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       # taz.de -- SPD-Parteitag in Berlin: „Zuversicht, krächz, krächz“
       
       > Mit großem Rückhalt werden Saskia Esken und Lars Klingbeil auf dem
       > SPD-Parteitag wiedergewählt. Einer wird geschont.
       
   IMG Bild: Saskia Esken und Lars Klingbeil bei Bekanntgabe des Wahlergebnis zum neuen Parteivorsitzenden beim SPD Parteitag in Berlin, 08.12.2023
       
       Berlin taz | Eines hat die SPD wirklich aus der Vergangenheit gelernt – man
       stürzt sich wegen schlechter Umfrageergebnisse nicht in Verzweiflung und
       man stürzt schon gar nicht die eigenen Anführer. Auf ihrem [1][dreitägigen
       Bundesparteitag] in Berlin haben die Delegierten die beiden Vorsitzenden
       Saskia Esken und Lars Klingbeil als Parteivorsitzende im Amt bestätigt, und
       das mit überraschend guten Ergebnissen. Für Esken stimmten 82 Prozent der
       583 Abgeordneten, die ihre Stimme abgegeben hatten. Vor zwei Jahren erhielt
       sie 76,7 Prozent der Stimmen. Klingbeil wurde mit 85,6 Prozent
       wiedergewählt, gegenüber 86,3 Prozent im Jahr 2021.
       
       Das ist ein Zeichen, wie stabil die Partei im Vergleich zu den Nuller- und
       Zehnerjahren geworden ist. Dass die Genoss:innen Esken und Klingbeil
       durchfallen lassen würden war auch nicht erwartet worden. Denn es ist das
       große Verdienst der beiden, dass die SPD im Innern jetzt so geschlossen da
       steht. Das sei 2019 auf dem letzten Präsenzparteitag noch ganz anders
       gewesen, sagt ein Mitglied des Parteivorstands. „Damals haben wir uns die
       Köpfe eingeschlagen, das war schlimm.“
       
       Im Inneren ist die SPD also in weitaus besserer Verfassung als vor vier
       Jahren. Doch nach außen sieht sie nicht gut aus: In der Gunst der
       Wähler:innen ist die Kanzlerpartei mittlerweile auf 14 Prozent abgesackt
       – der bisher absolute Tiefpunkt dieser Legislatur und das zur Halbzeit der
       Ampel.
       
       Zum Auftakt ihrer Bewerbungsrede hatte Saskia Esken versucht, Zuversicht zu
       verbreiten – und streute dieses Schlagwort gleich mehrmals in ihrer Rede
       ein. „Die SPD hat wieder zu sich gefunden“, behauptete sie forsch. Mit
       „Geschlossenheit und Zuversicht“ habe man die Bundestagswahl gewonnen, und
       damit werde man auch wieder aus dem Tief kommen. Die Union ging Esken
       scharf an. Diese sei „wahrhaftig die populistischste Opposition aller
       Zeiten“. Merz und seine Partei hetzten „im Chor mit der AfD“ und arbeiteten
       nicht nur gegen die Regierung, sondern auch „gegen den Zusammenhalt und
       gegen das Land“.
       
       ## Bockwurst und Malle sind zweitrangig
       
       Dem politischen „Vandalismus“ stellte sie die „Verantwortung“ der SPD
       entgegen. Es sei gefährlich, dass sich CDU und CSU der populistischen
       Muster der AfD bediene, denn das befördere Zweifel und Verunsicherung.
       Insbesondere in der migrantischen Community kippe die Stimmung, warnte sie,
       das dürfe man nicht zulassen. „Rassismus und Ausgrenzung sind ein Schlag
       ins Gesicht der Menschen, die unser Land mit aufgebaut haben“, erklärte
       sie. Am Ende hatte sie zwar einen Frosch im Hals. Trotzdem beendete sie
       ihre Rede noch mit dem Wort „Zuversicht, Krächz, krächz“.
       
       Klingbeil versuchte ebenfalls, den Genossen Mut zuzusprechen: Die SPD sei
       immer wieder aufgestanden. „Wir haben immer an uns geglaubt, auch wenn
       andere uns abgeschrieben haben.“ Klar, das [2][Urteil des
       Bundesverfassungsgerichts] habe alle vor eine schwere Aufgabe gestellt.
       Trotzdem müsse der Kompass klar sein: Weiter investieren, kein Wackeln bei
       der Unterstützung der Ukraine und [3][kein Abbau des Sozialstaates].
       
       Eine Trias, die durch das gegenwärtige Milliardenloch im Haushalt gefährdet
       ist. Noch haben Olaf Scholz, FDP-Finanzminister Christian Lindner und der
       Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in tagelangen Dreierrunden keinen
       Kompromiss gefunden. Am Sonntag wird weiter verhandelt.
       
       Klingbeil erinnerte seine Genossen aber auch noch mal daran, für wen die
       SPD Politik mache: Nämlich für jene, die jeden Morgen aufständen und zur
       Arbeit gingen, für die Leisen, die Fleißigen, die Vernünftigen – also die
       herzensguten Menschen oder, laut Klingbeil, die Mehrheit im Lande. „Diese
       Menschen setzen auf uns.“ Es dürfe in der Politik nicht darum gehen, „ob
       jemand Auto fährt, Bratwurst isst oder mit dem Flieger einmal im Jahr nach
       Malle fliegt.“ Auch nicht darum, ob man gendere. Sondern um bezahlbare
       Miete, um gute Löhne, um anständige Pflege und die beste Bildung. Das
       quittierte der Saal mit lautem Beifall.
       
       ## Scholz soll das Ruder in die Hand nehmen
       
       Der SPD-Vorsitzende sieht eine Grundsatzdiskussion über den Sozialstaat
       heranrollen und neue Auseinandersetzungen mit den Neoliberalen: „Die
       Marktradikalen, die den Staat für ein aufgeblähtes Monster halten, der die
       Menschen bevormundet, werden lauter.“ Konkret gab er [4][CDU-Chef Friedrich
       Merz] eine mit: „Friedrich von gestern wird niemals die Zukunft unseres
       Landes sein.“ Doch angesprochen fühlen, dürften sich wohl auch die
       Liberalen.
       
       Klingbeil versprach, die SPD werde für einen Staat kämpfen der investiere
       und schütze. Und gegen eine AfD, die Deutschland ins Verderben führe. „Die
       AfD darf niemals Macht über unser Land bekommen“, rief er und forderte die
       Genossen auf, dafür zu kämpfen. Die Rede Klingbeils war die eines
       Bundestrainers, der seiner verunsicherten Mannschaft wieder Mut und
       Zuversicht einimpfte. Jedenfalls erhoben sich die Sozialdemokraten danach
       und spendeten stehend Applaus.
       
       Einen ließen sowohl Klingbeil als auch Esken fast außen vor: Olaf Scholz.
       Der Kanzler wurde zu Beginn des Parteitags mit warmem Applaus empfangen.
       Scholz wird geschont, obwohl die schlechten Umfragewerte auch ihm
       angelastet werden. „Wenn etwas schief läuft, dann ist Olaf Scholz schuld“,
       lacht Elvan Korkmaz-Emre am Rande des Parteitags im Gespräch mit der taz.
       Sie ist eine von mehreren stellvertretenden Vorsitzenden in
       Nordrhein-Westfalen. Die SPD müsse in der Koalition das Ruder stärker in
       die Hand nehmen, findet sie. „Jemand muss den Hut aufhaben“: da müsse Olaf
       Scholz mehr Initiative zeigen. Scholz wird am Samstag reden, seine Rede
       wird mit Spannung erwartet.
       
       Am Freitag debattierte der Parteitag auch über den Leitantrag, der das
       Fundament für das Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2025 bilden wird. Die
       Sozialdemokraten wollen bis 2030 den klimaneutralen Umbau von Wirtschaft
       und Gesellschaft wuppen, mit einer Millionen neuer Jobs und massiven
       staatlichen Investitionen. Dazu will die SPD unter anderem an die
       Schuldenbremse ran, Reiche stärker in die Verantwortung nehmen und
       Multimillionen-Erben stärker besteuern.
       
       Umstritten war zunächst, ob die Schuldenbremse nur modernisiert oder
       abgeschafft werden soll. Die Jusos forderten in einem eigenen Antrag sie zu
       streichen.
       
       Am späten Nachmittag präsentierte SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert dann
       den Kompromissvorschlag, auf den sich Jusos und Parteivorstand geeinigt
       hatten: Starre Begrenzungen der Kreditaufnahme, wie sie derzeit in
       Verfassungen stehen, werden abgelehnt. „Sie verhindern Investitionen und
       beeinträchtigen die Handlungsfähigkeit des Staates.“ Der Leitantrag wurde
       einstimmig angenommen.
       
       Denn im Ziel sind sich alle Redner:innen in den Berliner Messehallen
       einig – sie wollen einen handlungsfähigen Staat, der investiert und
       materielle Sicherheit gibt. Einen klassischen Sozialstaat also.
       
       8 Dec 2023
       
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       ## AUTOREN
       
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