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       # taz.de -- Israel und Palästina: Nahöstliche Grautöne
       
       > Frauenrechte, Religion und säkulare Werte spalten viele palästinensische
       > Familien. Sechs Protokolle aus dem Westjordanland, Israel und Deutschland
       
   IMG Bild: Palästinensische Arbeitspendler im Bus von Tel Aviv in Richtung Westjordanland. Aufnahme vor Kriegsbeginn am 7. Oktober 2023
       
       Was im medialen Rauschen der Kriegsberichterstattung oftmals untergeht:
       dass das zivile Leben zwischen Jordan und Mittelmeer natürlich auch
       weitergeht, trotz des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober und des daraus
       folgenden Kriegs in Gaza. Denn Israelis und Palästinenser haben seit
       Jahrzehnten gelernt, grenzübergreifend zwischen Israel und den
       Palästinensergebieten zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben, auch in
       Kriegszeiten.
       
       Noch [1][sitzen hunderttausende Arbeitspendler kriegsbedingt fest]. Doch
       sollten die Waffen irgendwann einmal wieder schweigen, werden Bauarbeiter,
       Spediteure, Subunternehmer, Dienstleister, Techniker und
       Verwaltungsfachleute wieder die Grenze zu Israel passieren. Das bedeutet:
       Alltagsbegegnungen, Bekanntschaften, Freundschaften, Koexistenz. Aber es
       ist eine Koexistenz zwischen Hammer und Amboss. Palästinenser mit
       israelischem Ausweis können ein Lied davon singen.
       
       Diese Protokolle, die im Rahmen eines deutsch-palästinensisch-israelischen
       Forschungsprojekt entstanden sind, handeln von grenzüberschreitenden
       Begegnungen. Es geht um Palästinenser aus Deutschland und den
       Palästinensergebieten, die vom schwierigen Umgang mit ihren Verwandten in
       Israel erzählen: mit den israelischen Palästinensern jenseits der „grünen
       Linie“, also der Demarkationslinie für das Waffenstillstandsabkommen von
       1949, die beide Sprachen sprechen und dabei manchmal – peinlich für beide
       Seiten – Arabisch mit Hebräisch vermischen.
       
       Es sind Begegnungen mit dem Elefanten im Raum. Der Elefant, das ist der
       unaussprechliche Vorwurf des „territorialpolitischen Verrats“, weil diese
       Palästinenser nach 1948 die israelische Staatsbürgerschaft annahmen, um
       bleiben zu dürfen.
       
       Und selbst wenn über vermeintlich harmlose private Dinge gesprochen wird:
       Dann kommt der Elefant durch die Hintertür. Zum Beispiel als Verdacht der
       „sexualpolitischen Zersetzung“ patriarchaler Familienwerte unter
       israelischem Einfluss. Hier sind wirkmächtige Stereotype und Vexierbilder
       im Spiel, und zwar auf beiden Seiten der Grenze: Strenggläubigkeit versus
       Säkularisierung, Frauenrechte versus Familienehre, Authentizität versus
       Entfremdung.
       
       Dabei zeigt sich: Die nahöstliche Lebenswirklichkeit ist alles andere als
       schwarzweiß. Das wissen jene am besten, die beide Seiten kennen. Sie sind
       es, deren Expertise gefragt sein wird, wenn es gilt, Chancen auf einen
       Kompromiss für Frieden auszuloten.
       
       ## „Da kannst du nicht mehr unterscheiden, wer Araber und wer Israeli ist“
       
       Kholoud, 47 Jahre, strenggläubige Gastarbeitertochter, Hausfrau und Mutter,
       lebt in Bremen. Sie sieht sich vor allem als Palästinenserin und weniger
       als Deutsche. Es ist ihr „super wichtig“, sagt sie, „dass die Kinder einen
       Draht zu Palästina kriegen“. Wobei Verwandtenbesuche im Westjordanland
       „nicht das Wichtigste“ sind. Und was wäre das Wichtigste? Religiosität,
       Keuschheit, Palästinatreue: „Wir hier (in der deutschen Diaspora) sind
       religiöser als die in Palästina. Hier tragen sie meistens Kopftuch in
       meiner Generation. Aber da tragen viele kein Kopftuch.“
       
       Das gilt auch für ihre Cousinen, die jeden Morgen überlegen, was sie
       anziehen sollen und welches Make-up zu welchem Outfit passt. Das ist ihr so
       zuwider, dass sie aus der Cousinen-Whatsapp-Gruppe ausgestiegen ist.
       
       Palästinatreue? Da gibt es einen abtrünnigen Cousin, der die Seiten
       gewechselt hat. Er hat eine israelische Palästinenserin geheiratet und ist
       israelischer Staatsbürger geworden. Ausgerechnet in der zweiten Intifada.
       Seitdem lebt er in einem arabisch-israelischen Dorf am Mittelmeer zwischen
       Tel Aviv und Haifa, in friedlicher Nachbarschaft mit einem
       jüdisch-israelischen Dorf. Da er gleichaltrige Kinder hat, ist die
       „deutsche“ Cousine dem „israelischen“ Cousin ein stets willkommener Gast.
       Ihr Bruder war es, der den Kontakt zum „israelischen“ Cousin
       wiederhergestellt hat, trotz Kholouds Bedenken.
       
       Doch dann kommt es anders, als Kholoud befürchtet: Als sie mit der
       israelischen Verwandtschaft das jüdische Nachbardorf besucht, laufen ihre
       Distinktionsmarker, Kopftuch und arabische Sprache, ins Leere. „Da sprechen
       sie Hebräisch und Arabisch durcheinander. Da kannst du nicht mehr
       unterscheiden, wer Araber und wer Israeli ist.“
       
       Wohin führt es, wenn Sprache und Kopftuch nicht mehr zur Feindmarkierung
       taugen? Kholoud erzählt vom arabisch-israelischen Bürgermeister, dem
       angeheirateten Onkel ihres Cousins. Der hat mit seinem jüdischen Kollegen
       aus dem Nachbardorf eine Brücke gebaut, die die beiden Dörfer
       symbolträchtig verbindet. Koexistenz und Kooperation in der Praxis. Wie
       soll sich jemand aus der deutschen Diaspora darin zurechtfinden können?
       Indem man die Sprache des vermeintlichen Feindes lernt, sagt Kholoud. Und
       nimmt das Wort vom „Feind“ dann wieder zurück und ersetzt es durch
       „Gegner“.
       
       Zurück in Deutschland besucht sie einen Hebräisch-Kurs an der
       Volkshochschule.
       
       ## „Ihr seid hier seit 1948 am Kriegmachen, ihr müsst euch endlich mal
       einigen!“
       
       Khalil, 42, Gastarbeitersohn aus Berlin, früher stark religiös, heute
       weniger. Schule geschmissen, Ausbildung abgebrochen, auf die schiefe Bahn
       geraten, im Gefängnis gelandet. Jetzt hat er einen festen Job im
       Supermarkt, eine kleine Familie, seine Mutter ist erleichtert. Er hat sich
       den Strenggläubigen angeschlossen und will nur noch beten, anstatt „Scheiße
       zu bauen“. Heimlich fliegt er nach Tel Aviv, betet 30 Stunden ohne Pause in
       der Al-Aksa-Moschee, fährt danach weiter ins Heimatdorf der Familie bei
       Nablus in den Autonomiegebieten und holt die Verwandtschaft aus den Betten.
       
       „Und die haben mich bewundert, ah, krass, der kommt aus Deutschland
       hierher, wo nur ‚Herumgehure‘ herrscht, und der betet fünfmal am Tag in der
       Moschee, freitags sogar das erste Frühgebet!“ Daran kann sich Khalil so
       berauschen, dass er im weißen Turban des Imams posiert. Doch dafür gibt es
       keine Bewunderung, sondern eine strenge Verwarnung vom Onkel.
       
       Und irgendwann, da ist er längst wieder in Deutschland, hört er auf zu
       beten. „Der Teufel ist stärker als ich“, sagt Khalil und gibt der Arbeit
       die Schuld: „Wenn ich jeden Tag zehn Stunden arbeite und dann mal für fünf
       Minuten beten gehe, kommt der Filialleiter und sagt: „Geht’s noch? Du bist
       hier nicht in der Moschee, du bist hier am Arbeiten.“
       
       Der andere Teufel heißt Sex: „Deutschland ist ein freies Land. Geh mal raus
       im Sommer, egal wohin du guckst, da läuft eine im Minirock, die Titten
       kommen raus, du musst überall weggucken. Sich hier an die Religion halten
       ist schwer.“
       
       Und wie sieht er den Nahostkonflikt? Auch als er bei den Strenggläubigen
       war, hat er Selbstmordattentate auf Busse abgelehnt: „Da habe ich den
       Kollegen in Palästina gesagt, wo steht denn im Koran geschrieben, dass man
       sich selber umbringen muss? Geht doch hin und schießt auf die Armee, wieso
       schießt ihr in die Busse rein, was haben die denn damit zu tun? Die sagen
       dann, das ist Gottes Wille. Und ich sage, ja, aber ihr seid hier seit 1948
       am Kriegmachen, ihr sagt, das ist unser Land, dabei gehört das Land weder
       euch noch denen, das Land gehört Gott. Ihr müsst euch endlich mal einigen!“
       
       Und dann erzählt er vom jüdischen Nachbarn, der seiner Schwester geholfen
       hat, als sie auf dem Bahnsteig von „so einem Besoffenen belästigt“ wurde.
       „Für uns beide“, meint Khalil, „spielt der Nahostkonflikt eigentlich keine
       Rolle mehr, weil wir hier zusammen aufgewachsen sind. Der hat sich dann
       einen deutschen Pass besorgt, damit er in Israel nicht zum Wehrdienst
       muss.“ Dann sagt er noch: „Nicht alle Juden sind schlecht.“ Und wer möchte,
       mag sich jetzt welchen Reim auch immer darauf machen.
       
       ## „Mir ist es verbotenen, ihnen die Hand zu geben“
       
       Abu Nadim, 59, streng religiös, traditionsverbunden, lebt im Westjordanland
       bei Bethlehem und verdient seit über drei Jahrzehnten sein Geld als Maurer
       in Israel. Dort hat er seine Frau, eine arabische Israelin, kennengelernt.
       Sein Vater war anfangs gegen die Ehe, hat dann aber eingewilligt, als sich
       die Schwiegerfamilie ehevertraglich verpflichtete, ihre Tochter ins
       Westjordanland ziehen zu lassen. Und wenn der Vater nicht zugestimmt hätte?
       
       Dann hätte er sie trotzdem geheiratet und wäre in Israel geblieben. Weil
       man dort finanziell besser dasteht, mehr Freiheiten und Demokratie hat,
       weil man „Polizeifahrzeuge höchstens einmal die Woche sieht.“ Und weil er
       sich mit seinen Schwägern schon vor dem Heiratsantrag sehr gut verstanden
       hat.
       
       Erst neulich war er wieder mit Frau und Kindern auf Verwandtenbesuch in
       Israel, anlässlich der Kommunalwahlen: Volksfeststimmung im Dorf,
       Stimmenauszählung beim Wahllokal, Alt und Jung, Frauen und Männer gemischt,
       man feuert den Kandidaten der eigenen Großfamilie an und neckt die anderen,
       aber ohne zu streiten. Undenkbar bei uns, sagt Abu Nadim.
       
       Seine Tochter ist so begeistert, dass sie am liebsten sofort wieder
       hinfahren möchte. Doch er verbietet ihr, ohne Mutter oder Bruder zu reisen.
       Das gibt Ärger mit den Schwägern. „Sie sagen, ich vertraue ihnen nicht.
       Aber ich erkläre ihnen, es geht nicht um Vertrauen, sondern um unsere
       Tradition. Was würden meine Brüder wohl sagen, wenn ich meiner Tochter
       erlauben würde, unbegleitet nach Israel zu fahren?!“
       
       Dann schwelt da noch ein zweiter Konflikt: Abu Nadim verweigert den Frauen
       seiner Schwäger die Hand zur Begrüßung. „Ich bin religiös“, erklärt er,
       „und darum ist es mir verboten, ihnen die Hand zu geben. Aber sie sagen,
       ich bin respektlos.“ Das hindert ihn allerdings nicht daran, seiner Tochter
       das Studium in Hebron zu erlauben, wo Kontakte zu männlichen Kommilitonen
       unvermeidlich sind.
       
       Und wenn sie jemanden kennenlernt, den sie heiraten möchte? Das ist nicht
       ihre Entscheidung, sondern das Vorrecht des Vaters. Und wenn sich ein
       Mädchen verliebt und flüchtet oder entführt wird? Dann werden beide von der
       Familie des Mädchens getötet. Die Interviewerin gibt zu bedenken, dass
       viele Eltern nachgeben würden, um einen Skandal zu vermeiden.
       
       Das ist vielleicht in Israel so, kontert Abu Nadim, wo die Religion „völlig
       oberflächlich“ ist. In Israel „sind sie sogar so ‚tolerant‘, dass
       verheiratete Frauen fremdgehen und wieder nach Hause kommen, als wäre das
       völlig normal. Und dann wird es auch noch von der Familie vertuscht!“
       
       ## „Wieso trägt sie Hidschab, aber ihre Mutter nicht?“
       
       Abu Nabil, 53, säkular, nationalistisch, lebt im Westjordanland und
       arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in einer Beduinenstadt im südlichen
       Israel. Dort hat er seine Frau gefunden, eine israelische Palästinenserin,
       und dort sind seine Schwäger bei der Stadtverwaltung beschäftigt: „Sie sind
       meine Brüder, Helfer und Fürsprecher!“ Die Beziehungen wurden noch enger,
       als er einem ihrer Söhne die eigene Tochter zur Frau gab.
       
       Was ihn stört: „Sie sind religiöser als wir.“ Was ihn empört: Die Leute
       hängen israelische Flaggen in ihre Fenster und man sieht junge Männer in
       israelischen Militäruniformen auf offener Straße. Und was meinen seine
       Schwäger dazu? Anstatt zu antworten, bekräftigt er seinen eigenen
       Standpunkt: „Ich bin Patriot, ich lehne es ab, den Juden im Namen von
       Frieden und Koexistenz unser Land zu überlassen.“
       
       Umso stolzer ist er auf seine Tochter, die als Schülerin gemeinsam mit
       jungen Männern gegen die israelische Besatzung demonstrierte: „Bestimmt
       hast du das Video von ihrer Festnahme gesehen.“ Ihm ist klar, auf welch
       schmalem Grat die Tochter zwischen patriotischem Ruhm und sexueller Schande
       balancierte.
       
       Doch der Dorfklatsch ist ihm egal, beteuert er. Er ist dafür, dass junge
       Frauen gleichberechtigt am Kampf gegen die israelische Besatzung teilnehmen
       dürfen. Und er ist für gendergemischte Ausflüge der lokalen Jugendgruppe.
       Aber er verbietet seinen Kindern die Teilnahme an arabisch-jüdischen
       Friedenstreffen, die unter dem Vorwand gendergemischter Ausflüge
       veranstaltet werden.
       
       Die Geschlechtertrennung in der Beduinenstadt? Die ist ihm zu streng: Im
       Bus sitzen Frauen vorn und Männer hinten, Händeschütteln ist verboten („was
       bei uns erlaubt ist, solange die Absichten gut und ehrlich sind“), und es
       gibt Blickverbote: „Da sitze ich mit meinen Schwägern im Café, und eine
       hübsche Frau geht vorbei. Sag ich: ‚Sieht die nicht toll aus?‘ Da fangen
       die beiden an zu lachen: ‚Mann oh Mann, willst du etwa, dass wir Ärger
       kriegen? Wenn jemand das mitbekommt, geht der sofort auf dich los.‘“
       
       Besonders schlimm findet Abu Nabil, dass seine Tochter in der
       Verlobungszeit, also bevor sie nach Israel zog, von ihrem künftigen Ehemann
       genötigt wurde, sich zu verhüllen. Im Dorf sagen die Leute, „wieso trägt
       sie Hidschab, aber ihre Mutter nicht?“
       
       „Wenn sie überzeugt ist“, sagt Abu Nabil, „kann sie es machen. Aber wenn
       nicht, darf niemand sie zwingen.“ Und so steckt er in der Zwickmühle: Gibt
       er dem Drängen der Schwäger nach, sagen die Traditionalisten, er sei nicht
       Manns genug, um sein „patrilokales“ Vorrecht als Haushaltsvorstand
       durchzusetzen. Weigert er sich, sagen die Religiösen, er verstoße gegen
       islamisches Recht.
       
       ## „Keinen Tag respektlos behandelt“
       
       Umm Samir, 54, in Gaza geborene Flüchtlingstochter, früher sehr religiös,
       heute weniger, lebt mit Mann und Kindern in einer arabisch-israelischen
       Kleinstadt in Galiläa. Sie ist stolz, Araberin zu sein, sieht sich jedoch
       auch als Israelin. Weil sie hier zu Hause ist. Weil sie viele jüdische
       Freunde hat. Weil sie, als sie sich im Kinderkrankenhaus verlaufen hatte
       und noch kein Hebräisch sprach, von einer Jüdin an die Hand genommen wurde.
       
       „Seit ich hier bin, habe ich keinen Tag erlebt, an dem ich respektlos
       behandelt wurde“, sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Gleichwohl hat
       sie Jahr um Jahr versäumt, ihre Einbürgerung und damit einen Reisepass zu
       beantragen. Das ist jetzt sowieso egal, weil das Geld zum Verreisen fehlt.
       Aber zum Leben ist es genug.
       
       Zuletzt war sie vor sechs Jahren [2][in Gaza]. Und bricht in Tränen aus,
       als sie das sagt. Trennung, Krieg, Repression: Drei Brüder emigrieren
       (Algerien, Kanada, Dubai), ein Cousin wird von israelischen Raketen
       getötet, die Eltern sterben, doch sie bekommt keine Reiseerlaubnis für die
       Beerdigung.
       
       Als ihre Lieblingscousine sich heimlich verliebt, weiß es das ganze
       Viertel. Du hast unsere Ehre beschmutzt, schreit der Bruder, schneidet ihr
       den Kopf kahl und die Füße blutig, zwangsverheiratet sie nach
       Saudi-Arabien. Da, Umm Samir lebt längst in Israel, ergreift die Hamas die
       Macht. „Sie spannten Spruchbänder über die Straßen: ‚Verhüllt euch,
       verhüllt euch! Weh denen, die sich unverhüllt zeigen! Ihre Gesichter will
       ich mit tausend Feuern verbrennen!‘ Und meine Schwestern wurden religiös
       vor Angst.“
       
       Dabei ist Samir, als sie nach Israel umzieht, ebenfalls „aus Angst“
       religiös geworden. Aber aus Angst vor der israelischen Fremde. Ihre Töchter
       dagegen sind ohne Kopftuch aufgewachsen. Sie dürfen ihre Ehepartner selbst
       auswählen. Doch als eine der Töchter einen jungen Mann aus der
       Nachbarschaft heiraten möchte, legt ihr Bruder, Umm Samirs ältester Sohn,
       sein Veto ein. Das junge Paar bleibt standhaft, Gewalt liegt in der Luft.
       
       Der Konflikt wird beigelegt, als ein naher Verwandter ohne Wissen des
       Bruders einen renommierten Schlichter um Hilfe bittet. Danach gibt der
       Bruder seinen Widerstand auf. Er wurde sogar von seinem ehemaligen
       jüdischen Lehrer zur Hochzeit von dessen Sohn eingeladen, sagt die Mutter.
       
       Obwohl im Jahr zuvor Schlimmes passiert war: „Der jüdische Bräutigam war
       mit einer israelischen Soldatin im Auto in der Westbank unterwegs und hatte
       sich verfahren. Sie wurden von Palästinensern blutig geschlagen und ihre
       Bilder wurden ins Netz gestellt. Und trotzdem wurde mein Sohn auf der
       Hochzeit so respektvoll empfangen, wie es sich gehört.“ Auch deshalb fühlt
       sich Umm Samir zu Israel gehörig.
       
       ## „Ich kann ihm ja keine Braut aussuchen so wie früher“
       
       Auch Umm Waleed, 56, Flüchtlingstochter aus Dschenin, kommt nach Israel
       (Nazareth) durch Einheirat. Nach dem Tod der Eltern wird sie von ihren
       Brüdern für Geld, was nach islamischem Recht der Braut zustehen sollte, an
       einen palästinensisch-israelischen Geschäftsmann als Zweitfrau „verkauft“.
       
       In Israel ist sie der Willkür des Ehemannes ausgeliefert. Gerettet wird sie
       von der Tochter der Erstfrau. Die hilft ihr, in Israel heimisch zu werden.
       Was Umm Waleed in Israel wohltut, ist die Erfahrung, dass das „Gerede der
       Leute“, unter dem sie früher so sehr gelitten hatte, im israelischen Umfeld
       weitgehend wirkungslos bleibt.
       
       Was ihr dagegen missfällt, ist die Erfahrung, dass „hier alles erlaubt“
       ist. Und sie erzählt von ihrem Sohn, der ein Womanizer ist wie sein Vater.
       „Er hat mir immer seine Freundinnen vorgestellt. Es gab eine, die hat er
       wirklich geliebt, ich bin mit ihr und ihrer Mutter ausgegangen. Sie liebt
       ihn immer noch, aber er hat die Beziehung beendet. Ich kann ihm ja keine
       Braut aussuchen so wie früher.“
       
       Wie bei den Juden? Nicht genauso, ergänzt die Tochter der Erstfrau, die das
       Interview vermittelt hat. Die palästinensischen Jugendlichen in Israel tun
       zwar dasselbe wie die jüdischen, sagt sie, aber sie tun es heimlich.
       „Drinnen hören sie von ihren Eltern: verboten, verboten, verboten, Schande,
       Schande, Schande. Aber draußen ist gar nichts verboten. Aber es gibt kein
       Zurück. Ich lebe hier, ich bin Israelin.“
       
       Ich auch, sagt Umm Waleed. Und erzählt, wie sie ihren Nichten jenseits der
       „grünen Linie“ beisteht. Sie hat da noch eine Rechnung mit ihren Brüdern
       offen.
       
       4 Sep 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Ohne-Arbeit-und-Geld-in-der-Westbank/!5996814
   DIR [2] /Krieg-zwischen-Israel-und-Hamas/!6031075
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Thomas Malsch
       
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