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       # taz.de -- Präsidentenwahl in Russland: Nadeschdin kassiert ein „Njet“
       
       > Oppositionspolitiker Nadeschdin darf in Russland bei der Präsidentenwahl
       > nicht antreten. Die Behörden begründen das mit fehlerhaften
       > Unterschriften.
       
   IMG Bild: Noch will er nicht aufgeben: Boris Nadeschdin
       
       Berlin taz | Das war es dann wohl: [1][Der Kriegsgegner Boris Nadeschdin]
       darf eigenen Angaben zufolge nicht bei den russischen Präsidentenwahlen
       Mitte März dieses Jahres antreten. Die Zentrale Wahlkommission (ZIK) habe
       seine Kandidatur abgewiesen, teilte der 60-Jährige via Onlinediensten mit.
       
       Die Behörde begründete ihre Entscheidung damit, dass sie 60.000
       Unterstützer*innenunterschriften geprüft und bei mehr als 9.000
       davon Fehler gefunden habe. Bei den vorgelegten Unterschriften – für die
       Registrierung der Kandidatur ist eine genau festgelegte Anzahl notwendig –
       darf die Fehlerquote maximal 5 Prozent betragen.
       
       Im Falle von Nadeschdin sei man beispielsweise auf elf „tote Seelen“
       gestoßen, hieß es aus der ZIK. Während deren Sitzung seien Angehörige von
       Milizsondereinheiten auf der Straße patrouilliert, auch gepanzerte
       Mannschaftswagen seien zu sehen gewesen, berichtete das unabhängige
       russische Nachrichtenportal SOTAvision. Entsprechende Vorwürfe waren von
       einer Arbeitsgruppe der ZIK bereits in der vergangenen Woche erhoben
       worden.
       
       In einer ersten Stellungnahme sagte Nadeschdin, er habe „Hunderttausende
       russische Bürger*innen“ hinter sich. „Ich bin auf dem zweiten Platz hinter
       Putin, ich erreiche in den Umfragen zweistellige Werte und Sie erzähle mir
       etwas von elf Toten“, sagte der oppositionelle Politiker. Nadeschdin
       kündigte an, die Entscheidung vor dem obersten Gericht anfechten zu wollen.
       Allerdings tendieren seine Chancen, dort etwas zu erreichen, gegen null.
       
       ## Lange Schlangen
       
       Nadeschdin ist seit über 30 Jahren politisch aktiv. Lange hatte er sich in
       der Partei Union der rechten Kräfte an der Seite anderer Liberaler, wie dem
       2015 erschossenen Boris Nemzow, engagiert. Derzeit sitzt er als
       Abgeordneter im Lokalparlament seiner Heimatstadt Dolgoprudny im Moskauer
       Gebiet.
       
       Bereits im vergangenen Dezember hatte er seine Absicht kundgetan, bei der
       Präsidentenwahl für die Partei Bürgerinitiative antreten zu wollen. Als er
       vor einigen Wochen damit begann, Unterschriften zu sammeln, gingen Bilder
       von langen Menschenschlangen um die Welt, die geduldig darauf warteten,
       sich in entsprechende Verzeichnisse einzutragen.
       
       Nadeschdin war der einzige Kandidat bei den Wahlen, der Russlands
       Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie Putins Regime offen kritisiert hatte.
       Putin sei dabei, Russland in die Vergangenheit zu ziehen und die
       grundlegenden Institutionen eines modernen Staats zu vernichten, schreibt
       er auf seiner Wahlkampfseite.
       
       Er plädiert für ein Ende des Kriegs in der Ukraine (auch er spricht von
       einer Spezialoperation) und fordert Verhandlungen mit Kyjiw und dem Westen.
       Allerdings bleibt auch Nadeschdin vage, worüber und auf welcher Grundlage
       genau verhandelt werden soll (zum Beispiel Krim), wie einem Interview mit
       dem russischen Internetportal Nastojaschee Vremja von vor wenigen Tagen zu
       entnehmen ist.
       
       ## Produkt des Kremls
       
       Kritiker*innen haben Nadeschdin wiederholt vorgeworfen, ein Produkt
       des Kremls zu sein. Im vergangenen Herbst hieß es in Medienberichten, er
       können eine ähnliche Rolle spielen wie die Juristin Ksenia Sobtschak im
       Jahre 2018 – nämlich die Rolle eines liberalen Sparring-Partners von
       Wladimir Putin. Das sind Vorwürfe, die Nadeschdin auf das Schärfste
       zurückweist.
       
       Nach derzeitigem Stand treten außer Wladimir Putin drei weitere Kandidaten
       an. Die Parteien, die sie aufgestellt haben, gelten als regimetreu. Putin
       hat in diesem Jahr so wenig Gegenkandidaten wie nie zuvor. Seine Wiederwahl
       – möglich [2][aufgrund einer Verfassungsänderung 2020] – gilt als sicher.
       
       8 Feb 2024
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Barbara Oertel
       
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