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       # taz.de -- Zum Tod von Wolfgang Schäuble: Der ewige Parlamentarier
       
       > Der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble ist mit 81 Jahren verstorben. Vier
       > Perspektiven auf eine politische Karriere.
       
       ☛ [1][Der Wiedervereiniger] (Klaus Hillenbrand)
       
       ☛ [2][Die „schwarze Null“] (Ulrike Herrmann)
       
       ☛ [3][„Ich bin kein besserer Mensch“] (Barbara Dribbusch)
       
       ☛ [4][Konservativ mit Augenmaß] (Jan Feddersen)
       
       Der Wiedervereiniger 
       
       Er hat sie alle überholt. Selbst August Bebel, der große Sozialdemokrat,
       kam nicht auf eine so lange Zeit als Parlamentarier, damals im Reichstag
       von Kaiser Wilhelms Gnaden. Bebel gehörte dem Parlament von 1867 bis 1881
       und von 1883 bis 1913 an. Wolfgang Schäuble war 51 Jahre lang Mitglied des
       Deutschen Bundestags, seit 1972 und bis zu seinem Tod. 1972, das war
       übrigens das Jahr, als die SPD unter Willy Brandt bei den vorgezogenen
       Bundestagswahlen sagenhafte 45,8 Prozent erhielt. Also wirklich schon sehr
       lange her.
       
       [5][Wolfgang Schäuble] war da gerade 30 Jahre alt geworden. Ein
       aufstrebender junger Mann aus gutem Hause, wie man damals so sagte. Der
       Vater, Prokurist und als evangelischer Konservativer der CDU angehörig, war
       zeitweise Landtagsabgeordneter. So kam es, dass der junge Jurastudent
       Wolfgang Schäuble schon 1961 der Jungen Union beitrat und später, als
       andere gegen den Muff der besudelten bundesdeutschen Elite auf die Straße
       gingen, den das Land regierenden Christdemokraten.
       
       Aber nicht der CDU-Abgeordnete Schäuble ist es, der in der politischen
       Geschichte in Erinnerung bleiben wird, obwohl der gebürtige Freiburger
       sogar als Bundestagspräsident – und zuletzt ganz selbstverständlich als
       Alterspräsident – des deutschen Parlaments fungierte. Sondern der Mann, der
       die deutsche Wiedervereinigung managte und der mit dafür sorgte, dass Bonn
       als Hauptstadt des westdeutschen Teilstaats durch Berlin als neues, altes
       Zentrum des Landes abgelöst wurde.
       
       Schäuble arbeitete damals unter Bundeskanzler [6][Helmut Kohl] (CDU) in
       einer schwarz-gelben Koalition als Bundesinnenminister. Deshalb fiel ihm
       nach dem Fall der Mauer die Aufgabe zu, zusammen mit dem zu Recht ziemlich
       vergessenen Günther Krause auf DDR-Seite den Einigungsvertrag zwischen den
       beiden deutschen Staaten zu verhandeln. Der bestimmte, dass sich die DDR
       auflöste und zugleich der Bundesrepublik beitrat. Eine für diesen Fall
       eigentlich vorgesehene Volksabstimmung fand nicht statt.
       
       Es hat damals nicht an Kritik an diesem Vertrag gefehlt, gerade von links.
       Manche Menschen in der DDR hofften auf einen dritten Weg, jenseits von
       Kapitalismus und Staatssozialismus. Viele Zeitgenossen im Westen wiederum
       konnten schon mit der Begrifflichkeit der Wiedervereinigung nicht allzu
       viel anfangen. „Droht die Wiedervereinigung?“, fragte damals der Grüne
       Joschka Fischer besorgt in der taz. Schäuble hat die Politik der raschen
       Vereinigung immer verteidigt. Dem Spiegel sagte er 2019: „Kohl hat
       instinktiv richtig gehandelt, ist in Europa achtsam aufgetreten und hat den
       Menschen hier viel Hoffnung gemacht. Heute könnte man vielleicht sagen, er
       hat ihnen zu viel Hoffnung gemacht.“
       
       Die Frage, wo Regierung und Parlament künftig ihren Sitz haben sollten,
       wurde im Einigungsvertrag wohlweislich ausgeklammert, denn zu zerstritten
       waren Politik wie Volk. Deshalb musste der Bundestag am 20. Juni 1991
       entscheiden. Es war Wolfgang Schäuble, der mit seiner Rede wohl den
       Ausschlag gegen das ursprünglich favorisierte Bonn gab. „Für mich ist es –
       bei allem Respekt – nicht ein Wettkampf zwischen zwei Städten, zwischen
       Bonn und Berlin. In Wahrheit geht es um die Zukunft Deutschlands“, sagte
       der vehemente Berlin-Befürworter. Am Ende stimmten 320 Abgeordnete für
       Bonn, aber 338 votierten für Berlin.
       
       Im selben Jahr gab Wolfgang Schäuble den Posten des Bundesinnenministers
       auf und avancierte zum Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Es ist
       bis heute der machtvollste Posten, den die Union jenseits einer
       Regierungsbeteiligung zu bieten hat. Und Schäuble, der seine Karriere bis
       dahin zuallererst Helmut Kohl zu verdanken hatte, blieb der Mann, auf den
       sich der 1990 wiedergewählte Bundeskanzler verlassen konnte, in Details wie
       bei den ganz großen Themen.
       
       Kohl wusste, was er dem getreuen Schäuble zu verdanken hatte. Erinnert sei
       hier nur an die Revolte von Heiner Geißler und Lothar Späth gegen den
       CDU-Chef im Sommer 1989, als niemand den Fall der Berliner Mauer
       vorausahnen konnte. Damals hatte Kohl den liberalen und wiederborstigen
       Geißler als CDU-Generalsekretär abgesägt. Der verschwor sich mit dem
       Baden-Württemberger Späth, auch eine gewisse Rita Süssmuth soll damals mit
       von der Partie gewesen sein. Doch Kohl – und sein Verbündeter Schäuble –
       beendeten den Spuk noch vor dem Bremer Parteitag.
       
       So schien die Macht Ende der 1990er Jahre auf Wolfgang Schäuble quasi wie
       von selbst zuzulaufen, zumal Kohl zunehmend Verschleißerscheinungen bei
       seiner ewigen Kanzlerschaft zu zeigen begann. „Zu gegebener Zeit“, so Kohl
       1998, werde Schäuble sein Nachfolger im Kanzleramt werden. Der damalige
       bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) assistierte, Schäuble sei
       für „jedes herausragende Amt in der deutschen Politik qualifiziert“.
       Dummerweise aber wollte Kohl es 1998 noch einmal selbst wissen – und verlor
       die Bundestagswahl gegen Gerhard Schröder (SPD). Das war’s mit der
       Kanzlerschaft für Schäuble.
       
       Der nächste Schlag ereilte ihn im Zug der CDU-Parteispendenaffäre. Zwar
       durfte sich Schäuble nach Kohls Abgang als CDU-Vorsitzender sonnen, doch im
       Zug der nie aufgeklärten Affäre um die schwarzen Kassen der Union ging
       seine Autorität verloren. Eine 100.000-Mark-Spende eines bekannten
       Waffenhändlers, von Schäuble verwaltet, brachte ihn um Amt und Würden. Erst
       da, als es ihm nichts mehr nützte, brach Schäuble mit Kohl. Von einem
       „Machtkampf“ bis zur „Vernichtung“ seiner Person sprach Schäuble später.
       Seine Nachfolgerin wurde eine aufstrebende Politikerin aus dem Osten, der
       die alte Garde der West-CDU nicht viel Vertrauen entgegenbrachte: Angela
       Merkel.
       
       Schäubles Karriere war damit nicht beendet. Er wurde erneut Innenminister
       und von 2009 bis 2017 Finanzminister. Aber die höchsten Staatsämter blieben
       ihm verschlossen. 2004 sorgte Merkel dafür, dass nicht Schäuble neuer
       Bundespräsident wurde, sondern [7][der später eher unglücklich agierende
       Horst Köhler]. Schäuble aber erklärte später, auf den Posten gar keinen
       großen Wert gelegt zu haben. Das kann man glauben oder auch nicht.
       
       In einem seiner letzten Interviews sprach Schäuble im Oktober über seine
       Partei, die CDU: „Das C im Namen der CDU drückt aus, dass wir Politik für
       den Menschen machen, so wie er ist, und nicht wie er sein sollte“, sagte
       er. Am 26. Dezember ist Wolfgang Schäuble im Alter von 81 Jahren im Kreise
       seiner Familie verstorben.
       
       Klaus Hillenbrand 
       
       Die „schwarze Null“ 
       
       Wolfgang Schäuble war ein überzeugter Europäer. Auf seiner Homepage hieß es
       gleich ganz vorn: „Wenn es Europa gut geht, geht es auch Deutschland gut.“
       Trotzdem war es ausgerechnet Schäuble, der Europa fast zerstört hätte –
       durch seine engstirnige Sparpolitik in der Eurokrise. Sie hat einen Schaden
       von Hunderten Milliarden Euro hinterlassen und zugleich die AfD gestärkt.
       Schäuble war von 2009 bis 2017 CDU-Finanzminister. Kaum hatte er sein neues
       Amt angetreten, fiel im Frühjahr 2010 auf, dass die drei Eurostaaten
       Griechenland, Portugal und Irland völlig überschuldet waren. Vor allem
       Griechenland war ein Problem: Die Staatsausgaben und die Importe lagen viel
       zu hoch, während die Steuermoral niedrig und die Finanzstatistik zum Teil
       gefälscht war. Es gab keinen Zweifel, dass sich der griechische Staat
       reformieren musste. Aber Schäuble übertrieb es mit seiner Besserwisserei.
       Im Süden Europas, inklusive Frankreichs, wurde er dadurch zum Inbegriff des
       arroganten Deutschen.
       
       Schäuble war Jurist und mit ökonomischen Problemen überfordert. In der
       Eurokrise agierte er nach dem Motto: Wer Schulden hat, ist schuld. Also war
       für ihn klar, dass Griechen, Portugiesen, Spanier und Italiener für ihre
       Kreditberge bestraft und zur Sparsamkeit gezwungen werden mussten. Doch die
       permanente Kürzungsorgie brachte nichts: Da die Wirtschaft in den
       Krisenländern einbrach, wurden die Schulden noch größer und nicht etwa
       kleiner.
       
       Vor allem Griechenland erlebte einen beispiellosen Absturz, sodass am Ende
       etwa 25 Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos waren. Im Januar 2015 kam
       dann die linkspopulistische Syriza an die Macht, weil sie versprochen
       hatte, den harten Sparkurs zu beenden. Neuer Finanzminister wurde Yanis
       Varoufakis, der sich an keinerlei diplomatische Konventionen hielt.
       
       Unter anderem schnitt Varoufakis heimlich Sitzungen mit, und diese
       Aufnahmen belegen eindeutig, dass die heutige EZB-Chefin (damals Direktorin
       des Internationalen Währungsfonds) Christine Lagarde und Schäuble genau
       wussten, dass die Sparprogramme für Griechenland ein Desaster sind. So
       räumte Lagarde beim ersten Treffen mit Varoufakis ein: „Sie haben recht.
       Die Vorgaben können nicht funktionieren. Aber Sie müssen verstehen, dass
       wir zu viel in dieses Programm investiert haben. Wir können es nicht
       aufgeben.“ Auch Schäuble sagte ganz offen, dass das Sparprogramm „schlecht“
       für Griechenland sei. „Es ist nicht gut fürs Wachstum.“ Aber Schäuble hatte
       längst andere Pläne. Er wollte die Griechen dazu bringen, vorübergehend die
       Eurozone zu verlassen. „Sie müssen es nicht als einen Grexit sehen“,
       erklärte er Varoufakis. „Betrachten Sie es als eine Pause.“ Etwa ein Jahr
       lang sollten die Griechen ihre eigene Währung haben, um abzuwerten und
       wieder wettbewerbsfähig zu werden. „Danach kommen Sie wieder zurück.“
       
       Schäuble stellte sich den Euro also wie die Drehtür eines Kaufhauses vor:
       Man tritt ein, wieder aus, und irgendwann wieder ein. Doch so funktioniert
       die Gemeinschaftswährung nicht. Wären die Griechen zur Drachme
       zurückgekehrt, und sei es für kurze Zeit, wären sie sofort zum Spielball
       der Finanzmärkte geworden. Die Spekulanten hätten gegen die Drachme
       gewettet, sodass ihr Kurs ins Bodenlose gefallen wäre. Griechenland hätte
       sich dringend nötige Importe wie Öl oder Medikamente nicht mehr leisten
       können.
       
       Zum Glück kam es nicht zum „Grexit“, aber Schäubles Drohung reichte völlig,
       um europaweit Chaos zu stiften und Milliardenschäden zu hinterlassen.
       Sobald es nämlich denkbar wurde, dass ein Land die Eurozone verlassen
       könnte, begannen sich die Anleger zu fragen, ob noch andere Eurostaaten
       gefährdet sein könnten. Also begannen sie, ihre Papiere aus Italien,
       Spanien und sogar Frankreich abzustoßen, was wiederum die Zinsen für diese
       Länder in die Höhe trieb. Vor allem Italien war plötzlich dem Bankrott nah,
       obwohl es solide gewirtschaftet hatte.
       
       Doch Schäuble blieb stur. Dabei war seine Position unlogisch: Er war gern
       Finanzminister eines „Exportweltmeisters“, aber ein Überschuss im
       Außenhandel ist nur möglich, wenn anderswo ein Defizit existiert.
       Deutschland lebte davon, dass andere Länder Schulden machten, aber genau
       diese Schulden wollte Schäuble bestrafen.
       
       Internationale Ökonomen waren entsetzt, wie ahnungslos Schäuble in seinem
       Grexit-Wahn agierte. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman
       urteilte damals: „Schäuble lebt in einem Paralleluniversum. Niemand glaubt
       diesen Unsinn in den internationalen Organisationen.“ Da Schäuble die
       Eurokrise unablässig verschärfte, drängte sich bei vielen Deutschen der
       Eindruck auf, dass der Euro nicht funktionierte – was Gratiswerbung für die
       AfD war. 2013 wurde sie als Anti-Euro-Partei gegründet und zog 2017
       erstmals mit 12,6 Prozent der Stimmen in den Bundestag ein.
       
       Die AfD profitierte zudem davon, dass Schäuble auch im Inland rigide
       sparte. Schäuble hatte die Schuldenbremse zwar nicht erfunden, sondern sie
       stand schon im Grundgesetz, als er Finanzminister wurde. Aber er glaubte
       hingebungsvoll an die „Schwarze Null“. Also erhöhte er den Etat auch nicht,
       als eine Million syrische Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Damit sendete
       er das fatale Signal, dass sich Deutschland die Zuwanderer nicht leisten
       kann. Gratis lieferte er die Scheinargumente, mit denen Rechtspopulisten
       dann Ängste schüren konnten.
       
       Schäuble war beliebt bei den Deutschen, aber er hat dem Land und Europa
       schwer geschadet. Dabei hätte die SPD die Macht gehabt, seine zweite
       Amtszeit zu verhindern. 2013 kam es zu einer Großen Koalition, und SPD-Chef
       Sigmar Gabriel hätte das Finanzministerium beanspruchen können. Aber er
       traute sich das Amt nicht zu. Und so konnte Schäuble als „schwarze Null“
       noch vier weitere Jahre agieren.
       
       Ulrike Herrmann 
       
       „Ich bin kein besserer Mensch“ 
       
       Sechs Wochen lag das Attentat erst zurück, da rollte Wolfgang Schäuble,
       Bundesinnenminister, in einem blauen Trainingsanzug zu einer improvisierten
       Pressekonferenz in der Rehaklinik bei Karlsruhe. Er rollte eigenhändig. „Es
       geht mir den Umständen entsprechend gut. Ich hoffe, so bald wie möglich in
       Bonn meine Arbeit wieder aufnehmen zu können“, sagte er. Das war im Herbst
       1990, Schäuble war damals 48 Jahre alt. Ein verwirrter Mann hatte Schäuble
       mit zwei Schüssen in Kiefer und Rückenmark schwer verletzt, und Deutschland
       hatte seinen ersten Bundesminister im Rollstuhl.
       
       „Ich wollte keine Sonderkonditionen, gerade im Hinblick auf den politischen
       Wettbewerb“, sagte er Jahrzehnte später dem Berliner Tagesspiegel. Und
       Schäuble wurde zum Beweis, dass die Behinderung eines Politikers nicht mehr
       automatisch bedeutet, dass dem Menschen nur noch Schwäche zugeschrieben
       wird. Im Gegenteil. Schäuble wurde zum Beispiel für Resilienz. Das war noch
       anders gewesen, etwa in den 30er Jahren in den USA: Die Beinstützen des
       stark gehbehinderten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt wurden unter
       seinen Hosen verborgen, Fotografen durften keine Bilder von Roosevelt im
       Rollstuhl machen.
       
       Schäuble aber räumte selbst einmal ein, dass ihm das Image des Politikers,
       der einen schweren Schicksalsschlag erlebt und überlebt hat, womöglich
       sogar nützte. Seine berühmte Rede vor dem Bundestag 1991, wo er für Berlin
       als künftige Hauptstadt plädierte, sei vielleicht auch deswegen so gut
       angekommen, weil er damals „im Rollstuhl noch viel erbarmungswürdiger“
       ausgesehen habe als heute, sagte er mal in einem Fernsehinterview. Diesem
       blassen, schmalen Mann im Rollstuhl traute man nichts Unedles zu, er wirkte
       visionärer als die Bonn-Verfechter, die an Pendlerstress und Umzugskosten
       durch eine mögliche Verlagerung der Hauptstadt dachten. Schäuble aber
       wollte nie einen moralischen Bonus wegen seiner Behinderung. Diese habe ihn
       „nicht zu einem besseren Menschen“ gemacht, sagte er einmal. Was wohl auch
       stimmte.
       
       Barbara Dribbusch 
       
       Konservativ mit Augenmaß 
       
       Was genau das sein soll, „konservativ“, hätte Wolfgang Schäuble auch nicht
       in mathematischer Präzision sagen können. Die CDU, seine politische Heimat,
       sei eine Partei, die sich aus christlichen, soziallehreartigen, liberalen
       und auch wertkonservativen Gehalten speise – und aus den Lehren der
       nationalsozialistischen Verhältnisse geboren worden sei. Eine politische
       Formation, die Maß und Mitte, jedenfalls aber keine „Übertreibung“ zu
       vertreten habe. Die Union, so der seine Partei viele Jahrzehnte mitprägende
       Politiker, habe den Fortschritt, das Andere, das Neue zu moderieren, nicht
       das Moderne anzustoßen. Er selbst entstammt besten bürgerlichen
       Verhältnissen aus Freiburg, Breisgau, hineingewachsen in eine Familie
       honoratiorenhafter Bürgerlichkeit, fern aller Armut in welcher Hinsicht
       auch immer, in eine politische Sphäre beruflicher Wege, die auf Aufstieg
       orientiert sind, auf gediegene Karrieren, die nicht auf Volkstribunalität
       setzten, auf Charisma und politische Egozentrik.
       
       Sondern auf das, was karikaturesk am Baden-Württembergischen gern als
       „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ verstanden wird. Solide Architekturen in
       jeder Hinsicht, familiär und politisch. Nicht umsonst verstand sich dieser
       Politiker, sei es gegenüber den früheren Bundeskanzlern Helmut Kohl als
       auch Angela Merkel, als „loyal“, was nicht als Untertänigkeit
       missverstanden werden durfte. Schäuble galt in seinem Milieu schon fast als
       gelegentlich charakterlicher Grenzfall, weil er – der unbedingten Ehrgeiz,
       intellektuell wie politisch, von seinen Umfeldern verlangte – scharf und
       schroff werden konnte, wenn da einer nicht auf der Höhe des
       (beispielsweise: intellektuell) Verlangten sich bewegte.
       
       Er war Demokrat durch und durch. Ein bundesdeutscher Demokrat, der kaum
       mehr fürchtete als das, was aktuell politisch die Sache ist und bleibt:
       eine Partei wie die AfD, die wesentlich im Trüben des rechten
       Bevölkerungsspektrums fischte, deren Ressentiments, Vorstellungen und
       Fantasien noch bis weit in die nuller Jahre von der Union (geringer, aber
       doch auch von der SPD) programmatisch und politisch mit bewirtschaftet
       wurde. Schäuble hatte diesen Rechtspopulismus immer für integrierbar
       gehalten in die, wie man über die Empirien der Soziologen Steffen Mau und
       Thomas Biebricher weiß, vier Fünftel des bundesdeutschen Mainstreams, der
       für extremistischen Schutt nichts übrig hat.
       
       Schäuble, so musste man ihn verstehen, hielt den Aufstieg der AfD auch
       (nicht nur) für ein Resultat der asymmetrischen Wahlkämpfe seiner Partei
       unter Kanzlerin Merkel, auf ihre diskursiv für unnötig gehaltene Erregung
       im Stile von „Sie kennen mich“!
       
       Schäuble mochte Disput, er schätzte den Streit, ob mit den Sozialdemokraten
       oder den Grünen, weil er demokratiefördernd ist, weil er Standpunkte klärt
       und eben politische Atmosphären klärt. Er ließ sich auch gern,
       beispielsweise, zum taz-Kongress einladen, 2009, als er auf dem Podium mit
       Jürgen Trittin unter anderem zu den ersten schwarz-grünen
       Koalitionsüberlegungen ausbrachte, am liebsten alliiere seine Union in
       einer Koalition mit sich selbst – da gäbe es genug Stoff im Dissens. Was
       auffiel: wie umgänglich Wolfgang Schäuble war, wie sehr er darauf achtete,
       dass die Helfenden, die ihn, den im Rollstuhl sich Bewegenden, auf jede
       Unebenheit hinwiesen, von ihm mit mehr als jovialer, mit größter
       Herzlichkeit behandelt wurden. „Seien Sie vorsichtig“, rief er den Leuten
       vom Sicherheitsdienst zu, „der Boden kann uneben sein!“
       
       Mit größter Freude sprach er über Parlamentarier, die sich nicht als
       Abgestellte ihrer Parteien empfanden, sondern als solitäre Akteure etwa auf
       den Positionen des Bundestagspräsidiums saßen. Petra Pau fand er mehr als
       respektabel, sowieso Antje Vollmer, deren Partei, die Grünen, ohnehin. Kein
       „Wunschpartner“, so äußerte der Unionsmann immer wieder, aber eine Partei,
       mit der sich Politik machen ließ. Sozialdemokraten gehörten für ihn
       selbstverständlich zum verfassungspatriotischen Setting, Feindschaftliches
       war ihm politisch fremd – es ging ihm darum, im politischen Gegner zu
       erkennen, was ihn erfolgreich macht.
       
       Er wird fehlen, zumal und im Konkreten besonders, wenn im kommenden Herbst
       in Thüringen nur eine Koalition aus Linkspartei und Union möglich wäre, um
       sich dem Gift der AfD zu entziehen: Er hätte vermitteln können, dass Bodo
       Ramelow ein reschpektabler Mann sei – und seine Partei zwar nicht die Union
       sei, aber doch demokratisch, also stubenrein.
       
       Im Übrigen diskutierte er nicht darüber, ob der Islam zu Deutschland gehöre
       oder nicht. An Tatsachen lasse sich nicht deuteln, so sein Credo.
       Rassismus, diese kleine Münze von Engstirnigen, war ihm, ausweislich aller
       getätigten Äußerungen, fremd. Konservative könnten die Welt nicht anhalten,
       aber sie können verständlich machen, wie ein gemeinsames Leben in Änderung
       mit „Augenmaß“ gehen könnte.
       
       Von ihm konnten Linke lernen, politisch bei sich zu bleiben, also dem
       Denken in Freund-Feind-Schemata zu entkommen, aber auf das Eigene zu
       beharren, um so erst Politik, linkerseits immer mit dem Anspruch, die
       Verhältnisse mehr als nur in Maß und Mitte zu halten, zu ermöglichen.
       
       Jan Feddersen
       
       27 Dec 2023
       
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   DIR Zum Tod von Wolfgang Schäuble: „Er hätte Europa zerstören können“
       
       Griechenlands Ex-Finanzminister Euklid Tsakalotos lässt an seinem
       verstorbenen früheren Amtskollegen Wolfgang Schäuble kein gutes Haar.
       
   DIR Reaktionen auf Tod von Wolfgang Schäuble: „Ein scharfer Denker“
       
       Wolfgang Schäuble hat die deutsche Politik so lange geprägt wie kaum ein
       anderer. Neben dem Kanzler würdigten zahlreiche Politiker sein Schaffen.
       
   DIR Beliebtheit der Schuldenbremse: Der Staat als Wasserbett
       
       Staatsschulden haben in Deutschland zu Unrecht einen schlechten Ruf. Sparen
       kann für eine Volkswirtschaft gefährlich sein.