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       # taz.de -- Arash Azizi über Iran und Israel: „Haben keinen Grund, Krieg zu führen“
       
       > Ein offener Krieg zwischen Iran und Israel ist ausgeblieben – auch weil
       > viele Iraner keine Feindschaft gegen Israel hegen, sagt der iranische
       > Historiker Arash Azizi.
       
   IMG Bild: Irans Regime ist stolz auf sein Raketenarsenal: ein Passant vor einem kriegerischen Banner in Teheran, 19. April
       
       taz: Herr Azizi, sind wir nach den gegenseitigen Angriffe Irans und Israels
       wieder zurück beim alten Schattenkrieg zwischen den beiden Ländern? 
       
       Arash Azizi: In gewisser Weise ja. [1][Israels Angriff auf Isfahan] ähnelte
       stark den Aktionen der Vergangenheit. Er war sogar deutlich weniger
       umfangreich als etwa der [2][Angriff auf (die Atomanlage) Natans] vor ein
       paar Jahren. Und Iran hat seinerseits deutlich gemacht, dass er nicht
       darauf reagieren will. Dennoch hat Iran mit seinem Angriff auf Israel eine
       Grenze überschritten. Und diesen Geist können wir nicht zurück in die
       Flasche stecken. Iran hat nicht geblufft, sondern war wirklich bereit,
       Israel direkt anzugreifen.
       
       Wie hat die iranische Öffentlichkeit auf die Kriegsgefahr reagiert? 
       
       Der größte Teil ist nicht an einem Krieg interessiert. Wegen der
       brachliegenden Wirtschaft und der politischen und sozialen Unterdrückung
       sind die Leute erschöpft. Die Vorstellung, dass ein Krieg hinzukommt, ist
       für viele schrecklich. Nach dem israelischen Angriff auf Isfahan gab es
       einen Seufzer der Erleichterung, weil klar war, dass es nicht unmittelbar
       zum Krieg kommt.
       
       Und die anderen Teile der Bevölkerung? 
       
       Manche haben sich über den [3][Angriff auf Israel am 13. April] gefreut.
       Zum einen ist da eine sehr kleine Minderheit, die das Regime unterstützt,
       10 bis 15 Prozent. Zum anderen gibt es aber auch außerhalb dieser Gruppe
       Leute, die der Meinung waren, dass Iran auf den Angriff auf sein Konsulat
       (in Damaskus am 1. April; Anm. d. Red.) reagieren musste. Aber ich denke,
       dass sogar diese Leute keine Konfrontation mit Israel suchen.
       
       Sie sind in Iran aufgewachsen. Wie haben Sie sich gefühlt, als Ihr Land mit
       Raketen und Drohnen Israel angriff? 
       
       Wir Iraner hegen keine Feindschaft gegenüber Israel. Wir haben keinen
       Grund, mit irgendeinem Land Krieg zu führen, aber besonders nicht mit
       Israel. Historisch gesehen waren beide Länder nie feindlich gesinnt. Es
       gibt nichts im nationalen Interesse Irans und Israels, das gegeneinander
       gerichtet wäre. Zudem hat Iran tonnenweise eigene Probleme, von denen keins
       durch eine Konfrontation mit Israel gelöst wäre.
       
       Wie erklären Sie sich die Besessenheit des iranischen Regimes, Israel zu
       zerstören? 
       
       1979 ist unser Land an ein revolutionäres Regime gefallen. Es wurde in den
       Dienst einer Ideologie gestellt. Die iranische Außenpolitik diente in der
       Folge nicht den nationalen Interessen, sondern der islamistischen,
       revolutionären Sache. Ein großer Teil davon ist der Kampf gegen Israel. Die
       Anti-Israel-Politik ist eine von vielen irrationalen Politikinhalten.
       
       Das Regime hat zeitgleich zum Angriff auf Israel auch im Inland sein
       Vorgehen verschärft. Hat die iranische Protestbewegung, die vor eineinhalb
       Jahren unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ ihren Anfang nahm, noch eine
       Zukunft? 
       
       Das begann wenige Stunden vor dem Angriff. Seitdem gab es wieder viele
       Verhaftungen und [4][Toomaj Salehi, der beliebte Rapper, wurde zum Tode
       verurteilt]. Diese Einschüchterungstaktik ist besorgniserregend, auch wenn
       ich nicht glaube, dass sie ihn hinrichten. Das Vorgehen hat aber zu
       weiterem Protest geführt. Letzte Woche wurde eine Frau in einer
       U-Bahn-Station in Teheran verhaftet, aber die Leute versammelten sich und
       schrien, bis die Polizei sie wieder freiließ. Wie kann man Krieg gegen
       Israel und die iranischen Frauen am selben Tag beginnen? Selbst Leute, die
       Krieg gegen Israel unterstützen, sahen das Vorgehen als töricht an. Das
       Thema wird zu einem Streitpunkt auf Elitenebene. Ich halte es für
       wahrscheinlich, dass politische Veränderungen durch ein Gerangel der Eliten
       zustande kommen, das sich nach dem Tod Chameneis noch verstärken wird.
       
       Der sogenannte Oberste Führer ist jetzt … 
       
       … gerade 85 geworden. Und es geht ihm nicht gut.
       
       Wie zeigt sich das Elitengerangel? 
       
       Mehdi Fazaeli zum Beispiel, ein Beamter, der für das Büro des Obersten
       Führers arbeitet, [5][veröffentlichte Zitate Chameinis] aus der
       Vergangenheit, in denen dieser eine gewaltsame Durchsetzung des Kopftuchs
       sehr implizit kritisiert hatte. Gleichzeitig besuchte ein führendes
       Mitglied der Paydari-Front, einer Hardliner-Gruppierung, den Chef der
       iranischen Polizei, um seine Solidarität zu zeigen. Ein solches Level hat
       das Elitengerangel erreicht.
       
       Sie schauen also nicht in erster Linie auf Proteste? 
       
       Die Leute, die einen demokratischen Umsturz wollen, werden weiterkämpfen.
       Der Widerstand geht weiter. Aber sobald die Leute wieder auf die Straße
       gehen, werden sie mit dem alten Problem konfrontiert sein: Sie brauchen
       eine politische Führung. Die Realität ist, dass die Protestbewegung
       gescheitert ist, weil es ihr nicht gelungen ist, eine politische
       Alternative aufzubauen. Der Machtkampf innerhalb der Elite ist daher ein
       mindestens ebenso entscheidender Faktor wie der Aufstand von unten.
       
       Sind die Spannungen mit Israel für die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung ein
       Grund, den Protest voranzutreiben oder sich ruhig zu verhalten? 
       
       Nun, die Bewegung ist ja ziemlich zerschlagen worden. Leider gibt es
       darunter einige, die israelische Angriffe befürworten, weil sie glauben,
       dass dies dem Regime früher eine Ende bereitet. Aber auch hier sehe ich bei
       einer überwältigenden Mehrheit der Befürworter der Bewegung eine starke
       Antikriegsstimmung. Es macht mir Mut, dass sogar rechtsgerichtete Personen
       wie Reza Pahlavi, der ehemalige Kronprinz, jedweden Angriff auf Iran
       abgelehnt haben. Das ist jemand, der in den USA auf jüdischen und
       zionistischen Versammlungen spricht [6][und sich letztes Jahr auch mit
       Netanjahu in Israel getroffen hat].
       
       Wie erklären Sie sich seine Haltung? 
       
       Dahingehend, dass Krieg zivilem Aktivismus nie hilft. Wer an Demokratie und
       einem Aufbau von bürgerlicher Macht interessiert ist, für den ist Krieg
       keine gute Nachricht. Nehmen Sie Nasrin Sotudeh, die Anwältin und
       Verfechterin der Menschenrechte. Sie war gegen die Angriffe der Hamas auf
       Zivilisten am 7. Oktober, das ist klar. Aber gleichzeitig ist sie eine
       Kritikerin von Israels Krieg in Gaza. Sie sagte etwas Interessantes: Wenn
       unser Land wirklich die Palästinenser unterstützen wollte, würde es, wie
       Südafrika, Israel vor internationale Gerichte bringen, statt Terroristen zu
       unterstützen.
       
       Apropos: Ist die palästinensische Sache ein großes Thema in Iran? 
       
       Nein. Der Gazakrieg zum Beispiel ist in den USA ein viel größeres Thema als
       in Iran. Es ist ungewöhnlich, dass Iraner das Thema in Gesprächen erwähnen
       oder dass es Gegenstand politischer Debatten ist. Aber dass sich Menschen
       nicht für die palästinensische Sache interessieren, bedeutet nicht, dass
       sie Israels Krieg unterstützen. Es ist einfach etwas, das anderswo
       passiert.
       
       Woran machen Sie das fest? 
       
       In den USA, Deutschland, Großbritannien und natürlich in der gesamten
       Region gab es Proteste für Palästina. Nicht aber in Iran. Selbst zu den von
       der Regierung organisierten Versammlungen kommt keine nennenswerte Anzahl
       von Menschen. Viele, die die Nachrichten verfolgen, sind über den Krieg
       und die humanitäre Krise empört. Aber sie fühlen sich der palästinensischen
       Sache nicht besonders verbunden. Viele haben eine natürlichere Affinität
       zum Kampf gegen die Taliban in Afghanistan. Das ist unser Nachbarland, die
       Menschen sprechen dieselbe Sprache und es gibt Millionen Afghanen in Iran.
       
       Als nicht arabisches Land hat Iran Ihrer Meinung nach per se weniger
       Interesse an Palästina? 
       
       Mit Sicherheit. Palästina ist die arabische Sache. Viele Iraner sind
       kritisch gegenüber der arabischen Welt. Sie sehen arabische Länder als
       traditionelle Rivalen Irans. Das Land wurde im siebten Jahrhundert von
       Arabern überfallen und hat eine sehr komplizierte historische Beziehung zu
       den arabischen Nachbarn. In der iranischen Gesellschaft gibt es
       wahrscheinlich mehr Feindseligkeit gegenüber Arabern als gegenüber Juden
       oder Israelis.
       
       30 Apr 2024
       
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