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       # taz.de -- Deutsche Muslime und Shoah: Bekenntnis zum Tätervolk?
       
       > Sollen sich migrantische Menschen zu Täter-Nachfahren erklären, um
       > dazuzugehören? Nein, sie haben andere Bezüge zur Shoah – gut so.
       
   IMG Bild: Eine überwältigende Mehrheit redet sich die eigenen Vorfahren schön, Jubel in Berlin 1937
       
       Wenn eine Nachfahrin von Versklavten nach Großbritannien einwandert, wird
       sie dadurch nicht zur Nachfahrin von Sklavenhändlern. Ein Algerier in
       Frankreich wandert nicht in die Verantwortung für seine eigene
       Kolonisierung ein und ein asiatischer Immigrant in Australien nicht in die
       Schuld an der Ausrottung der Aborigines.
       
       Alle diversen Gesellschaften ringen mit der Frage, wie sich neu
       eingebrachte historische Prägungen zum Altbestand des Erinnerns und zur
       jeweiligen nationalen (weißen) Tätergeschichte verhalten. Deutschland ist
       also kein Einzelfall, doch hat das Thema hier besonderes Gewicht: zum
       ersten und unbestreitbar aufgrund der Monstrosität der NS-Verbrechen. Zum
       Zweiten aber, und hier wird es strittig, weil die deutsche Politik den
       Eindruck erweckt, migrantische Menschen könnten sich einen legitimen
       Aufenthalt im Land der Shoah [1][nur durch geschichtspolitische
       Bekenntnisse erkaufen]. Sie sollen sich, sofern nicht jüdisch, quasi zu
       Täter-Nachfahren umfigurieren.
       
       Wer die Verantwortung für den Holocaust nicht tragen wolle – und dies sei
       angesichts der Schwere der Schuld verständlich –, solle darauf verzichten,
       in Deutschland leben zu wollen, las ich kürzlich bei einem Berliner
       Sozialdemokraten. Zugleich aber verfällt bei vielen alteingesessenen
       Deutschen in verstörendem Tempo das Bewusstsein für die NS-Geschichte,
       ablesbar an den Erfolgen der AfD wie an Umfragedaten. Eine überwältigende
       Mehrheit redet sich die eigenen Vorfahren schön; sie hätten nichts gewusst
       und nichts getan. Wird nun auf Migranten abgewälzt, was man selbst nicht
       mehr leisten will?
       
       Die Soziologin Esra Özyürek beschreibt in ihrem Buch „[2][Subcontractors of
       Guilt]“ (Subunternehmer der Schuld) Beobachtungen in Projekten, die
       speziell Muslime an das richtige deutsche Erinnern heranführen sollen. Wenn
       diese nach einem Auschwitz-Besuch angesichts eigener Rassismus-Erfahrung
       die Angst äußerten, es könne ihnen womöglich einmal so ergehen, wie es
       Juden und Jüdinnen ergangen ist, dann seien dies „falsche Gefühle, eine
       falsche Empathie, eine falsche Furcht“, resümiert Özyürek. Muslime sollen
       sich bitte nicht mit jüdischen Opfern identifizieren, sondern sich bei den
       deutschen Täter-Nachkommen einreihen.
       
       Sinnvoll wäre eine gegenteilige Perspektive. Für Eingewanderte ist der
       Holocaust [3][nicht als die Geschichte von Eltern und Großeltern relevant],
       sondern weil er eine weltgeschichtlich extreme Erfahrung gewalttätigen,
       genozidalen Otherings (Distanzierung von anderen Gruppen, Abwertung einer
       anderen Gruppe; d. Red.) darstellt. Darauf kann sich, ungeachtet anderer
       Prägungen, potenziell jede/r beziehen, daraus lassen sich ethische
       Konsequenzen ableiten. Wer selbst Ausgrenzung, gar Bedrohungen erlebt, kann
       sich anders mit der NS-Geschichte verbinden als Alteingesessene. Eigene
       Erfahrungen können der Ausgangspunkt sein, um dann in der Schule zu
       verstehen, warum Juden und Jüdinnen im besonderen Maße zu Opfern wurden.
       
       Und vieles wird ja längst praktiziert, fern von politischem Gedröhn. Schon
       in den 1990ern suchten türkischstämmige Literaten eigene Zugänge zur
       NS-Geschichte. Gedenkstätten haben sich auf ein heterogenes Publikum
       eingestellt. Und seit mehr als einem Jahrzehnt wird wissenschaftlich über
       „Memory Citizenship“ gesprochen: sich mitsamt des Mitgebrachten zugehörig
       fühlen können. Tatsächlich ist die Bandbreite migrantischer Bezüge auf die
       NS-Geschichte beträchtlich.
       
       ## Andere Geschichtslinien
       
       Ein geflüchteter Syrer überraschte mich mit den Worten: „Wir müssen
       Verantwortung für Assad übernehmen, so wie die Deutschen für Hitler.“ Vom
       Bruder eines in Hanau Ermordeten hörte ich: „Die Deutschen haben keine
       Erinnerungskultur!“, Ausdruck seiner Verzweiflung angesichts der
       verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber rechtsextremen Mordtaten. Und es
       gibt familiäre Geschichtslinien, nur eben andere: Die Herkunftsländer
       osteuropäischer Zugewanderter waren NS-Opfer oder gelegentlich
       Kollaborateur. Aus dem Maghreb kamen Kolonialsoldaten, die gegen
       Nazi-Deutschland kämpften. Es gibt Deutsche, von denen ein Großvater bei
       der SS war und ein anderer ein griechischer Antifaschist.
       
       Palästinenser sind mit der deutschen Geschichte besonders eng verbunden,
       denn die Vertreibung ihrer Vorfahren aus der angestammten Heimat hätte es
       ohne den europäischen Antisemitismus, ohne die Shoah nicht in diesem Maße
       gegeben. Umso tragischer, wie gerade sie in diesen Wochen zum kollektiven
       Feind der Erinnerungskultur stilisiert werden – als hätten sie und nicht
       die Gesellschaft meiner Eltern und Großeltern den Holocaust auf dem
       Gewissen.
       
       ## Kein Konsens zur israelischen Regierung
       
       Letztlich ist die Übernahme historischer Verantwortung eine Frage der
       Entscheidung – bei neuen Deutschen ebenso wie bei den alten. Und es war
       eigentlich nie anders: Sensible Menschen meiner Generation fühlten sich
       schuldig, gerade weil es die meisten der Tätergeneration eben nicht taten.
       Je universeller die Lehre aus dem Holocaust formuliert wird, desto eher
       fördert sie Menschenrechte und Zivilcourage in einer diversen Gesellschaft
       – inklusive des Gebots, beim Schutz jüdischen Lebens mitzuwirken.
       
       Über Israel, zumal mit regierenden Rechtsextremisten, wird es hingegen
       keinen Konsens geben. Von der emotionalen Kälte derer, die autoritär
       „Staatsräson!“ rufen und bereits das Mitgefühl für Kinder in Gaza unter
       Antisemitismusverdacht stellen, fühlen sich viele abgestoßen; oft sind es
       die Gebildetsten, Erfolgreichsten der migrantischen Szene, die sich diesem
       Deutschland intellektuell entfremden – beziehungsweise Deutschland ihnen.
       
       Einen antifaschistischen Grundkonsens finden heute eher Minderheiten
       untereinander. Und vielleicht kommt eine Zeit, was ich nicht hoffe, wo sie
       es sind, die eine Bastion gegen die Völkischen sein werden.
       
       23 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Runder-Tisch-im-Schloss-Bellevue/!5968568
   DIR [2] https://www.sup.org/books/title/?id=34868
   DIR [3] https://www.ghwk.de/fileadmin/Redaktion/PDF/Presse/Pressespiegel/deutsch-tuerkisches-journal-28042018.pdf
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Charlotte Wiedemann
       
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