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       # taz.de -- Korruption an der Grenze zu Gaza: Teures Entkommen
       
       > Der Übergang in Rafah ist der einzige Ausweg aus dem Gazastreifen.
       > Ägypten lässt kaum Menschen durch. Berichte von Schmierzahlungen häufen
       > sich.
       
   IMG Bild: Normalerweise kein Durchkommen: vom Gazastreifen aus fotografierter Grenzzaun zu Ägypten in Rafah am 14. Januar
       
       Berlin taz | Immer weiter breiten sich die Zeltstädte vertriebener
       Palästinenser in Rafah im Süden des Gazastreifens aus. Bis auf wenige Meter
       sind sie mittlerweile an den mit Stacheldraht verstärkten Grenzzaun zu
       Ägypten herangerückt. Doch auch in Rafah fallen Bomben: „Vergangene Woche
       schlug direkt vor unserer Haustür eine Rakete ein und traf ein Auto mit
       zwei Männern“, sagt die 22-jährige Deema aus Rafah am Telefon. „Ein Mädchen
       aus der Nachbarschaft wurde beim Brotkaufen von Trümmern am Kopf getroffen
       und ist auf der Straße verblutet.“
       
       Wie Deema und ihre Familie wollen viele in Rafah vor dem Krieg und der
       humanitären Katastrophe im Gazastreifen nach Ägypten fliehen. Die Regierung
       in Kairo lehnt das ab und hat Berichten zufolge auf der ägyptischen Seite
       des Zauns Sandwälle aufschütten und Soldaten in Stellung gehen lassen. Seit
       Kriegsbeginn hat nur eine verschwindend geringe Zahl von Palästinensern das
       Kriegsgebiet über den Grenzübergang Rafah verlassen können.
       
       Die Not der Menschen nutzen ägyptische Beamte und Vermittler offenbar aus,
       um Profit zu machen: Gehen darf nur, wer einen Platz auf der Liste der
       Ausreiseberechtigten bekommt. „Uns wurde gesagt, dass wir 11.000 Dollar pro
       Person zahlen müssen“, sagt Deema. Es seien nur wenige hundert Meter bis
       Ägypten. Für ihre acht Geschwister und ihre Eltern aber würde es ein
       Vermögen kosten.
       
       Mehrere Palästinenser haben im Gespräch mit der taz von Forderungen nach
       bis zu fünfstelligen Bestechungssummen berichtet. Immer häufiger tauchen
       auch Crowdfunding-Aufrufe von verzweifelten Palästinensern online auf. Ein
       Nutzer aus den USA schreibt auf der Plattform „gofundme“ unter einem Foto,
       das seine Familie zeigen soll: „Ihr Haus wurde vollkommen zerstört, sie
       konnten nur noch Kleider mitnehmen (…) Sie sollen 7.000 Dollar pro Person
       bezahlen, um Gaza zu verlassen.“ Die Echtheit dieser Aufrufe lässt sich
       nicht sicher überprüfen.
       
       ## Drei Kilometer laufen für Wasser
       
       Das Ausmaß der humanitären Katastrophe in der Region um Rafah wird auf
       Satellitenbildern deutlich: Abertausende weißer Punkte sind in den
       vergangenen Wochen um die Stadt herum aufgetaucht. Geflüchtete aus dem
       Norden haben Zelte und Verschläge aus Plastikplanen auf dem kargen
       Sandboden errichtet, häufig ohne jede Versorgung mit Strom oder sanitären
       Anlagen. Die Zahl der Menschen entlang der Grenze ist von etwa 300.000 auf
       rund eineinhalb Millionen angewachsen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung
       des Gazastreifens harrt dicht gedrängt auf engstem Raum aus.
       
       Die Kämpfe gehen indes weiter: Dem Hamas-geführten Gesundheitsministerium
       zufolge wurden am vergangenen Wochenende binnen 24 Stunden 178 Menschen
       getötet. Das wäre einer der tödlichsten Tage in Gaza seit Kriegsbeginn. Die
       Hamas ist trotz der monatelangen Kämpfe alles andere als besiegt. Der
       britische Sender BBC zitiert einen US-Geheimdienstbericht, wonach bisher
       nur 20 bis 30 Prozent der Hamas-Kämpfer getötet wurden. Am Wochenende hatte
       es zudem erneut Angriffe auf Soldaten im Norden des Gazastreifens gegeben,
       den die israelische Armee zwischenzeitlich als unter Kontrolle erklärt
       hatte.
       
       [1][Der Zivilbevölkerung fehlt es an Wasser, Strom und Nahrungsmitteln.] In
       den wenigen noch funktionierenden Krankenhäusern müssen Ärzte zum Teil ohne
       Betäubungsmittel operieren. Das UN-Welternährungsprogramm WFP sprach am
       Dienstag erneut von einer drohenden Hungersnot. [2][Schon vor Weihnachten
       warnte das WFP, dass 577.000 Menschen in der schlimmsten Notlage seien.]
       
       „Wir müssen drei Kilometer laufen, um einen Eimer Wasser zu bekommen“,
       erzählt Abu Mohammed al-Masri, der aus dem nördlichen Gazastreifen geflohen
       ist und mit seiner Familie Schutz in einem Universitätsgebäude in Rafah
       gefunden hat. Er lebe mit seiner zehnköpfigen Familie in einem
       Klassenzimmer, zusammen mit vierzig anderen Menschen, erzählt der
       Linguistikprofessor am Telefon, während im Hintergrund Kinder schreien.
       „Ich habe versucht, Gaza zu verlassen, um meine Kinder zu beschützen, weil
       wir nie wissen, wo oder wann die nächste Bombe fallen wird“, sagt al-Masri.
       Für die Ausreise seiner gesamten Familie habe ein Vermittler 50.000 Dollar
       von ihm verlangt. „Sie wollen Profit aus Menschen schlagen, die nichts mehr
       haben.“
       
       ## Ägypten will von Bestechungen nichts wissen
       
       Die Vermittler hätten es vor allem auf Familien mit kranken oder
       verwundeten Mitgliedern abgesehen, sagt der ägyptische Journalist und
       Sinai-Experte Mohannad Sabry. „Diese Menschen bezahlen jeden Preis, um Gaza
       zu verlassen“, sagt der Journalist und Buchautor, der aus Angst vor den
       ägyptischen Behörden seit 2015 im Exil in Großbritannien lebt. Die Schuld
       sehe er aber nicht nur bei den Mittelsmännern oder den korrupten
       Grenzbeamten: „Wir haben es hier mit staatlich ermöglichter, geförderter
       Korruption zu tun“, sagt Sabry an die Adresse Kairos gerichtet.
       
       Die Südgrenze des Gazastreifens sei vollständig unter der Kontrolle der
       ägyptischen Armee und des Geheimdienstes. Zwischen 2014 und 2015 hätten
       ägyptische Sicherheitsbehörden das Grenzgebiet großflächig geräumt,
       tausende Menschen umgesiedelt und den Schmuggel durch Tunnel weitgehend
       unterbunden. Seitdem führe der Weg nach Gaza ausschließlich [3][durch den
       Grenzübergang Rafah].
       
       Ausreisewillige müssten ihre Daten bei den palästinensischen Behörden
       einreichen. Die ägyptischen Behörden würden sie nach einer
       Sicherheitsüberprüfung durch Israel auf eine Ausreiseliste setzen. „Ob und
       wann ein Name auf der Liste auftaucht, ist Glückssache“, sagt Sabry. Das
       System sei vollkommen intransparent und die systematische Korruption seit
       Langem bekannt. „2014 lagen die Preise bei etwa 250 Dollar, 2018 waren sie
       auf etwa 600 Dollar gestiegen.“ Neu seien die horrenden Summen von derzeit
       etwa 10.000 Dollar pro Person.
       
       In Kairo weist man die Berichte zurück. Regierungssprecher Dia Raschwan
       teilte mit, in Rafah würden ausschließlich die offiziellen Gebühren
       erhoben. „Diese Vorwürfe basieren auf unbekannten und einzelnen Quellen
       ohne Belege.“ Die zuständige israelische Behörde Cogat äußerte sich auf
       Anfrage nicht zu den Berichten.
       
       Deema reicht ihr Onkel als Beweis: „Er ist bereits vor einigen Wochen für
       8.000 Dollar ausgereist und hat es nach Amman in Jordanien geschafft“, sagt
       die 22-Jährige. Mit ihren Geschwistern habe sie versucht, ihren Vater zu
       überzeugen. Doch selbst wenn die Familie das Geld zusammenbekommen könnte.
       Der Landwirt wolle seine Felder bei Chan Junis nicht zurücklassen.
       
       23 Jan 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Humanitaere-Not-in-Gaza/!5985259
   DIR [2] https://www.wfp.org/stories/gaza-brink-one-four-people-face-extreme-hunger
   DIR [3] /Lage-in-Gaza/!5966015
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Felix Wellisch
       
       ## TAGS
       
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