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       # taz.de -- Humanitäre Hilfe in der Krise: Bloß eine Mahlzeit am Tag
       
       > Pandemie, Extremwetter, Konflikte: Der Bedarf an humanitärer Hilfe
       > steigt. Gleichzeitig fehlt es an finanziellen Mitteln – mit dramatischen
       > Folgen.
       
   IMG Bild: Bewaffnete Konflikte sind eine Ursache für die Not: Geflüchtete in November 2023 in Uganda
       
       Berlin taz | Nahrungsmittel und Wasser – was für Menschen in den
       Industriestaaten selbstverständliche Güter sind, ist für Millionen Menschen
       anderswo ohne Hilfe unerreichbar. Doch obwohl diese Hilfe vergleichsweise
       wenig kostet, steht es um die Finanzierung angesichts sich ballender Krisen
       so schlecht wie lange nicht. „Die Bedarfe sind extrem geklettert, die
       Finanzierung verharrt“, konstatiert Martin Rentsch, Sprecher des
       UN-Welternährungsprogramms WFP, gegenüber der taz.
       
       Dabei waren die Mittel zuletzt gestiegen: Von 2022 an hatten westliche
       Geber vor allem Zahlungen für die vom russischen Angriff heimgesuchte
       Ukraine aufgestockt. Doch sowohl diese Sondermittel, also auch Etats zur
       Bekämpfung der Folgen der Covidpandemie, sind in diesem Jahr ausgelaufen.
       
       Weltweit leiden rund 830 Millionen Menschen unter chronischem Hunger. Für
       das laufende Jahr hat allein das WFP – das nur eines von vielen Hilfswerken
       ist – seinen Bedarf auf rund 23 Milliarden Dollar beziffert, um 177
       Millionen Menschen mit Unterstützung zu erreichen. Das sind 43 Cent pro
       Person und Tag. Doch kurz vor Jahresende ist klar: Nur etwa 10 der
       benötigten 23 Milliarden sind zusammengekommen, also 17 Cent pro Person und
       Tag. Es ist das erste Mal in der gut 60-jährigen Geschichte des WFP, dass
       zwischen Bedarf und vorhandenen Mitteln eine so große Kluft besteht.
       
       Erschwert wird die Arbeit der Helfer:innen dadurch, dass immer neue
       Konflikte hinzukommen. 2023 sind [1][der Krieg in Gaza] sowie der
       Bürgerkrieg im Sudan neu aufgeflammt. Rund fünf Millionen Menschen
       zusätzlich wurden allein in dem afrikanischen Land vertrieben, etwa 20
       Millionen der 45 Millionen Einwohner:innen sind auf Hilfe angewiesen –
       mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. „Für uns stellt sich jedes Mal
       die Frage: Wo priorisieren wir, wo werben wir neue Gelder ein?“, sagt
       Rentsch.
       
       ## Überschuldung infolge der Pandemie
       
       Auch die Klimakrise schafft konstant neue Notlagen. In Ostafrika etwa
       fielen mehrere Regenzeiten in Folge aus, nun plagen extreme Regenfälle die
       Region. Hinzu kommt, dass sich viele arme Länder während der Pandemie
       überschuldet haben. Nicht alle können die Schulden bedienen. Eine Folge:
       Die jeweilige Währung verliert und in nationalen Devisen können noch
       weniger Güter, etwa für den Lebensmittelimport, auf dem Weltmarkt
       eingekauft werden. Die Bevölkerung hungert und ist auf Hilfe angewiesen.
       
       Doch durch die hohe Inflation ist es für die Hilfsorganisationen immer
       teurer geworden, Hilfsgüter zu kaufen, auch wenn etwa der Weizenpreis
       zuletzt wieder stark fiel. Das bevölkerungsreiche Nigeria etwa verzeichnet
       2023 eine Inflationsrate von rund 19 Prozent, im Jemen sind es fast 44, in
       Sri Lanka rund 48 Prozent.
       
       Im Jahr 2017 lag der Anteil der weltweit Hungernden auf einem historischen
       Tief von etwa 7,6 Prozent, seither steigt er. Derzeit hat etwa 10 Prozent
       der Weltbevölkerung nicht genug zu essen. Doch das müsste nicht sein: „Es
       gibt absolut keinen Grund, warum Menschen heute verhungern sollten“, sagt
       Brian Lander, der Vizedirektor des WFP. „Es gibt genug Nahrung auf der
       Welt, um alle zu ernähren.“
       
       Gleichwohl spricht etwa die UN-Ernährungsorganisation FAO in Afrika von
       einer „beispiellosen Nahrungsmittelkrise“. Der WFP-Landesdirektor für
       Sudan, Eddie Rowe, sagt, dass vor allem wegen des Krieges nun auch während
       der Erntesaison von Oktober bis Februar schon Hunger in dem
       ostafrikanischen Land herrsche. Dabei sei dies die Zeit, in der mehr
       Nahrungsmittel verfügbar seien. In der im Februar folgenden „mageren Zeit“
       vor der nächsten Ernte drohe dann Hunger in katastrophalem Ausmaß. Immer
       mehr Menschen hätten gerade mal eine Mahlzeit am Tag. „Und wenn sich nichts
       ändert, besteht ein hohes Risiko, dass sie noch nicht einmal dies haben
       werden“, ergänzt Rowe.
       
       Auch in Teilen Asiens müssen mehr Menschen Hunger leiden als vor der
       Pandemie. Zuletzt lag der Anteil der Unterernährten in dieser Weltregion
       bei 8,4 Prozent – das sind 55 Million Menschen mehr als vor Corona. Die
       Pandemieauswirkungen, hohe Preise für Grundnahrungsmittel, Dünger und
       Tierfutter sind laut FAO dafür die Ursache. Bewaffnete Konflikte, der
       Klimanotstand und zusammenbrechende Volkswirtschaften hätten viele Menschen
       ins Elend gestürzt. Die Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft
       halte aber nicht mit dem Bedarf Schritt, beklagt der UN-Koordinator für
       humanitäre Hilfe, Martin Griffiths.
       
       ## Vorzeichen für 2024 „noch düsterer“
       
       Von den insgesamt von allen UN-Hilfsorganisationen für 2023 benötigten
       56,7 Milliarden Dollar sei nur ein gutes Drittel zusammengekommen, so
       Griffiths. Die Folgen sind tragisch: In Afghanistan etwa hätten zwischen
       Mai und November zehn Millionen Menschen den Zugang zu Nahrungsmittelhilfe
       verloren. Im Jemen hätten 80 Prozent der Bedürftigen, denen Hilfe in
       Aussicht gestellt war, weder Wasser noch Toiletten bekommen. In Myanmar
       hätten anders als geplant keine besseren Unterkünfte für eine halbe Million
       Vertriebene gebaut werden können.
       
       Und 2024 sind „die Vorzeichen noch düsterer“, sagt Martin Rentsch vom
       Welternährungsprogramm, „Wir erwarten signifikant weniger Geld als 2022.“
       Bei vielen großen Gebern ist der finanzielle Spielraum kleiner geworden.
       Das schwache Wirtschaftswachstum wirkt sich auf die Steuereinnahmen aus.
       Viele Geberstaaten nehmen weniger Geld ein.
       
       In Deutschland wurden bei der Bereinigungssitzung zum Bundeshaushalt im
       November die Mittel für humanitäre Hilfe noch aufgestockt. Vor allem auf
       Betreiben der Grünen kamen zunächst 700 Millionen hinzu. Doch kurz darauf
       folgte der Karlsruher Richterspruch zum Klima- und Transformationsfonds
       (KTF), [2][der die Ampelkoalition zu Haushaltskürzungen verdonnerte]. Der
       Entwicklungshilfedachverband Venro geht nun davon aus, dass die jüngsten
       Vereinbarungen der Ampel zum Haushalt zusätzliche Kürzungen von 400
       Millionen Euro beim Entwicklungshilfeministerium (BMZ) und rund 200
       Millionen beim Auswärtigen Amt vorsehen. Insgesamt können die beiden
       Ministerien rund 1,7 Milliarden Euro weniger ausgeben. Für die humanitäre
       Hilfe bedeute dies ein Minus von etwa 400 Millionen Euro, so Venro.
       
       Auch andere Staaten geben weniger – mit absehbaren Folgen: In Afghanistan
       etwa werden nach Einschätzung der Kinderrechtsorganisation Save the
       Children rund 16 Millionen Menschen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung
       – bis März von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein. Fast die
       Hälfte davon sind Kinder. Das von den Taliban kontrollierte Land habe 2023
       dreimal hintereinander die Kürzung der Nahrungsmittelhilfe hinnehmen
       müssen. Gleichwohl ist Deutschland zweitgrößter Geber in dem Land.
       
       Angesichts der absehbaren Zahlungsflaute haben die UN ihre Ziele für 2024
       weltweit gestutzt: Sie planen für das kommende Jahr nicht mehr mit Hilfe
       für 245 Millionen Menschen, sondern nur noch für 181 Millionen. „Wenn wir
       2024 nicht mehr Hilfe zur Verfügung stellen“, befürchtet Koordinator
       Griffiths, „werden Menschen dafür mit dem Leben bezahlen“.
       
       29 Dec 2023
       
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