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       # taz.de -- Sexuelle Gewalt im Bosnienkrieg: Die leeren Augen
       
       > Im Bosnienkrieg wurden 1992 20.000 Frauen vergewaltigt, 50.000 Menschen
       > wurden ermordet. Unser Autor war damals in Tuzla im Osten Bosniens. Eine
       > Erinnerung.
       
   IMG Bild: Fikreta zeigt ihrer Mutter und zwei weiteren Frauen das Haus, wo sie mit 15 Jahren vergewaltigt wurde. „Ich habe heute noch Träume. Wenn ich nachts schlafe, scheint es, als würde ich vom Himmel fallen – von oben. Und sie jagen mich, sie rennen hinter mir her, ich renne, ich renne, ich kann nicht entkommen. Und ich fange im Schlaf an zu schreien“, sagt sie
       
       Sarajevo taz | Es waren zuerst die Gesichter. Die leeren Augen, die ins
       Nichts gerichteten Blicke, die im Sommer 1992 hinter dem Fenster des Busses
       zu sehen waren. Eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes bedeutete mir, dass
       dies Frauen aus dem von Serben eroberten Gebiet in Ostbosnien seien. Das
       Rote Kreuz habe sie da rausgeholt und ins noch sichere und freie Gebiet
       hierher in die Stadt Tuzla gebracht. Sie war sichtlich betroffen.
       
       Langsam begann ich zu verstehen. Diese Flüchtlinge waren Opfer von
       Vergewaltigungen. Dass die serbischen Truppen während ihres Vormarsches in
       Bosnien nicht nur eine breite Blutspur gezogen, sondern im Zuge der
       „ethnischen Säuberungen“ auch Tausende Frauen vergewaltigt hatten, war
       schon gerüchteweise bekannt. Doch wer kann sich das schon vorstellen? Als
       das ganze Ausmaß der Massenvergewaltigungen bekannt wurde, regte sich vor
       allem in Mitteleuropa und in Deutschland eine breite Frauensolidarität.
       
       Hunderte von Frauen fuhren in die Region. Eine der ersten war [1][Monika
       Hauser], eine Medizinstudentin aus Südtirol, die kurz vor ihren Examina
       stand. Sie wollte die medizinische Behandlung mit der psychologischen
       verknüpfen, eine für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Position.
       Getragen von Spenden der westlichen Frauenbewegung standen ihr auch
       ausreichend Mittel zur Verfügung, um die modernsten medizinischen Geräte
       ins Kriegsgebiet nach Zenica zu bringen.
       
       1993 stellte Hauser eine Crew aus einheimischen Ärztinnen und
       Psychologinnen zusammen, die betroffene Frauen betreuten. Über deren
       Berichte und weitere Informationen entschlüsselte sich das ganze Bild: Dass
       die serbische Soldateska ernst machte mit den Theorien ihrer Nationalisten
       und die eroberten Gebiete von Nichtserben „säubern“ wollten, hatten zu
       Beginn des Krieges die wenigsten erwartet.
       
       ## Viele Frauen in KZs
       
       Das Vorgehen war überall ähnlich. Die Soldaten kamen in ein Dorf, trieben
       die Männer zusammen, erschossen einige, sperrten die Frauen in die Schule
       oder in Scheunen. Für sie gab es kein Entkommen, viele wurden vor den Augen
       ihrer Kinder oder ihrer Männer vergewaltigt. Die Bewohner der Nachbardörfer
       versuchten in Richtung Kroatien oder die noch freien Gebiete zu fliehen,
       Zehntausende schafften das nicht.
       
       In den Städten und Gemeinden Westbosniens wurde vor allem Jagd auf die
       Elite gemacht, Professorinnen und Richterinnen, Studentinnen und Chefinnen
       von Restaurants gehörten zu den bevorzugten Opfern, viele Frauen fanden
       sich in den Konzentrationslagern wieder. Oder wurden gleich ermordet. Wie
       auch Tausende von Männern in den KZs Omarska, Manjaca, Keraterm.
       
       Einzelschicksale, wie das einer Richterin, an der sich von ihr verurteilte
       Kriminelle rächten, hat mich tief berührt. Von April 1992 bis in den Herbst
       hinein wurden über 50.000 Menschen ermordet, [2][mindestens 20.000 Frauen
       vergewaltigt] und über 2 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.
       Fast die Hälfte der damaligen Gesamtbevölkerung Bosnien und Herzegowinas.
       Die Verbrechen hatten zum Ziel, ethnisch reine Bevölkerungen zu schaffen.
       [3][Die Vergewaltigungen] vor allem der muslimisch-bosniakischen Frauen
       wurden als Kriegswaffe eingesetzt, die Geschändeten und Vertriebenen
       sollten nicht mehr zurückkehren wollen.
       
       Nach wissenschaftlichen Untersuchungen des Research and Documentation
       Center in Sarajevo waren mehr als 90 Prozent der vergewaltigten Frauen im
       Bosnienkrieg muslimisch, die Mehrzahl der Täter waren orthodoxe Christen,
       also bosnische Serben. Bald wurde für die Journalisten vor Ort klar, dass
       die Vergewaltigungen einem geostrategischem Kalkül entsprangen. Sie waren
       Teil des politischen Plans der damaligen politischen Führung Serbiens, die
       Mehrheitsbevölkerung in Bosnien zu vertreiben und das Land für sich zu
       beanspruchen.
       
       Monika Kleck kam 1994 in die ostbosnische Stadt Tuzla, die sich gegen die
       serbisch-nationalistische Offensive militärisch behaupten konnte. Auch die
       damals 24-jährige Psychologiestudentin wollte den Opfern helfen und schloss
       sich [4][Amica] an, einer in Freiburg geschaffenen NGO. „Hier gab es eine
       Psychologin, eine Bosnierin, die mich toll eingeführt und mir die
       Traditionen vor allem der ländlichen Bevölkerung erklären konnte.“
       
       Gerade in patriarchalen Gesellschaften sei die Frau für die Ehre des Mannes
       zuständig, erklärt Kleck. Die Vergewaltigungen seien auch gegen die Männer
       gerichtet gewesen, die ihre Frauen nicht verteidigen konnten. Während
       Hauser in Zenica einen offensiven Zugang für die Behandlung der Frauen
       suchte, versuchte Amica in Tuzla, jegliches Stigma zu vermeiden. Die
       betroffenen Frauen sollten nicht als vergewaltigt erkannt werden.
       
       Und dennoch, so richtig zufrieden ist Monika Kleck nicht. Denn auch 30
       Jahre später leiden viele Frauen weiter an Depressionen, 58 Prozent der
       Frauen haben gynäkologisch Probleme, haben nach wie vor Schmerzen. Doch
       noch schwerer wiegt, dass das Erlebte immer noch lebendig ist. Auch die
       sozioökonomische Lage der Menschen ist katastrophal, sie sind es ja, die
       damals Haus und Hof verloren, deren Familien zerstört wurden, die in
       bitterer Armut leben. Und der gespaltene Staat tut sich schwer, die
       Verbrechen anzuerkennen, Renten und Entschädigungen müssten durchgesetzt
       werden.
       
       In Visegrad an der Drina gibt es ein Hotel, Vilina Vlas, dass 1992 zu einem
       berüchtigten Vergewaltigungslager geworden war. Bakira Hasecic war damals
       Insassin, sie hat nach ihrem Überleben die Organisation [5][Zene Zrtve
       rata] gegründet. Sie ermutigt Frauen die Scham abzulegen und offensiv mit
       den Verbrechen umzugehen. Mit Gleichgesinnten gehen sie in die Orte des
       Verbrechens und versuchten Täter zu finden. Erst in diesem Sommer erkannten
       sie zwei Polizisten. Die wurden natürlich von den serbischen Behörden der
       Region nicht verhaftet. Aber sie sind jetzt bekannt.
       
       Im Juni 2008 beschloss die UN, Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen zu
       definieren. Vor allem die Systematik der Verbrechen in Bosnien veranlasste
       das Weltgremium. Seither sind alle Menschen angehalten, in Kriegsgebieten
       Beweise für diese Art von Kriegsverbrechen zu sichern. Das ist immerhin
       etwas, was die bosnischen Opfer erreicht haben.
       
       7 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://medicamondiale.org/ueber-uns/wer-wir-sind/monika-hauser
   DIR [2] /Kriegsverbrechen-in-Bosnien/!5892756
   DIR [3] /Sexualisierte-Gewalt-im-Bosnienkrieg/!5920087
   DIR [4] https://www.amica-ev.org
   DIR [5] https://zena-zrtva-rata.com/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Erich Rathfelder
       
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