# taz.de -- Ende der Ampel?: Oh, wie schön ist Groko!
> In Hessen wird die CDU wohl mit der SPD eine Große Koalition bilden. Das
> ist das Beste, was den Grünen gerade passieren kann.
IMG Bild: Good old times? Olaf Scholz und Angela Merkel im Jahr 2007
Oboe, monoton, Oblomov: Spontan und assoziativ gedacht sind es eher
sogenannte Fremdwörter und entliehene Begriffe, die einem einfallen, wenn
man die deutsche Sprache nach Doppel-Os scannt. Ähnlich sieht es übrigens
mit der ebenso dunkel-warmen O-A-Kombi aus; da kommt nach Oma und Opa auch
nicht mehr viel.
Groko also, die nun mal wieder [1][in Hessen ganz konkret in aller Munde
ist] und im Bund noch eher noch so probierend angeleckt wird, Groko, was
sich so gemütlich anhört – wie schmeckt das eigentlich?
Historisch gesehen und so zum Politterminus auch in anderen Ländern
geworden – siehe etwa italienische Wikipedia: „grande coalizione (dal
tedesco: Große Koalition)“ – ist die Groko die Verbindung der beiden großen
(Volks-) Parteien, die die wesentliche Lagerbildung der Bevölkerung in
einem Gemeinwesen widerspiegeln. [2][Die Große Koalition] in ihrem
deutschen Ursprung hatte dabei ein konservatives Krisenbewältigungs-, aber
vor allem ein progressives Element: Mit der SPD kam 1966 eine aus der
Arbeiterbewegung hervorgegangene Gruppierung an die Macht, die später sogar
den Regierungschef stellte.
In Japan und in Italien, den anderen besiegten Achsenmächten und treuen
US-Verbündeten, gelang das den linken Volksparteien, solange der Kalte
Krieg andauerte, nicht. Diese Parteien galten bis 1989 als zu unsichere
Kantonisten in der systemischen Auseinandersetzung mit dem realen
Sozialismus.
## Sogar drei Os!
Wenn nun in Deutschland wieder der Groko-Drops gelutscht wird, dann
geschieht das in einem anderen Umfeld. Der Versuch der Grünen, sich als
Macht der Mitte zu etablieren, ist erst mal gescheitert. Die Galionsfigur
dafür, der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann, ist eine
Lame Duck, zur Landtagswahl 2026 wird er nicht mehr antreten. Und mit Tarek
al-Wazir hat in Hessen gerade derjenige Grünen-Politiker, der seine Partei
wie kein anderer darauf eingeschworen hatte, [3][dass die Zeit der
Protestbanner „vorbei“ sei,] nicht nur sein Ziel verfehlt, selbst
Ministerpräsident zu werden; die Wahlsiegerin CDU zieht es auch noch vor,
nach zehn Jahren Schwarz-Grün mit der gerupften SPD eine, nun ja, Große
Koalition zu bilden – ein Novum in der Geschichte Hessens.
Eine solche Regierung im Bund hätte zwei Hauptaspekte: Das, wie immer man
es inhaltlich auch bewerten mag, bislang bewegende Element der regierenden
Ampel, die Grünen, würde ausscheiden – und die neue Groko hätte wohl
Schwierigkeiten, überhaupt eine (große, stabile) Mehrheit im Bundestag
hinter sich zu vereinen, jedenfalls auf Basis der derzeitigen Umfragen und
mit der Unbekannten des neuen Wagenknecht-Wahlvereins, der gerade von der
SPD einiges an Stimmen wird holen können: von dem Teil des
sozialdemokratischen Volkes insbesondere, das auf eine neue Weltlage immer
noch mit den Mitteln der 1970er Jahre reagieren möchte – der Entspannungs-
und Ostpolitik, dem anderen großen internationalen Doppel-O-Erfolg des
deutschen Politsprechs. Es wäre eine bunt-braune Megaopposition im
Bundestag, mit der sich eine solche Miniaturausgabe einer Groko (Mi-Gro?)
auseinandersetzen müsste.
Abgesehen davon, dass eine faschistische Partei wie die AfD in kein
Parlament gehört, wäre das gar nicht schlimm: Von den Grünen ist nach dem
gelungenen Realitätscheck in der Auseinandersetzung mit dem großen
faschistischen Bruder der AfD, Putins Russland, sowie nach dem Einleiten
der überfälligen Heizungswende eh nichts Gutes mehr zu erwarten.
Aufforderungen, nun noch [4][„pragmatischer“,] sprich
flüchtlingsfeindlicher zu werden, kommen für diesen Zyklus zu spät, das
nimmt man der Partei im Moment nicht ab.
Es waren ja auch wirklich sehr volle Jahre seit der Bundestagswahl 2021, da
ist die vorzeitige Erholung in der Opposition durchaus gestattet, frei nach
dem Merkel-Motto „Wir haben was geschafft“. Von der letzten grünen
Regierungsbeteiligung ist nach dem Zurückrudern bei den Hartz-Reformen auch
nur (und immerhin!) das deutsche Pfandsystem geblieben, um das uns die
ganze Welt beneidet. Und Opposition – horchen Sie mal hin: Das Wort hat
sogar drei Os!
13 Nov 2023
## LINKS
DIR [1] /Hessen-wird-schwarz-rot-wie-Berlin/!5969431
DIR [2] /SPD-Berlin-stimmt-fuer-Schwarz-Rot/!5927216
DIR [3] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/geplante-rodung-des-dannenroeder-forsts-gruene-zerreissprobe-16977832.html
DIR [4] https://www.ndr.de/nachrichten/info/Groko-in-Hessen-Hinweis-an-die-Gruenen-pragmatischer-zu-werden,audio1506624.html
## AUTOREN
DIR Ambros Waibel
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