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       # taz.de -- Coronavirus-Aufarbeitung in China: Vergeltung statt Wissenschaft
       
       > Seit er im Januar 2020 unerlaubt die Sequenz des Coronavirus publizierte,
       > wächst der Druck auf den Virologen Zhang. Nun wurde er gefeuert.
       
   IMG Bild: Der chinesische Virologe Zhang Yongzhen zeigt in einem Café in Shanghai m Dezember 2020 auf seinem Laptop eine Präsention
       
       Shanghai taz | Zhang Yongzhen hat als erster Wissenschaftler die
       Genomsequenz des Coronavirus entschlüsselt – und damit den weltweiten Weg
       für eine Covid-Impfung geebnet. Doch mehr als vier Jahre später sitzt der
       Virologe vor dem Eingang seines Forschungslabors auf einem Stück Pappmaché
       im Shanghaier Nieselregen.
       
       Was nach einem verspäteten Aprilscherz klingt, ist seit dem Wochenende
       bittere Realität: Einer der mutigsten Wissenschaftler der Volksrepublik
       China wurde aus seinen Arbeitsräumen verwiesen. „Ich werde nicht aufgeben,
       ich verfolge die Wissenschaft und die Wahrheit!“, schrieb der 59-Jährige
       auf seinem persönlichen Weibo-Account am Montag, ehe die Zensoren das
       Posting löschten wurde.
       
       Was genau vorgefallen ist, lässt sich bislang nicht unabhängig überprüfen.
       Denn nicht nur online haben die Behörden eine strikte Informationssperre
       verhängt, sondern auch das Forschungslabor des „Shanghai Public Health
       Clinical Center“ mit Sicherheitskräften umkreist. Als ein Reporter der
       US-Nachrichtenagentur AP Professor Zhang treffen wollte, wurde ihm der Weg
       versperrt. Nur am Telefon teilte er in kryptischen Worten mit, dass er
       derzeit schlecht reden könne, da die Leitung abgehört werde.
       
       Laut seinem Arbeitgeber ist alles nur ein großes Missverständnis: Dem
       Virologen sei bereits ein alternativer Arbeitsplatz angeboten worden, doch
       die alten Labore mussten wegen Rennovierungsarbeiten geschlossen werden.
       Zhang hat dieser Darstellung entschieden widersprochen.
       
       ## Sitzstreik als Protest gegen Entlassung
       
       Sein aktueller Sitzstreik ist nicht nur der jüngste Beleg dafür, wie rigide
       der Einparteienstaat seine Akademiker kontrolliert; sondern auch, als wie
       sensibel weiterhin sämtliche Vorgänge rund um den Ursprung des Coronavirus
       gelten.
       
       Denn Zhang hatte bereits im Januar 2020, als er die Genomsequenz des
       neuartigen Erregers eigenhändig publizierte, Besuch vom Sicherheitsapparat
       erhalten. Ob es damals darum ging, dass die Behörden Beweise vernichten
       oder zumindest unter Verschluss halten wollten, lässt sich zwar nicht
       beweisen. Die Indizien legen jedoch genau dies nahe.
       
       Denn das chinesische Magazin Caixin hatte damals von einer Order der
       Nationalen Gesundheitskommission vom 3. Januar 2020 berichtet. Demnach
       wurden sämtliche Labore dazu angehalten, keine Information über die
       „Wuhan-Krankheit“ zu publizieren.
       
       Eine solch investigative Berichterstattung chinesischer Medien war während
       der Wirren des Corona-Ausbruchs für wenige Wochen möglich. Dann jedoch
       schritten die Zensoren erneut ein, und künftige Leaks zum Ursprung des
       Coronavirus stammten von ausländischen Korrespondentenbüros.
       
       ## Hilfe von ausländischen Wissenschaftlern
       
       Es waren auch ausländische Forscher, die schließlich in Erfahrung bringen
       konnten, dass Virologe Zhang die Coronavirus-Sequenz bereits am 5. Januar
       entdeckt hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war er zu diesem Zeitpunkt mit
       seiner Erkenntnis nicht der einzige chinesische Wissenschaftler. Doch
       umgehend führten die Sicherheitsbehörden Razzien durch und verhängten ein
       kategorisches Publikationsverbot.
       
       Erst als der öffentliche Druck aus dem Ausland stieg und niemand anderes
       die Sequenz veröffentlichte, tat Zhang dies auf eigenes Risiko – und ohne
       Erlaubnis der Regierung.
       
       Doch während der chinesische Virologe internationale Preise erhielt, wurde
       er im eigenen Land schikaniert. Ein vertrauter Forscher, Edward Holmes von
       der Universität von Sydney, schilderte, dass Zhang von seinem Posten im
       chinesischen Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention abberufen wurde.
       
       „Seit er sich den Behörden widersetzt hat, indem er die Genomsequenz des
       Virus, das COVID-19 verursacht, veröffentlicht hat, gibt es eine Kampagne
       gegen ihn“, sagte Holmes: „Er ist an diesem Prozess zerbrochen“.
       
       30 Apr 2024
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Rainer Werner
       
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