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       # taz.de -- Eisschwimmerin Tina Deeken: Dem Körper ganz nah
       
       > Die Para-Athletin Tina Deeken erlebt im Eiswasser eine intensivierte
       > Körperwahrnehmung. Nun sammelt sie Medaillen im Para-Eisschwimmen.
       
   IMG Bild: Feierte im vergangenen Jahr viele, viele Erfolge: Eisschwimmerin Tina Deeken
       
       Hamburg taz | Tina Deeken ist Eisschwimmerin und wenn sie ins Wasser geht,
       stellt das ihren Körper vor einige Herausforderungen: Der Körper
       konzentriert sich darauf, vor allem die inneren Organe mit Wärme zu
       versorgen – dadurch können die Muskeln in Armen und Beinen verkrampfen. Der
       Temperaturschock erzeugt puren Stress für den Körper, durch den man im
       Wasser hektisch nach Luft schnappt.
       
       Ungeübte Schwimmer*innen können in maximal fünf Grad kaltem Wasser
       leicht in Panik geraten, Neoprenanzüge sind natürlich nicht erlaubt. Sie
       aber hat gelernt, damit umzugehen. Und: „Ich habe den Vorteil, dass ich im
       linken Bein eh nichts spüre“, sagt die 47-jährige Para-Athletin aus dem
       niedersächsischen Löningen.
       
       [1][Leistungssport] begleitet die 47-Jährige schon ihr ganzes Leben – trotz
       angeborener Hüftdysplasie. Bei einer Operation im Jugendalter wird der
       Ischiasnerv verletzt. Seitdem ist Deekens linkes Bein komplett gelähmt. Sie
       muss eine Ganzbeinorthese tragen und auf Krücken laufen. Mit Tennisspielen
       war Schluss, auch der Traum eines Sportstudiums geplatzt. Was aber während
       der Reha half, war Schwimmen.
       
       30 Jahre später ist Tina Deeken fast jeden Tag im Wasser. „Durch den Sport
       bin ich im Alltag mobiler“, sagt die hauptberufliche Förderschullehrerin.
       Frühmorgens vor dem Unterricht zieht sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen,
       alle zwei Tage trainiert sie draußen in der Kälte. „Die Bewegung hilft
       gegen die Spastik im Bein und lindert den Schmerz“, sagt sie.
       
       Als einer ihrer Arbeitskollegen vor einigen Jahren begann, sich auf den
       Triathlon in Hannover vorzubereiten, begleitete Deeken ihn regelmäßig zum
       Schwimmtraining. 2014 geht sie dann zum ersten Mal selbst beim Triathlon an
       den Start. Die Fahrraddisziplin absolviert sie im Handbike, die Laufstrecke
       lässt sie erst mal aus, denn dafür braucht man einen [2][Rennrollstuhl].
       Den konnte Deeken sich erst 2019 zulegen, mit Unterstützung der
       Lotto-Sport-Stiftung und eines privaten Spenders. „Schweineteuer“ sei der
       Rolli gewesen, doch es hat sich gelohnt.
       
       ## Sieben WM-Titel, fünf Weltrekorde
       
       Im vergangenen Jahr absolviert Deeken ihren ersten Para-Triathlon und wird
       zweifache deutsche Meisterin in der Sprint- und Kurzdistanz. Doch viel
       wichtiger: Durch die Vorbereitungen auf den Triathlon war die Leidenschaft
       fürs Schwimmen zurückgekehrt. Den Bodensee hat Tina Deeken bereits
       durchquert, als Teil einer inklusiven Staffel den Ärmelkanal
       durchschwommen, 17,5 Kilometer ist sie längsseitig durch den Wörthersee
       gepflügt.
       
       Im Oktober 2018 entdeckt Deeken dann das Eisschwimmen. „Im Eiswasser bist
       du ganz bei dir und hörst bewusst auf das, was der Körper sagt“, berichtet
       sie. 2022 holt Deeken bei der Para-WM in Polen über 50, 100 und 250 Meter
       insgesamt sieben Weltmeistertitel, die sie im Jahr darauf in den
       französischen Alpen verteidigt. Deekens Bilanz am Lac aux Dames: acht
       Einzelstarts, sieben Weltmeistertitel und fünf Weltrekorde. Doch trotz all
       der Erfolge: „An die Kälte gewöhnt man sich nie so ganz. Es ist immer
       wieder eine Überwindung, da reinzugehen“, sagt Deeken.
       
       Im vergangenen Jahr wurde Deeken vom Behinderten-Sportverband Niedersachsen
       zur Behindertensportlerin des Jahres ernannt. Im Dezember erhielt sie vom
       Ministerpräsident Stephan Weil die Niedersächsische Sportmedaille. Die
       Ehrungen für ihre Erfolge als Para-Athletin begreift Deeken eher als
       Auftrag. Sie setzt sich ein für noch mehr [3][inklusiven Sport] und mehr
       Zuspruch für Para-Wettkämpfe.
       
       Die nächste Gelegenheit dafür bietet sich schon in Kürze bei der
       Eisschwimm-EM in Rumänien im Februar.
       
       14 Jan 2024
       
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