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       # taz.de -- Nationalelf vor der EM: Eine neue Gemeinschaft
       
       > Beim 2:1 gegen die Niederlande präsentiert sich die DFB-Auswahl als
       > EM-taugliches Team. Für aussortierte Spieler wird die Teilnahme
       > unwahrscheinlich.
       
   IMG Bild: Maximilian Mittelstädt spielt sich nach vorn: Jubel nach dem 1:1
       
       Sicherheitshalber würde man Bundestrainer [1][Julian Nagelsmann] gern
       nahelegen, all diese wundersamen Vorgänge der letzten Tage doch bald zu
       verschriftlichen, damit möglichst wenig davon verloren geht. In der
       DFB-Akademie könnte es dann als Weiterbildungswerk nützlich sein.
       Titelvorschlag: „Wie baue ich trotz nahezu hoffnungsloser Lage in nur zehn
       Tagen ein turniertaugliches Nationalteam?“
       
       Als Nagelsmann vor den beiden jüngsten Länderspielen etliche altgediente
       Kräfte außen vor ließ und für ein tragfähigere Teamchemie [2][sechs
       Neulinge berief], wirkte das auf nicht wenige wie ein verzweifeltes
       Laborexperiment. Doch praxistauglich war nach dem gelungenen Auftritt beim
       Vizeweltmeister [3][Frankreich (2:0)] dann auch der vor heimischer Kulisse
       gegen die Niederlande.
       
       Zu den erstaunlichen Ereignissen der letzten Tage passte es, dass der
       eingewechselte Niklas Füllkrug gegen die Niederlande mithilfe seiner linken
       Schulter in der 85. Minute für ein Happy End sorgte, das nur mit der
       Torlinientechnologie zu erkennen war. Zuvor war das Publikum, wie
       Nagelsmann hinterher selbst feststellte, recht still geworden. Das Spiel
       hätte in beide Richtungen kippen können.
       
       Dieser zweite Sieg in Folge dürfte für den Fortbestand dieser neuen
       DFB-Gemeinschaft von großer Bedeutung sein. Kurz nach dem Abpfiff konnte
       man bei Nagelsmanns Statement mitverfolgen, wie sehr sich gerade der
       Türspalt für außenstehende Kandidaten wie Leon Goretzka, Serge Gnabry oder
       Nico Schlotterbeck verkleinerte: „Wenn alle gesund bleiben und weiter so
       performen, werden wir auf jeden Fall nicht zehn Spieler tauschen,
       eigentlich auch nicht fünf, vielleicht ein, zwei.“ Wobei er dem gesperrten
       Sané wegen seiner „außergewöhnlichen Qualität“ bereits einen Platz mehr
       oder minder versprochen hatte.
       
       Es ist erstaunlich. Nagelsmann, der sich so gern in taktischer Exegese
       verliert, [4][analysiert] zunehmend mit der gleichen Leidenschaft das
       Verhalten seiner Spieler außerhalb des Platzes. Den Neuling Mittelstädt
       habe er genau beobachtet, wie er sich beim Frühstück nach seinem guten
       Spiel gegen Frankreich verhält. Er sah nur Gutes: „Unfassbar lieber Kerl,
       freundlich, immer gut gelaunt.“
       
       ## Selbstkritik ist „top“
       
       Und bei Kapitän [5][Ilkay Gündogan] war ihm die Reaktion nach seiner frühen
       Auswechslung gegen Frankreich mindestens so wichtig wie sein Spiel. Er habe
       sich selbstkritisch gezeigt, „das war top.“ Nagelsmann hat das fehlende
       Miteinander als ein Hauptproblem der Vergangenheit ausgemacht und für eine
       klare Rollenverteilung zwischen gesetzten Kräften und „Herausforderern“
       gesorgt.
       
       Wie nahtlos das bislang in der Praxis aufgeht, ist bemerkenswert.
       Torschütze Niklas Füllkrug erklärte zu den Veränderungen seit Herbst, als
       nach den Niederlagen gegen die Türkei und Österreich größte Tristesse
       herrschte: „Natürlich ist es eine ganz andere Gruppe, die du da beisammen
       hast.“ Auch habe man die Systematik auf dem Spielfeld ein „bisschen
       umgestellt“, was sich sehr positiv angefühlt habe. Und er räumte auch dem
       Unerklärlichen im Fußball einen Platz ein: „Was vielleicht im letzten Jahr
       alles gegen uns lief, lief jetzt auch für uns.“
       
       [6][Rückkehrer und Weltmeister Toni Kroos], der gegen die Niederlande nicht
       so herausragte wie gegen Frankreich, hat einen sichtbar positiven Einfluss
       auf den neuen gemeinsamen Spirit. Zudem trifft die DFB-Elf nach einer
       langen Phase der Erfolgslosigkeit plötzlich wieder aus Standardsituationen.
       Gegen die Niederlande schlug er den Eckball, der auf der siegbringenden
       Schulter von Füllkrug landete.
       
       ## „Herausforderer“ sorgen für Aufschwung
       
       Für den Umschwung hatten in diesem Spiel aber maßgeblich die in der Diktion
       von Nagelsmann eingewechselten „Herausforderer“ gesorgt. David Raum,
       Benjamin Henrichs und Pascal Groß belebten etwa das schläfrige Spiel. Für
       die Erzählung von Nagelsmann, wie Gruppen zu funktionieren haben, konnte es
       keine bessere Bestätigung geben.
       
       Und die Geschichte des 27-jährigen Maximilian Mittelstädt veranschaulichte
       am besten, was dieses neue Team bei allen Unzulänglichkeiten zu leisten
       imstande sein kann. Mit einem zu kurz geratenen Rückpass hatte er die frühe
       Führung der Gäste (4.) eingeleitet, eher er sieben Minuten später in seinem
       zweiten Länderspiel den Ball aus 18 Metern fulminant in den Torwinkel
       beförderte.
       
       Für diesen Umgang mit einem Negativerlebnis bescheinigte Nagelsmann dem
       Jungnationalspieler natürlich EM-Tauglichkeit.
       
       27 Mar 2024
       
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