# taz.de -- Diskursiver Jahresrückblick: Armageddon bis Zähne
> Das Jahr 2023 war ein schlimmes Jahr. Das offenbart sich auch in der
> Sprache: ein Abc des Weltuntergangs.
IMG Bild: Z wie Zähneklappern?
Das Jahr 2023 war schlimm, lautet die politische Bilanz. Der Weltuntergang
oder das Ende der Welt, „wie wir sie kannten“, wird allgemein angenommen.
Dieser Eindruck wird durch die Sprache verstärkt, die voller Kampfbegriffe
ist. Statt Jahresrückblick deswegen ein Abc der Diskurswörter 2023:
Armageddon: Griech. für [1][endzeitliche Entscheidungsschlacht], alles
zerstörende Katastrophe, Titel der neuen Show des britischen Komikers Ricky
Gervais, alles in allem: Weltuntergang.
Bundeswehr nach Gaza: Hat niemand gefordert. Bezeichnend. Es wäre die
einzig logische Konsequenz aus der [2][Staatsräson]: Bibi, lass gut sein.
Wir übernehmen.
Canceln: Der Begriff spazierte schon Richtung Mottenkiste. Doch dann wurde
[3][abgesagt und ausgeladen]. Frei nach dem Motto „With the lights out,
it’s less dangerous“ (Kurt Cobain).
Demokratie: [4][Muss das aushalten] – hieß es dieses Jahr zu verschiedenen
Anlässen. Aushalten klingt aber nach der Frage „Ist das zum Aushalten?“
eines in faule Zähne bohrenden Zahnarztes. Die Antwort lautet in der Regel:
„Nein.“ Um es mit weiteren unappetitlichen Trendformulierungen zu sagen:
Klar ist, dass unklar bleibt, was aushalten mit der Demokratie macht.
Empathie: Den [5][Mangel] an ebenjener zu unterstellen, ist das neue „Du
Fascho, du“.
Freiluftgefängnis: Veraltet für Gazastreifen, unter Intellektuellen jetzt
[6][„Getto“] genannt.
Genozid: Konjunktureller [7][Großkampfbegriff]. Wer den Verdacht einer
NS-Verharmlosung umgehen will, sagt „genozidales Verhalten“.
Heizungsstreit: Der kleine Weltuntergang des [8][Robert Habec]k.
Intersektional: Feministische Position, deren verschwurbelte Formulierungen
dem Staat gut gelegen kamen, um [9][mit einer Razzia] zu zeigen, dass man
Antisemitismus von links ernst nimmt.
Journalismus: Gesprochen Dschornalismus. Gilt in vielen Kreisen schon als
erledigt. Allerdings hielten Anfang 2023 viele auch schon [10][Springer und
insbesondere Döpfner] für erledigt.
KI: Schlimmer als [11][Hitler, Putin, Hamas,] China …
Löwe von Kleinmachnow: Anderes Wort für komplett [12][dysfunktionale
Hauptstädter.]
Meinungsfreiheit: Wo ist noch [13][Meinung und wo Verbrechen?] Ein
diskursiver Dauerbrenner.
Nie wieder ist jetzt: Klingt, als sei es der Slogan autonomer Hausbesetzer
1982. [14][Aber was soll es eigentlich bedeuten?] Dass jetzt Faschismus
ist? Oder dass wir den Faschismus jetzt noch verhindern können? Ich habe zu
beidem Fragen.
Osten: Anfällige Region für Weltuntergang. Hat halt [15][schon mal einen]
überlebt.
Postkolonialismus: Lange [16][staatlich geförderter Weltanschauungsansatz,]
nach dem 7. 10. Theoria non grata.
Querdenker: Eigentlich schon in Pension, aber [17][gegen Israel] stehen die
Verschwörungsschwurbler natürlich wieder auf der Straße.
Row Zero: Ausdruck für einen [18][Spaßbereich], in dem man besser keine
angebotenen Getränke zu sich nehmen sollte.
Swifties: Bewegung für neue politische Hoffnung in den USA, benannt nach
dem [19][erfolgreichsten Popstar] aller Zeiten, Taylor Swift.
Trump: [20][Synonym] für Weltuntergang 2024.
Umwidmung: Der kleine Weltuntergang der [21][Ampelkoalition].
v. Cr: Abkürzung für „[22][vor Corona]“, steht für „vor
Weltuntergangsanfang“.
Wärmepumpe: Der Weltuntergang der [23][Eigenheimbesitzer].
X: [24][Weltuntergangswerkzeug].
Y: Der neue Bundeswehrchef [25][Boris Pistorius] gilt als Einziger, der den
Weltuntergang noch aufhalten kann. Seine Neujahrsansprache wird mit
Spannung erwartet.
Zähne: Früher die Arbeitsplätze, jetzt die [26][Arzttermine]. Weltuntergang
à la Friedrich Merz.
31 Dec 2023
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## AUTOREN
DIR Doris Akrap
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