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       # taz.de -- Zum Tod von Kurator Kasper König: Eine großzügige Ausnahmeerscheinung
       
       > Ausstellungsmacher, Kunstprofessor, Museumsdirektor und ein weltweit
       > Umtriebiger des Kunstbetriebs: Kasper König ist im Alter von 80 Jahren
       > gestorben.
       
   IMG Bild: Beantwortete Mails stets mit Postkarten und trug mit Vorliebe Karo-Hemden: Kurator Kasper König in seinem Büro 2015
       
       Kasper König ist tot. Das ist eine traurige Nachricht. Nicht nur für
       Hunderte von internationalen Künstler*innen und Kolleg*innen, die ihn
       geliebt, geschätzt und manchmal auch gefürchtet haben, sondern vermutlich
       auch für die Menschen, denen er zufällig im Alltag begegnet ist: in einer
       Bäckerei, im Zugrestaurant oder im Hotel. Wenn ein Gruppenfoto gemacht
       wurde, musste die Café-Bedienung auf jeden Fall mit drauf.
       
       Kasper König war offen, geistreich und aufmerksam – eine großzügige und
       liebenswürdige Ausnahmeerscheinung. Gut gekleidet und knapp zwei Meter
       lang, große Augen, große Ohren. Nur wenn ihn etwas gelangweilt hat,
       vielleicht weil er es als zu konventionell und vorhersehbar empfand, drehte
       er sich abrupt um und ging. Keine Zeit verlieren mit so etwas.
       
       Sein Tod ist schmerzhaft. Und Kasper kann uns nicht mehr aufmuntern, was er
       mit Sicherheit getan hätte. Wir können die Lage nicht mehr mit ihm
       besprechen, um dann wie so oft eine interessante Antwort auf eine ganz
       andere Frage zu bekommen. Wir können uns nur an ihn erinnern, an seine
       präzisen Beobachtungen, seine lustigen Kommentare und sein unstillbares
       Interesse an den Künstler*innen, Kolleg*innen und Kunstorten dieser
       Welt.
       
       Kasper besaß ein Buch mit Tausenden aus der Presse – Tageszeitungen,
       Magazine, Klatschhefte – ausgeschnittenen Porträtfotos und Adressen, das er
       ständig aktualisierte, sein Facebook. Ich sehe ihn vor mir, wie er morgens
       in seinem Berliner Büro in Höchstgeschwindigkeit die Zeitungen fleddert und
       mit Schere und Tesafilm hantiert. Alles Unbrauchbare fliegt auf den Boden,
       der Rest landet auf Postkarten, wird überklebt, kommentiert und verschickt.
       Sticker jeder Art, Glücksklee, Einhörner und Glitzer, morgens beim
       Woolworth um die Ecke gekauft, stehen hoch im Kurs. Er freut sich über
       Material, das ihn an jemanden denken lässt. E-Mails werden per Postkarte
       beantwortet.
       
       ## Er war einflussreich, wollte es auch sein
       
       Die Begegnung mit Kasper König war für viele ein lebensveränderndes Moment.
       Er war einflussreich und wollte es auch sein, sein profundes Wissen über
       Kunst und Leben wirkte ansteckend, sein Blick auf die Dinge inspirierend.
       Für ihn gab es nichts auf dieser Welt, was nicht gestaltet war und
       hinsichtlich dieser Qualität beurteilt werden konnte, von Verpackungsdesign
       über Straßenmode, Schaufenster und Architektur bis hin zu
       Pornozeitschriften. Er war direkt und darin manchmal auch verletzend,
       jedoch ohne Kalkül oder Bösartigkeit.
       
       Kasper König selbst bezeichnete sich gerne als Ausstellungsmacher, auch das
       Wort Kunstprofessor mochte er irgendwie, und er war es ja auch: trotz
       fehlendem Studienabschluss unterrichtete er viele Jahre unter anderem am
       Nova Scotia College in Halifax, Kanada, sowie an den Akademien Düsseldorf
       und Frankfurt, der Städelschule in Frankfurt stand er ab 1989 für einige
       Jahre sogar als Rektor vor.
       
       Er war der schillernde Vertreter einer alten Kuratorenschule, bei der
       Ausstellungen zuallererst gemeinsam mit den beteiligten Künstlerinnen und
       Künstlern entwickelt und erst an zweiter oder dritter Stelle anderen
       Bedingungen unterworfen werden, wenn überhaupt. Falls nötig, wurde da – wie
       bei der Pressebegehung für [1][die Manifesta 2014 in der Eremitage in St.
       Petersburg] – auch schon mal eine Tür eingetreten. Und nicht nur über diese
       Ausstellung im bereits ziemlich restriktiven Russland, für die er trotzdem
       freie Nischen fand, gibt es zahlreiche Anekdoten. Das Gleiche gilt für die
       „Skulptur Projekte“ in Münster. 1977 hatte Kasper König sie mit dem Kurator
       des Westfälischen Landesmuseums, Klaus Bußmann, ins Leben gerufen.
       
       Die eingeladenen Künstler – zu diesem Zeitpunkt alles Männer – reisten zum
       Teil aus Amerika mit dem Schiff an und blieben mehrere Monate, um für
       spezielle Orte Projekte im öffentlichen Raum zu entwickeln. Die großen
       Betonskulpturen, wie die Kugeln von [2][Claes Oldenburg] oder [3][Donald
       Judds] ineinander versetzte Ringe am Aasee, sorgten im konservativen,
       erzkatholischen Münster für viel Aufregung. Damals hätte man, so beschrieb
       es Kasper König gerne, die Redakteure der Lokalzeitungen einsparen können,
       so viele empörte Leserbriefe gab es.
       
       ## Das Leben in der Stadt, nicht die selbstverliebte Kunst
       
       Mit den zweiten „Skulptur Projekten“ zehn Jahre nach der ersten Ausstellung
       wollten Klaus Bußmann und Kasper König prüfen, ob sich das Verhältnis der
       Münsteraner Bürgerinnen und Bürger zur Skulptur im Außenraum geändert
       hatte. Die Rezeption war nach wie vor kritisch, aber einige erinnerten sich
       auch positiv an das Leben in der Stadt und die vielen öffentlichen
       Diskussionen, die die Ausstellung 1977 mit sich gebracht hatte.
       
       So entstand der Zehnjahres-Rhythmus, der durch die dritte Auflage im Jahr
       1997 endgültig besiegelt wurde und der die Ausstellung so ungewöhnlich
       macht. Für die Besucher*innen, die Stadt und die Künstler*innen
       markieren die „Skulptur Projekte“ einen Schnitt in Raum und Zeit. Von 1977
       bis [4][2017 war Kasper König] in jede Ausgabe voll involviert.
       
       Für die letzten „Skulptur Projekte“ arbeitete ich als Kuratorin, gemeinsam
       mit Marianne Wagner, Kuratorin für Gegenwartskunst am LWL – Museum für
       Kunst und Kultur, wie das ehemalige Landesmuseum seit 2013 heißt. Das
       dazugehörige Logo des LWL hängt nun wortwörtlich in einer aus zahlreichen
       Metallkugeln zusammengesetzten Fassadenarbeit des Künstlers Otto Piene.
       Kasper König regte diese markenbewusste Inszenierung unendlich auf. Er
       prägte die Wortschöpfung Logopiene – ein fiktives neues Medikament, dass
       langfristig gegen diese Art von Unsinn wirken sollte.
       
       Seine Abneigung gegenüber einer selbstverliebten Kunst mit großem „K“ habe
       auch ich geerbt. Sein Tod hat in den sozialen Medien ein regelrechtes Beben
       ausgelöst. Er kommt nicht überraschend, aber trifft mit voller Wucht.
       
       Die Autorin ist Künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr und hat als
       Kuratorin der „Skulptur Projekte“ 2017 in Münster eng mit Kasper König
       zusammengearbeitet.
       
       12 Aug 2024
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Britta Peters
       
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