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       # taz.de -- Ausstellung über Mensch und Natur: Vom Jagen und Sammeln
       
       > In der Ausstellung „Catch me if you can“ der Eres-Stiftung in München
       > bekommt eine alte Frage einen absurden Twist. Wie halten wir es mit dem
       > Wildtier?
       
   IMG Bild: Elegant jagen: The Icelandic Love Corporation (JóníJónsdóttir, Eirún Sigurðardóttir & Sigrún Hrólfsdóttir), „Dynasty“ von 2007
       
       Die Jagd auf eine Löwin in der Berliner Peripherie vergangenen Sommer hatte
       für reichlich medialen Stoff und Irritationen gesorgt. Gar nicht
       umfangreich, dafür mit Sachverstand und Ironie gleichermaßen reagiert
       darauf nun eine Ausstellung in der Münchener Eres Stiftung.
       
       Kunst und Kultur mit aktuellen naturwissenschaftlichen Fragestellungen
       zusammenzubringen ist die Ausrichtung der 2006 etablierten Stiftung. Ihre
       Projekte sind diskursiv und bei aller zeitgemäßer Relevanz fern
       ausgetretener Pfade.
       
       Auch in dieser Schau: Die Vorstellung unbedingt [1][zu erlegender Löwen im
       Brandenburgischen] und die Frage nach dem adäquaten Lebensraum, in dem sich
       Raubtier und Mensch gemeinsam aufhalten oder gar entfalten können, auch die
       hierarchischen Verhältnisse in der Natur (falls sie denn hierarchisch sind)
       bekommen in ihrer künstlerischen Übertragung einen bisweilen absurden
       Twist.
       
       ## Nahrungsjagd im Supermarkt
       
       Christian Jankowski hat sich zu Anfang der Neunziger schlicht als
       Predatorenvertreter auf die Nahrungsjagd mit Pfeil und Bogen in einen
       Supermarkt begeben. Er hat geschossen, was er zum Überleben braucht (Video)
       und die Trophäen samt Tötungsinstrumenten zu Haus auf dem Küchentisch fein
       übersichtlich arrangiert (schwarz-weißer überdimensionaler Stoffprint als
       Banner).
       
       Der Schweizer Yves Netzhammer hat seine „Abstraktionsvorräte“ in einem
       Objektkonglomerat (so bezeichnet er seine Arbeit) versammelt: Ein
       stilisierter Hochsitz, flankiert von halbierten Rehskulpturen, birgt eine
       Videoinstallation gleichsam als träumerisch jagenden Bewusstseinsstrom mit
       blutüberströmten wesenlosen Gliederpuppen, an einem Spiegel vorbeirasenden
       Insekten, Eisenbahnen und dergleichen surreal anmutende, ungemütliche,
       irgendwie mörderische Szenarien.
       
       ## Der Mensch ist des Menschen Wolf
       
       Der Mensch, auch wenn er nicht leibhaftig ist, ist des Menschen Wolf,
       zwecklos der Versuch, zu entrinnen. Das hochästhetische Gesicht des Grauens
       vermittelt die „Sphere“ des Briten [2][Alastair Mackie, geformt aus
       tausenden winzigen skelettierten Schädeln] von Feldmäusen. Sie waren
       sämtlich Opfer der unheimlichsten Nachtjäger; die Eulen verschlingen ihre
       Beute mit Haut und Haar, würgen später das Gewölle hervor – und der
       Künstler sammelt das vermeintlich Überflüssige, klaubt die Schädelchen
       heraus, reinigt sie und fügt sie zu einer Kunst und Natur vereinenden
       Transformation.
       
       „The Icelandic Love Corporation“, drei isländische Künstlerinnen, befassen
       sich im verschneiten, eiskalten Hinterland ihrer dünn besiedelten Heimat
       mit der eleganten Jagd nach Trophäen. In feinen Pelz gehüllt schießen und
       fischen sie, trainieren exquisite Sportarten wie Golf – und vergraben, am
       Ende doch überdrüssig, ihren feinen Schmuck in einem Kästchen in der Erde.
       
       Mal sehen was am Ende übrig bleibt von den tollen Pelzen, den hart erjagten
       [3][Insignien des Luxus]. Die Gletscher, Sinnbild unverzichtbarer
       Notwendigkeit, sind es nicht, so viel steht fest. Sie sind die ersten Opfer
       unseres arroganten und nach wie vor unerschütterlich hochgehaltenen
       Jagdinstinkts. In welcher Ausformung auch immer er sich manifestiert.
       
       ## Die großartige Wirkmacht der Natur
       
       Wie großartig (eigentlich) die Wirkmacht der Natur funktioniert, lässt sich
       erahnen, wenn man in der Ausstellung mit dem schönen Titel „Catch me if you
       can“ die lange Liste der invasiven Tierarten betrachtet.
       
       Es sind Tierarten aus allen Kontinenten dieser Erde, die den oft
       abenteuerlichen und abstrusen Weg hierher gefunden haben. Sie wollen in der
       Fremde (über)leben, sich vermehren, erkämpfen sich mit großem Geschick
       einen Lebensraum, sie jagen und haben keine Fressfeinde, werden gejagt,
       verachtet, auch gefürchtet. Manchmal besuchen sie uns auch in unseren
       Vorgärten in Gestalt eines Wildschweins. Zumindest in unserer Fantasie
       zerreißt es uns vor Angst.
       
       1 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Annegret Erhard
       
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       umgehört.