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       # taz.de -- Spanischer Supercup in Saudi-Arabien: Der Mumm des Altstars
       
       > Fußball im heiklen politischen Raum: Warum Fußballprofi Toni Kroos in
       > Saudi-Arabien plötzlich vom Publikum ausgepfiffen wird.
       
   IMG Bild: Mischt sich ein: Fußballprofi Toni Kroos, Real Madrid
       
       Toni Kroos gilt als meinungsstark. Mit seinem Bruder [1][ratscht er sich in
       eigenem Podcast durch die Fußballwelt], und einen ZDF-Reporter belehrte er
       sogar mal nach gewonnener Champions League, er solle nicht so dumme Fragen
       stellen. Oft lohnt es sich durchaus, dem deutschen Ex- und vielleicht
       Bald-wieder-Nationalspieler zuzuhören. Zum Thema Saudi-Arabien nannte er
       beispielsweise mal offen „das eine, was mich von einem Wechsel abhalten
       würde“: die Missachtung der Menschenrechte.
       
       Zugehört haben sie ihm offenbar auch in Saudi-Arabien selbst. Dort wird
       derzeit der spanische Supercup ausgespielt – ein Arrangement gegen 40
       Millionen Euro pro Ausgabe, das für Kroos in die Kategorie der
       Veranstaltungen fällt, bei der er Real Madrids Reisedelegation nur deshalb
       beehrt, weil „wir Marionetten von Fifa, Uefa und den anderen Verbänden
       sind“. Am Mittwoch stieg das Halbfinale gegen Atlético Madrid (5:3), und
       Kroos wurde bei jedem Ballkontakt wüst ausgepfiffen. „Amazing crowd“,
       schrieb er später lässig auf X, vormals Twitter: Tolles Publikum, was für
       ein Spaß.
       
       Ähnlich ironisch äußerte sich der Trainer des Rivalen, Diego Simeone: „Ich
       freue mich sehr über die vielen arabischen Fans, die Atlético unterstützt
       haben, das ist ein enorm wichtiges Wachstum des Vereins.“ Ironisch war das
       deshalb, weil es das komplette Stadion mit Real hielt, samt eines Blocks
       von Claqueuren, die genau an derselben Stelle in genau derselben
       Einheitskleidung genau dieselben Lieder sangen wie im heimischen Stadion
       Santiago Bernabéu.
       
       ## Auch Pfiffe bei Beckenbauer-Gedenken
       
       Nur halt nicht, wenn Toni Kroos am Ball war. Und auch nicht, als der
       ausrichtende spanische Verband vorm Anpfiff eine Schweigeminute für Franz
       Beckenbauer anordnete. Da mischten sich unerhörte Pfiffe von den Tribünen
       in die getragene Geigenmusik, die zu solchen Anlässen in La Liga ertönt.
       
       Wie Recherchen der mitgereisten Reporter ergaben, waren die
       Unmutsbekundungen allerdings wohl nicht als Affront gegen den Kaiser
       gemeint; das hätte auch überrascht, stimmten die Saudis doch etwa bei der
       WM-Vergabe 2006 brav für ein Deutschland, dessen Regierung jetzt gerade
       Waffenlieferungen genehmigt hat. Vielmehr, so die Berichte, sollten die
       Pfiffe ein Unverständnis über die im Land unbekannte Schweigegeste
       artikulieren.
       
       Schon vor sieben Jahren kam es bei einem WM-Qualifikationsspiel in
       Australien zu einem ähnlichen Eklat, als die saudischen Gästespieler eine
       Schweigeminute für Terroropfer in London boykottierten. Alles ein
       Missverständnis, beeilten sich die Saudis damals zu erklären. Einen
       hässlichen Eindruck hinterlässt so etwas trotzdem. Vor dem zweiten
       Halbfinale zwischen Barcelona und Osasuna (2:0) verzichtet man daher lieber
       ganz auf die Ehrung.
       
       Als Erinnerung für „den Westen“ und seinen Sport bleibt, dass [2][seine
       lukrativen Deals mit Saudi-Arabien] eben nicht nur einen amorphen „Markt“
       erschließen, der Trikots kauft, Fernsehabos abschließt und
       Social-Media-Postings feiert, sondern in einem konkreten politischen Raum
       stattfinden. Die Naivität, dass sich die Golfstaaten ob des hohen Besuchs
       einfach nur vor Dankbarkeit erschlagen fühlen, wird spätestens bei der
       mächtigen, sendungsbewussten und in seinen Methoden oft brutalen
       Saudi-Diktatur zu nichts als vorsätzlicher Dummheit.
       
       Zum Finale am Sonntag hin wird es spannend: Wieder Pfiffe gegen Kroos oder
       keine Pfiffe? Wird sich Reals PR-Abteilung den Spieler zur Seite nehmen,
       damit er den kommerziell so wichtigen Standort durch ein paar freundliche
       Worte besänftigt? Oder wird das saudische Regime die Fans disziplinieren,
       damit sie nicht weiter die Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, von dem man
       sich doch reinwaschen will? Man weiß nicht so ganz, welches Szenario man
       gruseliger finden soll.
       
       13 Jan 2024
       
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