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       # taz.de -- Dramaturg über Demokratie am Theater: „Fehlt jemand, klappt es nicht“
       
       > Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg sucht die „Zukunft der
       > Demokratie“. Konzipiert hat die neue Gesprächsreihe der Dramaturg Lukas
       > Bärfuss.
       
   IMG Bild: Demokratie als Demo-Anliegen: Teilnehmer einer Kundgebung gegen Rassismus am 21. März 2024 in Hamburg
       
       taz: Lukas Bärfuss, wie demokratisch geht es am [1][Theater] zu? 
       
       Lukas Bärfuss: Das ist eine gute Frage. Da gibt es immer noch viel zu tun.
       Demokratie ist ein Prozess, und wir müssen immer noch mehr Menschen
       integrieren in die demokratische Entscheidungsfindung. Das gilt für die
       Betriebe und ganz sicher auch fürs Theater. Gleichzeitig muss man sagen:
       Ich habe gerade ein [2][großes Theaterprojekt] in Einsiedeln in der Schweiz
       mit 500 Laiendarstellern – das ist schon auch eine Utopie von Gesellschaft:
       Dass da alle an einer Sache arbeiten, die niemand alleine kontrolliert, und
       es geht auch nur zusammen. Das erlebt man nämlich am Theater auch: Wenn
       jemand fehlt, und sei es nur jemand, der ein Knöpfchen drückt, wird das
       Knöpfchen nicht gedrückt – dann funktioniert es nicht. Am Theater wissen
       wir also ganz genau, wie stark die Sache von allen abhängig ist. Ich
       glaube, deshalb ist es auch immer wieder ein Labor für die Demokratie. In
       einer gewissen Weise, einer gewissen Tradition nach, haben gerade in
       Deutschland die Aufklärung und damit die Demokratie im Theater einen
       Ursprung: in Hamburg mit Lessing. Und es ist immer wieder der Ort gewesen,
       an dem das Bürgertum sich selbst erfunden hat.
       
       Nun haben wir den Zusammenhang historisch ausgeleuchtet – was macht die
       Bühne geeignet, darauf über die Zukunft der Demokratie nachzudenken? Zu
       einem besseren Ort als, sagen wir, die Kneipe … 
       
       … oder das Fernsehstudio?
       
       Das Fernsehstudio am Sonntagabend: Da wird auch Theater gespielt, aber
       nicht so deklariert. 
       
       Ich habe es immer wieder erlebt, dass ideologische Diskurse keine 30
       Sekunden lang überlebt haben auf der Bühne. Sie ist eine Art Lupe: Man
       erkennt unredliche Argumentation sehr schnell. Ich bin nicht ganz sicher,
       woran das liegt. Vielleicht daran, dass man am Dienstag „King Lear“
       gespielt hat, und am Mittwoch ist dann die Diskussionsveranstaltung? Ich
       glaube, es braucht auf einer Theaterbühne eine große Redlichkeit in der
       Argumentation. Da mache ich mir bei meinen Gästen aber überhaupt keine
       Sorgen.
       
       Den Auftakt in Hamburg bildet nun der Politologe Herfried Münkler, im Juni
       folgt Herta Müller, danach Carolin Emcke … wie ist die Auswahl zustande
       gekommen? 
       
       Wer sich ansieht, wen ich so alles zu Gast hatte, in München etwa, weiß,
       dass ich versuche die Gesamtheit abzubilden, so gut das halt geht. Wir
       haben beruflich eine ziemliche Bandbreite, wir haben sie noch nicht so, was
       die Generationen angeht – die jungen Stimmen kommen dann im Herbst. Denn
       sonst versteht man das Zeug einfach nicht! Man muss immer über den eigenen
       Erfahrungshorizont hinaus diskutieren, transnational, transgenerationell,
       transgeschlechtlich … das ist entscheidend!
       
       Auch über die Klassengrenzen hinweg, nehme ich an. Wir hatten über das
       Bürgertum gesprochen, das sich im Theater erfindet, auch miteinander
       verständigt: [3][Bleibt es nicht immer auch ein wenig unter sich], an so
       einem Ort? 
       
       Wenn ich gerade die Bücher von Herfried Münkler lese, dann müsste man es
       schon wieder befürworten, dass man sich kümmert um das doch sehr lädierte
       Bildungsbürgertum – das wäre heute schon Randgruppenpflege. Ich habe damit
       kein Problem. Das andere ist, dass wir uns natürlich an Demokratinnen und
       Demokraten wenden – da bleiben wir hoffentlich unter uns. Was aber die
       möglichen Schwellenängste angeht, ins Theater zu gehen: Daran etwas zu
       ändern, ist für jede Institution eine große Herausforderung. Auf der
       anderen Seite, glaube ich, stößt man da auch auf eine marktwirtschaftliche
       Logik: Geht es manchmal nicht vor allem darum, neue Märkte zu erobern?
       
       23 Apr 2024
       
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