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       # taz.de -- AfD-Bürgermeister in Pirna: Weihnachtsgeschenk für die Rechten
       
       > Der AfD-Erfolg in Pirna ist von den konservativen Kräften selbst
       > verschuldet. Demokrat*innen müssen ihre Kräfte gegen die extremen
       > Rechten bündeln.
       
   IMG Bild: Lochner gewinnt die Wahl im zweiten Wahlgang und ist neuer Oberbürgermeister von Pirna
       
       Es war ein Versagen der demokratischen Kräfte [1][mit Ansage]. Die AfD hat
       von der CDU und den Freien Wählern ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk am
       dritten Advent bekommen. Weil die konservativen Kräfte es versäumten, im
       zweiten Wahlgang die Kräfte zu bündeln, und sich gegenseitig die
       Stimmenanteile wegnahmen, hat Tim Lochner für die AfD die erste
       Oberbürgermeisterwahl überhaupt gewonnen.
       
       Die vor gut einer Woche [2][vom Verfassungsschutz mit reichlich Verspätung
       als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD Sachsen] wird das
       vorweihnachtliche Geschenk gerne annehmen: Darin befindet sich die
       Rathausleitung für einen Tischlermeister, der vor Ort
       verschwörungsideologische Corona-Proteste organisierte und auf Facebook mit
       gewaltbereiten Neonazis von den Freien Sachsen befreundet ist. Lochner ist
       jetzt sieben Jahre lang Chef der Stadtverwaltung mit mehr als 250
       Mitarbeiter*innen und wird unter anderem die Stadtratssitzungen der
       40.000-Einwohner-Stadt leiten.
       
       Im zweiten Wahlgang reichte Lochner gemäß sächsischem Kommunalgesetz eine
       einfache Mehrheit – die er mit 38,5 Prozent locker erreichte. Den ersten
       Wahlgang hatte er bereits mit 10 Prozentpunkten Vorsprung und 32,9 Prozent
       gewonnen. Anstatt sich gegen die rechtsextreme Partei zu verbünden und sich
       gemeinsam auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu einigen, sind für
       die Freien Wähler Ralf Thiele und für die CDU Kathrin Dollinger-Knuth beide
       trotzig im zweiten Wahlgang erneut angetreten.
       
       Es kam, was kommen musste: Sie nahmen sich gegenseitig die Stimmen weg.
       Freie Wähler kamen auf 30 Prozent, die CDU auf 31,3 Prozent. Keiner wollte
       zurückstecken, um die AfD zu verhindern. Und nun brennt neben der dritten
       Kerze auf dem Adventskranz auch die Demokratie in Pirna. Frohe Weihnachten.
       
       ## Den meisten scheint der Rechtsruck egal
       
       Nach dem ersten Wahlgang demonstrierten die Neonazis von den Freien Sachsen
       zusammen mit AfDlern vor dem Kreistag und der dort befindlichen
       NS-Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein. Im Wahlkampf bekam Lochner Unterstützung
       von den völkisch-nationalistischen Parteinetzwerken.
       
       In dem Ort, wo die Nazis über 14.000 psychisch kranke, behinderte Menschen
       und KZ-Häftlinge in einer Gaskammer ermordeten, hatte EU-Spitzenkandidat
       Maximilian Krah auf dem Marktplatz Wahlkampf mit der Legende von der
       „Umvolkung“ und Geschichtsrevisionismus gemacht – man wolle den Deutschen
       nur einreden, dass ihre Vorfahren Verbrecher gewesen seinen. Auch die
       Neonazis von den Freien Sachsen riefen zur Wahl Lochners auf.
       
       6.541 Pirnaer folgten ihrer Empfehlung und wählten den AfD-Kandidaten zum
       Oberbürgermeister. Die Stimmen von CDU (5.327) und Freien Wählern (5.105)
       zusammen hätten recht deutlich gereicht, um eine komfortable Mehrheit zu
       holen, wenn nur einer von beiden angetreten wäre. Nicht weniger
       erschreckend ist, wie vielen der Rechtsruck und die rechtsextreme Hegemonie
       in ihrer Heimatstadt herzlich egal ist: Rund 15.000 Wahlberechtigte gingen
       gar nicht erst zur Wahl.
       
       Der republikweit erste AfD-Oberbürgermeister ist ein von konservativen
       Kräften selbst verschuldeter Ernstfall. Angesichts der derzeitigen
       Zustimmungswerte der AfD ist das Ergebnis von Lochner nicht einmal ein
       besonders guter Wahlsieg – bereits 2017 hatte Lochner für die AfD ähnlich
       viele Stimmen geholt. Das zeigt, wie normalisiert die extrem rechte AfD
       lokal bereits ist – sie kann davon profitieren, dass rechtsextreme
       Einstellungen hier jahrzehntelang verharmlost wurden und fest etabliert
       sind –, und die gibt es nicht nur in Pirna.
       
       ## Ein Schritt in die Normalisierung
       
       Gerade deswegen müssen Kommunen und Lokalpolitiker*innen in Sachsen
       aus der Wahl lernen. Das Wahlergebnis hätte genauso anderswo passieren
       können. Die AfD ist in Sachsen flächendeckend so stark wie in Pirna,
       teilweise auch stärker. Wenn sich hier Demokrat*innen im zweiten
       Wahlgang die Stimmen streitig machen, ist die AfD der lachende Dritte. Wer
       sich Demokrat nennt, muss sich darüber Gedanken machen, wie man die Kräfte
       für den kleinsten gemeinsamen Nenner bündeln kann – und der muss lauten,
       die AfD zu verhindern.
       
       Denn Pirna ist nach Sonneberg ein weiterer Schritt in Richtung
       Normalisierung und letztlich Macht einer extrem rechten Partei, die die
       Demokratie aushebeln will und Rassismus gesellschaftlich normalisiert. Die
       AfD hoffte schon länger auf den Gewinn einer Oberbürgermeisterwahl als
       weiteres Sprungbrett für die Landtagswahlen 2024 in Sachsen, Thüringen und
       Brandenburg.
       
       Sie fiel dabei bereits mehrfach auf die Nase: [3][Im thüringischen
       Nordhausen] entfaltete ein zivilgesellschaftliches Bündnis so viel Kraft,
       dass es der AfD den sicher geglaubten Stichwahlsieg regelrecht entriss,
       [4][auch in der AfD-Hochburg Bitterfeld-Wolfen, Sachsen-Anhalt, hatte ein
       Bündnis für den Gegenkandidaten erfolgreich mobilisiert].
       
       ## AfD-Erfolg darf kein normaler Zustand werden
       
       Pirna hat jetzt gezeigt, wie man es auf keinen Fall machen sollte. Es gab
       zwar einen späten Wahlaufruf eines zivilgesellschaftlichen Bündnisses –
       aber da war bereits klar, dass CDU und Freie Wähler sich gegenseitig
       kannibalisieren.
       
       Bittere Zeiten brechen nun in Pirna vor allem für diejenigen an, die nicht
       ins Weltbild der Rassist*innen von der AfD passen und die sich dem
       Rechtsruck entgegenstellen – umso wichtiger ist ihre Unterstützung. Denn es
       steht viel auf dem Spiel. Und das übrigens nicht nur im Osten.
       
       Denn dass die AfD nicht nur ein Ostproblem ist, sollte jedem spätestens mit
       den Wahlerfolgen der AfD in Bayern und Hessen und den rassistischen
       Diskursen zu Flucht und Migration klar geworden sein. Mit jedem Wahlerfolg
       normalisiert sich die AfD weiter und bekommt mehr Mittel in die Hand, um
       Schritt für Schritt die offene Gesellschaft abzuschaffen. Das mit allen
       erforderlichen Mitteln aufzuhalten, sollte Grundkonsens sein.
       
       18 Dec 2023
       
       ## LINKS
       
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