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       # taz.de -- Ein Jahr ohne Atomstrom: Und Deutschland gibt es immer noch
       
       > Die düsteren Prognosen für Deutschland nach Abschalten der letzten AKWs
       > haben sich nicht bewahrheitet. Das Thema kann endgültig ad acta gelegt
       > werden.
       
   IMG Bild: Der Kühlturm des abgeschalteten AKW Isar 2 in Essenbach am 26. August 2023
       
       Es ist an der Zeit, in der Atomdebatte verbal abzurüsten. Genau ein Jahr
       ist es nun her, dass in Deutschland die letzten drei Reaktoren vom Netz
       gingen. Und was ist passiert? Das Ereignis ging recht geräuschlos über die
       Bühne. Nehmen wir die Kohle. Allen Unkenrufen zum Trotz lag die
       Kohleverstromung in Deutschland im ersten Jahr ohne AKW um ein Viertel
       niedriger als im Jahr davor. Entsprechend [1][sanken trotz des
       Atomausstiegs die CO2-Emissionen pro Kilowattstunde] im deutschen Strommix.
       
       Das hatten Kritiker anders prophezeit. Die Gründe für die Bilanz sind
       vielfältig. Rein summarisch wurden die weggefallenen Kilowattstunden
       [2][komplett durch den Zubau an Erneuerbaren kompensiert]. Aber auch ein
       leicht reduzierter Stromverbrauch aufgrund der wirtschaftlichen Lage in der
       Industrie und ein extrem milder Winter drückten den Bedarf an Kohle. Die
       Stabilität der Stromversorgung war – auch das hatten Kritiker infrage
       gestellt – weiterhin gegeben.
       
       Aber die Stabilität hängt ohnehin mehr am Zustand der Netze und an den
       Organisationsstrukturen der Branche (der IT-Sicherheit etwa) als an der
       Frage, ob es drei Kraftwerke mehr oder weniger gibt. Verändert hat sich
       durch den Atomausstieg vor allem eines: die Importbilanz des Stroms. Die
       reagiert nämlich sensibel auf minimale Änderungen im nationalen Preisgefüge
       an der Strombörse. Deutschland, seit 20 Jahren per saldo Stromexporteur,
       wurde mit dem Ende der letzten drei Meiler zum Importeur.
       
       Nun kann man diskutieren, ob eine solche Momentaufnahme der große störende
       Begleiteffekt des Ausstiegs ist – nur wozu? Es ändert nichts mehr.
       Zumindest was die Leichtwasserreaktoren des 20. Jahrhunderts betrifft, ist
       die Atomkraft hierzulande Geschichte. Wenn jemand zur persönlichen
       Profilierung eine Rückabwicklung des Ausstiegs fordert, ist das ein
       Scheingefecht.
       
       ## Auf Entscheidungsspielräume konzentrieren
       
       Zielführender wäre stattdessen, wenn sich politische Akteure auf jene
       Punkte der Energiewende konzentrieren würden, bei denen es tatsächlich
       Entscheidungsspielräume gibt. Denn Gründe für Kritik an der Energiepolitik
       gibt es wahrlich genug. Die planwirtschaftliche Herangehensweise an den
       Kohleausstieg ist so ein Punkt; hier wäre es eleganter, das Ganze per
       [3][CO2-Preis] zu regeln.
       
       Auch drohen Marktverwerfungen durch den unkoordinierten Ausbau der
       Photovoltaik und der Windkraft. Weitere Anlagen werden nämlich vor allem
       dann Strom liefern, wenn ohnehin schon genug davon da ist. Trotzdem soll
       mit immer mehr Steuergeld immer mehr Strom erzeugt werden, der im Moment
       der Erzeugung angesichts fehlender Speicher wertlos ist. Das wäre mal ein
       vordringliches Thema für die Debatte – die Atomkraft ist es aktuell nicht
       mehr.
       
       13 Apr 2024
       
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