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       # taz.de -- Karl May an der Berliner Volksbühne: Assoziationen zum Wilden Westen
       
       > Enis Maci und Mazlum Nergiz durchforsten das Werk Karl Mays. Sie finden
       > viele Stereotype. Toll immerhin, wie Martin Wuttke dazu raucht.
       
   IMG Bild: Kunststück für sich: Ann Göbel auf dem mechanischen Rodeobullen
       
       Der klassische Westernrundhorizont ist aufgebaut, mit Kakteen im
       Vordergrund, Bergen ganz hinten und viel Sand dazwischen. Die Bühne wird
       von einem mechanischen Rodeo-Bullen beherrscht. Ann Göbel, einst bei der
       Volksbühnenjugendtruppe P 14 bühnenreif geworden, wird später auf dem
       Bullen sitzen und ihn locker reiten.
       
       [1][Martin Wuttke] hingegen lungert noch im Schatten des Pults herum, von
       dem aus er in einigen Minuten den Bullenkörper springen, bocken und zu den
       Seiten ausbrechen lassen wird – auf dessen Rücken dann Göbel trotz aller
       mechanischer Wildheit des Ungetüms unter ihr weder die Lässigkeit der
       Körperhaltung noch die Nöligkeit des Sprechens verliert, was durchaus eine
       Leistung ist.
       
       Jetzt, am Anfang, [2][werden erst mal Lebensdaten des sächsischen
       Kleinkriminellen und Fantasy-Schreibers Karl May an die Wand geworfen,
       gemeinsam mit Lebensdaten vom Darsteller seiner Hauptfigur Winnetou] sowie
       wichtigen Daten des Großkriminellen US-Kapitalismus bei der Eroberung erst
       des Wilden Westens auf dem eigenen Kontinent, dann bei Territorien irgendwo
       in Asien – wo dann recht überraschend Winnetou-Darsteller Pierre Brice als
       französischer Kriegsfreiwilliger in Indochina auftaucht.
       
       Während dieser hübschen Geschichtsleselektion zu Beginn lungert Wuttke
       vorerst nur herum und macht ausnehmend vom Privileg des Altstars Gebrauch,
       Zug um Zug an einer Zigarette ziehen zu dürfen.
       
       ## Völkermörder und Entertainer
       
       Das passt natürlich, rauchen und Wilder Westen. Einen Hauch von toxischer
       Rebellion bringt das auch rein in Räume, in denen das als toxisch
       Empfundene sonst diskursiv vor allem ausgemerzt wird. Man wird dabei ganz
       nostalgisch und merkt: Dem alternden Theatergaul Wuttke sieht man noch beim
       Rauchen gerne zu. Beim Sprechen und Spielen sowieso. Alte Schule eben,
       gepaart mit Talent und der Lust des Sich-Einlassens auf immer neue
       Abenteuer.
       
       Bei diesem hier wird es aber auch ihm nicht ganz einfach gemacht. Denn das
       Text- und Regie-Duo Enis Maci und Mazlum Nergis hat einen zwar sehr
       anspielungsreichen Text geschrieben. Der macht – völlig zu Recht –
       preußische Überheblichkeit sogar noch im Unterschichtsburschen May aus.
       Dann zieht er Linien zu den von May fantasierten Landschaften und
       Bevölkerungen in Kurdistan, Albanien und Arizona und räsoniert munter über
       den Moment, in dem das Fiktive sich als Realität verfestigt.
       
       Das ist ein Fest für May-Nerds und Assoziationsathleten, natürlich. Aber
       geradezu rauschhaft wird von Schauplatz zu Schauplatz gesprungen. Figuren
       wie Indigenendarsteller auf deutschen Parkplätzen, die im Hauptberuf
       Versicherungen verticken, Völkermörder mit Entertainerkarriere wie Buffalo
       Bill oder Psychiater, die all das irgendwie heilen sollen, schälen sich nur
       kurz heraus. Sie lösen sich dann wieder auf. Und es ist schwer
       mitzubekommen, wer in wessen Gewand jetzt überhaupt noch aus welcher
       Perspektive was zu wem sagt.
       
       Da scheint die Regie den eigenen Text nicht ganz durchdrungen zu haben. Und
       dass Wuttkes Mitspieler Göbel und Oscar Olivo nur weitgehend eine Tonart
       beherrschen, hilft beim Mitassoziieren auch nicht unbedingt.
       
       Dieser „Karl May“ bleibt also unfertig. Er ist vollgepackt mit meist
       blutigen Themen. Sogar die Arche Noah taucht am Ende noch auf, verbuddelt
       von kurdischen Arbeitern am Ararat, damit chinesische
       Wissenschaftsdarsteller in einem Megafilm das biblische Rettungsboot dann
       beglückt finden können. Was ist Fiktion, was Wirklichkeit – diese Frage
       stellt „Karl May“ gleich dutzendfach. Ein paar Probentage mehr hätten
       manche Frage vielleicht sogar beantworten helfen.
       
       18 Dec 2023
       
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