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       # taz.de -- Comickünstler Will Eisner: Gezeichnete Regenfluten
       
       > Der Graphic Novel Godfather von Brooklyn: Eine Ausstellung über den
       > wichtigen Comickünstler Will Eisner ist zu Gast im Jüdischen Museum
       > Rendsburg.
       
   IMG Bild: Interessiert gerade an den Figuren, auf die niemand sonst schaut: Will Eisner im Jahr 1942
       
       „The Spirit“ – mal bildet der Schriftzug eine Treppe, mal ist er Teil einer
       Tür, mal steht er auf einem Buchdeckel. Dieses Spiel mit Formen und Grafik
       war ein Markenzeichen William Erwins Eisners, der 1917 in Brooklyn geboren
       wurde und 2005 in Florida starb. Der Sohn jüdischer Einwanderer besuchte
       eine Kunstschule, schloss sie aber aus finanziellen Gründen nicht ab.
       Stattdessen begann er in den 1930er-Jahren als freier Zeichner zu arbeiten.
       Von 1940 bis 1952 schuf er wöchentlich eine achtseitige Folge des „Spirit“
       als Zeitungsbeilage. Titelheld ist der „Verbrechensbekämpfer“ Denny Colt,
       der sich mit einer Mini-Maske tarnt und von einem Geheimversteck unter
       einem Friedhof aus arbeitet.
       
       Doch anders als „Superman“, der in den 1930er-Jahren entstand, oder
       „Batman“, der erstmals 1939 die Fledermausohren anzog, ist Eisners Held
       nicht sonderlich super, und in den besten Geschichten der Reihe spielt der
       Spirit sogar nur eine Nebenrolle. Will Eisners Interesse liegt erkennbar
       bei den Personen, auf die niemand schaut – den Armen, den Obdachlosen, den
       Losern. Zu den ungewöhnlichen Storys kommen die grafischen Mittel, der
       Einsatz von Licht und Schatten oder von Regen, der sich oft wie ein Vorhang
       über die Figuren ergießt: „Eisnspritz“ nannte der Comiczeichner Harvey
       Kurtzman (1924– 1993) diese gezeichneten Regenfluten, auch das ist nun in
       der Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ in Rendsburg zu
       erfahren.
       
       [1][Kuratiert hat sie der Kunsthistoriker und Künstler Alexander Braun]
       bereits 2021, gezeigt wurde sie damals in Dortmund. Ein
       begleitend-gleichnamiges Buch ist im Avant-Verlag erschienen, dort aber
       schon gar nicht mehr lieferbar – das Rendsburger Museum gibt an, noch damit
       dienen zu können. Die Ausstellung springt mitten hinein in Eisners Werk,
       zeigt einzelne Spirit-Folgen in Gänze, aber auch Cover und Zeichnungen
       späterer Veröffentlichungen. Darunter ist „Ein Vertrag mit Gott“ von 1978:
       Die vier gezeichneten Kurzgeschichten, die alle im selben Mietshaus in der
       Bronx spielen, nannte der damals 61-jährige Eisner „Graphic Novel“,
       grafischen Roman – „in der letztlich vergeblichen Hoffnung, einen
       belletristischen Verlag für die Idee zu finden“, wie es im Vorwort [2][der
       2017 erschienenen deutschen Ausgabe] heißt. Das Buch wurde dann zwar von
       keinem Verlag genommen, aber am Ende weltweit und in zahlreichen Auflagen
       verkauft.
       
       ## Immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert
       
       Eisner war nicht nur [3][Comic-Künstler], sondern zeichnete auch
       Auftragswerke, etwa Plattencover oder auch Plakate im Auftrag der US Army.
       Zudem betreute er 20 Jahre lang deren PS-Magazine – auch daraus zeigt die
       Ausstellung Bilder. Er unterrichtete Comic-Zeichnen und veröffentlichte
       eine Sammlung von Cocktail-Rezepten, sein bestverkauftes Werk. Mit seiner
       Familiengeschichte und dem Einsatz als Soldat im Zweiten Weltkrieg befasste
       er sich 1991 im zweibändigen Comic [4][„Zum Herzen des Sturms“].
       
       Eisner, der wenig religiös aufgewachsen war, wurde im Lauf des Lebens immer
       wieder mit Antisemitismus konfrontiert. Eine Szene zeigt er etwa in „Zum
       Herzen des Sturms“: Ein alter Bekannter fängt bei einem Kneipenbesuch an,
       über „die Juden“ zu hetzen, Eisner steht wortlos auf und geht im strömenden
       Regen davon. Gerade in seinen letzten Arbeiten dann steht das Judentum
       geradezu im Mittelpunkt: „Fagin the Jew“, zu Deutsch [5][„Ich bin Fagin“],
       schildert das Leben des Bösewichts in Charles Dickens’ Roman „Oliver
       Twist“, der dort als geldgieriger Klischeejude dargestellt wird. Eisner
       gibt ihm eine Vorgeschichte und lässt ihn gar mit Dickens selbst
       zusammentreffen.
       
       [6][Sein letztes Buch, „Das Komplott“] von 2005, stellt die „Wahre
       Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion“ vor, einer antisemitischen
       Hetzschrift, die unter anderem von der NS-Propaganda verwendet wurde. Aber
       Stereotype, wie Eisner sie darin ankreidet, hatte er einst beinahe selbst
       fabriziert, etwa bei den Frauengestalten in den frühen „Spirit“-Comics: Die
       stöckeln stets auf High Heels einher und warten nur darauf, dem Helden in
       die Arme zu sinken.
       
       Und dann ist da noch – Ebony White. Der Schwarze Heldensidekick taucht
       bereits 1940 auf und wird rasch Spirits Helferlein. Als solcher ist er zwar
       durchaus positiv gemeint, sieht aber mit seinen Wulstlippen und Kulleraugen
       aus wie ein Bruder des Sarotti-Mohren in hässlicheren Klamotten. Das war
       selbst für Zeitgenoss*innen etwas viel. Nach Kritik schrieb Eisner die
       Figur aus der Serie: Ebony White durfte eine Schule besuchen und verschwand
       aus Spirits Umfeld. Diese Informationen verschweigt die Ausstellung
       allerdings – schade. Denn auch wenn die problematischen Ebony-Zeichnungen
       das Bild des „Paten der Graphic Novel“ etwas weniger hell strahlen lassen,
       sie würden es dennoch vervollständigen.
       
       17 Dec 2023
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Will-Eisners-Lebenswerk/!5764287
   DIR [2] https://www.carlsen.de/softcover/ein-vertrag-mit-gott/978-3-551-71382-7
   DIR [3] /Buch-ueber-zeitgenoessische-Comics/!5905798
   DIR [4] https://www.comicguide.de/book/58833/Zum-Herzen-des-Sturms-1
   DIR [5] https://www.ajum.de/rezension/ich-bin-fagin-die-unerzaehlte-geschichte-aus-oliver-twist
   DIR [6] /Neue-Comics-ueber-Verschwoerungserzaehlungen/!5885282
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Esther Geißlinger
       
       ## TAGS
       
   DIR Graphic Novel
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