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       # taz.de -- Die Uefa und ihr Präsident Čeferin: Gesichtslose Uefa
       
       > Der Verbandschef der Uefa gibt nur den Fußballromantiker. Im Hintergrund
       > maximiert er kompromisslos Gewinne.
       
   IMG Bild: Der Präsident des Europäischen Fußballverbandes Aleksander Ceferin, hier im Mai in Athen
       
       Es ist nicht so, als ob es keine Kritik oder Unmutsäußerungen gegen die
       Uefa gegeben hätte. Aber den Motor des Europäischen Fußballverband bringt
       niemand so schnell zum Stottern. Böse Anwürfe ölen mitunter gar das
       Getriebe der Organisation. „Fuck Uefa“ hatten ein paar dänische Fans beim
       Spiel gegen England auf ein Stück Stoff gepinselt, das nur wenig größer war
       als ein Badehandtuch.
       
       Die Disziplinarkommission des Verbandes beriet sich, wie schwer das
       Vergehen einzuordnen ist und verhängte für den dänischen Fußballverband
       eine Geldstrafe von 10.000 Euro. Empfänger der Überweisung ist natürlich
       der beleidigte Verband.
       
       Wohin das Geld fließt? In Uefa-Projekte im Bereich der sozialen
       Verantwortung, heißt es auf Anfrage, und in das HatTrick-Programm. Dort
       werden die langfristigen Fußballentwicklungsprojekte der Mitgliedsverbände
       aufgesetzt. Und dorthin fließen auch zwei Drittel der erwarteten
       Uefa-Gewinne von 1,7 Milliarden Euro aus dieser Europameisterschaft.
       Beleidigungsgebühren werden also auf der Gewinnseite verrechnet.
       
       Alles dient dem guten Zweck, den Fußball größer zu machen. Mit diesem
       Argument, das auch mit der sozial-gesellschaftlichen Verantwortung
       unterfüttert wird, begegnet die Uefa ebenso der Kritik, ihre Gewinne würden
       in keinem angemessenen Verhältnis zu den Kosten der Gastgeberländer und
       ihrer Steuerzahler stehen. An der Uefa bleibt seit der Amtsübernahme von
       Präsident Aleksander Čeferin im Jahr 2016 kaum noch Schmutz haften.
       
       Seinem Vorgänger Michel Platini kostete ein undurchsichtiger Millionendeal
       mit Fifa-Präsident Sepp Blatter und seine Nähe zu den katarischen
       Machthabern jegliches Ansehen. Platini und Blatter sind stets wie
       Sonnenkönige aufgetreten. Im Dienste des weltweit beliebtesten Spiels
       Fußball, glaubten sie, schütze sie selbst beim Geschäft mit zwielichtigen
       Gestalten eine Aura der Arglosigkeit. Der [1][aktuelle Fifa-Chef Gianni
       Infantino] führt in diesem Sinne deren Erbe fort.
       
       ## Nirgends zu finden
       
       Čeferin dagegen meidet die Position des sichtbaren Steuermanns. Kaum Bilder
       hat es von ihm bei dieser Europameisterschaft gegeben. Auf den
       TV-Bildschirmen ist er allenfalls mal für Sekundenbruchteile auf der
       Tribüne zwischen zwei Verbandsvertretern zu sehen. Auf den
       Social-Media-Plattformen ist er nirgends zu finden. Interviews gibt er nur
       spärlich. Bei der Suche nach Statements von Aleksander Čeferin zu dieser
       Europameisterschaft stößt man nur auf wenige Einträge.
       
       Anfang dieses Jahres gab es ein wenig Aufregung. Čeferin, so hatte es
       kurzzeitig den Anschein, wolle die Statuten verändern, um mit einem Kniff
       seine Präsidentschaft zu verlängern. Es ging um eine Präzisierung einer
       Amtszeitbeschränkungsregel, die der Slowene selbst eingeführt hatte. Der
       Vorwurf stand im Raum, er wolle sich dadurch eine weitere Kandidatur bei
       der Wahl 2027 erschleichen.
       
       Aber die hätte ihm nach Juristengutachten eh zugestanden, weil eingeführte
       Regeln nicht rückwirkend gelten können. Obendrein kündigte Čeferin dann an,
       er wolle die Möglichkeit einer erneuten Kandidatur gar nicht ausschöpfen
       und 2027 aufhören. Die Uefa brauche frisches Blut, sagte der 56-Jährige.
       
       Der Jurist Čeferin, der es als Karateka bis zum schwarzen Gürtel gebracht
       hat, versteht es, selbst möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und die
       Angriffsfläche des Gegners zu nutzen. In kritischen Fällen zählt allein die
       Autorität der Organisation und nicht die einzelner Personen. Als bei der EM
       der [2][Wolfsgruß-Jubel des türkischen Nationalspielers Merih Demiral] zum
       großen Politikum wurde, forderte die deutsche Innenministerin Nancy Faeser
       Konsequenzen von der Uefa, was die Einbestellung des deutschen Botschafters
       in Ankara zur Folge hatte. Von Čeferin war kein Wort in der Angelegenheit
       zu hören. Der Fall wurde bei der Uefa rein technokratisch auf Grundlage
       eigener Statuten verhandelt und Demiral für zwei Spiele gesperrt.
       
       Recht gesichtslos ist die Uefa also bei dieser EM aufgetreten. Es ist
       vielmehr eine Apparatur am Werkeln gewesen, wo ein Rädchen ins andere
       gegriffen hat und auch noch das letzte Detail festgelegt war. Sogar die
       Aufwärmzeit der Teams vor dem Anpfiff war bis auf die Sekunde genau getimt.
       Wenn auf der Anzeigetafel der Countdown runterlief, eilten die Spieler
       flugs vom Rasen.
       
       ## Vermeintlicher Bewahrer von Werten
       
       Nur in absoluten Notlagen tritt Čeferin aus dem Schatten der Organisation
       heraus und holt zum Gegenschlag aus. Als vor drei Jahren zwölf
       [3][europäische Spitzenklubs mit der Super League] ihren eigenen
       europäischen Wettbewerb schaffen wollten, um mehr Gewinne zu erlösen,
       präsentierte sich der Uefa-Chef als Verteidiger des romantischen Fußballs.
       Er sprach vom Kampf von „Zynismus gegen Moral. Egoismus gegen Solidarität.
       Gier gegen Wohlwollen.“ Noch beim letzten Uefa-Kongress im Februar sagte
       er: „Einige Menschen denken, dass sie alles kaufen können, aber man kann
       keine 70 Jahre Geschichte kaufen.“
       
       Ebenso profilierte sich Čeferin gegen die Fifa als Bewahrer von Werten und
       guter Tradition, indem er sich gegen die Pläne einer alljährlichen
       Weltmeisterschaft oder einer erweiterten Klub-WM wandte oder allgemein
       feststellte, die WM in Katar habe dem Fußball nicht gut getan.
       
       Čeferin kann aus der Position der Stärke des europäischen Fußballs agieren.
       So lässt sich die Verteidigung eigener Geschäftsmärkte bestens mit
       moralischen Grundhaltungen verbinden. Doch ein Verband für
       Fußballnostalgiker wird die Uefa gewiss nicht werden.
       
       Für eine höhere Rendite wird die Champions League nächste Saison mit einem
       neuen Format an den Start gehen. Statt 32 werden 36 Teams antreten, statt
       125 Partien werden 189 gespielt. Die Europa League und Conference League
       werden ebenso weiter aufgebläht. Eine knappe Milliarde Euro sollen dadurch
       insgesamt mehr erlöst werden.
       
       An Fantasie, wie noch weiter an der Schraube der Gewinnmaximierung gedreht
       werden könnte, fehlt es dem Verband nicht. Es sei durchaus möglich, dass
       man bedeutsame Champions-League-Spiele künftig mal in den USA austragen
       lassen werde, sagte Čeferin im vergangen Jahr. Man habe angefangen, darüber
       zu diskutieren. Ob das noch in seiner Amtszeit geschieht oder später, ist
       nicht von großem Belang. Die Uefa scheint mittlerweile eh per Autopilot in
       die Gewinnzone zu fahren.
       
       12 Jul 2024
       
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