpflichtung durch
       Bayer?
       
       Aber auch der BVB, der mit Nuri Şahin als Trainer ins Rennen geht,
       ebenfalls ein Liganovize, könnte den Bayern wieder gefährlich werden.
       Anders als Kompany war Şahin beim BVB tatsächlich dessen erste Wahl und von
       langer Hand vorbereitet.
       
       Es ist viel von einer Zementierung der Machtverhältnisse in der Liga die
       Rede. Dazu zählt nicht nur, dass die Bayern in der Regel Meister werden.
       Total ist diese Zementierung aber nicht.
       
       ## Die Top-Sechs der Buli
       
       In der Saison 2023/24 besetzten die sechs Vereine mit dem höchsten
       Kaderwert auch in der Liga die Plätze eins bis sechs. Allerdings nicht in
       der Reihenfolge ihrer Kaderwerte. Diesen folgend hätte der Zieleinlauf
       Bayern vor Bayer, RB Leipzig, Dortmund, Stuttgart und Frankfurt lauten
       müssen.
       
       Meister wurde aber Bayer und dies mit einem Vorsprung von 17 Punkten. Dabei
       lag Bayers Kaderwert um gut 300 Millionen Euro unter dem der Bayern.
       Gemeinsam mit dem Aufsteiger 1. FC Heidenheim verbuchten die Bayern die
       größte Diskrepanz zwischen Kaderwert und sportlichem Ertrag.
       
       Am unteren Ende der Tabelle hätten Kaderwerten folgend die direkten
       Absteiger Darmstadt 98 und VfL Bochum heißen müssen. Der Relegationsplatz
       wäre an Aufsteiger 1. FC Heidenheim gegangen, der 1. FC Köln hätte den
       Abstieg vermieden. In der Realität stiegen Köln und Darmstadt ab.
       
       Wobei die Differenz zwischen den Kaderwerten von Köln und Heidenheim zu
       vernachlässigen ist. Der VfL Bochum überstand die Relegation nur dank eines
       kleinen Fußballwunders. Und Heidenheim? Landete in der Ligatabelle auf
       Platz acht. Der Aufsteiger war der Überperformer schlechthin.
       
       ## Königsklasse
       
       Eine Etablierung in der Bundesliga unter den Top 4 hat zur Voraussetzung
       einen kontinuierlichen Aufenthalt in der [4][Champions League]. Denn es
       sind Gelder aus diesem Wettbewerb, die den Unterschied ausmachen.
       
       Eine einmalige Teilnahme reicht nicht. Im Gegenteil, sie kann im Absturz
       ins Mittelfeld der Liga münden. Oder, wie das Beispiel Union zeigt, noch
       tiefer. Ein Klub qualifiziert sich überraschend für die Champions League
       und gestaltet nun seinen Kader für die zusätzliche Belastung neu.
       
       Die Neugestaltung erfordert erhebliche Investitionen, aber der erhoffte
       sportliche Erfolg bleibt aus. In der Champions League ist nach der
       Gruppenphase Schluss, und in der Bundesliga gelingt der Mannschaft nicht
       die erneute Qualifikation für die „Königsklasse“. Auch für die Uefa Europa
       League reicht es nicht. Nun muss sich der Klub mit einem teuren, aber
       dysfunktionalen Kader herumschlagen. Zwischen Kaderwert und Tabellenplatz
       klafft eine Lücke. Ein klassischer Fall von Überinvestition.
       
       Das Problem der Liga ist ganz einfach: Jeder Platz in der Tabelle wird nur
       einmal vergeben. Bei vielen Vereinen überwiegt deshalb am Ende der Saison
       die Enttäuschung.
       
       ## Die Aufsteiger
       
       In der neuen Saison ist Holstein Kiel der Verein mit dem kleinsten Etat und
       geringsten Kaderwert. Holstein gehört in die Kategorie der Vereine, die auf
       ein organisches Wachstum setzen. Was einfacher ist, wenn niemand von der
       Mannschaft einen Kampf um die Plätze an den europäischen Fleischtöpfen
       erwartet. Oder gar die Meisterschaft.
       
       Interessant ist Holsteins Trainerhistorie: Markus Anfang, Tim Walter, Ole
       Werner, seit Oktober Marcel Rapp. Zwischen Walter und Werner mit André
       Schubert ein kurzer Fehlgriff. Anfang, Walter und Werner profilierten sich
       in Kiel und wechselten zu größeren und/oder höherklassigen Klubs.
       
       2020/21 verfehlte der Klub den Aufstieg vielleicht nur auf Grund von Corona
       und eines höchst unglücklichen Spielplans. Binnen viereinhalb Wochen waren
       acht Punktspiele sowie das Pokalhalbfinale gegen den BVB zu bestreiten.
       Diesen neun Spielen folgten dann noch die beiden Relegationsspiele gegen
       den 1. FC Köln.
       
       Holstein ließ sich dadurch aber nicht zurückwerfen. Als der Klub Marcel
       Rapp als Trainer verpflichtete, war dieser weithin unbekannt. Rapp kam aus
       dem Nachwuchsbereich von 1899 Hoffenheim. Tim Walter und Ole Werner hatten
       eine ähnliche Biografie. Holstein legt offensichtlich Wert auf harte
       Arbeiter, Ausbilder und Bessermacher. Holstein ist ein Klub mit einer
       klaren Philosophie und entwickelt sich innerhalb von Leitplanken, die bei
       einigen anderen (und größeren) Traditionsvereinen fehlen. Oder gleich beim
       ersten Rückschlag wieder demontiert werden.
       
       Was organisches Wachstum bedeutet, hat kein Verein besser vorgemacht als
       der SC Freiburg. Auch die Personalpolitik betreffend. Bevor Christian
       Streich im Januar 2012 die Profis übernahm, trainierte er die U19 des
       Klubs. Außerdem war er Co-Trainer bei den Profis.
       
       Sein Nachfolger ist nun Julian Schuster, zuvor Verbindungstrainer zwischen
       der U19, der U23 und Bundesligaprofis, aber auch Co-Trainer bei Letzteren.
       Freiburgs Wachstums erfolgte sukzessive und fast im Stillen. 2024/25 belegt
       man beim Kaderwert Platz 8. Der Sportclub ist heute ein Verein, den man in
       die obere Hälfte der Tabelle einordnet.
       
       Für den Mittelstand in der Liga gilt: Stimmen Philosophie, Ausbildung,
       Scouting und Kaderpolitik, dann kann man schon mal überperformen und die
       Tabelle aufmischen. Für einen Platz in der Gruppe der Top 6 wird es
       allerdings nur reichen, wenn mindestens einer der Etablierten stark unter
       den Erwartungen bleibt.
       
       ## Der internationale Vergleich
       
       Nach dem Scheitern des schlecht kommunizierten und wenig attraktiven
       Investorendeals werden Bayern, der BVB und Co. auch in der kommenden Saison
       beklagen, dass die Bundesliga gegenüber der Premier League chancenlos sei.
       Für eine angeblich hoffnungslos abgehängte Liga schnitt die Bundesliga in
       den europäischen Wettbewerben ziemlich gut ab. In der Champions League und
       der Europa League stellte sie jeweils einen Finalisten.
       
       Und die Zuschauerzahlen zeigen: Die meisten Fans scheinen ohnehin nicht die
       Sorgen ihrer Klubbosse zu teilen. Mit der Premier League wird man
       finanziell nie auf Augenhöhe gelangen. In Sachen internationaler
       Vermarktung hat die englische Liga, bedingt durch die Geschichte des
       Empires und die Sprache, einen Vorsprung, den man bestenfalls verringern
       kann.
       
       Umso sinnvoller wäre es, verschärft darüber nachzudenken, wodurch sich die
       Bundesliga von den Eliteklassen der anderen Länder abheben könnte.
       Beispielsweise durch eine andere Verteilung ihrer Einnahmen, Fannähe und
       Nachhaltigkeit.
       
       Die Attraktivität der Bundesliga ist ungebrochen. In der letzten Saison
       kamen im Schnitt 39.500 Zuschauer pro Spiel. Das war Platz eins in Europa –
       trotz Leverkusen, Hoffenheim, Heidenheim, Augsburg, Wolfsburg, Bochum,
       Berlin und Darmstadt, wo das Fassungsvermögen der Stadien lediglich 30.000
       und weniger betrug.
       
       Und nicht alle der genannten Adressen gelten als attraktiv. Einige der
       größten Klubs mit großen Stadien und großem Zuspruch bereichern die 2.
       Liga. Bei der EM stellten die Zweitligisten vier der acht Stadien – mit dem
       Absteiger Köln waren es sogar fünf. In der Zuschauertabelle befinden sich
       unter den Top 20 neun Zweitligisten. Unter den Top 10 sind es immerhin noch
       drei.
       
       Die Vermarkter dürfte es nicht freuen, dass statt Hamburg, Schalke, Hertha
       oder Köln und Kiel und Heidenheim im Oberhaus spielen. Aber das ist Sport.
       Genauer: Es ist das, was uns vom Sport noch geblieben ist.
       
       23 Aug 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Dietrich Schulze-Marmeling
       
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