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       # taz.de -- Argentiniens Präsident und die Diktatur: Die anderen waren auch ganz schlimm
       
       > Unter Argentiniens Präsident Milei läuft eine Kampagne zur Relativierung
       > der Menschenrechtsverbrechen der Militärdiktatur.
       
   IMG Bild: Nationaler Gedenktag in Argentinien für die Opfer der Militärdiktatur in Buenos Aires 2024
       
       Buenos Aires taz | Während Argentiniens libertärer Präsident Javier Milei
       mit seiner brutalen Sparpolitik für Schlagzeilen sorgt, vollzieht sich auch
       ein Wandel in der Menschenrechtspolitik. Jüngstes Beispiel dafür ist der
       Besuch von sechs Abgeordneten der Partei La Libertad Avanza (LLA) des
       Präsidenten bei verurteilten Menschenrechtsverbrechern der Militärdiktatur
       im Gefängnis.
       
       Im Juli fuhren die sechs in einem offiziellen Fahrzeug des
       Abgeordnetenhauses zu dem Gefängnis vor den Toren der Hauptstadt Buenos
       Aires. Dort trafen sie „ehemalige Kämpfer gegen die marxistische
       Subversion“, wie der LLA-Abgeordnete Beltrán Benedit betonte. Unter ihnen
       war auch der ehemalige [1][Marinekapitän Alfredo Astiz, bekannt als
       „blonder Todesengel“].
       
       Am 24. März 1976 hatte sich das Militär an die Macht geputscht. Es folgte
       eine als „Prozess der nationalen Reorganisation“ bezeichnete Herrschaft,
       unter der politische Gegner*innen gnadenlos verfolgt wurden und eine
       radikal neoliberale Wirtschaftspolitik eingeführt wurde.
       Menschenrechtsgruppen schätzen, dass bis zum Ende der Diktatur im Jahr 1983
       rund [2][30.000 Menschen ermordet wurden oder bis heute verschwunden sind].
       
       Noch immer gilt Argentinien als Vorbild bei der juristischen Aufarbeitung
       von Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Diktatur. 1.187
       Personen wurden wegen Entführung, Folter oder Mord verurteilt. 508 der
       Verurteilten stehen heute unter Hausarrest, 134 sind im Gefängnis. Gegen
       weitere 500 Personen wurde ermittelt, aber einige von ihnen wurden aus
       Alters- oder Gesundheitsgründen aus dem Strafverfahren ausgeschlossen oder
       freigesprochen.
       
       ## Keine Mittel mehr für die Erinnerungskultur
       
       Und während Milei versuchte, den Gefängnisbesuch seiner Abgeordneten mit
       den Worten „Es war ihr Wille, ich hätte es nicht getan, aber Libertäre sind
       kein Rudel“ herunterzuspielen, passte er perfekt zu den revisionistischen
       Bestrebungen der konservativen Vizepräsidentin Victoria Villarruel. Die
       49-jährige Militärstochter ist Gründerin und Vorsitzende des Zentrums für
       juristische Studien über den Terrorismus und seine Opfer (CELTYV).
       
       Dessen Ziel ist nach eigenen Angaben, „die Opfer des Linksterrorismus in
       Argentinien zu zählen, zu verteidigen und ihnen eine Stimme zu geben“.
       Lange vor ihrer Zeit als Vizepräsidentin hatte Villarruel mehrfach
       verurteilte Menschenrechtsverbrecher in der Haft besucht, darunter auch den
       2013 verstorbenen Junta-Chef Jorge Rafael Videla.
       
       „Die Entscheidung, die Politik der Erinnerung, der Wahrheit und der
       Gerechtigkeit zu streichen, ist seit der Wahlkampagne Teil des Programms
       der derzeitigen Regierung“, schreibt die Menschenrechtsorganisation Centro
       de Estudios Legales y Sociales (CELS) in ihrem Ende Juli veröffentlichten
       [3][Bericht „Memoria Cancelada“] (Gestrichene Erinnerung). Daraus stammen
       auch die Angaben zur juristischen Aufarbeitung.
       
       [4][Im Wahlkampf hatte sich der Kandidat Milei als Verfechter der „Theorie
       der zwei Dämonen“ positioniert], nach der die Verbrechen des
       Staatsterrorismus mit den Gewalttaten der Guerillaorganisationen
       gleichzusetzen sind. „In den 1970er Jahren gab es einen Krieg, die
       Sicherheitskräfte haben Exzesse begangen, aber die Terroristen der
       Montoneros und der ERP haben gemordet, Bomben gelegt und auch Verbrechen
       gegen die Menschlichkeit begangen“, sagte Milei in der Fernsehdebatte der
       Präsidentschaftskandidat*innen.
       
       Seit seinem Amtsantritt hat sich dies in Form von Kürzungen,
       [5][Schließungen und Entlassungen im Bereich der Menschenrechte]
       niedergeschlagen, kritisiert die Menschenrechtsorganisation CELS. Die
       Hälfte der Mitarbeitenden der acht Gedenkstätten, die direkt vom
       Menschenrechtssekretariat der Regierung abhängen, wurde entlassen. Vielen
       der über 800 Orte, die für Inhaftierung, Folter und Verschwindenlassen
       genutzt und in Gedenkstätten oder Museen umgewandelt wurden, wurden die
       Mittel gekürzt.
       
       Darüber hinaus beschloss die Regierung, der Nationalen Kommission für das
       Recht auf Identität (CoNaDI) keine Akten und Informationen der Streitkräfte
       und der Polizei mehr zur Verfügung zu stellen, um das Schicksal der Babys
       aufzuklären, die während der Diktatur in Gefangenschaft geboren und geraubt
       wurden. Alles zielt darauf ab, die Suche nach Erinnerung, Wahrheit und
       Gerechtigkeit in einen Exzess umzudeuten, der die Täter zu Opfern macht, so
       die Schlussfolgerung von CELS.
       
       12 Aug 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /ESMA-Prozess-in-Argentinien/!5466828
   DIR [2] /Jahrestag-des-Militaerputsches/!5999955
   DIR [3] https://www.cels.org.ar/web/publicaciones/memoria-cancelada-el-intento-libertario-de-relegitimar-la-dictadura/
   DIR [4] /Praesidentschaftswahl-in-Argentinien/!5963832
   DIR [5] /Argentinien-vor-der-Wahl/!5964991
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jürgen Vogt
       
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