URI:
       # taz.de -- Nacktschneckenplage im Garten: Um die Schnecke gebracht
       
       > Weil es in diesem Sommer so oft regnet, fressen viele Nacktschnecken die
       > Beete leer. Aber kann man sie deshalb einfach so töten?
       
   IMG Bild: In den Gärten: Nacktschnecken lassen es sich schmecken
       
       ## Ja!
       
       Wenn die Vorsehung es mit der Wiedergeburt ernst meint, dann habe ich
       schlechte Karten. Ich werde dann vermutlich als Stechmücke, als Kakerlake
       oder Ratte wiedergeboren. Denn mein Karma ist hin. Weil ich Kreaturen töte.
       Dieses Jahr vor allem Nacktschnecken. Die roten und die dunkelbraunen, egal
       ob noch klein oder schon mit beachtlichen etwa acht Zentimetern.
       
       Manchmal trete ich auf sie und nach einem kurzen, dumpfen Geräusch quellen
       die Gedärme der Schnecken heraus. Meist aber nehme ich die Gartenschere und
       guillotiniere sie.
       
       Warum ich es tue? Weil die Nacktschnecken, ihrer Bestimmung folgend,
       ihrerseits erbarmungslos sind und im Garten alles, was ich auch gerne essen
       würde, Gemüse, oder an dem ich mich erfreue, Blumen, in der Nacht bis auf
       den Grund vernichten.
       
       So erbarmungslos wie die Nacktschnecken sich über Pflanzen hermachen, so
       erbarmungslos töte ich sie. Und das, obwohl in ihrem Tun nichts absichtlich
       Böses steckt. In meinem hingegen schon. Manchmal überfällt mich gar eine
       schaurige Lust daran. Dann nämlich, wenn sich um eine tote Nacktschnecke
       lebende Nacktschnecken scharen, die die Gedärme der toten Kollegin fressen.
       Dann zerschneide ich auch diese. Die wiederum werden von neuen
       Nacktschnecken aufgesucht und es entsteht eine Nacktschneckenfutterstelle,
       an der ich mein Henkershandwerk ohne Hemmungen ausübe.
       
       Allerdings weiß ich, dass es auch Tigerschnegel gibt. Das sind
       Nacktschnecken mit getigertem Körper. Diese schone ich stets. Sie sind sehr
       nützlich, um die Zahl der anderen Nacktschnecken im Garten auf tierische
       Weise zu dezimieren, denn sie fressen deren Eier.
       
       Einmal schaute ich zu, wie [1][Tigerschnegel sich paaren]. Es ist ein
       Schauspiel, das einem die Großartigkeit der Natur lehrt. Die Schnegel
       seilen sich von einem überhängenden Ast ab, winden sich bis zu eine Stunde
       lang spiralig umeinander, fahren ihre männlichen Geschlechtsorgane aus –
       sie sind Zwitter – und befruchten sich gegenseitig weiter im Spiraltanz,
       bevor sie sich wieder auf den Boden fallen lassen.
       
       Es war spektakulär. Danach drehte ich mich um, sah die roten und braunen
       Nacktschnecken und der Respekt vor der Natur war wieder dahin. Waltraud
       Schwab
       
       ## Nein!
       
       Ich mag Schnecken. Ich lasse mir von ihnen gerne an den Fingern schnurpsen
       und finde es beruhigend, sie zu beobachten. Das ist aber nicht der Grund,
       warum ich es falsch finde, Schnecken zu töten. [2][Ich bin Geo-Ökologin],
       mein fachliches Über-Ich hält sich lieber an Fakten als an persönliche
       Sympathie oder Antipathie, es sind schließlich alles Kinder des Universums.
       
       Wie schlimm das Schneckentöten ist, hängt von der Methode ab. Auf gar
       keinen Fall sollte man Schneckenkorn aus Metaldehyd nutzen. Es ist auch für
       alle anderen Lebewesen giftig: für neugierige Kinder, Hunde oder Igel,
       indirekt aber auch für alle, die Schnecken und Aas fressen, also für Vögel,
       Kröten, Ringelnattern, Siebenschläfer, Spitzmäuse und viele verschiedene
       Insekten. Metaldehyd zu verteilen gleicht einem ökologischen Massenmord.
       
       Das als „ökologisch“ beworbene Schneckenkorn aus Eisen(III)-Phosphat ist
       nur wenig besser, denn es tötet nicht nur die verhassten Spanischen
       Wegschnecken, sondern auch Weinbergschnecken, die geschützt sind;
       Tigerschnegel, die hilfreich sind gegen Wegschnecken, sowie die kleinen
       Bänderschnecken, die im Garten überhaupt nicht verhaltensauffällig werden.
       
       Nein, bitte nicht, sage ich auch zu Tötungsmethoden wie Durchschneiden,
       Einfrieren, Salzen, Ertränken – oder zu welchen Mitteln ansonsten
       friedliche Gartenmenschen auch immer fähig sind, wenn es um ihre
       Salatsetzlinge geht. Sie tragen dazu bei, das Tier des Jahres auszurotten:
       den Igel. Nicht, weil der Igel so gern Schnecken frisst, das macht er eher
       nicht. Aber Igel lieben Käfer. Sehr viele Käfer leben von Schnecken und
       ihren Eiern. Weniger Schnecken, weniger Eier, weniger Käfer – die Igel
       schaffen es dann nicht, sich für den Winterschlaf rund zu fressen.
       
       Was noch gegen das Töten der Schnecken spricht: Sie fressen Erdbeeren und
       Salat, aber eben auch altes Blattwerk, Fallobst, Kadaver und Hundehaufen.
       Wer will den Dreck wegmachen, wenn die Schnecken ausgelöscht sind? Ich
       nicht.
       
       Lasst das mit dem Schneckentöten also. Nutzt Zeit, Geld und Kraft lieber,
       um den [3][Garten fit zu machen] gegen Schneckenfraß. Mit Mischkultur und
       Selbstaussaat, Stauden statt Setzlingen und vor allem mit wilden Ecken, in
       denen sich all die erwähnten Schneckenfresser wohl fühlen.
       
       Statt Schneckentöten also Schnecken töten lassen: Das ist besser fürs Karma
       und für die Artenvielfalt sowieso. Sigrid Tinz
       
       30 Jul 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=DTtzmfhLr_Y
   DIR [2] https://www.krautundbuecher.de/
   DIR [3] https://bio-balkon.de/schneckenliebe-lohnt-sich/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sigrid Tinz
   DIR Waltraud Schwab
       
       ## TAGS
       
   DIR wochentaz
   DIR Garten
   DIR Plage
   DIR Artenvielfalt
   DIR Natur
   DIR Social-Auswahl
   DIR Artenvielfalt
   DIR invasive Arten
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Plage
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Pflanzenökologin über Klimawandelfolgen: Die Wiese in der Krise
       
       Gräser, Kräuter, Sträucher: In Experimenten zeigt Ökologin Lotte Korell,
       wie sich Grünflächen im Klimawandel verändern, und sagt, was nun zu tun
       wäre.
       
   DIR Nacktschnecken im Garten: Eine Armada des Schleims
       
       Nach dem Ende der Dürrejahre melden sich die Wegschnecken zurück. Sehr zum
       Leidwesen Berliner HobbygärtnerInnen. Ein Bericht aus der Kampfzone.
       
   DIR Asiatische Tigermücke in Berlin: Gesundheitsschädlinge gesichtet
       
       Durch den Klimawandel gibt es hierzulande mehr gefährliche Insektenarten.
       Bürgerbeteiligung ist gefragt: Wer ein Exemplar findet, sollte es
       einschicken.
       
   DIR Japankäfer in Europa gesichtet: Vielfraß im Anflug
       
       Der Japankäfer frisst in den USA ganze Felder weg – nun ist auch in Europa
       ein Exemplar entdeckt worden. Pflanzenschützer:innen sind besorgt.