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       # taz.de -- Regisseurin über Belarus: „Das Regime kann sie nicht brechen“
       
       > In Belarus sind nicht erst seit 2020 Tausende in Haft, darunter viele
       > Frauen. Ein Film und Buch von Cordelia Dvorák stellen einige von ihnen
       > vor.
       
   IMG Bild: Die belarussische Oppositionsaktivistin Maria Kolesnikowa erscheint in Handschellen vor Gericht im September 2021
       
       taz: Frau Dvorák, mehr als drei Jahre arbeiten Sie an einem
       Kino-Dokumentarfilm über sechs Schlüsselfiguren der Frauen-Revolution in
       Belarus. Seit Kurzem liegt ein von Ihnen herausgegebenes Buch mit
       Zeugnissen von Frauen aus der Haft in Belarus vor. Wie sind Sie überhaupt
       auf Belarus gekommen?
       
       Cordelia Dvorák: Bis 2020 ging mein Blick in alle möglichen Richtungen, nur
       nicht nach Osten. Aber die Ereignisse dieser ganz besonderen Revolution in
       Belarus und die Repressionen, die dem folgten, haben mich so erschüttert,
       dass ich angefangen habe zu recherchieren. Dann überstürzten sich die
       Ereignisse, alles wurde immer dringlicher und ich konnte gar nicht mehr den
       Rückwärtsgang einlegen. Ich habe lange in Lateinamerika gelebt und mich mit
       der weiblichen Aufarbeitung des Erbes der dortigen Diktaturen beschäftigt.
       Grundsätzlich interessieren mich [1][weibliche Formen des Widerstandes und
       Gedächtnisses]. Dem wollte ich mich auch in Belarus nähern und war dann
       ganz schnell mitten drin.
       
       Die Proteste in Zuge der gefälschten Präsidentenwahl am 9. August 2020
       werden auch als „feministische Revolution“ bezeichnet. Passt diese
       Charakterisierung für Sie? 
       
       Wir im Westen halten unsere Maßstäbe, auch was Feminismus betrifft, für die
       einzig gültige Messlatte. Im Fall von Belarus ist das jedoch nicht so
       eindeutig. Ja, der Moment des politischen Erwachens ist maßgeblich über die
       Frauen passiert. Dennoch bin ich gegen dieses pauschale Label einer
       feministischen Revolution. Das wird der dortigen Komplexität nicht gerecht
       und läuft sehr schnell auf eine Abwertung hinaus.
       
       ## Ständige Unwägbarkeiten
       
       Wie gestalteten sich die Recherchen? Was war besonders schwierig? 
       
       Erste Netze habe ich über das Goethe-Institut in Minsk ausgeworfen, bin
       dann aber schnell mit Belaruss*innen im Exil in Kontakt gekommen. Ganz
       wichtig war auch das von deutschen Osteuropa-Leuten initiierte
       [2][Solidaritäts-Projekt „Stimmen aus Belarus“]. Da wurden seit Sommer 2020
       wöchentlich Stimmen gepostet, die nicht in den Medien auftauchten. Mir war
       schnell klar, dass ich für meine Drehs wohl nicht nach Belarus würde reisen
       können, sondern mit einem Team von vor Ort würde arbeiten müssen. Als ich
       dann für erste Interviews nach Litauen, Lettland und Warschau fahren
       wollte, kamen Corona und der Lockdown dazu. Für Mai 2021 war alles für die
       ersten Drehs organisiert. Dummerweise war das die Woche, in der Alexander
       Lukaschenko [3][ein Flugzeug mit dem Oppositionellen Raman Pratassewitsch
       an Bord zur Landung zwingen ließ]. In dieser angespannten Stimmung sind wir
       gestartet. Unwägbarkeiten begleiten uns bis heute.
       
       Parallel zu dem Filmprojekt ist die Idee für ein Buch entstanden. Wie
       passierte das? 
       
       Diese Idee hat sich mir quasi aufgedrängt. Bei meinen Recherchen für den
       Film bin ich in sozialen Medien immer wieder auf kurze, [4][eindrückliche
       Nachrichten von politischen Gefangenen gestoßen]. Ich war erschüttert, mit
       welch unglaublicher Haltung die Menschen die Haft durchstehen. Irgendwann
       dachte ich, das muss an die Öffentlichkeit. Zumindest das können wir tun.
       Und ich wollte mehr über das Leben in der Haft erfahren. Das hat dann
       angesichts der Dramatik der Repressionen eine solche Fahrt aufgenommen,
       dass es von der Idee bis zur Drucklegung des Buches nur anderthalb Jahre
       gedauert hat.
       
       ## Anfangs viele Neins
       
       In dem Buch kommen acht Protagonist*innen zu Wort. Wie haben Sie diese
       Frauen ausgesucht? 
       
       Das war ein sehr komplizierter Prozess. Der Grundstock war ein [5][ganzes
       Konvolut an Briefen von Maryja Kalesnikawa] (belarussische
       Bürgerrechtlerin, mit Swjatlana Zichnouskaja und Weranika Zepkala bildete
       sie vor der Präsidentschaftswahl ein Trio von Frauen gegen den regierenden
       Alexander Lukaschenko, Anm. d. Red.), das ich von ihrer Schwester für
       meinen Film bekommen hatte. Bei allen anderen Protagonist*innen haben
       wir über heimliche, sichere Kanäle und mit Unterstützung der belarussischen
       [6][Menschenrechtsorganisation Vjasna] die Angehörigen und Anwälte vieler
       Inhaftierten kontaktiert. Auf einen entsprechenden open call im Januar 2023
       kam erst mal sehr wenig und dann gab es viele Neins. Zu gefährlich, man
       komme nicht mehr an die Briefe heran oder sei selbst im Exil, hieß es. Das
       war nicht gerade ermutigend. Schließlich ist der Rechercheur und
       Regie-Assistent meines Filmprojekts, Wanja Müller, mit eingestiegen und hat
       entscheidendes Extramaterial besorgen können.
       
       Die Frauen werden über ihre Briefe, manche auch noch anhand ihrer letzten
       Worte vor Gericht vorgestellt … 
       
       In einigen Fällen zeigte sich, dass die Briefe allein nicht ausreichten, um
       die Frauen zu verstehen und sich ein Bild von ihnen machen zu können.
       Deshalb mussten wir mehr Kontext schaffen, um zu zeigen, wie die Frauen aus
       sehr unterschiedlichen Gründen zu ihrer politischen Aktivität gekommen
       sind. Manchmal haben wir Interviews gefunden, kurz vor ihrer Festnahme.
       Drei Frauen aus dem Buch sind bereits aus der Haft entlassen. Sie habe ich
       gebeten, ein Postscriptum über die erste Zeit danach zu verfassen. Wie
       kehrt man ins Leben zurück, wonach sehnt man sich als Erstes, nachdem man
       das Gefängnis verlassen hat?
       
       Welches Phänomen hat Sie in diesem Zusammenhang besonders beschäftigt? 
       
       Dieser „point of no return“ oder anders gesagt die Frage: Wann ist der
       Moment, an dem jemand beschließt: Jetzt gibt es nichts mehr zu verlieren
       und ich gehe meinen Weg bis zu Ende weiter. Wo hört die Angst auf, ab wann
       macht man keine Konzessionen mehr? Diese existenzielle Klippe hat mich
       total beschäftigt.
       
       ## Nicht gebrochen
       
       Was haben Sie als wichtigste Botschaft persönlich für sich mitgenommen? 
       
       Die Unerschütterlichkeit, der wahnsinnige Mut, die Würde der Betroffenen,
       gleichzeitig aber auch ihr Humor. Und dass die Inhaftierten in dieser
       Haltung irgendwie unantastbar werden. Das Regime schafft es nicht sie zu
       brechen. Und die, die aus der Haft entlassen worden sind, sagen: Wir würden
       es wieder genauso so machen.
       
       Haben Sie aktuell noch Kontakt zu den Protagonist*innen? 
       
       Ich versuche bewusst Kontakt zu halten, auch zu den Angehörigen derer, die
       noch in Haft sind. Es ist wichtig, dass sie wissen, dass wir sie im
       Bewusstsein haben. Zwei der drei Frauen, die freigelassen wurden, werde ich
       im März in der Schweiz treffen. Ich freue ich mich sehr auf den direkten
       Austausch.
       
       Ab Sommer 2020 war die internationale Aufmerksamkeit für Belarus einige
       Monate lang groß. Heute laufen das Land und was dort passiert eher wieder
       unter dem Radar öffentlicher Aufmerksamkeit ….. 
       
       Das ist leider so in unserer Medienwelt. Belarus ist total überlagert
       worden durch den Krieg in der Ukraine und der wiederum durch Israel und
       Gaza. Trotzdem sind viele Dinge ins Bewusstsein gedrungen, doch es braucht
       Zeit und Geduld, damit sich das konsolidiert und die Menschen aus Interesse
       an den Entwicklungen dran bleiben. Dazu versuche ich durch meine Arbeit
       beizutragen.
       
       Ihr Film ist noch nicht fertig. Woran liegt das? 
       
       Filmförderungen in Litauen und Norwegen waren als Ko-Produzenten
       vorgesehen. Durch den Krieg in der Ukraine wanderten dort die Etats von der
       Kultur dann mal eben zur Verteidigung und bei internationalen
       Ko-Produktionen wurde massiv gekürzt. Wir haben viel Zeit verloren und
       suchen jetzt nochmals nach neuen Partner*innen. Das ist sehr mühsam und
       kostet viel Kraft. Aber darin liegt auch eine Chance. Wir wissen ja nicht,
       was aus dieser Revolution noch werden wird und mich interessiert sowieso
       eine Langzeitbeobachtung der Akteur*innen. Wie geht es weiter mit ihnen –
       im Exil, in der Haft oder im Hausarrest?
       
       Vielleicht eine letzte Frage: Warum sollen sich Menschen im Westen
       überhaupt mit Belarus beschäftigen? 
       
       Es geht ja nicht nur um Belarus, vielmehr ist das ein Topos: Ein kleines
       unbekanntes Land, das es plötzlich in die Weltöffentlichkeit schafft und
       einen unglaublichen Schritt in Richtung einer Politisierung und
       Nationenbildung macht und das auch noch im Zeitraffer. Diesen Schritt, und
       auch den Mut, den es dafür bedarf, weiterzuverfolgen scheint mir sehr
       spannend, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Frauenperspektive. Auch
       wenn die Proteste im Moment nicht mehr sichtbar sind – das Bewusstsein und
       die Haltung, das setzt sich fort. An den Zeugnissen, die wir zusammen
       getragen haben, sieht man sehr deutlich, dass es weiter geht. Und daraus
       wird irgendwann ein anderes Belarus entstehen.
       
       24 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Proteste-in-Belarus--ein-Jahr-danach/!5793821
   DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=vWFVOoZCmXs&list=PLSGzDWIy26UnwCuTGp8iWtOofrNjmzOnq
   DIR [3] /Festgenommener-Blogger-in-Belarus/!5774183
   DIR [4] /Inhaftiert-in-Belarus/!5758672
   DIR [5] /Opposition-in-Belarus/!5799224
   DIR [6] https://spring96.org/en
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Barbara Oertel
       
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