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       # taz.de -- Hohe Kosten für Haustiere: Unsere teuren Begleiter
       
       > Wenn das geliebte Haustier zum Arzt muss, kann es schnell teuer werden.
       > Und die Kosten steigen immer weiter. Wie viel ist uns ein Tierleben wert?
       
   IMG Bild: Kao Drozd mit seinem Hund
       
       Sunny war auch schon mal besser drauf. Seit einer Weile frisst sie nicht
       mehr gut und hat deutlich abgenommen. Ihre hellgrünen Augen sind so wach
       wie immer, auch das getigerte Fell glänzt, aber ihr Wesen hat sich
       verändert. Sunny zieht sich nun öfter mal zurück. Außerdem spart sie sich
       immer häufiger ihre „Zoomies“, diese fünf Minuten, in denen sie wie
       angestochen durch die Wohnung jagt.
       
       Bald zehn Jahre schon wohnt Sunny mit Jennifer David zusammen. Und
       natürlich weiß David, wenn mit ihrer Katze etwas nicht stimmt. Also kommt
       Sandra Gütschow zum Hausbesuch nahe des Leopoldplatzes in Berlin-Wedding
       vorbei. Gütschow arbeitet für einen mobilen Tierarzt-Dienst in der
       Hauptstadt. Wollen sich Tierhaltende den Stress für sich [1][und ihr
       Haustier] in den Wartezimmern der Praxen sparen, rufen sie Gütschow und
       KollegInnen. Die fahren dann für Untersuchungen, Behandlungen, Impfungen
       und sogar für kleinere Operationen wie Kastrationen von Haus zu Haus.
       
       Sandra Gütschow untersucht Sunny auf Jennifer Davids Wohnzimmertisch und
       ertastet bei der Katze etwas im Bauch, das ihr nicht gefällt. „Könnte auch
       nur ein Haarknäuel sein“, sagt die Tierärztin, „aber das sollten wir auf
       jeden Fall abklären lassen.“ Erstmal Blut abnehmen, dann in einer Klinik
       einen Ultraschall machen, rät sie. Jennifer David stimmt sofort zu. „Na
       klar. Aber wie viel wird das kosten?“ Festlegen will sich Gütschow nicht,
       aber ein paar hundert Euro werden es sicher.
       
       Da muss Jennifer David schlucken. 600 Euro übernimmt ihre
       Haustierversicherung noch für dieses Jahr. Alles darüber hinaus wird die
       Einzelhandelskauffrau aus eigener Tasche bezahlen müssen.
       
       Tierarztrechnungen betreffen hierzulande fast jeden zweiten Haushalt. Nach
       dem letzten, durch Corona ausgelösten Haustierboom leben wir mit mehr als
       34 Millionen Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Reptilien, Fischen zusammen.
       Und die sind nicht gerade billig. Aktuellen Studien zufolge geben ihre
       BesitzerInnen [2][rund 6,5 Milliarden Euro pro Jahr] für sie aus.
       
       Was das auf die Lebensdauer eines einzelnen Haustiers gerechnet bedeutet,
       hat [3][kürzlich ein Verbraucherportal ermittelt]. Schildkröten kamen mit
       ihrer hohen Lebenserwartung auf fast 30.000 Euro, gefolgt von Hunden mit
       knapp 17.000 Euro und Katzen mit etwa 10.000 Euro. Die wenigsten
       HalterInnen haben sich das ausgerechnet, bevor ihr Tier ins Haus kam.
       
       Und nun sind auch noch die Kosten für den Tierarzt deutlich gestiegen.
       [4][Verantwortlich dafür ist eine neue Gebührenordnung,] die Ende
       vergangenen Jahres in Kraft getreten ist. Sie legt verbindlich fest, wie
       viel eine tiermedizinische Behandlung kosten darf, nach Art der
       Untersuchung, Zeitaufwand, Schwierigkeit des Eingriffs und Spezialisierung
       der Praxen und Kliniken.
       
       Zum ersten Mal seit über 20 Jahren wurden die Kosten neu ermittelt. In
       dieser Zeit hat sich die Veterinärmedizin den Standards der Humanmedizin
       angenähert. Es gibt bessere Medikamente, bessere Geräte, Chemotherapien für
       krebskranke Katzen und minimalinvasive Bandscheiben-OPs für Zwergdackel.
       Selbst Kaninchen werden ins MRT geschickt oder digital geröntgt. Natürlich
       sind die Behandlungskosten dabei gestiegen, teilweise um den doppelten und
       dreifachen Satz. Aber eine Hunde-OP für 2.500 Euro muss man sich erst mal
       leisten können, und wenn ein Tier lange in Behandlung bleiben muss, kann es
       noch teurer werden.
       
       Was ist uns so ein Tierleben eigentlich wert, wenn uns das Tier ans Herz
       gewachsen ist? Und warum hegen und pflegen wir manche Tiere wie unsere
       nächsten Angehörigen, während wir andere nur als ein Produkt betrachten?
       
       Katze Sunny ist von Tierärztin Sandra Gütschow inzwischen in einen
       neongrünen Katzensack gepackt worden. Ein Katzengesicht mit weißer Nase und
       weißem Latz schaut aus dem einen Ende der Zwangsjacke, aus dem anderen Ende
       der getigerte Schwanz. So sitzt Sunny als kratz-, beiß- und
       fluchteingeschränktes Katzenpaket auf dem Wohnzimmertisch. Nur ein leises
       Knurren und ein halbes Fauchen bleiben ihr, man kann es Sunny nicht
       verübeln.
       
       Jennifer David streichelt Sunnys Kopf, versucht ihre Katze und sich selbst
       zu beruhigen. Die Tierärztin rasiert an Sunnys linkem Vorderbein eine Vene
       frei. Die Nadel sitzt. Ein paar dicke Tropfen Katzenblut rinnen in ein
       Fläschchen. Dann öffnet Sandra Gütschow die Klettverschlüsse, Sunny flieht
       nörgelnd vom Tisch und schüttelt ihr Bein aus. Fürs Erste hat sie es
       überstanden, Jennifer David ist erleichtert.
       
       In ihrem Auto tippt Tierärztin Gütschow einen Bericht in ihr Smartphone und
       schickt über die App des mobilen Tierarztdienstes die Rechnung an Jennifer
       David raus. Dann checkt sie ihre nächsten Termine. „Der Hund, der im
       Wartezimmer zu viel Angst hat, oder die Katze, die in der Box rebelliert,
       das sind unsere typischen Patienten“, sagt Gütschow. Als nächstes steht die
       Grundimmunisierung zweier Katzenwelpen an. Einer der angenehmen
       Hausbesuche. „Einmal Impfen und Geschlechter bestimmen, dann kann sich das
       Frauchen schon mal passende Namen aussuchen“, sagt sie, gibt die Adresse
       ins Navi ein und startet den Motor.
       
       Sandra Gütschow liebt ihren Job, die Nähe zu den Tieren, den Kontakt mit
       den Menschen. Vor dem mobilen Dienst in Berlin hatte sie schon ein paar
       Jahre in einer Praxis in Sachsen-Anhalt gearbeitet. Der Praxisalltag war
       stressiger, vor allem dann, wenn das Wartezimmer voll war, aber zu wenig
       Personal im Dienst. „Im mobilen Dienst ist das etwas entspannter“, sagt
       sie. „Die Patienten wissen, wann sie dran sind. Außerdem kommen keine
       absoluten Notfälle dazwischen.“ Eine Operation an einem verletzten Tier,
       bei dem jede Sekunde zählt, ist nach wie vor ein Fall für die Klinik.
       
       ## Nicht nur ein Traumjob
       
       Die Klein- und Heimtierklinik der Freien Universität Berlin ist in einem
       grün-weißen Flachbauklotz untergebracht. Die FU bildet hier Studierende der
       Veterinärmedizin aus und forscht. Und natürlich werden auch Hunde und
       Katzen behandelt, außerdem Kleinsäuger wie Hamster und Ratten, Vögel,
       Reptilien und Wildtiere. „Den wenigsten Leuten ist klar, was die
       Behandlungen mit Arbeitszeit, Geräten, Material und Medikamenten kosten“,
       sagt Barbara Kohn, selber Tierärztin und geschäftsführende Direktorin der
       Klein- und Heimtierklinik.
       
       Wenn wir selbst zum Arzt gehen, sehen wir die Kosten in der Regel nicht.
       Wir geben unsere Gesundheitskarte ab, den Rest regeln die gesetzlichen
       Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung unter sich. Wie viel
       kosten eine Impfung, eine Zahnfüllung, ein EKG oder eine Operation? Auf der
       Tierarztrechnung wird so etwas sofort klar: Allgemeiner Check 50 Euro,
       Blutbild 70 Euro, Ultraschall bis zu 170 Euro, Kastration Kater 200 Euro,
       Sterilisation Hündin 1.000 Euro. Kreuzbandriss-OP inklusive
       Inhalationsnarkose, Material und Medikamente: 1.500 bis 4.000 Euro. Da kann
       es schnell passieren, dass Herrchen oder Frauchen an ihre finanziellen
       Grenzen kommen.
       
       „Für die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen war die neue
       Gebührenordnung überlebenswichtig“, sagt Barbara Kohn. Schließlich müsse es
       TiermedizinerInnen in privaten Praxen gelingen, dass es nicht nur den
       Tieren gut geht, sondern auch den Unternehmen. Viele ÄrztInnen hätten das
       bei den alten Gebühren nicht mehr länger stemmen können.
       
       Insbesondere in ländlichen Regionen hängt eine Praxis oft an einer
       einzelnen Person. Die Einnahmen reichen nicht für zusätzliches Personal,
       was einen 24-Stunden-Dienst unmöglich macht. Dann überarbeiten sich manche
       private TierärztInnen, um ihren Betrieb zu erhalten. Oder sie machen ihre
       Praxis dicht oder [5][verkaufen sie an eine Tierarztkette, die mehr
       Finanzkraft hat].
       
       Der Beruf des Tierarztes ist nicht nur ein Traumjob, er ist auch ziemlich
       hart. Wer ihn machen will, braucht ein hervorragendes Abitur oder viele
       Wartesemester. Nach mindestens elf Semestern an der Uni geht es dann in die
       Praxis. Das Bruttoeinstiegsgehalt ist mit 3.500 Euro überschaubar,
       alternativ bleibt gleich der riskante Gang in die Selbstständigkeit.
       
       In beiden Fällen hinzu kommen Überstunden und die nicht zu unterschätzende
       emotionale Belastung, für Tier und Mensch verantwortlich zu sein. „Hinter
       jedem Tier steht ein Mensch“, sagt Klinikdirektorin Barbara Kohn. „Sie
       hängen an ihren Tieren, machen sich Sorgen, müssen beruhigt werden,
       brauchen Rat oder auch Beistand.“
       
       Tiermedizin ist gleichzeitig Seelsorge. Manchmal müssen MedizinerInnen und
       Tierhaltende gemeinsam abwägen, welche Behandlungen überhaupt Sinn machen.
       Manchmal sind Tiere, die sich über die Jahre in nahezu gleichwertige
       Familienmitglieder verwandelt haben, [6][nicht mehr zu retten].
       Internationale Studien kommen zu dem Ergebnis, dass VeterinärmedizinerInnen
       [7][ein doppelt so hohes Suizidrisiko wie ÄrztInnen haben und ein viermal
       so hohes wie die Allgemeinbevölkerung].
       
       In einer großen Klinik hingegen gibt es auch ruhigere Tage. Die Technik und
       die Medikamente stehen bereit, ebenso deutlich mehr Fachkräfte. So können
       Dr. Kohn und ihre KollegInnen auch mehr Zeit in die Vorsorge investieren,
       wenn sich das die Tierhaltenden wünschen.
       
       Kao Drozd kommt mit seinen drei Berner-Sennenhund-Retriever-Mischlingen
       regelmäßig zum Routinecheck. Der Mann wartet im Behandlungszimmer auf einem
       Stuhl am Fenster. Hündin Moria hat sich schon brav auf den Tisch gelegt,
       sie kennt den Ablauf. Ihre Kinder Schaschlik und Blitzie, auch schon längst
       erwachsen, spazieren neugierig durch den Raum. Dieses Mal ist Drozd mit
       ihnen hier, weil ihm aufgefallen ist, dass sie sich seit dem Toskanaurlaub
       häufiger an den Ohren kratzen als sonst.
       
       Barbara Kohn tastet Morias Ohrmuscheln ab und sammelt mit einem Stäbchen
       ein bisschen Ohrenschmalz. Eine Kollegin verschwindet mit den Abstrichen
       ins Labor. Dort fixiert sie die Proben auf einem Träger, färbt sie ein und
       untersucht sie unter dem Mikroskop. „Nichts Ernstes“, sagt sie, „aber in
       den Ohren reichlich Malassezia.“ Hefepilze. Die können sich gut bei Wärme
       und Feuchtigkeit ausbreiten, wie bei einem Urlaub am Mittelmeer.
       
       Die Tierärztin checkt die Impfpässe und klärt Drozd über die zuletzt
       angestiegenen [8][Babesiose-Fälle] im Raum Berlin auf. Die auch als
       Hundemalaria bekannte Krankheit wird durch die Bunt- und Wiesenzecke
       übertragen. Nach jedem Ausflug ins Grüne müssen die Drei unbedingt auf
       Zecken untersucht und mit Medikamenten zum Einnehmen oder Auftragen
       geschützt werden, klärt sie ihr Herrchen auf. Dann geht es zum Ultraschall.
       Schaschliks kleine Zyste sieht weiterhin unbedenklich aus. Der Rüde
       winselt, der Arztbesuch mit dem ständigen Stillhalten wird ihm langsam zu
       viel.
       
       Kao Drozd vergräbt sein Gesicht in Schaschliks Fell, Mensch und Hund
       schließen die Augen und atmen tief durch.
       
       Nach einer knappen Dreiviertelstunde ist die Rundumversorgung
       abgeschlossen. Die Tierärztin [9][belohnt die Hunde mit ein] paar
       Leckerlis, schon ist die Stimmung wieder bestens. „Ist das nicht ein toller
       Beruf?“, fragt sie schmunzelnd in den Raum.
       
       ## Manchmal fehlt das Geld doch
       
       Zwei-, dreimal im Jahr kommt Kao Drozd mit seinen Hunden in der Tierklinik
       der FU vorbei. „Für Tierarztbesuche zahle ich über 1.000 Euro im Jahr“,
       sagt er. „Aber das ist es wert, Frau Kohn und ihr Team kümmern sich um
       alles.“ Sowieso sind ihm die drei Hunde viel wert: Sie bekommen
       hypoallergenes Diätfutter, weil sie rotes Fleisch nicht gut vertragen.
       Natürlich geht das ins Geld. Dazu die Steuern, der Tierarzt, ab und zu
       Spielsachen. „Man muss finanziell gut aufgestellt sein, wenn man drei große
       Hunde hat“, sagt Kao. „Aber die drei sind wie unsere Kinder, wir tun alles
       für sie.“
       
       In Kürze ziehen er und sein Partner sogar für sie um. Genauer gesagt für
       Moria, die Hundemama, weil die mit ihren zwölf Jahren zunehmend schwerer in
       den fünften Stock der gemeinsamen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg kommt.
       Also haben ihre beiden Herrchen entschlossen, ein Haus in Bestensee zu
       kaufen, wo es viel mehr Platz und weniger Stufen gibt.
       
       „Geld spielt keine Rolle, wenn es um meine Katzen geht“, sagt auch Jennifer
       David aus dem Wedding. Sunny ist ganz auf ihr Frauchen fixiert. Sie war
       eine Problemkatze, zu früh von der Mutter weg, das Immunsystem vom
       Katzenschnupfen angegriffen. Jennifer David hat sich um Sunny gekümmert –
       und Sunny wusste das immer zu schätzen. Ist Frauchen zu Hause, weicht ihr
       die Katze nicht von der Seite. Nicht einmal in der Küche beim Zwiebeln
       schneiden, wenn Sunny ihre Zuneigung mit zusammengekniffenen Augen zeigen
       muss.
       
       In anderen Fällen fehlt das Geld aber eben doch. Sandra Gütschow und ihre
       KollegInnen müssen häufiger mit den TierhalterInnen besprechen, welche der
       vielen zur Verfügung stehenden Behandlungen sich diese überhaupt leisten
       können. Einmal Krallen kürzen, eine Beratung oder eine Impfung, das geht
       noch nicht so sehr ins Geld. Bluttests sind durch die gestiegenen
       Laborkosten schon problematischer. Und was, wenn ein Tier operiert werden
       oder viele Tage in Intensivpflege gehen muss?
       
       Eine OP sei deshalb so teuer, weil das Tier nicht wie früher einfach
       festgeschnallt und betäubt, sondern von einer zusätzlichen Fachkraft
       intubiert und per EKG überwacht wird. In einer Klinik operieren auch mal
       zwei ChirurgInnen zeitgleich am selben Tier. Sie verwenden Instrumente,
       verbrauchen Medikamente – ganz zu schweigen von der Materialschlacht an
       sterilen Einwegartikeln: Kittel, Handschuhe, Maske. Die Rechnung für alles
       ist am Ende schnell vierstellig.
       
       Der Bund angestellter Tierärzte – und mit ihm die gesamte Heimtierindustrie
       – rät zu Haustierversicherungen. Deren Kosten hängen oft von Alter, Rasse
       und der Haltung des Tieres ab. Freigängerkatzen werden teurer versichert
       als Stubentiger. Qualzuchten wie Mops und Bulldogge oder Reinrassen wie
       Labrador kosten mehr, weil sie im Durchschnitt häufiger zum Tierarzt
       müssen. Es gibt teure Versicherungen mit Krankenvollschutz, die
       Operationen, Diagnostiken und Nachbehandlungen mit einschließen. Eine
       jüngere Katze kann dann um die 130 Euro Versicherung im Jahr kosten, ein
       alter Hund über 1.000 Euro. Günstiger sind Versicherungen, die nur
       medizinisch notwendige Eingriffe abdecken. Oft müssen dann Impfungen,
       Chippen oder die Kastration selbst bezahlt oder eine OP anteilig übernommen
       werden.
       
       In Deutschland sind dennoch nicht viel mehr als 10 Prozent der Haustiere
       versichert. Der Rest kommt privat für die Kosten auf. Die einen geben bald
       mehr Geld für ihr Tier aus als für sich selbst: gesündere Nahrung,
       Bekleidung und Decken ohne Giftstoffe, Besuche beim Fellstylisten,
       regelmäßige Sportangebote, ein größerer Käfig, eine bessere Beleuchtung für
       das Meerwasseraquarium, neue Kratzmöbel für das Katzenkletterzimmer,
       Psychotherapie für traumatisierte Hunde. Nach Feierabend noch einmal kurz
       in den Heimtierladen, ein kleines Geschenk mitbringen. Wie ein Spielzeug
       für das Kind. Nicht jeder kann sich das leisten und gibt trotzdem alles für
       die Tierliebe, in krassen Fällen manchmal buchstäblich sein letztes Hemd.
       
       Die besondere Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Haustier wird
       schon lange von WissenschaftlerInnen untersucht. Einen Ansatz zu ihrem
       Ursprung lieferte der Soziobiologe Edward O. Wilson Mitte der 1980er-Jahre.
       In seiner Biophilie-Hypothese geht er davon aus, dass Menschen ein
       angeborenes Interesse an der Natur haben und eine grundlegende
       Verbundenheit zu allem spüren, das lebt. Der Mensch beobachtet die Natur –
       und achtet das Leben, zunächst.
       
       Durch diese Verbindung sind Mensch und Wolf einst auf der Suche nach
       Nahrung eine Partnerschaft eingegangen, in der der Mensch die schärferen
       Sinne des Wolfs nutzte und der Wolf die Jagdtaktiken und den Schutz des
       Menschen.
       
       Auch in der Verhaltenspsychologie wird viel darüber spekuliert, wie die
       unterschiedlichen Spezies über die Jahrtausende aneinander gewachsen sind.
       Fest steht: Die Nachfahren des Wolfes haben nicht ohne Grund Gesten, Mimik
       und Dutzende Wörter der Menschen zu verstehen gelernt – und wie sie uns per
       Hundeblick dahinschmelzen lassen. Bald hat der Hund zuverlässig das Vieh
       gehütet und vor Gefahren gewarnt. Mensch und Tier: eine
       Überlebensgemeinschaft.
       
       Wahrscheinlich war es auch der Hund, der es dem Menschen überhaupt erst
       möglich gemacht hat, Siedlungen zu bauen sowie zunächst Tierzucht und
       später Ackerbau zu betreiben. Durch ihn konnte der Mensch dazu übergehen,
       Tiere nicht mehr zu jagen, sondern zu pflegen, zu züchten – und vor
       Raubtieren zu beschützen. Und wahrscheinlich war es auch der Umgang mit
       Tieren, durch den der Mensch seine sozialen Fähigkeiten geschult und
       verbessert hat.
       
       So kommt die nächste Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier ins Spiel. Die
       Geschichte der Hauskatze wird eher ein Fall der Selbstdomestizierung
       gewesen sein, vermutet die Wissenschaft. Das unabhängige Wesen der Katzen
       und unsere Akzeptanz ihrer genügsamen bis ignoranten Eigenart spricht
       Bände. Seit wann die Katze den Menschen als Haustier begleitet, ist noch
       nicht genau eingegrenzt. Doch in der Archäologie ist bekannt, dass die
       Tiere bereits bei der Besiedlung Zyperns vor 15.000 Jahren eine Rolle
       gespielt haben. Die Falbkatze war dort nicht heimisch. Und ohne die Boote
       der ersten Siedler wären Katzen nicht auf die Insel gelangt.
       
       Die Katzen jagten die Schädlinge, die die Ernte in den Siedlungen
       ruinierten – und schlichen sich in die Herzen unserer Vorfahren. Ältere
       Katzen, die nicht mehr auf die Jagd gingen, wurden offenbar mit den
       Essensresten der Menschen gefüttert. Uralte Katzenknochen geben Hinweise
       darauf, dass sich die Tiere neben den Ratten und Mäusen offenbar auch viel
       von Hirse ernährten.
       
       Mit der Industrialisierung kommt uns schließlich die von Wilson postulierte
       Verbundenheit zur Natur nach und nach abhanden. Nutztiere werden zu
       Produkten. Die Liebe zum Haustier aber bleibt. So gelangen Tierarten in die
       Wohnungen, die auch auf kleinerem Raum gehalten werden können. Hunde,
       Katzen – und noch ein paar, die hinter Gitter und Glas passen und hübsch
       anzuschauen sind. Die beobachtet, füttert und pflegt der Mensch, bis dieser
       eine persönliche Beziehung zu ihnen entwickelt und das niedere Wesen zum
       Individuum aufsteigt.
       
       Trotzdem denkt der Mensch lange, er sei mehr wert. Schon im Diskurs der
       frühzeitlichen Philosophie erläutern die alten Denker, wie uns erst die
       Abgrenzung vom Tier zum Menschen macht: Aristoteles beginnt den
       Differentialismus, indem er Tieren die Vernunft abspricht. Später
       beschreibt Descartes Tiere als komplexe Automaten ohne Bewusstsein und
       Seele. Kant sagt, nur vernunftbegabte Wesen können auf moralisch relevante
       Weise geschädigt werden. Sein berühmter Imperativ, nach dem wir stets nur
       so handeln sollen, wie wir es auch als allgemeines Gesetz vertreten würden,
       ist letztlich eine versöhnende Beschwichtigung: Folglich dürfen wir Tiere
       deshalb nicht schlecht behandeln, weil wir selbst dadurch verrohen und
       Gefahr laufen, auch unsere Mitmenschen schlecht zu behandeln.
       
       Doch dann gerät der Mensch als Maß aller Dinge auf den Prüfstand. Durch den
       Schaden, den er anrichtet, fällt er in seiner Moral als unmenschlicher
       Zerstörer der Welt ab. Währenddessen werden Tiere besser erforscht und ihre
       kognitiven Fähigkeiten erkannt. Tiere nutzen Werkzeuge, kommunizieren,
       verfügen über soziale Kompetenzen, haben Mitleid, trauern umeinander.
       
       Der arrogante Differentialismus weicht dem Assimilationismus: Eigentlich
       gibt es gar keinen eindeutigen Unterschied zwischen Mensch und Tier.
       Philosophen des 20. und 21. Jahrhunderts wie der US-Amerikaner Tom Regan
       oder der Australier Peter Singer, beides Koryphäen für aufgeklärte
       VeganerInnen, schreiben Tieren Bedürfnisse und Rechte zu. Ein Tier, das
       Freude und Glück empfindet, müsse auch ein Interesse daran haben, nicht zu
       leiden. Damit erhält das Tier moralische Rechte, die verletzt werden,
       sobald der Mensch es nutzt. Für triviale Zwecke dürfe der Mensch fortan
       keinem Tier Leid zufügen.
       
       Um diesem moralischen Dilemma zu entgehen, ziehen die meisten von uns eine
       willkürliche Grenze. Die moralischen Rechte gelten vor allem für jene
       Tiere, die uns nahestehen.
       
       Indem wir zwischen Haustieren und Nutztieren unterscheiden, ist es uns
       möglich, das eine Tier zu essen, während wir das andere Tier streicheln.
       Das ist durchaus eigennützig, das Streicheln tut uns gut. Wir streicheln
       das Tier – und gleichzeitig unsere Seele. Durch die Berührung schütten wir
       Oxytocin aus. Das Kuschelhormon hält eigentlich Paare zusammen und bindet
       Eltern an ihr Kind. Es wirkt aber auch artübergreifend.
       
       Flauschen wir ein warmes Fell, sinken Stress und Blutdruck. Tiere, die sich
       in unserer Nähe wohl fühlen, beruhigen uns. Öffnen wir daraufhin unser Herz
       und geben dem Tier einen Namen, gehen wir eine Beziehung aus gegenseitiger
       Vertrautheit, Zuneigung und Fürsorge ein. Somit könnte man auch das
       Haustier als Nutztier betrachten, da wir es zu Gunsten unseres
       Wohlbefindens halten. In Befragungen antworten Herrchen und Frauchen, ihre
       Tiere würden sie aktiver und geselliger machen.
       
       Gesundheitsdaten belegen, dass die Aufenthaltszeiten in Krankenhäusern von
       Tierhaltenden kürzer sind. Ob ein Haustier dem Menschen aber generell gut
       tut, ist schwierig wissenschaftlich zu erfassen. Die Untersuchungen sind
       Momentaufnahmen. Schließlich steht den Glücksmomenten mit dem Tier
       einerseits die Mühe gegenüber, dem Schützling mit seinen Bedürfnissen
       gerecht zu werden. Und andererseits der aufreibende Leidensweg, wenn
       [10][das geliebte Haustier ernsthaft krank wird].
       
       Ein paar Tage später ist Sunny wieder beim Tierarzt. Die Laborwerte sehen
       nicht gut aus, ebenso die Bilder aus dem Ultraschall. Die Tierärzte sagen,
       für eine genaue Diagnose müssten sie eine Gewebeprobe entnehmen. Aber alles
       deutet auf ein gastrointestinales malignes Lymphom hin, Lymphdrüsenkrebs,
       typisch bei älteren Katzen. Dann könnte man wahlweise mit Cortison
       behandeln oder eine Chemotherapie beginnen. Das eine verlängert das
       Katzenleben vielleicht um ein paar Wochen oder Monate, das andere
       vielleicht um ein Jahr oder mehr. Aber die 15, 16 Jahre, die eine gesunde
       Hauskatze im Durchschnitt alt werden kann, würde Sunny nicht erreichen.
       
       Jennifer David und die Fachkräfte wägen ab. Beide Parteien sprechen mal in
       reiner Vernunft, mal aus dem Herzen heraus. Ein Menschenleben würde man so
       lange wie möglich am Leben halten, ob der Mensch nun will oder nicht. Aber
       was ist mit dem Tier, das sachliches Eigentum und Lebenspartner
       gleichermaßen ist? Was ist das Beste für Sunny?
       
       Jennifer David schaut ihrer tierischen Begleiterin in die Augen und fasst
       einen Entschluss. „Ich möchte das nicht. Ich kenne sie.“
       
       Wenn Sunny nach der Operation wieder ganz die Alte gewesen wäre, hätte sie
       weiteren Behandlungen zugestimmt. Doch so entscheidet sie sich gegen den
       Eingriff und weitere Therapien.
       
       Eine Woche nach der Diagnose wird Sunny eingeschläfert. „Vielleicht hätten
       wir ihr Leben ein wenig verlängert, vielleicht aber auch nur ihre
       Schmerzen“, sagt Jennifer David. Natürlich bricht es ihr das Herz, dass sie
       Sunny verloren hat. „Aber Tierliebe bedeutet auch, dein Tier nicht leiden
       zu lassen.“
       
       14 Nov 2023
       
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