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       # taz.de -- Uiguren als Zwangsarbeiter*innen: VW prüft Geschäft in Xinjiang
       
       > Der deutsche Autobauer steht unter Druck. Es gibt neue Vorwürfe von
       > Menschenrechtsverletzungen gegen die chinesischen Partner.
       
   IMG Bild: Demonstration während der Hauptversammlung von Volkswagen in Berlin im Mai 2023
       
       Berlin taz | Der deutsche Autokonzern VW will seine Tätigkeit in der
       chinesischen Provinz Xinjiang auf den Prüfstand stellen. Nach Vorwürfen von
       Menschenrechtsverletzungen erklärte der Konzern am Mittwoch, er prüfe mit
       seinem Joint-Venture-Partner SAIC die künftige Ausrichtung seiner
       Geschäftsaktivitäten. „Bisher lagen uns keine Hinweise auf
       Menschenrechtsverletzung vor“, so VW.
       
       Das Handelsblatt hatte am Mittwoch über Hinweise berichtet, dass beim Bau
       einer Teststrecke von VW in der chinesischen Region Xinjiang Angehörige der
       [1][Minderheit der Uiguren] als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt worden
       seien.
       
       Nach „Tipps von VW-Mitarbeitern“, bat das Medium den Soziologen Adrian
       Zenz, den Fall zu untersuchen. Der für seine Forschung zur
       Menschenrechtslage der Uiguren bekannte Wissenschaftler durchforstete dafür
       das chinesische Internet.
       
       Und wurde fündig. Zwischen 2015 und 2019 wurde in Turpan in der Region
       Xinjiang ein VW-Testgelände für Fahrzeuge gebaut und zusammen mit dem
       VW-Partner und Staatskonzern SAIC eröffnet. Gebaut wurde die Teststrecke
       von der China Railway Engineering Corporation (CREC).
       
       „In den Berichten des CREC und des Xinjiang Test Track Project heißt es
       offen, dass das Xinjiang Test Track Project während des Höhepunkts der
       Masseninternierungen in den Jahren 2017 und 2018 transferierte uigurische
       Überschussarbeiter beschäftigte“, [2][schreibt Zenz auf der
       Online-Plattform X].
       
       ## Berichte der Bauunternehmen dokumentieren Zwangsarbeit
       
       Dazu veröffentlicht er ein Foto. Darauf sieht man uigurische
       Arbeiter*innen in militärischen Uniformen. Einige haben rote Blumen in
       der Hand, „ein typisches Merkmal der Zwangsversetzungen“, schreibt Zenz. In
       der Bildunterschrift stehe: „Das SAIC Volkswagen und CREC 4th Bureau
       Xinjiang Test Track Project rekrutiert gemeinsam uigurische und andere
       ethnische Minderheiten als Arbeitskräfte für das Projekt.“
       
       Weil unabhängige Untersuchungen in der Region Xinjiang von der chinesischen
       Regierung untersagt werden, ist die Beweislage zu Masseninternierung und
       Zwangsarbeit von Uiguren in Unternehmen insgesamt dünn. „Das erste Mal gibt
       es einen direkten Beleg, dass es Zwangsarbeit beim Bau der Teststrecke des
       Joint Ventures VW/SAIC gab. [3][Bis jetzt galten die Vorwürfe vor allem den
       Lieferkette]n“, sagt Hanno Schedler, Referent für Genozid-Prävention bei
       der Gesellschaft für bedrohte Völker der taz.
       
       Der Druck auf VW wird also stärker: Einige Politiker und Menschenrechtler
       fordern seit Jahren den Rückzug des Autokonzerns aus der Region Xinjiang.
       Jetzt sind auch Investoren alarmiert. „Die heutigen Vorwürfe haben eine
       neue Dimension“, erklärte Nachhaltigkeitschef Janne Werning von Union
       Investment. „Damit kommt Volkswagen für unsere nachhaltigen Publikumsfonds
       jetzt nicht mehr infrage.“ Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil
       (SPD) nannte die Berichterstattung „besorgniserregend“. Das Bundesland ist
       mit 20 Prozent an VW beteiligt.
       
       Der Autokonzern steht seit Jahren [4][in der Kritik wegen seiner
       Geschäftsbeziehungen in Xinjiang]. Zuletzt stand das Werk Urumqi im
       Vordergrund, das VW mit dem Partner SAIC betreibt. Vergangenes Jahr hatte
       der Konzern [5][ein Gutachten vorgelegt, das keine Hinweise auf
       Zwangsarbeit und Verstöße gegen Menschenrechte auswies].
       
       Menschenrechtler betonten aber, dass es unmöglich sei, ein unabhängiges
       Gutachten in der Region zu erstellen und selbst [6][eine Reihe von
       Mitarbeiter*innen der Rechtsanwaltskanzlei, die das Gutachten
       ausstellte, distanzierten sich kurz danach davon]. Wie im Fall des Audits
       von Urumqi müsse auch eine Überprüfung des Testgeländes mit SAIC abgestimmt
       und von Behörden vor Ort genehmigt werden, erklärte VW am Mittwoch.
       
       „Es gibt keine unabhängige Presse. Die chinesische Regierung lässt
       niemanden in die Xinjiang-Region oder der Aufenthalt ist orchestriert. Dass
       selbst eine UN-Hochkommissarin sich dort nicht frei bewegen kann, zeigt,
       dass es sehr schwer ist, an Informationen zur Lage der Uiguren zu kommen“,
       so Schedler.
       
       Die jüngsten Vorwürfe gegen VW kommen kurz nach Veröffentlichung von
       Recherchen von Spiegel und ZDF, [7][die Hinweise auf Zwangsarbeit durch
       Uiguren bei zwei Partnerunternehmen vom Chemiekonzern BASF] fanden. Auch
       diese Untersuchungen basieren auf Recherchen von Zenz von öffentlichen
       Berichten der Unternehmen.
       
       BASF gab daraufhin bekannt, sich von den beiden Joint Ventures Markor
       Chemical und Markor Meiou Chemical in Xinjiang zu trennen, stellte aber
       hohe CO2-Emissionen der Werke in den Vordergrund. Dennoch würden die
       Recherchen „auf Aktivitäten hinweisen, die nicht mit den Werten von BASF
       vereinbar sind“, so der Konzern. Die beiden Werke beschäftigen zusammen
       laut BASF 122 Beschäftigte. (mit Reuters)
       
       14 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Erklaerung-von-50-UN-Staaten/!5891649
   DIR [2] https://twitter.com/adrianzenz/status/1757605974419075362
   DIR [3] /Zwangsarbeit-in-China/!5989678
   DIR [4] /Kritischer-Aktionaer-ueber-Aktivismus/!5935742
   DIR [5] /Bericht-zu-VW-Werken-in-China/!5974225
   DIR [6] /Zwangsarbeitsvorwuerfe-gegen-Volkswagen/!5976436
   DIR [7] /Menschenrechtsverletzungen-in-China/!5991404
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Leila van Rinsum
       
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