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       # taz.de -- Journalistin über Sinti und Roma: „Bilder im Kopf hinterfragen“
       
       > Die Journalistin Gilda Horvath engagiert sich seit Jahren für Rom:nja. Im
       > Interview spricht sie über Vorurteile und bedrohte Erinnerung an
       > NS-Verbrechen.
       
   IMG Bild: Rom:nja bei ihrem Kampf für Anerkennung auf einer Demonstration in Frankfurt a. M. 2015
       
       taz: Frau Horvath, in Wien soll bald ein Denkmal für die Rom:nja und
       Sinti:zze entstehen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurde.
       Gemeinsam mit NGOs haben Sie sich dafür starkgemacht. Wie ist der aktuelle
       Stand? 
       
       Gilda Horvath: Im November hat die österreichische Regierung beschlossen,
       dass es ein Denkmal geben wird. Das ist schon mal ein großer historischer
       Erfolg für die Community, die insgesamt 30 Jahre lang gefordert hat, dass
       es einen Gedenkort für die unter den Nationalsozialisten ermordeten
       Rom:nja geben muss. Wir haben nun seit zwei Jahren als Kollektiv dafür
       gearbeitet. Erst vor ein paar Tagen war die erste Sitzung im
       österreichischen Parlament, in der wir mit dem Nationalfonds über die
       Ausschreibung gesprochen haben. Wir sind sehr glücklich über diese
       Fortschritte.
       
       In Berlin wurde das Denkmal für die Rom:nja-Opfer der Nazis bereits 2012
       eingeweiht, heute ist es bedroht. [1][Die Deutsche Bahn will einen Tunnel
       darunter bauen], was mindestens den heutigen Charakter des Denkmals
       verändern würde. 
       
       Man muss sich vor Augen führen, worum es da geht. Die Deutsche Bahn ist ein
       Konzern mit Gewinnabsicht: Es geht ihr also letztlich ums Geld. Für die
       Rom:nja und Sinti:zze ist dieser Ort aber auch eine Grabstätte, ein Ort,
       wo Menschen gedenken, die keine Gräber für ihre Vorfahren haben, weil sie
       vergast wurden. Und das wird vergessen. Ich denke, wenn wir in eine
       christliche Grabstätte eingreifen würden oder in die Grabstätte einer
       anderen Religion, würde man das respektvoller diskutieren.
       
       Auch in der weiteren Gesellschaft werden Sinti:zze und Rom:nja nach wie
       vor diskriminiert. 
       
       Genau. Mehr als 40 Prozent der Diskriminierung in der Gegenwart passiert
       bei öffentlichen Institutionen und Behörden: in Schulen, bei Ärzten, die
       uns die Behandlung verweigern, bei Polizisten, die ihre Kompetenzen
       überschreiten, bei Ämtern, die die Belege nicht lesen, sondern Anträge
       einfach ablehnen. Der Bundesbeauftragte für Roma und Sinti, Dr. Mehmet
       Daimagüler, plant daher eine Wahrheitskommission, die das Unrecht, das bis
       in die Gegenwart geschieht, aufarbeiten soll.
       
       Trägt auch die mediale Berichterstattung zu dieser Ungleichbehandlung bei? 
       
       Es ist wissenschaftlich belegt, dass Medien eine verzerrte Darstellung
       haben. Sie fallen auf kollektive Illusionen herein. Es gibt
       jahrhundertealte Lügengeschichten, wie etwa, dass Rom:nja Kinder stehlen
       würden. Vor ein paar Jahren gab es einen Fall von einem Mädchen namens
       Maria, wo die Medien dann riesige Mythen verbreitet haben über einen
       angeblichen Menschenhändlerring, der nie existiert hat. Das Kind war
       letztlich ein Teil der Familie. Aber weil es blond und blauäugig war,
       wollte man ihr einfach nicht glauben, es wurde sogar ein DNA-Test
       durchgeführt. Diese falschen Informationen in den Medien führen zu Gewalt
       in der Realität.
       
       Sie kritisieren die Medien auch dafür, dass sie zu eng mit
       Internetplattformen kooperieren. Weshalb? 
       
       Facebooks Mutterkonzern Meta hat ein „Journalismus-Programm“, bei dem er
       anbietet, Journalist:innen auszubilden. Da lernt man aber keinen
       Journalismus, sondern wie man Inhalte so produziert, dass sie auf Facebook
       die größte Reichweite bekommen. Das ist ein Paradigmenshift: [2][Ein
       Privatkonzern fängt an, Journalist:innen auszubilden], die dann
       Informationen an sein System angepasst schreiben. Damit geben wir die
       Deutungshoheit über die Realität ab. Das ist eine gefährliche Entwicklung.
       Wir Journalist:innen können unsere Verantwortung nicht an Drittanbieter
       wie Meta oder Facebook delegieren.
       
       Und wenn selbst die Presse immer noch auf alte Mythen über Rom:nja
       hereinfällt, verbreitet ein soziales Netzwerk, das viel weniger kuratiert
       ist, eher noch solche Bilder.
       
       Absolut. Wir sehen das auch bei der künstlichen Intelligenz: Wenn man das
       Bild eines CEO anfragt, und es kommt bei acht Versuchen immer ein Mann
       raus. Die KI hat eine stark verzerrte Spiegelung unserer Realität.
       
       Sie kennen die Redaktionen als Journalistin auch von innen. Wie reagieren
       Sie, wenn Sie dort auf Vorurteile stoßen? 
       
       Von Mensch zu Mensch reagiere ich in erster Linien mit Güte und Humor. Weil
       ich glaube, dass die allerwenigsten Menschen absichtlich etwas sagen, das
       mich verletzen könnte. Eine sehr gute Journalistin, die ich schätze, hat
       mich in einem Interview einmal gefragt, wie ich zu einem Vorfall stehe –
       irgendwo in Griechenland hatte es Ausschreitungen gegeben, bei denen
       Rom:nja angeblich Marktstände zerstört hätten. Ich habe geantwortet: Ich
       habe gehört, am Ballermann haben wieder 300 Deutsche randaliert, ein paar
       Biergläser zerhauen, und da gibt’s jetzt ein Verfahren: Wie stehen Sie
       dazu? Dann hat sie sehr schnell verstanden, wo ich hin wollte. Dieses
       Kollektiv-verantwortlich-Sein für ein ganzes Volk ist ein typischer Fehler,
       den Journalist:innen machen.
       
       Was können Medien konkret besser machen, um eine vorurteilsbehaftete
       Berichterstattung über Rom:nja zu vermeiden? 
       
       Journalist:innen müssen die eigenen Bilder im Kopf hinterfragen. Über
       95 Prozent aller Roma weltweit sind sesshaft, wandern nicht, leben in
       Wohnungen und arbeiten. Sie führen ein ganz normales Leben. Das Bild in den
       Medien spiegelt das nicht wider. Armut und Obdachlosigkeit gibt es nicht
       nur in der Community, sondern auch in der deutschen Bevölkerung. Das ist
       aber medial nicht so präsent und somit auch nicht in unserem kollektiven
       Bewusstsein.
       
       Sie probieren sich beruflich gerade anderweitig aus und entwickeln
       gemeinsam mit Partnern ein Computerspiel, bei dem es um Selbstermächtigung
       geht. Was hat es damit auf sich? 
       
       Das soll ein Spiel für alle Menschen werden, die sich in einem Prozess der
       Selbstreflexion und Transformation befinden. Es wird ein RPG, also ein Role
       Play Game. Das heißt, man hat einen Charakter, den Protagonisten, und den
       kann man über das Spiel entwickeln. In diesem Fall gibt es einen ganz
       großartigen Dreh, der dazu führen wird, dass wir unsere Realität anders
       sehen werden. Und zwar nicht nur im Spiel, sondern auch außerhalb. Das
       Spiel wird auf die Realität außerhalb des Screens wirken.
       
       8 Apr 2024
       
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