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       # taz.de -- Deutsche Haltung zum Krieg in Gaza: Schärfere Töne gegen Israel
       
       > Nach dem Angriff auf einen Hilfskonvoi im Gazastreifen fordern mehrere
       > Oppositionspolitiker:innen, Waffenlieferungen nach Israel zu
       > stoppen.
       
   IMG Bild: Spuren der Zerstörung: die Umgebung des Schifa-Krankenhauses nach einer zweiwöchigen Militäroperation der Israelis in Gaza-Stadt
       
       Berlin taz | „‚Unbeabsichtigter Angriff‘, was soll das sein? Und wie oft
       hat es solche Schläge auch gegen Palästinenserinnen und Palästinenser
       gegeben?“, schrieb die SPD-Politikerin Aydan Özoguz kurz nach dem
       [1][tödlichen israelischen Angriff auf Helfer im Gazastreifen] auf X
       (früher Twitter). Das sei keine Verteidigung mehr. Und: „Möchte Netanyahu
       jemals Frieden?“, fragte sie.
       
       Der israelische Angriff auf einen humanitären Hilfskonvoi der Organisation
       World Central Kitchen, bei dem sieben Helfer aus unterschiedlichen Ländern
       [2][getötet wurden], hat weltweit für Empörung gesorgt. Viel spricht dafür,
       dass sie [3][gezielt beschossen] wurden. Der US-Verteidigungsminister
       fordert von Israel konkrete Schritte zum Schutz von Helfern. Polens
       Ministerpräsident Donald Tusk forderte Israel auf, den Hinterbliebenen der
       getöteten Helferinnen und Helfer Entschädigungen zu zahlen.
       
       Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock fordert zunächst einmal
       Aufklärung: „Die israelische Regierung muss diesen schrecklichen Vorfall
       schnell und gründlich untersuchen“, schrieb die Grünen-Politikerin schon am
       Dienstag auf der Plattform X. „Solche Vorfälle dürfen nicht passieren.“
       
       Der linken Opposition reicht das als Reaktion nicht aus. Alle
       Waffenlieferungen nach Israel müssten sofort gestoppt werden, fordern
       Gregor Gysi und Martin Schirdewan, der Vorsitzende der Linkspartei, in
       einer ungewöhnlich scharfen Erklärung. Nach UN-Angaben seien in diesem
       Krieg bereits mehr als 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von
       Hilfsorganisationen getötet worden – „überwiegend Palästinenser, bei denen
       es nie eine Reaktion oder Entschuldigung der israelischen Regierung gab“.
       Der Tod der sieben Mitarbeiter von World Central Kitchen sei daher „kein
       Einzelfall“.
       
       Auch ihre ehemalige Parteigenossin Sahra Wagenknecht fordert, die
       Bundesregierung solle mit einem Waffenembargo reagieren. Es sei „zutiefst
       heuchlerisch, wenn einerseits international humanitäre Hilfe organisiert
       wird, anderseits westliche Staaten Waffen liefern, um das Töten von vor
       allem Frauen und Kindern fortzusetzen“, so die Vorsitzende der neuen Partei
       Bündnis Sahra Wagenknecht.
       
       Kanada liefert keine Waffen mehr 
       
       Kanada hatte bereits vor dem tödlichen Angriff auf die Hilfsorganisation
       World Central Kitchen angekündigt, keine Waffen mehr an Israel zu liefern,
       wie die kanadische Außenministerin Mélanie Joly am Dienstag bestätigte. Die
       Situation vor Ort mache es „unmöglich“, irgendeine Art von militärischer
       Ausrüstung nach Israel zu exportieren. In Großbritannien haben jetzt 600
       britische Juristen an die Regierung von Premier Rishi Sunak appelliert,
       alle Waffenverkäufe an Israel zu stoppen.
       
       Mehrere deutsche Geisteswissenschaftler fordern die Bundesregierung
       ebenfalls zu einem Kurswechsel gegenüber Israels Regierung auf. „Die
       Strategie der bedingungslosen Unterstützung Israels ist gescheitert“,
       schreiben sie in einem [4][offenen Brief]. Es sei „höchste Zeit, den Kurs
       zu ändern“. Die Forscher sehen es als erwiesen an, dass Israel in Gaza
       [5][Kriegsverbrechen] begeht. Die Bundesregierung müsse daher bereit sein,
       „das Verhalten der aktuellen israelischen Regierung zu verurteilen und zu
       sanktionieren“.
       
       Der Bundesregierung machen die Wissenschaftler überdies den Vorwurf, mit
       ihrer gegenwärtigen Haltung [6][internationale Institutionen] zu schwächen.
       Weder habe sie es verurteilt, dass UN-Mitarbeiter und Helfer des Roten
       Halbmonds durch die israelische Armee getötet wurden, noch habe sie die
       Angriffe der israelischen Regierung auf die UNO, die WHO und insbesondere
       UNWRA kritisiert. Stattdessen setze sich Deutschland dafür ein, Israel vor
       internationalen Gerichten vor Kritik in Schutz zu nehmen. Sie bezweifeln,
       dass das israelische Vorgehen der Sicherheit des Landes diene: Der Krieg in
       Gaza könne vielmehr die Feindseligkeiten verschärfen und zu weiterer
       Radikalisierung führen, fürchten sie.
       
       Die Bundesregierung hat ihren Ton gegenüber Netanjahu zuletzt zwar
       verschärft. Vor echten Konsequenzen wie einem Stopp von Waffenlieferungen
       scheut sie aber noch zurück. Aydan Özoguz sieht trotzdem Bewegung. Sowohl
       der Kanzler als auch die Außenministerin hätten in den vergangenen Wochen
       eine Waffenpause und mehr humanitäre Hilfe gefordert, sagte die
       SPD-Politikerin der taz. „Das macht mir Hoffnung.“
       
       4 Apr 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Israelischer-Angriff-auf-Hilfskonvoi/!5999771
   DIR [2] https://www.nytimes.com/2024/04/04/podcasts/the-daily/israels-deadly-airstrike-on-the-world-central-kitchen.html
   DIR [3] https://www.haaretz.com/israel-news/2024-04-02/ty-article/.premium/idf-sources-gaza-aid-workers-killed-because-officers-on-the-ground-do-what-they-want/0000018e-a06e-d9c2-afbe-a8fe319b0000
   DIR [4] https://statementisraelgaza.wordpress.com/de/
   DIR [5] /Israelische-Angriffe-in-Gaza/!5999067
   DIR [6] /Baerbock-beim-UN-Menschenrechtsrat/!5991994
       
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   DIR Daniel Bax
       
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